Home
http://www.faz.net/-gxh-2hsi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vietnam Makabre Kriegsspiele als Urlaubsattraktion

13.02.2001 ·  Der Befreiungskampf der Vietcong wird touristisch ausgeschlachtet. Der Anspruch an Realismus überschreitet jedoch die Grenze westlichen Verständnisses, wenn Urlauber ein mit Platzpatronen munitioniertes Minenfeld überqueren sollen.

Von Lutz Kaulfuß und Dominik Peter
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Geschichten um die tapferen Vietcongs, die mit Erfindungsreichtum und unendlicher Leidensfähigkeit die hochgerüsteten Amerikaner besiegt haben, hat sich von der identitätsstiftenden Saga zum touristischen Konzept gewandelt.

Denn selbst wenn kaum einer das langsame Schwinden des Kommunismus bedauert, die Heldentaten der Vietcong lassen sich im reformierten Vietnam in klingende Münze verwandeln. Rund 35 Kilometer nordwestlich von Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt) werden zahlende Touristen durch die Überreste des Tunnelsystems von Cu Chi geführt. Vor dem Rundgang durch die qualvoll engen Gänge wird die Bedeutung des unterirdischen Labyrinths erläutert und nachgestellte Filmszenen stimmen auf die bevorstehende Erfahrung ein.

Tunnelsystem war Zufluchtsort

Kurz zusammen gefasst: Die Tunnel waren Zufluchtsort für das kämpfende Volk vor den Attacken der übermächtigen Feinde, dienten als Nachschubweg für die Partisanen und waren Hort der ideologischen Korrektheit im Umgang der Kader untereinander. Der anschließende Rundgang ist als eine Art kreatives Event inszeniert, bei dem die Besucher unter allerlei Demonstrationen vorbei an ausgestellten Feldküchen, Lazaretten und Falltüren geführt werden und dabei die Tunneleingänge im Staub ausfindig machen sollen.

Damit die willigen Touristen auch tatsächlich dem Partisanengefühl nachspüren können, musste die Höhe eines Tunnels auf rund 50 Meter Länge auf 1,20 vergrößert werden. In den ursprünglich nur 80 Zentimeter hohen und ebenso schmalen Gängen hätte die Großzahl der westlichen Touristen keine Chance durch zu kommen.

Minenfeld zum „Ausprobieren“

Um die Unbesiegbarkeit des Vietcong ein weiteres mal hautnah erfahrbar zu machen, wurde überirdisch ein makabres „Spiel“ für Besucher inszeniert. Auf einem simulierten Minenfeld lösen versteckte und gespannte Drähte den Knall von Platzpatronen aus. Sie sollen zeigen, dass keiner "lebend" das andere Ende des Feldes erreichen kann. Wie sich mit dem Krieg den erlebnishungrigen Touristen das Geld aus der Tasche ziehen läßt, beweist der benachbarte Schießstand - jeder Schuss kostet einen Dollar. Da von den altersschwachen Gewehren aber die größte Gefahr für den Schützen ausgeht, ist von dieser „Spielart“ dringend abzuraten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen