10.06.2001 · Es gibt sie noch, die traditionellen venezianischen Trattorien ohne Touristenmenü. Wer Muße hat, findet sie um den Fischmarkt hinter der Rialtobrücke.
Von Hans-Werner RodrianWohin vor und nach dem Ausstellungsmarathon der Biennale? Vielleicht dorthin, wo in Venedig die Venezianer leben. Wer wie die meisten Urlauber nur brav vom Markusplatz zur Rialtobrücke und zurück trottet, der wird sie wohl nie treffen. Dabei ist das Venedig der Einheimischen nur einen Katzensprung entfernt.
Gleich jenseits der berühmtesten Brücke der Welt fängt es schon morgens an. Etwas versteckt hinter dem Souvenir- und Ramschmarkt formen die Stände des Stadtmarkts von Venedig ein buntes Bild. In der Ruga Oresi wetteifern die Gemüsehändler. Zucchini und Artischocken, Kräuter und Weinbergschnecken wechseln hier den Besitzer. Gleich daneben in der Ruga dei Speziali, der Straße der Gewürzhändler, wehen dem Besucher Safran und Minze, aber auch frisch geröstete Kaffeebohnen um die Nase.
Am Ende der Straße lockt der überdachte Fischmarkt. Seezungen und Krabben, Tintenfische und Garnelen warten hier appetitlich drapiert auf Käufer. Wem danach nach einer kleinen Stärkung ist, dem sei gleich hinter der Fischhalle ein Bummel durch den Stadtteil San Polo empfohlen - vielleicht auf einen Giro d'Ombre, einen Kneipenbummel - nach alter Venezianer Sitte durchaus auch schon frühmorgens. Ombra heißt Schatten auf italienisch und erinnert an die fliegenden Weinhändler, die mit ihren Fässern immer dem Schatten des Campanile um den Markusplatz folgten.
CichetI: Venezianische Tapas
Wer in Venedig auf einen "Schatten" geht, der trinkt ein Glas Wein, am besten mit Cicheti, der venezianischen Variante der spanischen Tapas. Diese Appetithappen können mit Schinken belegt sein, mit Käse oder ganz original aus einem Stockfischmusbrötchen (Cicheti al baccala) bestehen. Der älteste der Venezianer "Bacaros", Weinschenken, ist die Cantina Do Mori in San Polo 429 gleich hinter dem Fischmarkt. Straßenadressen gibt es im historischen Venedig nicht, jedes Viertel ist komplett durchnummeriert - aber gottlob ist ein Karrée meist in einem Hunderterblock. Do Mori, so viel sei verraten, finden Sie in der Calle di Do Mori. Auch nach einem Inhaberwechsel gibt es dort weiter die besten Cicheti al baccala und einen vernünftigen Prosecco aus dem Venezianer Hinterland.
Nur ein paar Schritte weiter im Gewirr der Marktgassen gelangt man zur Osteria "All' Arco" (San Polo 436). Das klassische Lokal überzeugt durch seine liebevoll angerichteten Crostini mit Käse, Pilzen und Trüffel ebenso wie dadurch, dass man auch draußen sitzen kann. In der Calle de la Madoneta, der parallel zum Canale Grande führenden Gasse zwischen den Plätzen Campo San Polo und San Sivestro, lohnt es sich im Gegensatz zur Marktzone auch noch abends bis Mitternacht vorbei zu schauen. Die beiden jungen Inhaber haben stets einen flotten Spruch auf den Lippen; das Hausgericht sind Tagliolini alla Vivaldi - schwarze Tintenfischbandnudeln mit Scampi und Tomaten. Oder man macht es wie die meisten Einheimischen: Man stellt sich nur schnell an die Theke und isst ein Häppchen zu seinem Gläschen Wein.