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Veröffentlicht: 04.04.2017, 11:33 Uhr

Usbekistan Szenen einer Zugfahrt

Die Reise auf der Seidenstraße gilt als Lebenstraum. Doch bei genauem Hinsehen zeigt sich: Was die einen Entschleunigung nennen, ist für andere Knochenarbeit.

von Lea Hampel
© LAIF Nächster Halt Samarkand: Wartende am Bahnhof der usbekischen Stadt.

Kurz kommt Unruhe auf. Das monotone Rattern, verursacht durch die unverschweißten Schienen, hat aufgehört. Stillstand. Drinnen: kurze Verwirrung. Draußen: nichts. Und das nicht nur, weil es dunkel ist, sondern weil draußen wirklich das Nichts herrscht, Wüste. Selbst das Geröll und die trockenen Büsche am Gleis sind in der Dunkelheit mehr zu erahnen denn zu sehen. Ältere Herren kommen durch die schmalen Türen aus ihren Kabinen, die Haare struppig, weil der Kopf beim Lesen an der Polsterwand geschubbert hat. Sie schieben sich an den Korridorfenstern vorbei, lehnen sich gegen die Scheiben, fachsimpeln über Zugmotoren. Es läuft nicht nach Plan, das irritiert sie sichtlich. Vielleicht, weil sie Senioren sind, aber auch, weil sonst alles wie am Schnürchen läuft. Da knackt es aus dem Lautsprecher an der Abteilwand. Gerade gehe es hier nicht weiter. Der geplante Halt zwischen Navoiy und Chiwa vor dem Abendessen falle vermutlich aus. Erleichtertes Aufatmen, nichts Schlimmes also, jemand kümmert sich, das ist so beruhigend wie notwendig.

Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn oder entlang der Seidenstraße ist für viele ein Lebenstraum. Sie ist teuer und aufwendig, und so sind vor allem gutsituierte Rentner im Zug: Ehemalige Lehrerinnen und Ingenieure, die meisten über 70, sind aus Leipzig, Wien und Tel Aviv angereist, lassen sich die 4100 Kilometer in dem privaten Luxuszug die einstige Seidenstraße entlangkutschieren. Immer nach Osten, von Achgabat in Turkmenistan über Usbekistan nach Almaty in Kasachstan. Zwischendurch machen sie halt, schauen alte Moscheen an, Handwerksmärkte und traditionelle Konzerte. Es ist Lebenstraum und Abenteuer zugleich, manche der Gäste sprechen darüber, als wäre es ihre letzte Reise: „Das gönnen wir uns jetzt noch“, sagen sie. Und gerade weil es nicht einfach um den nächsten Urlaub und etwas Entspannung geht, sind mehr als nur freundliche Betreuung und gutes Essen notwendig; jeder der 102 Gäste hat eine eigene Vorstellung von seiner Traumreise. Die Sonderwünsche reichen vom eigens mitgebrachten Hummus bis zur Dame, deren Koffer so groß ist, dass er nicht ins Gepäckfach passt. Und so sorgen 42 Köche, Putzfrauen, Schaffner und Techniker dafür, dass die Gäste ihren restlichen Ruhestand lang gern an diese Tage zurückdenken werden.

Die Aufregung vor der Abfahrt in Buchara ist groß, wieder hat der Zug haltgemacht, einige der Gäste waren zwei Nächte in Hotels – um mal wieder eine richtige Dusche und ein breites Bett zu haben, es soll schließlich bequem sein. Auch das gehört zu einer durchorganisierten Luxuszugfahrt. Nun geht es zurück an Bord, jedes Mal ein aufregendes Manöver: Einerseits wollen die Herrschaften unbedingt noch ein Foto von der Wagenreihe mit den goldenen Schildern und den uniformierten Schaffnern, die mit der Gleichgültigkeit routinierter Models vor den Türen warten. Andererseits ist vielen Reisenden die Unruhe anzusehen: Man könnte den Zug verpassen. Ein interessanter Kontrast: Gepäckträger, Schaffner, alle gehen gemächlich; in Usbekistan herrscht permanent das Gegenteil von Aufregung. Die auf Entschleunigung abonnierten Touristen dagegen hetzen das Gleis entlang, bücken sich für Großaufnahmen der Räder und steigen doch zehn Minuten vor Abfahrt schon mal ein, „zur Sicherheit“.

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