30.11.2011 · Jackson in Mississippi war einst eine Trutzburg des Rassismus. Von dieser dunklen Zeit erzählt der Film „The Help“, der jetzt in die Kinos kommt. Ein Besuch an den schönen Orten des Schreckens.
Von Ronald D. GersteAusgerechnet in dieser Nacht brannte das Licht am Carport und beleuchtete den Eingang des bescheidenen einstöckigen Hauses. Medgar Evers hatte seine Frau Myrlie stets ermahnt, die Lampe ausgeschaltet zu lassen, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Als er kurz nach Mitternacht aus seinem Wagen stieg und Material von einer Kundgebung aus dem Kofferraum nahm, war seine Gestalt gut sichtbar. Wahrscheinlich klangen Evers noch die Worte von Präsident John F. Kennedy im Ohr, dessen Rede man einige Stunden zuvor im Fernsehen verfolgt hatte; eine Rede, in der der Präsident den Rassismus vor allem im amerikanischen Süden verurteilt hatte. Irgendwo auf der anderen Straßenseite lauerte jemand im Gebüsch, legte die Enfield Rifle an und feuerte einen Schuss ab. Evers schleppte sich noch einige Meter weiter, dann brach er zusammen. Die Kugel, die seinen Körper durchschlagen hatte, zertrümmerte eine Fensterscheibe und flog durch das Wohnzimmer der Familie Evers. Die Eintrittsstelle der Kugel an der Fensterscheibe ist heute deutlich markiert, damit Besucher des Hauses 2332 Margaret Walker Alexander Drive in Jackson, der Hauptstadt des Bundesstaates Mississippi, einen Eindruck davon bekommen, wie tödlich es für einen Amerikaner dunkler Hautfarbe in den frühen sechziger Jahren sein konnte, sich für die Bürgerrechte einzusetzen.
Medgar Evers starb am 12. Juni 1963, fünf Monate vor seinem Präsidenten, fünf Jahre vor Martin Luther King. Der Mörder entging zunächst der gerechten Strafe, doch 1994 wurde der Ku-Klux-Klan-Fanatiker schließlich verurteilt und verbrachte seine letzten Jahre im Gefängnis. Evers’ Haus ist heute ein Museum, eingerichtet mit dem bescheidenen Mobiliar eines bürgerlich situierten Schwarzen in einer Zeit eines manchmal gewaltsamen Umbruchs.
In der Nacht des Mordes bricht für Abileen und Minnie keineswegs die Welt zusammen. Zu groß ist ihre Vorahnung gewesen, dass der Bürgerrechtsaktivist Evers seinen Mut irgendwann einmal mit dem Leben bezahlen würde. Die beiden Freundinnen erleben all jene Schikanen, die zum Alltag schwarzer Menschen in Mississippi gehören wie der Kirchgang am Sonntag: den separierten Teil für „colored people“ im Bus, der rüde Ton des Busfahrers, der die beiden Mädchen manchmal einfach aus seinem Gefährt wirft, die Wagenburgmentalität der tonangebenden, aber auch zutiefst verängstigten Weißen. Abileen und Minnie sind die zentralen Figuren in „The Help“, dem Roman der in Jackson geborenen Schriftstellerin Kathryn Stockett, der bei seinem Erscheinen 2009 umgehend zu einem Bestseller wurde. Auch die Verfilmung von „The Help“, der am 8. Dezember in die deutschen Kinos kommt, wurde in Amerika ein Kassenschlager.
Buch und Film erzählen die Geschichte der jungen Journalistin Skeeter Phelan, die auf die Idee kommt, die in den Häusern der weißen Oberschicht unverzichtbaren, schwarzen Hausgehilfen nach ihren Erlebnissen zu fragen. Nur zögerlich sind die Frauen bereit, Auskunft zu geben zu tief sitzt die Furcht vor Repressalien. Nach Evers’ Tod ist das Offenlegen der tagtäglichen Demütigungen durch die fast durchweg nicht berufstätigen, sondern mit Bridgespielen, Intrigieren und vor allem dem Austragen von Babys beschäftigten weißen Arbeitgeberinnen plötzlich ein Akt des Aufbegehrens, des Erhebens von Stimmen, die viel zu lange geschwiegen haben. „The Help“ ist aber auch eine Dokumentation der menschlichen Bande jenseits aller Rassentrennung ist: der Liebe zu den mehr von den Nannies als von den grell geschminkten Müttern aufgezogenen Kindern, der verstohlenen Freundschaft über alle verlogenen Parolen wie „separate, but equal“ hinweg. Es ist eine Hommage an die Menschlichkeit und Hoffnung.
