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Tschechien : Mein wildes Mädchen, schwarz und treu

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Auch wir haben einen Hradschin: So nennen die Ostrauer ihr monumentales Hüttenwerk in Anspielung auf die berühmte Prager Burg. Bild: Richard Fraunberger

Ostrau war einmal das stählerne Herz Tschechiens, die Stadt der Kumpel und des Fortschrittsglaubens. Heute liegen die Kokereien, Zechen, Hüttenwerke brach – und doch wächst zwischen ihnen neues Leben.

          Von Birken und Farnen umstanden, keine fünf Autominuten vom Stadtzentrum Ostraus entfernt, liegt Tschechiens beliebtester Vulkan. Er ist 315 Meter hoch, hat eine Fläche von 82 Hektar, und in seinem Inneren herrschen Temperaturen von mehr als tausend Grad. Steil und rutschig ist der Weg hinauf, Kohlesplitter liegen im Gebüsch, aus Erdlöchern strömt Schwefeldioxid. „Vulkan Ema“, so nennen die Bewohner Ostraus ihren dampfenden Berg. Kein Schnee bleibt im Winter auf ihm liegen, denn hier herrscht subtropisches Klima. Familien pilgern zum Sonnenuntergang zum Vulkan hinauf, Jogger drehen zu seinen Füßen ihre Runden, und zu Silvester feiern dort Jugendliche ins neue Jahr hinein. Ema ist ganz zahm, spuckt weder Lava, noch brodelt es in ihr. Denn in Wirklichkeit ist Ema eine bewaldete Abraumhalde, das Ergebnis einer jahrzehntelangen Aufschüttung von vier Millionen Kubikmetern tauben Gesteins, in dem Restkohle einen Schwelbrand entfacht hat.

          Ema ist nur eine von zahllosen Halden im mährischen Kohlerevier. Doch sie ist der schönste Aussichtspunkt Ostraus, das dampfende Symbol einer aus Kohle geborenen Stadt. Jeden Tag versammeln sich Touristen auf ihr und blicken hinab auf das von der Abendsonne golden beschienene Häusermeer Ostraus, aus dem die Glieder eines toten Industriedinosauriers ragen – Fördertürme, Hochöfen, Kraftwerke, Schlote und riesige oberirdische Rohre, Relikte einer untergegangenen Zeit, in der sich Wohlstand in Stahl und Kohle maß.

          Das stählerne Herz kam zum Stillstand

          Ostrau, im Norden Mährens an der Grenze zu Polen gelegen, dreihunderttausend Einwohner, drittgrößte Stadt Tschechiens, einst das stählerne Herz des Landes, Stadt der Kumpel und des Fortschrittsglaubens, ein unterkellertes Ungetüm, in dem die Menschen zwischen Gruben, Halden und Hüttenwerken lebten, ist heute das Trendziel Tschechiens. Und das trotz oder gerade wegen ihres Rufes – Maloche, Smog, Schwerindustrie –, den die Stadt abzuschütteln versucht wie eine lästige Fliege.

          Doch Geschichte ist kein Insekt, das man sich mit einer Klatsche vom Halse schafft. Tief hat sie sich in Ostraus Gesicht gegraben. 1828 stampften Wiener Bankiers und ein Olmützer Erzbischof aus den Kartoffeläckern des Kronlands Mähren die größten Eisen- und Stahlwerke der k.u.k. Monarchie, weil man unter der Erde den Treibstoff der Industrialisierung fand: Kohle. Über die Ferdinand-Nordbahn an Wien und Krakau angeschlossen, erwuchs ein Industriezentrum, in dem sich Geschäftshäuser, Banken, Villen und Arbeitersiedlungen wie ein Gürtel um Zechen und Hüttenwerke legten.

          Vereinzelt fließt der Stahl noch in Ostrau, so wie hier bei Mittal. Der Grund, diese Stadt zu besuchen, ist jedoch ein anderer.
          Vereinzelt fließt der Stahl noch in Ostrau, so wie hier bei Mittal. Der Grund, diese Stadt zu besuchen, ist jedoch ein anderer. : Bild: Reuters

          Bis zur samtenen Revolution 1989 deckte die Stadt fast den gesamten Koks-, Roheisen- und Stahlbedarf des Landes und belieferte zusätzlich die sozialistischen Bruderländer mit Kohle und Maschinen. Sie war die Hochburg der Arbeiterklasse, in der es mehr Arbeitsplätze als Einwohner gab. Und sie war eine Schimäre, die die Wende nicht überlebte. Längst sind die meisten Zechen und Kokereien stillgelegt und nahezu alle Hochöfen erloschen. Zu unrentabel waren die Betriebe, zu veraltet die Anlagen, zu aufgebläht die Belegschaften. Industriebrachen erwuchsen, und vor den Toren verschlossener Werkshallen schlugen Sträucher Wurzeln. Das stählerne Herz kam zum Stillstand. Doch nun pocht es wieder.

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