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Unter karibischer Sonne Anne, Mary und ich

 ·  Auf Parrot Cay, einer Insel des britischen Überseegebiets Turks und Caicos, kann man luxuriös Urlaub machen. An die Geschichte der Insel, die einst Piratinnen Unterschlupf bot, erinnert kaum noch etwas.

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Es waren einmal zwei furchtlose Piratinnen namens Anne Bonny und Mary Read. Sie lebten, wenn sie nicht gerade auf hoher See Schiffe kaperten, zusammen mit ihrem nicht ganz so furchtlosen Mitstreiter „Calico“ Jack Rackham in einem winzigen Steinhäuschen auf einer dicht bewachsenen Insel, die zuerst Pirate Key, dann Parrot Cay genannt wurde. Letzteren Namen bekam die Insel erst in jüngerer Zeit verliehen, um Urlauber des in der Zwischenzeit auf ihr entstandenen Luxusresorts nicht gar so sehr zu verschrecken. Das geschah lange vor dem Erfolg der Hollywoodfilme um die Piraten der Karibik, sonst hätte man den Namen womöglich belassen.

Ich komme nicht auf dem Seeweg, ich komme von New York aus eingeflogen. Eine Rollbahn nur hat der Flughafen in diesem Kaff namens Providenciales, dann geht es zu Fuß über heißen Asphalt in ein flaches, ziemlich unglamouröses Terminal. Rechts ein Porträt von Queen Elizabeth II., dem offiziellen Staatsoberhaupt dieser Ansammlung von Inselchen rechts der Bahamas, links stehen hüftbeschwingt zwei Herren in bunten Hemden und mit Sonnenbrillen auf einem Podest, die auf ihren Instrumenten etwas spielen, was man landläufig wohl als „karibische Rhythmen“ bezeichnet. Ich schaue nach links, ich schaue nach rechts, aber es fällt mir gerade nicht leicht, die Informationslage auszuwerten. Ist das jetzt England oder Karibik? Auf jeden Fall befinde ich mich in einer Weltgegend, in der Passkontrollschlangen musikalisch und live beschallt werden.

Ureinwohner, Kolumbus, Piraten

Ganz offiziell sind die Turks- und Caicos britisches Überseegebiet des Vereinigten Königreiches und die Einwohner, die als „Belongers“ bezeichnet werden, britische Staatsbürger. Also doch Europa, nur ein bisschen wärmer, angenehme 28 Grad im leicht durchwindeten Schatten. Vor der Ankunftshalle stehen Palmen und wiegen sich sanft in der Meeresbrise, gerade so, wie man es von der Karibik erwartet.

Und dann das Staatswappen! Dreimal Meeresgetier auf einem gelben Schild angerichtet, wie ich es vermutlich später noch auf den Teller bekomme, von grazilen rosa Flamingobeinen festgekrallt, und oben auf dem Helm nistet ein heraldisch respektloser Albatros. Das ganze Programm wird also mit Fauna bestritten, das ist kein Wunder, denn die Geschichte der Turks- und Caicosinseln ist schnell erzählt. Ein paar Ureinwohner, vermutlich strandete Christoph Kolumbus hier, dann Franzosen und Spanier, ein paar Siedler von den Bahamas, zwischendurch Piraten und Engländer beziehungsweise englische Piraten. Und nun die Gesamtbevölkerung von sechsundvierzigtausend Belongers, die in weitverstreuten Siedlungen leben, in flachen bunten Häusern hinter Steinmauern, und überall dieses dichte Gebüsch und kaum ein Baum höher als fünf Meter. Ich fahre mit dem Shuttlebus zum Anlegesteg, wo bereits die Yacht wartet, die mich nach Parrot Cay bringen wird, und sehe unterwegs nichts, was auch nur entfernt als Stadt durchgehen würde. Die größte Menschenansammlung konzentriert sich anscheinend im örtlichen Supermarkt an der Ausfallstraße. Ich habe mir die Karibik anders vorgestellt, irgendwie karibischer, aber vielleicht sind die westlichen Caicosinseln nicht der richtige Ort, um danach zu suchen.

