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Veröffentlicht: 28.08.2015, 14:17 Uhr

Typisch deutsch (4) Die wahre Geschichte der Kuckucksuhr

Bollenhutmädchen, Schwarzwaldklinik und natürlich die Kuckucksuhr – das sind die Symbole, die nicht nur den Schwarzwald, sondern das Bild von ganz Deutschland geprägt haben.

von
© Andrea Diener Trachtenmädchen Jana leidet bei 39 Grad im Schatten nicht schlecht – alles fürs Foto im Heimatmuseum Vogtsbauernhof.

Ganz im Ernst: Ich habe mir eine Kuckucksuhr gekauft. Ein schlichter Kasten aus schön gemasertem Kirschholz ohne Zierrat, aber ansonsten mit allem, was eine Kuckucksuhr ausmacht: Pendel, zwei Gewichte für Uhr- und Schlagwerk, alles mechanisch und natürlich ein Kuckuck hinter einem Kläppchen. Echte Handarbeit aus dem Schwarzwald und überhaupt nicht vom Aussterben bedroht, im Gegenteil: Die Nachfrage nach Kuckucksuhren ist momentan so groß, dass man mit der Fertigung von Uhrwerken kaum nachkommt. Zehn Manufakturen gibt es heute noch, etwa sechshundert Menschen leben von der Uhrenproduktion.

Andrea Diener Folgen:

Wie konnte das passieren, dass aus dem Symbol deutscher Kleingeistigkeit, diesem Kitschaccessoire des Gelsenkirchener Barock, ein Objekt wird, das man sich wieder guten Gewissens in die Wohnung hängt? Und wie konnte aus diesem etwas albernen Holzkasten mit Blasebalg und Zweitonflöte das – also: das! – deutscheste aller deutschen Produkte werden? Gefertigt, geht es nach der Phantasie der Käufer, tief im Wald in strohgedeckten Holzhäusern von rotwangigen Mädchen, die auf ihren Köpfen riesige Bollenhüte balancieren und tagein, tagaus Schwarzwälder Kirschtorte futtern? Es gibt entsetzlich viele Klischees, die sich um den Schwarzwald ranken und ihn allzu oft als die urdeutscheste Region überhaupt erscheinen lassen. Mein Bild vom Schwarzwald war von ebendiesen Vorstellungen geprägt, gestützt durch jahrelangen Schwarzwaldklinik-Konsum mit meiner Mutter auf dem heimischen Frankfurter Sofa. All das sorgte bislang für eine gesunde Distanz zu dieser Gegend.

Bollenhutkitsch an der Schinkenstraße

Und auf den allerersten Blick erscheint alles genau so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe: Die Menschenmassen, die sich durch das Örtchen Triberg wälzen und stöckchenbewehrt in Kolonnen zu den berühmten Wasserfällen hochkeuchen, die neonbeleuchteten Kuckucksuhren-Kaufhallen am Wegesrand, die vom winzigen China-Imitat bis hin zur penibel rekonstruierten historischen Uhr für Tausende Euro alles anbieten, dazu körbeweise Schneekugeln und Trachtenpüppchen und natürlich Bollenhutkitsch. Nebenan die hölzernen Verkaufsbuden, die sich „Schinkenstraße“ nennen – allein die Vorstellung! –, darüber stapeln sich Terrassencafés, die so tun, als seien sie totally german Biergärten. An den Wirtschaften hängen Schilder, auf denen „We don’t have Pizza“ steht – unqualifizierte Nachfrage nach italienischen Fladen scheint hier ein ärgerliches Dauerproblem zu sein. Der Schwarzwald mag schön sein, den Auftrieb in Triberg hingegen kann man nicht unbedingt zur Erholung anempfehlen.

© Erich Spiegelhalter/STG, Deutsche Welle Die schönsten Ecken des Schwarzwalds

Nebenan im gleich viel ruhigeren Schonach sitzt ein Trüppchen im Garten vor der „Ersten Weltgrößten Kuckucksuhr“ der Familie Dold, die so lange die weltgrößte war, bis man im unersättlichen Triberg eine noch größere baute. „Lovely“ und „very cute“ finden die amerikanischen Damen den behäbigen Kuckuck in Dobermanngröße, der sich schnarrend aus seiner Luke quält. Opa Dold war Uhrmacher und bastelte einst dieses Wunderwerk, nun lebt seine Familie von der Besichtigung und dem Verkauf von Souvenirs: Uhren, Kühlschrankmagnete, alles mit Bollenhut.

