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Italien : Sag beim Abschied leise Ciao

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Die größte Attraktion der Insel ist, dass es – abgesehen von den orangerot schmelzenden Sonnenuntergängen – keine Attraktionen gibt Bild: Picture-Alliance

Ventotene ist bloß ein großer Fels im Meer. Jedoch mit einer bewegenden Geschichte und einem Blick auf die schönsten Sonnenuntergänge. Ein Nachgesang zum Ende der Saison.

          Es klang endgültig, was der Hotelportier gesagt hatte „Dopo Santa Candida tutto è finito.“ Alles aus? Die Heilige Candida ist die Schutzheilige von Ventotente, eine der Pontinischen Inseln im Tyrrhenischen Meer. Ihr Fest wird am 20. September gefeiert, und mit ihm enden dann auch allerspätestens die italienischen Sommerferien. Diese letzten Tage vor und nach Santa Candida sind voll sonnendurchtränkter Melancholie. Aber nicht nur. Es gibt kaum etwas Bezaubernderes als am Sonntag nach dem Fest der Inselpatronin in der Bar L’Aragosta am Hafen herumzutrödeln, um dem Auslaufen der Fähre zuzuschauen. Träges Inselleben. Noch. Der Barista lehnt nach einer langen Saison erschöpft an seiner Espressomaschine. Ein paar Möwen segeln herum. Ankerketten quietschen rostig. Selbst die Sonne sieht etwas übermüdet aus. Dann, zehn Minuten vor der Abfahrt der Fähre, ändert sich das Szenario. Von überallher strömt es in Richtung Hafen. Menschen mit Rollkoffern, Menschen in Autos. Menschen mit Angelausrüstungen. Autos, aus denen halbe Schlauchboote ragen. Mütter mit Kinderwagen und Kinder mit Puppenwagen. Die eben noch verwaiste Bar ist innerhalb einer Sekunde überfüllt; der Barista ist erwacht, und die Espressomaschine zischt. Plötzlich riecht es nicht mehr nur nach Diesel, sondern auch nach Sonnencreme.

          Ein letzter Espresso, bevor die Ferien endgültig zu Ende gehen. „Ma perché non rimani?“, fragt jemand am Nebentisch. „Devo lavorare“, ich muss arbeiten, ist die Antwort. Dann tutet es dumpf und mahnend, und alles drängt Richtung Schiff. Es gibt Küsse und Umarmungen. Die Tauchlehrer der Insel, bronzene Götter mit nackten Oberkörpern, winken ihren Schülern nach. „Ci vediamo l’anno prossimo!“, rufen sie. Ein letztes Tuten, aufwirbelnde Gischt, winkende Hände. Bald ist die Fähre nur noch ein weißer Punkt im Blau des Meeres.

          „Ma perché non rimani?“

          Jede Ankunft auf einer Insel ist etwas Besonderes. Jede Abfahrt ebenso. Doch dableiben, wenn alle anderen abreisen, ist eine gänzlich außergewöhnliche Erfahrung. Es müsste jetzt nur noch irgendwo ein Rollladen herunterrasseln, um das Bild zu komplettieren. Siebenhundert Menschen leben in den Sommermonaten auf der Insel, in Herbst und Winter halbiert sich diese Zahl. Mehr als dreißigtausend Gäste kommen in der Saison zwischen Mai und September. Bescheidene Statistiken. Aber Ventotene ist auch nur knapp zwei Quadratkilometer groß. Die Insel ist nicht einmal unter Italienern wirklich bekannt. Das ist ihr Reiz. Aus der Ferne wirkt Ventotene so zart und durchsichtig wie eben direkt aus dem Aquarellmalkasten in den Horizont hineingetupft. Ein Windhauch könnte genügen, diesen auf dem Meer schwebenden Schatten in Luft aufzulösen. Aus der Nähe hingegen sieht die Insel aus, als hätte ein sehr zorniger Gott einen riesigen Felsbrocken ins Meer geworfen. Schroff und unwirtlich. Womöglich der Grund für Ventotenes Dornröschendasein im Schatten touristischer Perlen wie Capri, Ischia oder Ponza. Die größte Attraktion der Insel ist, dass es – abgesehen von den orangerot schmelzenden Sonnenuntergängen – keine Attraktionen gibt. Weder Thermalquellen noch Naturwunder. Eine Handvoll Bars und Restaurants, einen Supermarkt, ein paar adrette Hotels, eine Strandboutique. Und eine Post. Dazwischen, fast schon extravagant, eine anspruchsvoll sortierte Buchhandlung.

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