Der Ausflug beginnt mit einer Warnung: „Ihr werdet sehen, dass es nicht gerade eine beschauliche Fahrt wird“, sagt der Kutscher. Und schon beim Einsteigen schaukelt das Gefährt bedrohlich. Als der Mann dann die vier Pferde seines Gespanns auf der holprigen Straße in Bewegung setzt, beginnt die Postkutsche zu rumpeln und zu schwanken und schüttelt die Passagiere kräftig durch. Kaum hat man sich an den Rhythmus ein wenig gewöhnt, erreicht das Gefährt eine abschüssige Strecke, und die Pferde galoppieren noch schneller. Direkt an einem Abgrund entlang saust und rattert die Postkutsche den Berg hinab, und alle halten den Atem an. Am Ende war alles bloß ein Touristenspaß mit etwas Nervenkitzel, aber jeder ist froh, dass er auf solch ein Vehikel nicht angewiesen ist oder damit gar den amerikanischen Kontinent durchqueren muss. Dass diese Form des Transports einst als Luxus galt, ist kaum vorstellbar. Doch mit fünfzehn Kilometern pro Stunde Tag und Nacht unterwegs sein zu können war im Wilden Westen Amerikas ein teures Privileg. Die Auswanderer und Pioniere, die in ihren Planwagen durch Prärie und Gebirge nach Kalifornien zogen, konnten von dieser Geschwindigkeit nur träumen.
Schauplatz des modernen Postkutschenabenteuers ist Virginia City, eine alte Bergbaustadt in Nevada, in der sich neben dem Postkutscher inzwischen noch viele andere Menschen zusammengefunden haben, um tagtäglich Wildwest zu spielen und nach Möglichkeit sogar ein paar Dollars daran zu verdienen. Das Städtchen ist ein Rückzugsort für Rentner und arbeitslose Cowboys, die sich zu Schauspielern berufen fühlen, für Hausfrauen und Bankangestellte, die sich einen Wochenendspaß gönnen, aber auch für Käuze und Spinner, die anderswo nicht in die amerikanische Gesellschaft hineinpassen. Gary, der Kutscher, war Polizist in Texas und Viehhirte in Oregon, bevor er sich seinen Lebenstraum erfüllte und jetzt in Nevada die „Stage Coach“ lenkt. Bob stammt aus Illinois, hat dort im Maschinenbau gearbeitet, sitzt nun mit weißem Hemd und Lederweste in einem mit Eisenstäben vergitterten Kassenhäuschen und scheint auf den nächsten Banküberfall zu warten. Auf der Hauptstraße trifft man Bill, Jesse und Roger, als Cowboys oder Revolverhelden verkleidete Typen, mit hellen Ledermänteln und Winchester im Arm, einer mit langen, weißen Haaren und Pferdeschwanz, ein anderer mit Zigarette im Mund und Bierflasche in der Hand. Außerdem stolzieren Männer in der dunkelblauen Uniform der amerikanischen Kavallerie des neunzehnten Jahrhunderts durch die Stadt, am Arm führen sie Ladys in knöchellangen Kleidern und mit ausladenden Hüten. Manche spielen eine historische Person, andere haben sich einfach nur verkleidet. Dazwischen tummelt sich ein zahnloser, bärtiger Typ, der sich Stinky nennt, einen Esel namens Bernardina am Strick durch die Straßen führt und für Fotos von sich und seiner störrischen Gefährtin einen Dollar kassiert. Allen Leuten erzählt er, dass er seit 1849 hier sei und der Tabak, der Whiskey und hinterhältiges Schießen ihn am Leben erhalten hätten.
Wahre Männer lassen die Fäuste sprechen
In den Saloons spielen Cowboybands Country Music, und an der Bar stehen Männer, die den Sheriff markieren, und Frauen, die als leichte Mädchen posieren. Hier darf man, ganz unüblich im heutigen, politisch korrekten Amerika, schon am Nachmittag in der Öffentlichkeit betrunken sein, in der Kneipe Zigaretten und Zigarillos rauchen und an der Theke laut werden und streiten. Der Barkeeper scheint nicht viel für den Wildwestzirkus übrig zu haben: „Einige von denen wohnen in Virginia City, aber es gibt noch mehr, die jedes Wochenende von Reno oder Kalifornien aus raufkommen“, sagt er, „alles Typen, die nie erwachsen geworden sind.“ Aber sind sie nicht Teil der Attraktion, indem sie dem Städtchen das Flair des neunzehnten Jahrhunderts zurückgeben? „Ach wissen Sie“, seufzt der Barmann, „es gab hier gar keine Cowboys, keine Soldaten und überhaupt wenig Waffen. Wenn es unter den Bergleuten Streit gab, haben sie die Fäuste benutzt.“
Historische Wahrheit und Fiktion sind in Virginia City zu einem untrennbaren Gebräu vermischt. Jeder erzählt eine andere Story oder seine persönliche Version der ewig gleichen Geschichten, die hier kursieren: vom Beginn des Silber- und Goldrausches im Jahr 1859, als zwei irische Herumtreiber oder ein gewisser Henry Comstock die ersten Claims absteckten; von den 750 Meilen Stollen, mit denen die Erde unter der Stadt durchwühlt ist, und von den dreihundert bis siebenhundert Millionen Dollar, die an den Minen im Laufe der Jahrzehnte verdient wurden; von Aktienbetrügereien, Diebstahl und korrumpierten Gerichtsverfahren, die Spekulationsblasen und Pleiten zur Folge hatten; von der großen Feuersbrunst im Jahr 1875, die zweitausend Gebäude zerstörte, deren Spuren jedoch innerhalb eines Jahres vollkommen beseitigt waren; von den dreißigtausend Einwohnern, die zu dieser Zeit in mehr als hundert Saloons und etlichen Freudenhäusern ihre hart verdienten Löhne verprassten; von der legendären Virginia & Truckee Railroad, die jeden Tag mehr als vierzig Züge zwischen Virginia City und Carson City verkehren ließ.