Aber das alles ist nur die eine Seite. Andererseits nämlich ist die Uhrenmanufaktur bis heute ein nicht ganz unbedeutender Wirtschaftszweig, der ganz und gar nicht am Absterben ist. Man kann sich das zum Beispiel bei Rombach und Haas in Schonach anschauen, einer Uhrenmanufaktur, die seit 1894 besteht und in einem Kaufmannsladen ihren Anfang nahm. In den alten Holzregalen des Ladens liegt heute Karton um Karton, in den Schütten für Mehl und Zucker werden die Gewichte und Zierelemente aufbewahrt. Im vorderen Teil, dem Büro und Verkaufsraum, sitzt Conny Haas und bemalt Uhrenschilder: Bunte, barocke Blüten auf cremeweißem Untergrund.

35914792 © Andrea Diener Vergrößern Ein dobermanngroßer Kuckuck: Die Dolds in Schonach sind stolze Besitzer der ersten weltgrößten Kuckucksuhr.

Da hat Putin gleich nachbestellt

„So fing das ursprünglich an“, erzählt sie, „mit solchen Schilderuhren. Die werden seit der Barockzeit hier gefertigt.“ Und natürlich gibt es bei Rombach und Haas auch viele Nachbauten solcher historischen Modelle, dazu Kuckucksuhren aller Arten. Wirklich Furore machten Ingolf Haas und seine Frau aber erst, als sie 2005 begannen, moderne Kuckucksuhren zu entwerfen: Klare Kuben, teilweise bemalt, teilweise zitiert ein zierliches, aufgesetztes Hirschgeweih die Holzschnitzwucht der alten Uhren. Es gibt welche, die aussehen wie Vogelhäuschen, und Uhren mit Glasfront, die ihre Funktionsweise offenlegen. „Die hier hat Jogi Löw“, sagt Ingolf Haas und deutet auf ein schlankes, schwarzes Vogelhäuschen. Und die rote mit dem weißen, fein ausgesägten Bundesadler hat Angela Merkel einmal an Putin verschenkt. „Hinterher rief das Sekretariat vom Putin an und hat zwei Stück nachbestellt“, sagt Conny Haas.

Am Anfang war es schwer. Die Menschen haben ein Bild, wie eine Kuckucksuhr auszusehen hat – Holz, Dachgiebel, Jagdgedöns –, und wer davon abweicht, ist offensichtlich von allen guten Geistern verlassen. „Wir sind richtiggehend angefeindet worden“, erinnert sich Ingolf Haas, „und nicht nur von Schwarzwäldern. Da riefen Leute aus Berlin an und haben uns gefragt, was wir mit der Kuckucksuhr anstellen! Aber da sieht man einmal, wie heilig diese Uhr den Leuten ist.“

Amerikaner kaufen gern historisches, Chinesen lieber bunt

Es dauerte ein paar Jahre, doch dann verkauften sich die modernen Kuckucksuhren auf einmal wie geschnitten Brot. „Mit den modernen Uhren erreichen wir wieder die Deutschen“, sagt Ingolf Haas. Menschen wie mich also, die sich nicht ironisch verrenken wollen, um sich am Ende so ein blätterbewehrtes Holzmonstrum in die Wohnung zu hängen, sondern etwas, das sie sich guten Gewissens anschauen können. „Die Amerikaner haben jetzt gern die ganz klassischen, historischen Modelle. Die haben vor ein paar Jahren noch diese bunten Häuser gekauft, in denen sich möglichst viel bewegt. Die kaufen jetzt die Chinesen.“

