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Veröffentlicht: 06.07.2014, 11:52 Uhr

Radfahren in Yorkshire Vélocité britannique!

Frankreich ist nicht genug: In diesem Jahr startet die Tour de France in England, genauer im nordenglischen Yorkshire. Dort gibt es für Gemütlichfahrer einiges zu entdecken - viel Süßes und Skurriles.

von Tin Fischer
© picture alliance / Robert Hardin Keine Hitze, keine Berge: Yorkshire hat nichts, was die Tour de France unangenehm macht

Vor dem Rathaus von Skipton haben sich die Rentner bereits aufgestellt, als würden sie vor dem Frühjahrsausverkauf auf den vordersten Plätzen ausharren. Auch am Rathaus hängen schon die Wimpelketten aus kleinen Gelben Trikots und Union Jack. Dabei hat die Tour de France zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen. Der Einzige, der an den Rentnern vorbeiradelt, bin ich. Immerhin habe ich es eilig.

Die Vorfreude scheint groß, dass die Tour 2014 in England startet. Oder genauer (auf den Unterschied legt man in der Gegend wert): in Yorkshire. In den Schaufenstern stehen Räder, mitunter sogar gestrickte. Ein überdimensionales gelbes Holzrad hängt sogar an der anglikanischen Kirche. Und an den Turm haben sie ein Gelbes Trikot gehängt, so groß, dass Lance Armstrongs Ego reinpassen würde.

Nichts, was die Tour unangenehm macht

Doch ich habe meine eigene Tour de Force vor mir. Ich muss nach Pateley Bridge und habe nur noch zwei Stunden, bis um 17 Uhr der älteste Süßigkeitenladen der Welt schließt. Nicht für immer, versteht sich. Das wäre zu tragisch nach 187 Jahren Betrieb. Nur für heute. Aber ich will unbedingt hin. Also biege ich in die Hügelchen von Yorkshire ein, vor mir mein ganz eigenes Zeitfahren um eine süße Trophäe.

Die Tour de France in England zu starten ist in etwa so absurd wie Lachsfischen im Jemen. Oder eine Fußballweltmeisterschaft in Qatar. So wie Qatar nichts hat, was Fußball angenehm macht (namentlich Gras und ein mildes Klima), hat England nichts, was die Tour de France unangenehm macht (Hitze und Berge). Trotzdem hat es eine gewisse Richtigkeit. Die Tour startet öfters in Nachbarländern, wenn auch normalerweise solchen, die mit dem Fahrrad erreichbar sind. Doch seit etwa zehn Jahren erlebt Großbritannien einen Fahrradboom. „Der Wachstums-Tornado braute sich im frühen 21. Jahrhundert zusammen, als die drei Winde Rezession, Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein kollidierten“, schreibt Ned Boulting in seinem Buch „On the Road Bike: The Search For a Nation’s Cycling Soul“. Und dann gewann auch noch Bradley Wiggins die Tour de France. Perfekter Sturm.

Die Stadt auf einer Quelle stinkenden Wassers

Die Landschaft hier ist wie ein Quilt. Wild zusammengenähte Felder in unzähligen Schattierungen von Grün. Darauf verteilt: Schafe. Die Temperaturen sind etwas kühl. Es heißt, dass das Wetter im Norden nicht schlechter sei. Es gebe einfach „mehr Wetter“. Ich habe zumindest verhältnismäßig wenig Wetter.

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Während ich so über die Landschaft fliege, dem Zucker entgegen, kann ich vielleicht etwas über Land und Leute erzählen. Oder nein, besser: Ich leihe meine Stimme Stuart Maconie von BBC Radio 6music (wer Indie-Rock liebt und den Sender noch nicht kennt, hat das Beste im Leben noch vor sich), der mit seinem Buch „Pies and Prejudice: In Search of the North“ der Moderator meiner Tour des Nordens ist. „Wir aus dem Norden werden im Süden oft als mürrisch gesehen. Doch im Geheimen schätzen wir diese Meinung hoch und haben sie in ein kulturelles Markenzeichen verwandelt“, meint Maconie. Der Norden ist rauh und von reizendem Widerspruch. Die erste Etappe der Tour de France führt von Leeds nach Harrogate. Das sozio-kulturelle Gefälle zwischen den beiden Städten ist etwa so groß wie der Höhenunterschied zwischen Paris und der Alpe d’Huez. Leeds, das ist die Stadt der melancholischen, selbstironischen Romane und Dramen Alan Bennetts. Leeds, das ist die Stadt der Kaiser Chiefs („I Predict a Riot“, neue inoffizielle Hymne des Nordens, glaubt man Maconie) und von Chumbawamba (dreißigmal „I get knocked down, but I get up again!“). Wie viel anders Harrogate. Maconie wurde mit der Stadt nicht warm. Der Ort hätte keine höhere Meinung von sich selbst, würde er nicht auf einer Quelle stinkenden Wassers sitzen, dem man heilende Kräfte nachsagt und das ihn in ein snobistisches Pelzmantel-statt-Turnschuhe-Territorium verwandelt habe (aus wahrscheinlich guten Gründen hat die EU verboten, das Wasser zu trinken; der Tee im berühmten Tea-Room „Bettys“ ist dafür sehr gut).