Das wilde Leben des Freudenmädchens Julia Bulette
Kaum jemand vergisst auch, den Millionaire’s Club zu erwähnen, der angeblich mehr als hundert Mitglieder hatte, oder den „Suicide Table“, an dem nacheinander drei Kartengeber beim Black Jack pleite gingen und sich anschließend das Leben nahmen. Selbstverständlich ist immer wieder die Rede von Julia Bulette, einem höchst beliebten Freudenmädchen, das zwar nicht in Ehren auf dem Friedhof beerdigt werden durfte, zu deren Begräbnis sich dennoch Tausende von Bergleuten einfanden. Jeder kennt außerdem einen besonders kuriosen Grund dafür, dass die Justitia am Gerichtsgebäude von Virginia City ihre Augen nicht verbunden hat. Von originellen Lebensläufen könnten auch die Grabsteine auf dem Friedhof berichten. Während Virginia City heute tausend Einwohner hat, liegen hier mehr als fünftausend Menschen begraben. Es gibt Abteilungen für Iren, Chinesen und Juden, für Feuerwehrmänner, Katholiken, Protestanten und „odd fellows“.
Auch was in dem guten Dutzend Museen, die sich im Stadtgebiet befinden, verbreitet wird, muss man nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Die meisten widmen sich lieber Legenden und guten Pointen als der historischen Wahrheit. „Wir haben hier eigentlich genug wirkliche und spannende Geschichten und bräuchten das Brimborium gar nicht,“ sagt europäisch ernsthaft der Schweizer Auswanderer Chris Eichin, der zusammen mit seiner Frau Carolyn ein zerfallenes Anwesen gekauft, darin den ursprünglichen Glanz der ehemaligen Villa wiederhergestellt hat und nun einen stilvollen Bed & Breakfast Inn betreibt. Aber den Besuchern von Virginia City ist das nicht so wichtig. Familien mit Kindern, hartgesottene Motorradfahrer mit ihren lederbekleideten Bräuten, Pensionäre und junge Ehepaare kommen nicht wegen der tatsächlichen Historie, sondern wegen des aufgeführten Spektakels in den Straßen, Museen und Saloons.
Hollywood träumt viel und lügt nie
Und sie kommen wegen „Bonanza“. Die Fernsehserie war es, die Virginia City vor einem halben Jahrhundert vor dem Schicksal einer Geisterstadt bewahrt und dem ausgestorbenen Ort das Überleben gesichert hat. Hoss Cartwright und Little Joe, Vater Ben und Sohn Adam sind zwar auf dem Bildschirm regelmäßig von ihrer Ponderosa Ranch nach Virginia City zum Einkaufen, Biertrinken und zum Schlichten von Streitereien geritten, doch in Wirklichkeit waren sie gar nicht hier und die Hollywood-Kulissen von Virginia City hatten nichts gemein mit dem tatsächlichen Schauplatz. Die Fernsehserie war dennoch jeden Sonntag ein kostenloser Werbespot für Virginia City, und die Menschen kamen plötzlich in Scharen, um die angebliche Szenerie von „Bonanza“ in Augenschein zu nehmen.
Historisch verbürgt ist immerhin die Tatsache, dass 1862 ein gewisser Samuel Clemens in Virginia City auftauchte, als Drucker und Journalist bei der Zeitung „Territorial Enterprise“ anheuerte und sich dann sein Pseudonym Mark Twain zulegte. Die „Territorial Enterprise“ war damals die wichtigste und auflagenstärkste Zeitung des amerikanischen Westens, und ihre bissigen Artikel waren allseits gefürchtet. Die Journalisten durften schreiben, was sie wollten, kein Verleger mischte sich ein, auch wenn sich die Artikel oft aus Halbwahrheiten, Gerüchten, Lügen und Verleumdungen zusammensetzten. Trieb es einer zu arg, tauchte der Beleidigte persönlich bei der Zeitung auf und forderte den Journalisten zum Duell.