Hinter dem Kaufmannsladen ist die Werkstatt, in der alte Uhren zur Reparatur abgegeben werden. Hier entstehen die Uhren aus den Teilen, die von Zulieferern angekauft werden. „Aber wir bauen nicht nur Teile zusammen!“, sagt Ingolf Haas. Er ist schließlich gelernter Uhrmacher und hat an der Uhrmacherschule in Furtwangen gelernt, wie jeder Uhrmacher im Schwarzwald. „Das hier ist die Uhr, mit der wir es in den Manufactum-Katalog geschafft haben“, sagt er und zeigt mir ein ganz einfaches Häuschen mit Spitzdach und Emaille-Zifferblatt. „Ich wollte da unbedingt ins Sortiment, aber die haben sich erst gesträubt, die wollten keine Kuckucksuhr und waren x-mal hier, um uns zu prüfen. Jetzt aber sind wir der drittgrößte Lieferant bei Manufactum – mit nur einem Produkt.“

Die historische Genese ist komplex

Auf Manufactum-Deutsch liest sich der Katalogeintrag ganz wunderbar und als Geschichte einer einzig wahren, strengen Kuckucksuhr-Urform, die im Laufe der Zeit durch folkloristischen Zierrat bis zur Unkenntlichkeit verunreinigt wurde. Doch die historische Genese ist deutlich komplexer. Ich lasse sie mir von Richard Menke erklären, der mich im sehr sehenswerten Uhrenmuseum in Furtwangen herumführt, das gleich neben der Uhrmacherschule liegt und einst als Mustersammlung für die Lehrlinge diente.

35914777 © Andrea Diener Vergrößern Vom Bahnwärterhäuschen über das Kitschmonstrum bis zum Popobjekt: Die Evolution der Kuckucksuhr auf einen Blick – hier bei der Uhrenmanufaktur Rombach und Haas.

Vermutlich, so erzählt Herr Menke, kam das Uhrmacherhandwerk über Süddeutschland in den Schwarzwald. Die ersten Uhren, die hier gefertigt wurden, waren vollständig aus Holz – Buche für den Rahmen, Obsthölzer für das Werk. Vor 1700 hatten die Zifferblätter auch nur einen Stundenzeiger, das genügte. Dass es Bauern waren, die im Winter mal eben nebenbei Uhren bauten, hält er für eine Legende, auch wenn man genau diese Geschichte im Schwarzwald immer wieder hört. „Das waren schon richtige Handwerker, auch wenn die Werkstätten meist in die Höfe integriert waren. Überall, wo man an den Höfen viele Fenster sieht, da waren Werkstätten.“

Hier begann man im späten achtzehnten Jahrhundert damit, Schilderuhren herzustellen, wie sie heute von Conny Haas gefertigt werden, die klassischen Lackschilder mit Bauernmalerei. Anfangs waren sie noch aus Papier, und oft war das Frauenarbeit. Meist hatten die Uhren auch ein Schlagwerk aus Bronze- oder Glasglocken. Hauptlieferant für Glocken und Gewichte war damals der Gießereibetrieb von Samuel Siedle, heute der führende Hersteller von Türsprechanlagen.

„Knödelfresser“ und „Scherenschleifer“

Diese Uhrmacher waren Kleingewerbe, die Ware war jedoch weithin begehrt. So entstand sehr bald ein Vertriebsnetzwerk: zunächst über wandernde Händler, sogenannte Uhrenträger, die Mustergehäuse in einer Kiepe herumtrugen und Aufträge entgegennahmen. Bald richteten die Schwarzwälder jedoch Handelsstützpunkte ein, auch international, etwa in Straßburg und London. Für die unterschiedlichen Märkte fertigten sie unterschiedliche Uhrenschilder an: helle, klare Motive für die Engländer, meist sehr groß für den Einbau in Standuhren. Die Franzosen bevorzugten es bunt und üppig, die Spanier mit strengem schwarzen Rahmen und gerne Esel- und Stiermotiven. Die Russen mochten ihre Uhren blau, der Balkan hatte eine Vorliebe für runde Uhren, und für das Osmanische Reich malten die Handwerker auch türkische Ziffern auf. Es gab also eine Zeit, in der die Schwarzwälder Uhrenproduktion genau das Gegenteil von muffiger Heimattümelei war.

