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Unter Briten in Brighton : Pretty eccentric!

An der Strandpromenade reihen sich die weißen Strandhotels, und die Blaskapelle spielt im Pavillon. Hier ist Brighton ganz mondänes Seebad. Bild: Andrea Diener

Brighton ist auf den ersten Blick vielleicht nur ein ehrwürdiges englisches Seebad. Aber: Diese Stadt hat jede Jugendbewegung mitgemacht und ist bis heute Sehnsuchtsziel aller Londoner.

          Der junge Herr mit den dunklen Locken trägt eine Cordkappe, einen dunkelblauen Gehrock mit breiten Aufschlägen, eine gelbrot gestreifte Weste, ein weißes Hemd mit rotem Krawattentuch und sieht insgesamt ungefähr aus wie aus einem Gedicht von Byronshelleykeats gefallen, also etwa so, als suche er blaue Blumen an Britanniens Gestaden. Das ist aber noch nicht so interessant wie die Tatsache, dass er ein Bündel vor sich herträgt, das sich bei näherer Betrachtung als ein rotäugiger Reiher entpuppt, der sorgsam gegen eventuell zugigen Seewind in eine Decke gehüllt wurde.

          „Er kann nicht fliegen. Also kümmere ich mich um ihn“, sagt der junge Herr, als wäre nichts dabei. Und eigentlich ist auch nichts dabei, man sieht nur so selten junge Herren mit wehenden roten Krawattentüchern und Reiherbündeln, die einfach so in einer Gasse herumstehen, mitten in den North Laines, einer Ansammlung kleiner, alternativer Boutiquen, Burgerläden, Krimskramsauslagen und Kaffeenerd-Cafés, in denen die Direktimportbohne im japanischen Porzellanfilter handaufgegossen wird.

          Freigehege für wildgewordene Geradenochjunggesellen

          Aber Brighton ist eben nicht nur irgendein Hipsterparadies lebensstilbewusster Bartträger. Brighton ist viel mehr, nämlich Laufsteg für Exzentriker aller Art, Wochenendauslauf für brave Vorstadtbewohner, Freigehege für wildgewordene Geradenochjunggesellen, Experimentiergelände für abseitiges Unternehmertum und Bühne für wohlhabende Bürger, die es sich leisten können, eine Regencywohnung mit Meerblick zu beziehen. Und genau das hat in diesem britischen Musterseebad an der Südküste eine lange Tradition.

          Ein Bild wie aus einem Dickensroman: Wenn der Reiher kränkelt, ist es gut, wenn sich jemand um ihn kümmert.
          Ein Bild wie aus einem Dickensroman: Wenn der Reiher kränkelt, ist es gut, wenn sich jemand um ihn kümmert. : Bild: Andrea Diener

          Wenn es dem Londoner in der Stadt zu eng, zu eintönig, zu stinkig wird, wenn ihm Verkehr, Menschen und Verpflichtungen zu Leibe rücken, kurz: Wenn ihm alles auf die Nerven geht, dann flieht er aufs Land. Und dieses Land besteht entweder aus grünen Hügeln oder - wie es im achtzehnten Jahrhundert modern wurde - aus einer Küste mit vorgelagertem Wasser, denn Wasser galt nach Jahrhunderten des Verpöntseins auf einmal als gesund. Das begann genaugenommen mit Dr. Richard Russell, jenem Arzt aus Lewes an der englischen Südküste, der sich im Jahr 1747 ins nahe gelegene Brighton begab, um die Heilkräfte des Seewassers zu erforschen. Er fasste seine Erkenntnisse in einem Buch mit zeitgemäß barockem Bandwurmtitel zusammen, und bald schon strömte das bessere Volk in das kleine, vollkommen unglamouröse Fischernest an Englands Küste, um sich nassmachen zu lassen.

          Martha the Dipper, königliche Naßmacherin

          Man hat sich das so vorzustellen, dass in langärmelige, langbeinige Badekostüme sittsam gehüllte Herrschaften strengstens geschlechtersepariert in sogenannte Bademaschinen stiegen, hölzerne Karren, die ins Meer geschoben wurden. Dort vertrauten sie sich „Bathern“ und „Dippern“ an, resoluten Männern und Frauen, die das bisher mit dem nassen Element unvertraute bessere Volk auf den Arm nahmen und sanftestmöglich in die Fluten gleiten ließen. Die bekannteste ihrer Zunft ist Martha „the Dipper“ Gunn, eine - glaubt man dem Ölgemälde im städtischen Museum zu Brighton - kräftige, rotgesichtige Matrone und offizielle Nassmacherin des Prinzen von Wales. Sogar einen Vers gibt es über sie:

          To Brighton came he

          Came George III’s son.

          To be bathed in the sea,

          By famed Martha Gunn.

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