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Uganda Kein Zucken, kein Blinzeln, kein Ton

18.01.2012 ·  Für das Volk der Sabiny in Uganda gilt ein Mann nur als Mann, wenn er beschnitten ist. Vor den Augen des Dorfes stellen sich die Jugendlichen dem Ritual.

Von Dietmar Telser
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© Dietmar Telser Wer sich regt, macht seiner Familie große Schande: Junge Sabiny beim Beschneidungsritual.

Er habe Angst gehabt, sagt er einen Tag später, als alles vorbei ist, er habe sich gefürchtet wie noch nie. Er habe geglaubt, dass er dies alles nicht ertragen könne, und damit gerechnet, dass er mit dem Leben nicht davonkommen werde. Dann aber habe er die Rufe seiner Eltern und Freunde gehört, die gekommen waren, um zu sehen, wie er zum Mann wird, und so habe er die Qual erduldet. James Kabangi, zwanzig Jahre alt, sitzt breitbeinig auf einem Klappstuhl. Er trägt ein ärmelloses T-Shirt und um die Hüften ein weißes Tuch. Sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, die Unterarme ruhen auf den Oberschenkeln. "Ich bin stolz", sagt er. "Ich bin stolz, ich bin jetzt ein Mann." Die Wunde zwischen seinen Beinen hat aufgehört zu bluten.

Es ist das Ende der kleinen Regenzeit. Die letzten Nebelschwaden haben sich in den Hängen des Elgon-Massivs verfangen, die Tage werden wieder wärmer. In Towei ist alles vorbereitet. Schon vor Tagen haben sie in Tonkrügen Mais zu Bier gären lassen und auf den Märkten die größten Ziegen und fettesten Hühner gekauft. Irgendwann stimmten die Jungen einen Gesang an, der den Menschen in Towei den Schlaf raubte und der erst heute, am Morgen der Zeremonie, sein Ende finden wird. Sieben Jungs sollen mit einem kleinen Schnitt zum Mann werden. Der jüngste ist vierzehn Jahre alt, James Kabangi, der älteste, ist mit Zwanzig längst ein Mann.

Die Jungs sehen aus wie der Tod

Das Dorf Towei im Südwesten Ugandas ist nicht viel mehr als ein knappes Dutzend Lehmhütten mit einer breiten asphaltierten Straße, die den Ort durchschneidet. Wer die Straße in Richtung Osten weiterfährt, erreicht die Touristen-Lodges an den Sipi-Wasserfällen. Manchmal begleiten die Kinder aus dem Dorf Touristen zu der höchsten der drei Kaskaden. Fast hundert Meter stürzt das Wasser in die Tiefe. Wer in Towei wohnt, gehört zum Volk der Sabiny, eine der wenigen afrikanischen Ethnien, die noch heute öffentlich ihre jungen Männer beschneiden und so den Übergang ins Erwachsenenalter feiern. Alle geraden Jahre laden sie im November zu den Beschneidungsfeiern. Ihre Nachbarn, die Bagisu, organisieren eine große zentrale Beschneidungszeremonie im August.

Im Schneidersitz hocken die Jungs am Rand der Dorfstraße, warten stumm auf den Beschneider. Sie sehen aus wie der Tod. James Kabangis Gesicht ist mit hellem Lehm gefärbt, er hält einen Wedel aus dem Schweif eines Colubus-Affen in der Hand, trägt gelbe Shorts, am Hals baumelt eine Trillerpfeife. Kabangi spricht ein passables Englisch und tut sich auch sonst nicht schwer, Worte zu finden. "Ich bin bereit. Ich fürchte mich nicht", sagt er jetzt, kurz bevor der Moment gekommen ist.

Kaum jemand kommt an der Beschneidung vorbei

Mit der Zeremonie wird nicht nur der Eintritt in das Erwachsenenleben zelebriert, sondern auch eine Bande fürs Leben geschlossen. Die jungen Männer, die gemeinsam vor einem Beschneider zittern, lassen später einander auch bei Kämpfen und Jagden nicht so schnell im Stich. Über den Ursprung des Brauches streiten sich die Ethnologen. In den Dörfern erzählen sich die Menschen diese Legende: Vor vielen Jahren lebte ein Krieger in der Region, der ein besonders liederliches Leben führte. Immer wieder machte er den Frauen im Ort schöne Augen, bis es den Ehemännern zu bunt wurde. Sie schnappten sich den Schwerenöter und schnitten ihm zur Strafe einen Teil des Penis ab. Die Sache hatte einen ungewünschten Effekt. Der Mann war bei den Frauen des Dorfes gefragter als zuvor. Die männlichen Dorfbewohner beobachteten dies mit Zorn und mit noch mehr Neid - und ließen sich beschneiden.