Ungefähr um 1780 kommt endlich der Kuckuck ins Spiel. Wem die einfachen Schilderuhren zu langweilig waren, der schaffte sich mechanische Spielereien an, das war damals hochmodern. Im Museum sind etwa der „Knödelfresser“ und der „Scherenschleifer“ in Aktion zu sehen, putzige Figürchen, die sich zur vollen Stunde behäbig in Bewegung setzen. Eine der ältesten Kuckucksuhren hängt hier auch, eine klassische Schilderuhr mit Kläppchen über dem Zifferblatt. All das sind keine Schwarzwälder Erfindungen, solche Modelle waren in ganz Europa verbreitet.

Eine Reminiszenz an die Industrialisierung

Nun war es aber so, dass der Herzog von Baden im Jahre 1850 die Uhrmacherschule zu Furtwangen gründete. Der Ingenieur Robert Gerwig, über den man hier an jeder Ecke stolpert, wurde zum Schuldirektor ernannt. Dieser im Schwarzwald weltberühmte Mann hat außerdem den Großteil der bis heute wichtigen Schwarzwaldbahn geplant, ein paar Straßen dazu, und politisch war er auch tätig. Vor allem aber nahm sich der Ingenieur des damals schwächelnden Uhrmachergewerbes an. Mit den bunten bauernbemalten Schildern konnte man keinen müden Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, es musste etwas Neues her, etwas Innovatives. Also schrieb Gerwig einen Gestaltungswettbewerb für ein neues Uhrgehäuse aus.

Der Siegerentwurf eines gewissen Friedrich Eisenlohr lehnte sich an die Bahnwärterhäuschen der Schwarzwaldbahn an, hatten also eigentlich gar nichts mit Waidwerk und Waldeseinsamkeit am Hut, sondern waren eine Reminiszenz an die im Schwarzwald florierende Industrialisierung. Als Besonderheit wurde der längst schon bekannte und erprobte Kuckuck eingebaut. Eisenlohr war auch der Architekt für die meisten Bauten entlang der badischen Staatseisenbahn. So schlicht, wie der Manufactum-Katalog uns glauben machen möchte, war der ursprüngliche Entwurf allerdings nicht; das Bahnwärterhäuschen war mit einem filigranen neogotischen Rahmen aus laubgesägten Blätterranken versehen.

Konvolute tot herumbaumelnden Niederwilds

Nur zehn Jahre nach dem Entwurf beginnt die Verkitschung. Die Schnitzereien werden immer dreidimensionaler, immer wuchtiger, das Bahnwärterhäuschen wird zur Jagdhütte mit Hirschköpfen, Geweihen und Gewehren, bergeweise Eichenlaub und ganzen Konvoluten tot herumbaumelnden Niederwilds. Für die Touristen, die die Schwarzwaldbahn unermüdlich in die Gegend schaffte, waren die Uhren ein beliebtes Souvenir und gerieten bald nicht nur zum Symbol für die Region, sondern besonders für ausländische Touristen zum Zeichen für ganz Deutschland.

35914788 © Andrea Diener Vergrößern Gabriele Aberle, eine der letzten Bollenhutmacherinnen, baut ihre Sammlung im Heimatmuseum Vogtsbauernhof auf.

Die Touristen fanden eine ländliche Gegend vor, voller dunkler Täler, dunkler Wälder, denen die Ackerflächen mühsam abgetrotzt werden mussten, und mit den berühmten Schwarzwaldhöfen mit den tiefen, roggenstrohgedeckten Dächern, die sich in die Landschaft duckten. Ein lebensecht eingerichtetes Exemplar ist der Vogtsbauernhof im gleichnamigen Freilichtmuseum. Man betritt das Haus wie eine Höhle, ständig muss man über Schwellen steigen oder sich unter Türstöcken bücken. Die Küche ist tiefschwarzgeräucht, denn dort hingen die Schinken im Ofenqualm und tropften unablässig Fett in die heute sprichwörtlichen Fettnäpfchen, die darunter aufgestellt waren. Die Kammern waren winzig, der größte Teil des Hofes ging für Vieh und Strohlagerung drauf. Oben im Dachgiebel unter der meist sehr ausgefeilten Balkenkonstruktion hing ein vor sich hinverwesender Ochsenschädel und brachte hoffentlich Glück ins Haus.