Die Stadt Jackson, in der „The Help“ spielt, präsentiert sich wie der ganze Staat Mississippi als ein Stück Amerika, das einen besonders schmerzlichen, aber auch einen besonders tiefgehenden Wandel zum Besseren vollzogen hat. Der Heimatstaat von Morgan Freeman und B.B. King, von Oprah Winfrey und dem in Armut geborenen Weißen Elvis Presley muss dabei nicht nur gegen den Ruf seiner Vergangenheit, sondern auch gegen die Statistiken der Gegenwart ankämpfen: Mississippi ist der ärmste der fünfzig Bundesstaaten und jener mit der sich am miserabelsten ernährenden und damit übergewichtigsten Bevölkerung. Auch Jackson zeigt noch immer seine Wunden. Teile der Innenstadt sind von leerstehenden, graffitiverschmierten Gebäuden geprägt. In andere ist neues Leben eingezogen, auch dank der Prominenz, die Jackson durch „The Help“ und weitere hier entstandene Filme gewonnen hat. Den alten Einkaufsdistrikt Fondren haben die Filmcrews erkennbar wieder belebt. Die für die Außenaufnahmen von „The Help“ angebrachten Ladenschilder im Stil der chromblitzenden Sechziger hat man belassen, so dass sich die North Street mit ihrem Kino, ihren Galerien und Bäckereien zu einer kleinen Retro-Flaniermeile entwickelt hat.
Ein paar Schritte weiter, an der Duling Avenue, wartet eine der nostalgischsten Gaststätten des amerikanischen Südens. „Brent’s Drugs“ ist zwar keine Drogerie mehr, doch ihr Restaurantteil ist seit einem halben Jahrhundert unverändert geblieben. Für die Filmcrew war der Diner aus der Epoche der Handlung ein Glücksfall. Skeeter sitzt hier an der Theke, um ihr geliebtes Ei-Oliven-Sandwich zu essen, während sich ihre ehemaligen Freundinnen, von denen sie als Intellektuelle geschnitten wird, zum Tratsch über den Stand der jeweiligen Schwangerschaften an den Tischen niederlassen. Um die Mittagszeit scheint „Brent’s“ der lebhafteste Ort Jacksons zu sein. Dem Reisenden wird hier deutlich, wie preisgünstig in Mississippi selbst die Hauptstadt ist: Skeeters Delikatesse schlägt mit 3,99 Dollar zu Buche, Brent’s Cheeseburger mit 5,49 Dollar. Natürlich trinkt man einen von den berühmten Malts zu diesem nahrhaften Essen, einen Shake auf Eiscremebasis - Mississippis Probleme mit dem Hüftumfang seiner Bürger kommen nicht von ungefähr.
Die Popularität von „The Help“ hat Jacksons Tourismusverantwortliche bewogen, die Touren auf den Spuren der Bürgerrechtsbewegung um die Schauplätze und Drehorte des Films zu erweitern. In Belhaven, der wohl besten Wohngegend, leben die Familien, die im Film der Hilfe der Maids bedürfen. An der Fairview Street findet sich das Haus von Ross Barnett, dem Gouverneur jener Jahre, der landes-, wenn nicht weltweite Berühmtheit erlangte, als er dem ersten schwarzen Studenten an der Staatsuniversität, James Meredith, den Zugang verwehren wollte - Justizminister Robert Kennedy schickte U.S. Marshalls, die Meredith’ Recht auf Bildung durchsetzen. Barnett gibt es längst nicht mehr, James Meredith hingegen schon. Den älteren Herrn sieht man gelegentlich in den Cafés von Jackson. Zwei Blocks weiter steht stolz mit dem Fairview Inn das beste Hotel von Jackson. Auch auf diesem prächtigen, säulengestützten Gebäude liegen die Schatten der Vergangenheit: Es gehörte einst William J. Simmons, dem Gründer des White Citizens Council of Jackson. Der Council war ein vermeintlich respektabler Klub von Rassisten, ein Ku-Klux-Klan mit Krawatte, die Trutzburg der Arbeitgeber von Abileen und Minnie.
Schon zwei Jahre vor Medgar Evers’ Tod machte Jackson unrühmliche Schlagzeilen: An der Greyhound Station wurden 1961 die Aktivisten der „Freedom Riders“ verhaftet. An dem kleinen Busbahnhof erinnert seit zwei Jahren eine Schautafel an das Ereignis. Heute beherbergt er ein Architektenbüro. Der Inhaber ist Besuchern gegenüber aufgeschlossen und lässt sie gern einen Blick in seinen Sitzungsraum werfen, den einstigen Imbissstand, und auf seine Sekretärinnen, die hinter dem nach wie vor vergitterten Ticketfenster arbeiten. Weit weniger pittoresk ist ein anderer mit den „Freedom Riders“ verbundener Schauplatz: die alten Stockyards, in denen früher Rinder auf den Weitertransport zur Landwirtschaftsmesse oder zum Schlachthof warteten. Die verhafteten Bürgerrechtler wurden in diesen Stallungen über Tage und Wochen gehalten - buchstäblich wie Vieh.