Heute kommt kaum jemand an der Beschneidung vorbei. Ein fehlender Schnitt lässt sich nicht verheimlichen. "Das Dorf weiß, wer beschnitten ist und wer noch nicht", sagt Kabangi. Wer im Dorf etwas werden will, der muss sich den Leuten auf dem Platz gezeigt haben. Der muss bewiesen haben, dass er den Schmerz aushalten kann. Keinen Laut dürfen die Jungen von sich geben, wenn das Messer mit drei Schnitten die Vorhaut abtrennt. Sie dürfen sich nicht bewegen, nicht zucken, nicht einmal blinzeln. In Towei erzählen sie noch heute, zehn Jahre später, die Geschichte von einem Jungen aus dem Dorf, der das Messer gefürchtet hat und bei der Zeremonie bitter weinte. Der Ruf der ganzen Familie war ruiniert. Irgendwann verließ er Towei und wurde nicht mehr gesehen. Auch eine Operation bei einem Arzt wird nicht akzeptiert. "Ich hatte Freunde, die ließen sich in der Klinik beschneiden", sagt Kabangi und schüttelt den Kopf: "Das ist nicht gut." Für ihn kommt das nicht in Frage. Kabangi will etwas aus seinem Leben machen. Er will später einmal die Universität besuchen - und Arzt werden.

„No pain without gain“ steht an der Hütte

Der Beschneider lässt auf sich warten. Es ist Hochsaison für die Chirurgen, sie haben in vielen Dörfern zu tun. Die Sonne steht inzwischen hoch, der Schweiß zieht Bahnen auf den aschfahlen Gesichtern der Jungen. Kabangi zählt seine Geschenke auf. Fünf Ziegen, eine Kuh, hunderttausend Schilling. "Das ist sehr viel", sagt er, "ich bin glücklich." In den vergangenen Tagen sind sie von Haus zu Haus gezogen, haben getanzt, gesungen und wurden reichlich belohnt. Und trotzdem sind nicht alle glücklich. Der Jüngste, der Vierzehnjährige, hat von seinem Vater, einem Busfahrer, kein Geschenk bekommen. Das Geld hat nur für eine Ziege gereicht, und die wurde dem älteren Bruder übergeben. Auch der wird heute zum Mann. Tatsächlich sind die Feste für die Familien eine teure Angelegenheit. Zwischen fünfzigtausend und dreihunderttausend Schilling (13 bis 82 Euro) geben Eltern für Geschenke, Verköstigung und Honorar des Beschneiders auf. Das ist viel Geld für ein Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen bei achtzigtausend Schilling liegt.

Bewegung kommt in die Gruppe. Ein Mann im roten Kapuzenpulli treibt die Jungen an. Sie springen hoch, marschieren tanzend die Straße hinab, kommen an einer Bananenstaude vorbei. Dreimal müssen sie die Pflanze umrunden, so will es die Tradition. Dann stoppen sie vor einer Hütte. Schon wird es laut. Leinensäcke werden auf dem Boden ausgelegt. Immer mehr Menschen kommen herbei. An der Böschung der Straße stehen die Freunde und Verwandten der sieben Jungen - mehr Menschen, als das ganze Dorf zählt, scheinen jetzt hier zu sein. "No pain without gain" hat jemand an die Hütte gemalt. Kabangi ist als Vierter an der Reihe. Er wird nach vorn geschubst, die Zuschauer drängeln, schreien, kämpfen um den besten Blick, einer geht fast zu Boden, hält dabei das Mobiltelefon in die Höhe, um ein Foto zu machen. Kabangi springt auf den Platz, wie ein Bodenturner reißt er die Arme hoch. Schon blitzt das Messer in den Händen des Beschneiders. Kabangi hält die Arme nach unten. "Sei tapfer", schreien die Zuschauer, "bewege dich nicht!" Und tatsächlich, Kabangi rührt sich nicht. In seinem Gesicht ist kein Zucken zu erkennen. Er schließt nicht einmal die Augen. Ein Pfiff. Schon ist es vollbracht, Kabangi reißt die Arme nach oben. Wie ein Gewichtheber hält er den Wedel in die Höhe. Die Menge jubelt. Ein Mann drängt durch die Menge, dann streckt er die Arme in den Himmel und ruft auf Englisch: "Das ist in unsere Tradition. Eine schöne Tradition!"

