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Ukraine : Das Leben kennt keine zweite Chance

Götterdämmerung über Kiew: die goldenen Kuppeln des Lawra-Klosters, in dem sich früher meditierende Mönche bei lebendigem Leib einmauern ließen. Bild: AP

Am 1. Juli findet in Kiew das Endspiel der Fußball-EM statt – in einer Stadt, die zwischen Ost und West, Hoffen und Bangen, Gottesfurcht und Sündhaftigkeit irrlichtert.

          War das die Chance unseres Lebens? Oder sind wir gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen? Hat sich in diesen zwei Sekunden des Zögerns unser Schicksal entschieden, als wir das Bündel Geldscheine auf dem Bürgersteig entdeckten und uns nicht bückten, sondern innehielten? Bestimmt fünf Zentimeter dick war der Packen Fünfhundert-Euro-Scheine, sauber eingepackt in Plastik. Eine Viertelmillion lag also vor unseren Füßen, keine zwanzig Schritte vom Unabhängigkeitsplatz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew entfernt. Vielleicht waren die Scheine dem Geldboten eines Oligarchen aus der Tasche gefallen, vielleicht waren sie bei einem gescheiterten Drogendeal verlorengegangen, wer weiß schon, wir wussten es nicht.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Jetzt jedenfalls lagen sie vor uns und blinzelten uns in ihrem verführerischen Lila zu, das Studium der Kinder samt Ferienhäuschen an der Costa Brava. Doch unsere Hände blieben wie angekettet in den Hosentaschen stecken, weil uns in diesen beiden Sekunden ein ganz anderes Bild durch den Kopf schoss wie eine Schicksalsschreckenswarnung: das Bild jenes schaurig wortlosen Gesichtes, mit dem der Auftragsmassenmörder Javier Bardem in dem Film „No Country for Old Men“ den Finder eines Geldkoffers zu Tode hetzt, ein Killer von so grenzenloser Grausamkeit, dass er sich bis heute in unsere düstersten Träume schleicht. In diesem Moment kam ein anderer Mann vorbei, sah das Geld, hob es auf, hielt es uns strahlend unter die Nase, konnte sein Glück gar nicht fassen, schüttelte uns an den Schultern und hüpfte selig davon. Wahrscheinlich wird dieser unglückselige Glückspilz den Abend dieses Tages nicht erleben, dachten wir uns, die Hände immer noch in den Hosentaschen, und gingen weiter, hinauf zum Kloster des heiligen Michael, um eine Kerze anzuzünden, für uns, für den Todgeweihten und für den Erzschutzengel sowieso.

          Das Tor der Täuschung

          Kiew betritt man durch das Tor der Täuschung. Zwischen dem Flughafen, einer aus dem flüchtigen Anlass der Fußball-Europameisterschaft wahr gewordenen Fata Morgana aus Stahl und Glas, und der tausendjährigen Stadt liegt eine riesenhafte Plattenbauödnis aus bewohnten Ruinen wie ein Irrläufer der Geschichte, der vom Scheitern des Sozialismus noch nichts mitbekommen zu haben scheint. Inmitten dieser Hochhausklötze mit ihren blinden Fenstern, die das Elend selbst nicht mehr mit ansehen können, fühlt man sich jäh in die Finsternis von Kaltem Krieg, Fünfjahresplan und Proletarierdiktatur zurückgeworfen. Die Schaufenster der Geschäfte sind so trostlos, die Schlaglöcher so kratertief, die Trinkerkioske so dicht belagert wie eh und je. Derselbe Braunkohlestaub raubt Luft und Haut alle Farben, und die örtliche Diskothek heißt immer noch nach Juri Gagarin und schmückt sich mit dem überlebensgroßen, freundlich grüßenden Herrn Kosmonauten an der Fassade. Die neue Ära der vermeintlichen Freiheit ist hier ein schüchterner Sprössling. Er zeigt sich allenfalls in Satellitenschüsseln, die wie Pilze an den Hochhauswänden wuchern, oder bei den splitternackten Mädchen in gespreizten Räkelposen, mit denen ein Grill-Striptease-Restaurant jetzt für sich wirbt - eine obszöne Lustbarkeit in der Prüderie des Plattenbaus, früher hätte es so etwas nicht gegeben, Genossen!

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