Halt!!! Was war das? Lenker einschlagen, in die Pedalen treten, umdrehen. Ein Wegweiser zu einer „Ice Cream Farm“ mitten in Yorkshire? Gegen den Widerstand meines Navis und auch gegen den Widerstand der Uhr, die unaufhaltsam auf 17 Uhr zugeht, biege ich von der Route ab und folge dem Wegweiser wie ein Esel der Zuckerrübe.

Was soll man tun bei diesem Anblick?

Nicht einmal auf dem Weg zu einem Süßigkeiten-Laden kann man einer Eiscreme-Farm widerstehen. Aber die Eiscreme-Farm sieht, je näher ich ihr komme, nur aus wie einer der vielen runtergerockten Bauernhöfe in der Gegend. Bei näherer Betrachtung ist es eine Gartenwirtschaft. Trotzdem gehe ich rein. Und dann, nun ja: gerockt ist sie, „Billy-Bob’s Ice Cream Farm“. Aber nicht runter, sondern hoch. Wenn man die Tour de France in England veranstalten kann, kann man wohl auch mitten in Yorkshire ein amerikanisches Rock-’n’-Roll-Diner einrichten.

Mit dem Cornet in der Linken (zur Sorte Bubblegum konnte ich mich nicht durchringen, in Berlin ist gerade Gurkeneis angesagt) fahre ich weiter Richtung Bolton Abbey, einer berühmten Klosterruine, für die ich mich gerade nicht weniger interessieren könnte.

Mit der Serviette noch in der Hand erreiche ich das schmucke Dorf, fest entschlossen, keinen weiteren Halt einzulegen. Aber was soll man tun, wenn der Blick in einen antiquarischen Buchladen in einem pittoresken, in Blumen gebetteten Häuschen fällt und darin in einem Armsessel ein Männlein sitzt und gemütlich liest und dabei genau so aussieht, wie man sich das eigene Rentenalter vorstellt? Für eine kurze Unterhaltung ist immer Zeit.

Die Ansteige: kurz, aber brutal steil

„Well“, sagt Andrew Sharpe auf die Frage, ob er sich auf die Tour de France freue. Nun, er interessiere sich nicht besonders dafür. Die Bücher seines „Grove Rare Books“-Laden handeln schließlich von Yorkshire und den guten alten Hobbys, die man hier vor der Radinvasion betrieb: Jagen und Angeln. Aber sollte sich doch ein bibliophiler Fahrradfanatiker in seinen Laden verirren, hat er ein Buch bereitgestellt: Das „Continental Road Book“ des Cyclists’ Touring Club von 1901. Eigentlich besteht es nur aus Distanzen zwischen Städten. Trotzdem ein amüsantes Werk. Gleich im zweiten Absatz rät es: „Der Radfahrer in Böhmen sollte stets darauf achten, zu zeigen, dass er kein Deutscher ist. Anderenfalls wird er oft unhöflich behandelt.“ Das ist doch mal etwas, das man sich merken kann, so man denn mal wieder Böhmen bereist. Licht wird erst zwei Seiten später empfohlen.

Es heißt, in Großbritannien seien die Anstiege kurz, aber dafür brutal steil. In der alpinen Kunst, Wege in eleganten Serpentinen über Steigungen zu legen, verstehen sich die Briten nicht. Und das kriege ich nun zu spüren. Mit Mühe erreiche ich die Hochebene. Die Straßen sind hier endlos, die Plateaus rauh und leer. Es ist kühl, der Himmel grau verhangen. Melancholische Schönheit, wie man sie in den verkitschten Alpen kaum mehr findet. Ab und zu überholt mich ein Oldtimer, eine Harley oder ein Rennradfahrer, was ein seltsames Gefühl auslöst, denn man könnte in diesen Momenten in diesen kargen Weiten ebenso in den vierziger Jahren, den Sechzigern oder im 21. Jahrhundert sein, je nach Gefährt, das einen überholt.