Erst in der Nacht dürfen die Jungen Schwäche zeigen

Die Regierung von Uganda hält nicht viel davon. Die Gefahr von Infektionen durch unsaubere Messer und schlechte Nachsorge seien zu groß. Sogar der Präsident Yoweri Museweni wollte die Beschneidungen schon verbieten lassen, sollten sich die hygienischen Umstände nicht bessern. Lieber verzichte er dafür auf ein paar Stimmen, sagt er. Doch es gibt auch eine andere Seite. Die amerikanischen National Institutes of Health haben im Jahr 2006 in Uganda und Kenia die Übertragung von HIV bei Männern ohne Vorhaut untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Das Risiko einer Übertragung sinkt bei beschnittenen Männern um fast sechzig Prozent. Die besondere Zellstruktur und die Verletzungsanfälligkeit der Vorhaut ist offenbar ein idealer Nährboden für den Erreger. Betrand Auvert, Autor einer ähnlichen Studie in Südafrika, schätzt sogar, dass Beschneidungen bis zum Jahr 2026 etwa 5,7 Millionen HIV-Infektionen und drei Millionen Aids-Todesfällen weltweit vorbeugen könnten. Mittlerweile empfehlen die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation die Beschneidung in Gebieten mit hoher Aids-Rate ausdrücklich - vorausgesetzt, sie werden unter sterilen Bedingungen durchgeführt und sie bleiben nicht der einzige Schutz vor dem Virus.

Nach fünfzehn Minuten ist es für alle vorbei. Die Jungen sitzen nun auf einer Bank, Blut tropft zwischen ihren Beinen auf die Leinensäcke. Sie trinken aus Fanta- und Cola-Flaschen und kauen auf Chapati, Fladenbrot. Dann breitet sich noch einmal Unruhe aus. Der Beschneider flüchtet durch die Menge, gleich mehrere Männer aus den Nachbarorten stürmen hinterher. Sie wollen ihn zu einem Termin in den nächsten Tagen überreden.

Einen Tag später sitzen die Jungs auf Klappstühlen in einer Reihe vor der Hütte. Zwei Tage werden sie hier isoliert, dürfen kein Fleisch essen und kein Bier trinken. Erst am dritten werden sie gewaschen und können zurück zu ihren Familien. Es war keine ruhige Nacht. Der Jüngste hat viel geweint, sie haben ihn zu einem Arzt gefahren. Sie sagen, dass die Tränen nur Ausdruck seiner Wut auf den Vater sei wegen des fehlenden Geschenks. Inzwischen aber soll sich der Vater auf den Weg in die Stadt gemacht haben, um eine weitere Ziege zu kaufen. Niemand macht dem Jüngsten einen Vorwurf. Jetzt dürfen die Jungen Schwäche zeigen, denn hier sind sie unter sich.

Anreise: Ethiopian Airlines (www.flyethiopian.de) fliegt von Frankfurt aus über Addis Abeba nach Entebbe (etwa vierzig Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt). Die Fluggesellschaft KLM bietet Flüge dorthin über Amsterdam und Kenia an (Internet: www.klm.de), Brussels Airlines (Internet www.brusselsairlines.de) via Brüssel und Turkish Airlines (Internet: www.turkishairlines.de) über Istanbul. Die Preise beginnen bei etwa 700 Euro. Für die Einreise ist ein Visum erforderlich. Auskünfte dazu gibt es im Internet unter www.ugandaembassyberlin.de oder direkt bei der Botschaft von Uganda, Axel-Springer-Straße 54A, 10117 Berlin, Telefon: 030/2060990 - Unterkunft: In der Nähe der Sipi-Wasserfälle gibt es zahlreiche einfache Unterkünfte, die meist auch Touren ins Elgon-Gebirge anbieten. Zu den komfortableren Hotels zählen die Sipi River Lodge (Internet: www.sipiriverlodge.com) und die Lacam Lodge (Internet: www.lacamlodge.co.uk). - Informationen: Die Internetseiten des Konsulats von Uganda in München (www.konsulat-uganda.de) und des Tourismusbüros in Uganda (www.visituganda.com) bieten umfangreiche Reiseinformationen.

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