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Tropical Islands : Wenn die Tropen Trauer tragen

Die Südsee. Oder zumindest eine Truman-Show-Version davon. Bild: Andrea Diener

Tropical Islands, das Exotiksurrogat in einer brandenburgischen Halle, ist Deutschlands elftbeliebteste Sehenswürdigkeit. Wie um Himmels Willen konnte es soweit kommen?

          Der Zug hält im brandenburgischen Nirgendwo. Rechts Wald. Links ein Stück Wiese, drauf ein verfallenes Ziegelhaus, dann Wald. Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Kilometer vom Bahnhof Brand (Niederlausitz) entfernt Deutschlands elftbeliebteste Sehenswürdigkeit zu finden ist. Der Shuttlebus mit großflächigem Palmendruck und Papageien-Sitzmuster groovt uns ein. In Endlosschleife läuft das Werbevideo, das glückliche Werbepaare dabei zeigt, wie sie Werbepaardinge tun: wildromantisch Gitarre spielen, sich mit bunten Glitzerpalmencocktails zuprosten und mit erhobenen Händen Wasserrutsche rutschen. Hui! Dabei läuft das Spaßbad-Werbelied in Dauerschleife: „If you wanna relax, if you wanna just let me be – Tropical Islands“, säuselt es uns an. Meine jugendliche Begleiterin säuselt mit, denn sie hat das Video schon ungefähr fünfmal gesehen, weil sie nicht glauben konnte, was sie sah.

          „Ich muss aba noch ’n Momentsche warten, die Putzfrau steicht noch zu“, sagt der Busfahrer. Die kommt nämlich mit dem Gegenzug, sonst kommt niemand, und wir nehmen mitsamt Putzfrau Kurs auf die Tropical-Islands-Allee 1 in besagtem Brand (Niederlausitz). Gerade als wir denken, da kommt nichts mehr außer Wölfen, erhebt sich die riesige, bunt beleuchtete Kellerassel aus der Prärie. Hier wollte mal ein Unternehmen Lastzeppeline bauen. Cargolifter nannte man sich – und steuerte millionensubventioniert in die Pleite. Nun steuert hier, in der weltweit größten freitragenden Halle, ein malaiischer Gemischtwarenkonzern mit einem Indoor-Urlaubsparadies millionensubventioniert auf ansatzweise schwarze Zahlen zu.

          Am Eingang ist alles ganz profan. Glastüren, Beton, ein Check-in mit dem Charme einer Baumarktkasse. An den Bezahlautomaten vorbei geht es zu unseren Zimmern. Wir sind im Piratendorf untergebracht, genau das Richtige für alle, denen die Piratenvolkstümlichkeit der echten Karibik schon immer viel zu authentisch vorkam. Im Piratendorf gibt es einen fahl leuchtenden Getränkeautomaten, Kofferkulis und ziemlich viel Patinasimulation. Unser Balkon hat sogar Zinnen, wir klopfen dagegen, sie klingen hohl. Der Blick geht hinaus über ein paar Dächer, ein riesiges Transparent, das für einen Radiosender wirbt, und ein bisschen Baustelle, denn im Paradies wird gebaut. Das Paradies braucht neue Übernachtungsmöglichkeiten, damit das Paradies profitabler wird.

          Minigolf: Nur eine der vielen Attraktionen unter der Kuppel.
          Minigolf: Nur eine der vielen Attraktionen unter der Kuppel. : Bild: Andrea Diener

          Schlumpfblauer Slushie aus der Plastikananas

          Wir entschließen uns zu einem Abendspaziergang. Durch den Dschungel führt ein breiter, gepflasterter Weg zur Südsee, dem großen Badeareal mit dem Wolkenhorizont. Der sorgt dafür, dass man sich noch mehr fühlt wie in der „Truman Show“ als ohnehin schon. Abends leuchten die Wolken violett, und am Rande hängen sie etwas faltig herum. Auf den Liegen haben sich ein paar Schläfer unter ihren Handtüchern häuslich eingerichtet und schnarchen leise vor sich hin. Die Bar verkauft Cocktails und Bier in Plastikbechern. Leise schwappt Wasser. Wir schleichen uns wieder in unser Zimmer.

          Das Frühstück gibt es im Thai-Haus, im Restaurant mit dem hübsch sinnlosen Namen Jabarimba. Frühstücksbuffet mit Masse satt, süßer Konzentratsaft, Dosenobst und Volleiomelett aus dem Tetrapak. Man schaufelt sich drauf. Ein Schwarm Zebrafinken pickt die Krümel unterm Tisch weg, wir sind begeistert: endlich ein Stück Natur.

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