Inmitten all der eher minderromantischen Realität des historisch akkuraten Agrarwesens treffe ich in der Bauernstube auf Gabriele Aberle, ihres Zeichens eine der letzten Bollenhutmacherinnen überhaupt. Und weil Frau Aberle so gut erzählen kann, ist sofort die Bude voll, wenn sie ihre Hutsammlung aufbaut. „Niemand weiß, dass es eigentlich nur drei Gemeinden sind, in denen der Bollenhut getragen wird“, sagt sie, nämlich Gutach, Kirnbach und Reichenberg. Die wurden im Jahr 1797 dazu aufgefordert, sich einen Hut zu entwerfen, und da nähten sie vierzehn Bommeln kreuzförmig - die Tracht wird ja hauptsächlich in der Kirche getragen - auf einen Strohhut. Rote Bommeln für junge Frauen, schwarze Bommeln für die verheirateten. Im Laufe der Zeit wurden diese Bommeln immer größer und schwerer, und der Hut konnte sie kaum noch tragen. Da nahm man kurzerhand etwas Gips und bestrich das Stroh damit. Drei Pfund wiegt so ein Hut heute.

Sie malten Vieh, Bauernhöfe, Trachtenmädchen

Und wie kommt es, dass ausgerechnet diese kuriose Tracht zur Ikone der Gegend, ja eigentlich eines ganzen Landes werden konnte? Frau Aberle findet das schade, denn die anderen Gemeinden hätten ja auch wunderschöne Trachten. Allerdings gab es in der Bollenhutgemeinde Gutach an der Schwarzwaldbahn eine Malerkolonie, denn dort ließen sich um die Jahrhundertwende die beiden Künstler Wilhelm Hasemann und Curt Liebich nieder, viele folgten ihnen. Sie vor allem waren es, die ihre Staffeleien im Freien aufstellten, um en plein air die Bauernhöfe und die Menschen bei der Arbeit, das Vieh und eben auch die Mädchen in ihren Trachten zu malen. Die Genremotive wurden an Privatsammler und als Postkarten verkauft und machten auf diese Weise Werbung für die Gegend.

Und so ging das dann weiter: die Operette „Schwarzwaldmädel“, die 1917 uraufgeführt wurde, die Verfilmungen von 1920, 1929 und 1933 und natürlich der berühmte frühe Farbfilm von 1950 mit Paul Hörbiger und Sonja Ziemann in den Hauptrollen. Im gleichen Jahr entstand auch der erste DDR-Farbfilm: „Das kalte Herz“ des Regisseurs Paul Verhoeven – der Vater von Michael – nach dem Märchen von Wilhelm Hauff. Allerdings durfte Thüringen darin den Schwarzwald verkörpern, da ist es ja auch schön und grün.

Immer wieder diente der Schwarzwald als Heilewelt-Kulisse für Handlungen voller heiterer Liebesirrungen und -wirrungen. Als Autor Herbert Lichtenfeld undProduzent Wolfgang Rademann für einedeutsche Version der sehr erfolgreichen tschechischen Serie „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ einen Drehort suchten, verfiel man im Gegensatz zum eher städtischen Setting der tschechischen Serie auf eine ländliche Kulisse. Im Glottertal fand man das Gebäude für die Außenaufnahmen, den Carlsbau, eine Fachklinik für Psychosomatik.

„Die Schwarzwaldklinik hat mein Leben verändert“

Direkt am Fuß der Privatstraße, die zum Carlsbau hochführt, liegt das Café Schill. Und wenn man hören will, was die bis heute erfolgreichste deutsche Fernsehserie mit dem kleinen, langgestreckten Dorf Glottertal gemacht hat, fragt man am besten Herrn Rolf-Fritz Schill persönlich. Vor allem aber sollte man das Café besuchen, in dessen Räumen es vor Fotos und Reminiszenzen nur so wimmelt.