In Männerkleidung zur See

Nach allem, was uns aus der „General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pirates“ von 1724 überliefert ist, waren die beiden Piratinnen um einiges mutiger und kämpferischer als ihr stets dem Rum zugeneigter Geliebter und Mitstreiter Calico Jack. Ihre Geschichte, und damit auch die einzige nennenswerte historische Episode der Insel Parrot Cay, klingt wie eine üble Räuberpistole - und ist es vermutlich auch.

Mary Read, geboren um 1685, wurde bereits in ihrer frühen Kindheit als Junge ausgegeben, genauer gesagt: als ihr eigener, verstorbener älterer Bruder, der, im Gegensatz zu ihr, ehelich gezeugt und geboren wurde. Ihre verwitwete Mutter hoffte dadurch auf finanzielle Unterstützung von ihrer Schwiegermutter, was auch gelang. Später fuhr die abenteuerlustige Mary in Männerkleidung zur See, kämpfte dann als Soldat zu Fuß und zu Pferd in der englischen Armee in Flandern, bis sie sich in einen Mitstreiter verliebte und ihm ihr wahres Geschlecht offenbarte. Die beiden heirateten unter großer Anteilnahme ihres Regiments, ließen sich in der Nähe des Schlosses von Breda in Nordbrabant nieder und eröffneten einen gutgehenden Gasthof.

Es ist nicht vorgesehen, zu Fuß zu gehen

Dem jungen Paar war jedoch kein dauerhaftes Glück vergönnt, bald verstarb der Gatte, und eigentlich erstrebenswerte Friedenszeiten sorgten dafür, dass das Militär und damit die Kundschaft fortzog. Also wurde aus der verwitweten Mary aus Geldnot wieder ein Mann und Seefahrer. Das holländische Sklavenschiff, auf dem sie anheuerte, wurde jedoch von englischen Piraten überfallen, und nur weil sie der einzige Engländer an Bord war, ließ man sie leben. Bald erkannten die Freibeuter, dass Mary eine erfahrene Kämpferin war, und sie verdiente ihren Lebensunterhalt fortan als Pirat. So traf sie auf ein Paar, das ihr ebenbürtig war, die Piraten Calico Jack und seine Geliebte Anne Bonny, die sich alsbald in Mary verliebte.

Es ist auf Parrot Cay heute nicht mehr vorgesehen, zu Fuß zu gehen, denn für Bewegung sorgt ja schon die morgendliche Yoga- oder Pilatesstunde. Man transportiert die Gäste vielmehr mit Caddys auf gut befestigten Wegen, die zwischen dem penibel gestutzten und stets besprühten Rasen mäandern, hintendrauf das Gepäck, am Steuer der Butler, der jeder Villa zugeteilt ist und sich um alles kümmert. Um wirklich alles. Auch darum, dass bald nach der Ankunft der Tisch gedeckt ist und mit Fisch gefüllte Tacos vor mir stehen. Jonson, so heißt mein indonesischer Butler, geht das Programm mit mir durch, schaut nebenbei nach dem W-Lan, verspricht, ein Fahrrad zu beschaffen, und kündigt schließlich an, mich zum Abendessen abzuholen, damit ich mich auf den fünfhundert sanft mäandernden Metern zum Poolrestaurant nicht verlaufe. Neben der Benutzung meiner Füße steht augenscheinlich auch die meines Hirnes vorerst zur Disposition.

