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Vergnügungsorte (3): Ghetto Club in Istanbul : Der Wangenkuss ist eine Kriegserklärung

Glückssucher unter sich: Ins „Ghetto” geht man nicht unbedingt wegen der Musik, sondern wegen weit wichtigerer Dinge. Bild: Ghetto

Im Nachtleben von Istanbul müssen Mann und Frau ganz eigenen Gesetzen gehorchen. Es herrscht ein delikates Geschlechtergleichgewicht. Wer es stört, bekommt schnell Ärger. Ein Streifzug durch die Jagdgründe der Liebe.

          Wenn es Nacht wird in Istanbul, wenn die Stadt sich verwandelt und ihre Hauptdarsteller austauscht für das Schauspiel der Dunkelheit, geht es nur noch um eines: um die Liebe und um ihre Unmöglichkeit. Was gesellschaftliche Konventionen im Alltag verkomplizieren, leben die westlich orientierten Stadtbewohner in der Dunkelheit aus. Die Nachtclubs sind das Jagdrevier. Wie überall auf der Welt gibt es klare Regeln. Nur dass sie in Istanbul vielleicht strenger, weniger fließend als andernorts sind. Die türkische Moderne ist jung, und das Land ist bis heute von krassen Gegensätzen geprägt. In Istanbul prallen sie aufeinander. Die Stadt ist extrem westlich, gleichzeitig herrscht eine oft bedrückende, gesellschaftliche Enge. Es gibt Milieus, in denen noch immer die Eltern das vermeintliche Glück arrangieren. Die Möglichkeiten zum zwanglosen Flirten und Kennenlernen sind begrenzt. Auch deshalb sind die Gesetze im Kampf um das andere Geschlecht härter. Ganz gleich, was man im Sinne hat - sobald man sich in einen Nachtclub und damit in eine der wichtigsten Arenen des Liebeswerbens begibt, gilt man automatisch als Rivale. Das kann sehr anstrengend sein.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich bin mit einem Jugendfreund unterwegs, der in dieser Geschichte Sinan heißen soll. Er sieht gut aus und ist charmant, ein Mann wie geschaffen für das weibliche Begehren. Zudem ist er Schauspieler. In der Türkei kennt man sein Gesicht aus Fernsehserien, was ihn für viele Frauen zu einer besonders kostbaren Trophäe macht. Unser Ziel ist das "Ghetto", ein Club, der vor drei Jahren im Stadtteil Beyoglu in einem prachtvollen Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert eröffnet wurde. Früher beherbergte das Haus eine Bäckerei, heute gibt es dort an mehreren Abenden pro Woche türkische und internationale Konzerte. Wie üblich in Istanbul, hatte sich die Gestaltung des Abends erst unterwegs ergeben: Wir waren nach Beyoglu zum Taksim-Platz gelaufen und hatten unterwegs ein wenig herumtelefoniert.

          „The Divine Comedy“ auf der Bühne

          Die Menschen in dieser Sechzehn-Millionen-Stadt sind durch riesige, fein verästelte Netzwerke miteinander verbunden. Man hilft sich, tauscht Gefälligkeiten, Kontakte und nachts Informationen darüber aus, wer gerade wo ist und wo das Leben am aufregendsten vibriert. Irgendein Sänger gebe gerade im "Ghetto" ein Konzert, hatte ein Freund von mir am Telefon gebrüllt; im Hintergrund war lautes Rauschen zu hören, unterbrochen von einem Klavier: "Keine Ahnung, wer er ist, die Stimmung ist jedenfalls hervorragend, ich sage am Eingang Bescheid, denn der Eintritt ist teuer", sagte er und legte auf. Da sind wir nun. Vor dem Eingang stehen zwei Rosenverkäufer. Uns lässt der Türsteher herein, nachdem er unsere Namen auf seiner Gästeliste gefunden hat. Umgerechnet fünfunddreißig Euro kostet normalerweise der Eintritt, nicht nur für türkische Verhältnisse ist das viel Geld. Das Konzert, das uns erwartet, wäre den Preis wert gewesen: Auf der Bühne steht Neil Hannon von "The Divine Comedy" und singt eine melancholische Ballade. Der Mann ist eine dandyhafte Brit-Pop-Legende, eine Ikone. Seine Musik hat Menschen auf der ganzen Welt den Glauben zurück gegeben, dass es das Gesamtkunstwerk Popmusik gibt. Den versammelten Istanbulern ist das egal. Nur jene Zuschauer hören ihm zu, die ganz vorne an der Bühne stehen. Das Rauschen im Hintergrund des Telefongesprächs war Stimmengewirr.

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