„Die Schwarzwaldklinik hat mein Leben verändert“, sagt er, und man glaubt es sofort. Die Dreharbeiten vor seiner Haustür, die Nähe zu den Darstellern und zu Produzent Rademann, später die Buslawinen, die über Glottertal hereinbrachen, das kann einen Friseurladenbesitzer, denn als solcher begann Schill sein Geschäft, schon einmal gründlich aufschrecken. Er ließ also das Frisieren sein, richtete einen Souvenirladen nebst Café ein und wurde zur Anlaufstelle und zum Auskunftsbüro für die Fan-Scharen, die zu der heiligen Stätte deutscher Fernsehunterhaltung pilgern wollten und erstaunlicherweise bis heute wollen. Denn die Gemeinde Glottertal gibt sich nicht allzuviel Mühe, so Schill, das Erbe zu pflegen. Tatsächlich sucht man lange nach Hinweisen. Die einzige Infotafel hat der Cafébesitzer aufgestellt.

Glücklicher wird der Schwarzwaldklinik-Pilgerer in Grafenhausen. Einmal am touristenumwimmelten Titisee vorbei und am sehr viel entspannteren Schluchsee links ab, dann steht man einerseits vor der Brauerei des beliebten Rothaus-Bieres, andererseits befindet sich in Sichtweite das Museum Hüsli. Berühmt wurde es als Wohnhaus des Schwarzwaldklinik-Chefarztes Professor Klaus Brinkmann.

Wenn Schwarzwaldklinik-Fans in Tränen ausbrechen

Heute wohnt hier niemand mehr, bis auf die Verwalterin Milena Avila, die eine kleine Dienstwohnung bezogen hat. Zu Schwarzwaldklinikzeiten war sie noch nicht hier, aber manche Bande halten bis heute: Für später im Jahr hat sich Besuch angesagt – der Schauspieler Jochen Schroeder, der einst den Pfleger Mischa spielte, kommt vorbei. „Dann sitzen wir in Jogginghose oben auf dem Sofa und gucken alte Folgen. Jochen erzählt mir dann immer, was bei jeder Szene schiefgelaufen ist“, erzählt Avila. Richtige Freundschaften seien da entstanden, und Gruppen kommen bis heute aus aller Welt. Das sei schon rührend manchmal, wie bei dem israelischen Schwarzwaldklinik-Fanclub, der neulich da war, da sei eine Besucherin beim Betreten der heiligen Hallen regelrecht in Tränen ausgebrochen.

35914795 © Andrea Diener Vergrößern Wo sich Professor Brinkmann von der harten Krankenhausschicht erholt: Das Museum Hüsli ist eigentlich kein echtes Schwarzwaldhaus.

Dabei ist das Hüsli gar kein echtes Schwarzwaldhaus. Es wurde 1911 von der Berliner Fabrikantentochter und Opernsängerin Helene Siegfried als Sommerfrischehäuschen erbaut. Mit ihrem Architekten fuhr sie durch die Gegend und schaute sich an den alten Höfen bauliche Details ab, die sie dann übernahm – die Enge und die verräucherte Küche natürlich nicht. Zusammen mit Originalbauteilen wie Türen und Öfen, mit bemalten Holzpaneelen und Schnitzkunstwerken bastelte sie sich ihr Gesamtkunstwerk zusammen, das schwarzwäldischste aller Schwarzwaldhäuser überhaupt, eine romantische Vision vom einfachen Landleben in unverdorbener Umgebung, aber dank der benachbarten Brauerei mit fließendem Wasser und Strom in allen Zimmern versorgt. Denn das ist ja eigentlich der Idealzustand: So schön wie früher und so bequem wie heute.

Inzwischen hat sich der Tourismus wieder eingepegelt, die unglaublichen Massen, die vor allem nach der Wende anreisten, gibt es nicht mehr. Dem allerschlimmsten Andenkenbudengewusel lässt sich leicht aus dem Weg gehen, denn der Schwarzwald ist groß, es ist nach hundert Jahren Kunst und Tourismus, Landschaftsverklärung, Dreharbeiten und Souvenirtrödel immer noch genug Platz für einsame Täler und handgefertigte Uhrwerke, die man guten Gewissens mögen kann. Das ist die gute Nachricht: Die Verkitschung ist stark, aber sie hat noch lange nicht gewonnen.

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