Geräuschlos laufende Erholungsmaschinerie

Trotzdem hänge ich meine Kleidchen selbst in den begehbaren Kleiderschrank, dann zwänge ich mich in den Badeanzug. Gleich vor der Tür erstreckt sich die hölzerne Terrasse, dahinter überflüssigerweise ein Privatpool, dahinter wiederum fünfzig Meter Sand und dann auch schon das Wichtigste, das Meer. Ich bohre die nackten Zehen in den sehr, sehr weißen Sand, gehe auf das sehr, sehr türkise Meer zu, das eine Farbe hat, die die Wolken an der Unterkante grün leuchten lässt. Perfekt temperiert ist es außerdem. In Deutschland regnet oder schneit oder schneeregnet es, und wenn man mit ein bisschen Schadenfreude an Daheimgebliebene denkt, ist es gleich noch viel schöner, hier im lauwarmen Türkis zu treiben und Sommersprossen zu züchten. Meer und Strand sind schließlich auch der Grund, warum diese sauber und geräuschlos vor sich hin laufende Erholungsmaschinerie auf diese gottverlassene Pirateninsel gestellt wurde.

Captain Jacks Geliebte Anne Bonny, fünf Jahre jünger als Mary Read, war die illegitime Tochter eines Anwalts aus der Nähe der irischen Stadt Cork. Ihr Vater verlor Reputation und Klienten, weil er mit seiner Geliebten und der kleinen Anne zusammenlebte, und sah sich schließlich gezwungen, nach Carolina auszuwandern. Die junge Anne heiratete gegen den Willen ihres Vaters einen Seemann und brannte mit ihm nach Providence durch, wo sie im Jahr 1717 Kapitän Rackham traf. Rackham hatte damals gerade ein größeres Schiff, die Treasure, gekapert und dadurch als aufstrebender Jungpirat eine gewisse zweifelhafte Prominenz errungen. Er warb um sie und nahm sie, in Männerkleidung, als Geliebte mit auf sein Schiff. Als sie sich in den Leutnant des Kapitäns, nämlich Mary Read, verliebte, wurde Rackham zunächst rasend eifersüchtig und drohte mit der Ermordung seines vermeintlichen Nebenbuhlers. Mary sah sich daraufhin gezwungen, ihre Identität preiszugeben. Als bewährte Kämpferin blieb sie an Bord des Piratenschiffes. Die beiden Frauen freundeten sich an und übernahmen bald das Kommando über die Mannschaft, da sie, im Gegensatz zu Rackham, nicht ständig betrunken waren. Ein Autoritätsproblem hatten sie nicht, denn im Kampf bewiesen sie immer wieder, dass sie sich durchaus zu wehren wussten.

Legendäre Party ab hunderttausend Dollar

Von den Mythen der Karibik, von der Piraterie und den Abenteuern auf hoher See, von dem einstigen Handel, von Bars und Partys und Musik dringt nichts durch auf unsere Luxusinsel. Im Poolrestaurant sitzen entspannte, unspektakulär aussehende Durchschnittsmenschen in Durchschnittskleidung. An der Bar findet alles statt nur kein Exzess. Die Turks und Caicos sind eine empfehlenswerte Gegend für alle, die die Aufregung scheuen und nicht über Gebühr mit lokaler Kultur belästigt werden möchten. Heute sind es die Reichen, Schönen und Prominenten, die ihren Urlaub in den Strandhäusern verbringen, fernab aller Paparazzi auf einer Insel mit Überflugverbot, das keine, wirklich gar keine Ausnahmen kennt. Sie laden gern Freunde ein, sagt man uns, zu Donna Karan komme ja immer Hugh Jackman, so ein netter höflicher Mann, auch Demi Moore oder Charlize Theron gaben sich schon die Ehre auf Parrot Cay. Keith Richards hat ein Haus, Bruce Willis hat hier geheiratet. Und die Neujahrsparty sei besonders legendär und schon Monate im Voraus ausgebucht, auch wenn zu vorgerückter Stunde Bruce Willis’ Tochter Rumer am Plattenteller steht, aber im Gegensatz zu vielen anderen steht sie immerhin noch. Legendär also. Man kennt das ja. Ab hunderttausend Dollar könnte ich auch dabei sein.