Ein bisschen Theater

Es ist kurz vor 17 Uhr, und ich bin kurz vor Pateley Bridge. Ich sollte mich beeilen, einerseits. Andererseits hat mir der Tour-Anbieter extra ein Warnblatt mit auf den Weg gegeben mit nicht weniger als fünf roten Warnschildern und neun Warnhinweisen für die paar (ja: steilen) hundert Meter runter ins Dorf. Im Ort erzählt man unschöne Geschichten über den Streckenabschnitt. Selbst die Tour de France habe die Passage als zu gefährlich für das Rennen eingestuft. „Gefälle: Geschwindigkeit beachten“, „Kurve: Tempo reduzieren“, „Straße wird schmaler“, sagen die Warnhinweise. Dass man nicht mit erhöhtem Zuckerbedarf ziemlich genau um Ladenschluss des weltältesten Süßigkeitengeschäfts und der entsprechenden Eile, die damit einhergeht, die Straße runterfahren soll, steht da nicht. Und ich trage ja einen Helm.

Und dann das: Zu spät. „The Oldest Sweet Shop. Est. 1827“ hat geschlossen. Auch Klopfen macht ihn nicht auf. „Seit 187 Jahren geöffnet, aber genau jetzt zu“, geht es mir durch den Kopf, als ich deprimiert wie ein Tour-Zweiter durch das Dorf schlendere, auf der Suche nach wenigstens etwas Salzigem zum Abendessen. Doch dann passiert, was man wohl nur damit vergleichen kann, wenn der Sieger der Tour wegen Doping disqualifiziert wird und der Zweitplatzierte (also ich) nachrückt: Ich treffe den Mann mit der wilden grau-weißen Mähne, seines Zeichens Besitzer des Süßigkeitenladens. Und er macht für mich nochmals auf!

„Es ist ein bisschen Theater“, sagt Keith Tordoff, während er Gummifrüchte in die Waagschale gibt, so wie man früher eben Süßigkeiten verkauft habe. Deshalb würden die Kunden noch heute kommen. Um sich das Schauspiel anzusehen. Keith geht jetzt durch seine unzähligen Gläser, wie ein Apotheker auf der Suche nach der richtigen Kur für mich: Jelly Beans, Jazzies, weiße Mäuse, braune Mäuse, pinke Marshmallows und weiche Süßigkeiten, die nach großmütterlichem Badezusatz schmecken. Es sind Memory-Triggers, Doping für Erinnerungen. Irgendeine dieser Retrosüßigkeiten wird auch bei mir anschlagen, wird auch bei mir eine Kindheitserinnerung auslösen. Keith testet und testet. Bei den Love Hearts hat er mich: Sonne, Freibad, nasse Füße auf heißem Beton. Für einen Moment wird es ganz heiß in Yorkshire und um meinen abgekühlten Körper. All das viele Wetter: weg. So muss sich auch das Gelbe Trikot anfühlen.

Der Weg nach Yorkshire

Anreise KLM (www.klm.com) fliegt täglich von Frankfurt über Amsterdam nach Leeds oder Manchester. Hin- und Rückflug ab 200 Euro.

Übernachtung Ein DZ im hübschen B&B „The Willow“ (www.thewillow-restaurant.com) in Pateley Bridge kostet etwa 90 Euro pro Nacht.

Rad-Touren Scoot Cycling Holidays bietet ganzjährig Fahrrad-Touren in Yorkshire an. Darunter Reisen auf den Wegen der diesjährigen Tour de France. Die vier- oder fünftägige „A Taste of Le Tour“ kostet ab 550 Euro pro Person. Fahrräder, Gepäcktransfer und Übernachtungen inklusive. Auch für Kinder geeignet. Mehr Infos unter: www.scootcyclingholidays.co.uk

Literatur Ned Boulting: „On the Road Bike: The Search For a Nation’s Cycling Soul“; Stuart Maconie: „Pies and Prejudice: In Search of the North“.

Weitere Infos Clips aus Stuart Maconies Sendung unter: www.bbc.co.uk. „The Oldest Sweet Shop“ in Pateley Bridge verkauft Süßes auch online: www.oldestsweetshop.co.uk. Ebenso der Buchladen Grove Rare Books in Bolton Abbey: www.groverarebooks.co.uk. Allgemeines zu Yorkshire auf: http://de.yorkshire.com. Diese Reise wurde unterstützt von VisitBritain (www.visitbritain.com).

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