Nach diesem ernüchternden Besuch empfiehlt sich ein ausgedehnter Spaziergang hinauf zum grandiosen Kapitol von Mississippi. Das gewaltige Gebäude im Beaux-Art-Stil wurde 1903 passenderweise auf dem Gelände eines Gefängnisses gebaut. Zu den Kuriositäten in der von belgischem Marmor ausgekleideten Halle der Gesetzgeber Mississippis gehört eine Replika der Liberty Bell. Sie ist natürlich nicht den Freiheitskämpfern und Unterdrückten der fünfziger und sechziger Jahre geweiht, sondern steht hier in Erinnerung der heldenmütigen Ladies der Konföderierten Staaten, die Haus, Heim, Hof und Plantage sicherten, während die Gatten, Brüder und Söhne für die Sklaverei in den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 zogen. Er suchte schließlich Jackson selbst heim, das gleich dreimal von Nordstaatengeneral Sherman niedergebrannt wurde. Die Staatsfahne von Mississippi, die stolz vor dem Kapitol weht, besteht noch immer zum großen Teil aus den „Stars and Bars“, der Flagge der Konföderierten. Für viele Bürgerrechtler ist sie ein Anachronismus, eine Hommage an ein Unrechtssystem.
Da sich das Jackson der Gegenwart in Teilen doch sehr von jenem Jackson entfernt hat, in dem Kathryn Stockett ihre Helden auftreten lässt, sind viele Szenen von „The Help“ im knapp eine Stunde entfernten Greenwood gedreht worden. Das Städtchen hat eine der schönsten, von herrschaftlichen Häusern gesäumten Prachtalleen des Südens und gleichzeitig eine der ärmlichsten Wohngegenden mit streunenden Hunden und Warnschildern, wonach auf Eindringlinge sofort geschossen wird. In einem solchen Viertel lässt Regisseur Tate Taylor die Maid Minnie wohnen. Ihre Arbeitgeberin Hilly Holbrook residiert natürlich in einer „Mansion“ am Grand Boulevard. Auf dieser Allee geht Abileen am Ende des Films in den Sonnenuntergang hinein, gerade wegen der konspirativen Mitarbeit an Skeeters Buch entlassen und mit zerrissenem Herzen - die kleine Tochter ihrer Arbeitgeberin war für Abileen wie ein eigenes Kind geworden.
Wenn man den Grand Boulevard nach Norden fährt und den Tallahatchie River passiert, kommt man zu der Farm, auf der Skeeter Phelan zu Hause ist. Im Garten, unter einer Weide, findet sich der Schauplatz einer der eindringlichsten Szenen von „The Help“. Auf der steinernen Bank überkommen Skeeter Erinnerungen an ihre eigene Nanny, die von ihrer Mutter nach neunundzwanzig Jahren einer Pseudo-Familienzugehörigkeit gefeuert wurde. Die Haushilfe hatte ihre eigene, leibliche Tochter durch die Vordertür und nicht durch den Hintereingang hereingelassen, während gerade Jacksons Frauenklub bei Skeeters Mutter tagte und von dieser sofortige Konsequenzen für diese die gesellschaftlichen Normen erschütternde Widerspenstigkeit forderte. Die Bank ist für Skeeter ein Ort trauernder Erinnerung an unbeschwertere Zeiten, aber auch ein Ort der Entschlossenheit: Hier schöpft sie Kraft für ihre eigene Rebellion mit den Waffen des gedruckten Wortes.
Von Greenwood aus ist es nicht mehr weit zur „Mississippi Delta“ genannten Region, obwohl man nach engerem geographischen Verständnis von einem Delta wohl eher weiter südlich sprechen muss. In Indianola lohnt das B.B. King Museum einen Besuch. Didaktisch exzellent, lässt es das lange Leben der heute sechsundachtzigjährigen Blueslegende Revue passieren - eines Mannes, der in einer Hütte ohne elektrisches Licht geboren wurde und selbst als berühmter Musiker im Süden nur in Hotels für Schwarze absteigen durfte. Weiter südlich stößt man auf eine dramatisch gelegene Kleinstadt, die auf einer Felsklippe den Mississippi strategisch beherrscht. Genau diese geographische Eigenschaft wurde Vicksburg zum Verhängnis. Im Bürgerkrieg galt der Ort als der „Schlüssel zum Mississippi“. Mehr als drei Monate lang wurde er von der Unionsarmee unter General Ulysses S. Grant belagert. Die von Zehntausenden in blauer und in grauer Uniform in der Sommerhitze gegrabenen Gräben und Stellungen durchtrennen noch heute als tiefe Narben die Landschaft. Ausgerechnet an einem 4. Juli, jenem des Jahres 1863, ging die Belagerung von Vicksburg mit der Kapitulation der ausgehungerten Besatzung und einer in unterirdischen Stollen lebenden Bevölkerung zu Ende, fast gleichzeitig mit der ebenfalls vorentscheidenden Schlacht von Gettysburg in Pennsylvania. Das Ende der Sklaverei in Nordamerika zeichnete sich ab, die Diskriminierung schwarzer Amerikaner sollte aber noch viel länger währen. Wer Mississippi mit den Flugzeug verlässt, sieht immerhin an der Einfahrt zum Flughafen auf einer großen steinernen Tafel einen späten Triumph der Bürgerrechtler: Der Flughafen von Jackson ist heute nach Medgar Evers benannt.