Die Karriere von Anne und Mary als Piratinnen währte nur drei Jahre. Im Jahr 1720 wurde ihr damaliges Schiff mit dem schönen Namen Revenge von dem Schiff des Piratenjägers Jonathan Barnett angegriffen. Kapitän Jack Rackham und seine Mannschaft waren wieder einmal mit der Entleerung von Rumflaschen beschäftigt, so oblag die Verteidigung allein den beiden Frauen. Sie mussten sich der Übermacht bald geschlagen geben und wurden, zusammen mit der gesamten Crew, verhaftet. Der Rest ist schnell erzählt: Rackham endete in Jamaica am Galgen, musste sich allerdings vorher noch von Anne sagen lassen, dass er, hätte er wie ein Mann gekämpft, nicht hängen müsste wie ein Hund. Mary war zum Zeitpunkt der Inhaftierung schwanger und wurde vom Todesurteil verschont, starb jedoch noch im Gefängnis an einem Fieber. Über Annes Verbleib ist nichts bekannt, außer dass sie nicht hingerichtet wurde. Es gibt Hinweise, dass es ihrem Vater dank seiner weitverzweigten Geschäftskontakte gelang, sie nach South Carolina heimzuholen, wo sie als weithin respektierte Dame mit achtzig Jahren gestorben sein soll.

Und schon ruft wieder der Butler

Dreißigtausend Dollar kann man ausgeben für einen Tag in Donna Karans Villa. Die amerikanische Modedesignerin besitzt ein offenes, dreiteiliges Strandhaus voller Antiquitäten aus aller Welt, mit viel Holz und Glas und hellem Leinen in makellos zufälliger Anordnung, gerade so, als käme in den nächsten Minuten das Fototeam eines Einrichtungsmagazins vorbei. Allerdings gibt es bei Frau Karan deutlich weniger Bücher als bei den Herren Willis und Richards, aber auch dort kann man sich ja einmieten, moderater Reichtum vorausgesetzt.

Lässt man sich, Jonson wieder am Steuer des Caddys, inselaufwärts fahren, so trifft man etwas abseits des Strandes auf eine als „Piratenhaus“ bezeichnete Villa. Und neben der Auffahrt steht es dann, ganz unauffällig, unbeschildert und so niedrig und geduckt, dass selbst die niedrigen Bäume den Dachgiebel überragen: Das winzige Steinhäuschen, in dem Anne und Mary mit Captain Jack lebten. Drei Fensteröffnungen, eine Dachluke und eine Türöffnung in der verputzten, grünbemoosten Mauer, zu der zwei Steinstufen hinaufführen. Sogar einen Kamin gibt es, auch wenn es auf der Insel niemals kälter wird als fünfzehn Grad. Dach und Fenster sind dem Häuschen längst abhandengekommen, auch alles, was es jemals an Einrichtung gegeben haben mag, was aber nicht viel gewesen sein kann. Und doch ist es der einzige Ort weit und breit, an dem ich meinen Vorstellungen einer historisch abenteuerlichen Karibik ein bisschen näher komme, so unspektakulär das Gemäuer auch sein mag.

Ich schaue vom Hügelchen herunter auf die Bucht, die man von hier aus überschauen kann, sämtliche vorbei segelnde Schiffe muss man im Blick gehabt haben, ohne selbst gesehen zu werden. Und dann ruft mich mein Butler Jonson auch schon wieder zum Caddy, es wird ja Zeit, am Poolrestaurant ist ein Tisch reserviert und am Nachmittag der Termin im Spa, was soll man auch sonst tun in dieser schönen neuen Urlaubswelt. Jonson wird mich selbstverständlich dorthin fahren.

Informationen: Pauschale Arrangements für Parrot Cay bietet zum Beispiel RTC Rose Travel Consulting (www.rosetravel.de) an. Sieben Übernachtungen kosten von Januar bis März ab 2565 Euro. Flugverbindungen nach Providenciales bietet zum Beispiel British Airways an. - Diese Reise wurde von RTC und British Airways unterstützt.

Quelle: F.A.Z.
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