Mark Twain saß auf dieser Klobrille
Dass auch bei diesem Thema heute manche Wahrheit nicht von der Legende zu trennen ist, dafür hat Mark Twain selbst mit seiner Geschichtensammlung „Roughing it“ beigetragen, in der Wahres mit Fiktion und Angeberei humorvoll vermischt ist. Als gerechte Strafe ist ihm dafür in Virginia City ein Museum gewidmet, das Dichtung und Wahrheit und groben Unfug auch nicht auseinanderhalten mag. So gibt es Druckerpressen, Setzkästen, Fotos und Zeitungsausgaben aus dem neunzehnten Jahrhundert, mittendrin jede Menge Ramsch, der gar nicht hierher gehört, und dazu Originalausgaben von Mark Twains Werken, angeblich den Schreibtisch des Schriftstellers und eine Klobrille mit der Aufschrift „Mark Twain saß hier“.
Auf diese Art geht es weiter in der ganzen Stadt, die zwar architektonisch über einen der größten „Historic Districts“ der Vereinigten Staaten verfügt, die es aber mit der Historie und deren Pflege keineswegs genau nimmt. Das Stadtbild vereint ein kurioses Potpourri aus alt und neu, aus gewollt alt und tatsächlich verfallen, frisch getüncht und verlottert, aus nachweislich historischen und auf historisch getrimmten Fassaden - eine Mischung aus Geisterstadt und Disneyland, aus idyllischem Bergdorf und spartanischer Bergarbeitersiedlung, aus Shopping Mall und Kuriositätenkabinett. Natürlich kann man vor den Toren der Stadt an einer Tour durch die Stollen einer ehemaligen Silbermine teilnehmen, aber wer will das schon, wenn die leichtere und unterhaltsamere Variante einer Schaumine unter einem Saloon an der Hauptstraße zu Verfügung steht. Einige Besucher fahren mit glänzenden Oldtimern durch die Straßen, andere präsentieren ihren neuesten Geländewagen; die Polizei unterhält ein Museum mit blitzenden Polizeiautos aus früheren Tagen, und die Feuerwehrmänner stehen dem nicht nach mit einem ähnlich aufpolierten Museum, während in den Hinterhöfen Autowracks aus den vergangenen sechs Jahrzehnten verrotten.
Bierkrüge aus München, Bügeleisen von Oma
Im Stadtkern stehen schmucke alte Gebäude wie Piper’s Opera House, in dem die Show-Größen des neunzehnten Jahrhunderts auftraten, die Miner’s Union Hall von 1876, die unbedingt restauriert gehört, der Mackay Mansion, die pompöse Residenz eines irischen Silberbarons, und die Fourth Ward School, ein vierstöckiger Prachtbau im Stil einer Millionärsvilla mit Türmen und Erkern. Das Schulgebäude war ausgelegt für mehr als tausend Schüler, blieb allerdings nur bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Betrieb. Heute beherbergt es das einzige wirklich ernstzunehmende Museum zur Geschichte der Stadt. Hier ist alles vorbildlich und historisch zuverlässig dokumentiert.
Viel lieber wühlen sich die Touristen freilich in den Saloons, Geschäften und Kuriositäten-Ausstellungen durch Gerümpel, Kitsch und Belanglosigkeiten: alte Nummernschilder aus allen amerikanischen Bundesstaaten, Bierkrüge aus München, Brandeisen von einer Ranch in Nevada, Bügeleisen aus Omas Kiste, Autogramme von längst verstorbenen Hollywood-Stars, Sheriffsterne, Elvis-Porträts, Puppen, Schallplatten und tausend verstaubte Fundstücke aus Keller und Speicher. Irgendeine Sammlung alter Stücke hat hier jeder; die Grenzen zwischen Schrott, Ramsch und Antiquität sind fließend und hängen vom Standpunkt des potentiellen Käufers ab.
Blutrünstige Geschichten aus dem Blood Saloon
Mit etwas Aufmerksamkeit entdeckt man allerdings auch kleine Kostbarkeiten: Sammlungen von Fotos mit Saloon-Szenen der vorletzten Jahrhundertwende, einen gigantischen Globus in stilvoller Halterung aus dem Jahr 1880, einen zwei Kilogramm schweren Colt Walker Kaliber 44, einen authentischen, meterlangen Plan des Stollensystems in der Comstock-Mine. Hölzerne Kunstwerke sind die Tresen der meisten Saloons: mit polierten Oberflächen, Messingbeschlägen, antiken Registrierkassen und riesigen Spiegeln hinter dem Barmann. Das kolossale Prunkstück mit eingelassenen Gemälden zum Leben in Virginia City steht im Bucket of Blood Saloon. Dort, wie kann es anders sein, hört man natürlich auch gleich die blutige Geschichte zur Erklärung des ungewöhnlichen Namens und findet sie durchaus plausibel - wenn man nicht vorher schon eine andere und ähnlich überzeugende Version aufgetischt bekommen hat. Die Blütezeit des Bergbaus mag längst vorbei sein, aber solange hier erzählt, fabuliert und auch mal kräftig gelogen wird, bleibt Virginia City lebendig.