Der Stok Kangri, im Norden Indiens, hinter den hohen Bergen des Himalaja, verborgen in der Region Ladakh, ist ein Berg ohne besondere Anmut. Kein Berg wie das Matterhorn in der Schweiz, kein Berg wie der Alpamayo in Peru oder die Ama Dablam in Nepal, über die jeweils gesagt wird, sie seien der schönste Berg der Welt. Er gleicht eher einem Schutthaufen, an dem seit Jahrmillionen der Zahn der Zeit nagt. Gerade zum Gipfel hin muss jeder Schritt wohl überlegt und sicher gesetzt sein, um nicht abzurutschen. Und auf den letzten hundert Höhenmetern wartet ein Abschnitt mit Kletterei im brüchigen Fels, nicht schwierig, aber unangenehm.
Was den Reiz des Stok Kangri ausmacht, ist seine Höhe: 6153 Meter nach offiziellen Angaben, 6121 Meter, wenn man manchen Karten glaubt. Weil er relativ einfach zu besteigen ist, heißt es von ihm, er sei der am meisten bestiegene Berg Indiens. Das wird wohl übertrieben sein. Aber für viele ist er der erste Sechstausender, den sie in ihr Tourenbuch eintragen. Der Stok Kangri ist Höhenbergsteigen für Einsteiger. Damit wenigstens ein Hauch von Expeditionsgefühl aufkommt, heißt das letzte Lager vor dem Gipfel hochtrabend: Basislager. Für was es die Basis sein soll, erschließt sich nicht, denn weitere Lager, ein vorgeschobenes Basislager oder gar weitere Hochlager, wie man sie von den Achttausendern kennt, folgen hier nicht.
Achtzig Zelte auf 5000 Meter Höhe
Im Juli und August sind es achtzig Zelte und mehr, die von den Trekkinggruppen auf ziemlich genau fünftausend Meter Höhe aufgeschlagen werden. Einigen Bergsteigern genügt es, dieses Ort erreicht zu haben und ein bisschen von der Spannung einatmen zu können, die vor dem Start zu jedem Gipfel in der Luft liegt. Die meisten aber wollen ganz hinauf. Es ist ein anspruchsvolleres Trekking. Aber von vielen wird die Höhe unterschätzt. Dabei müsste man es von den Erkenntnissen am niedrigeren Kilimandscharo besser wissen. Von den etwa fünfzigtausend Bergsteigern, die jedes Jahr an dessen Flanken gezählt werden, erreicht nur jeder Dritte den Gipfel.
Was passiert, wenn der Mensch hoch hinaus will, bevor er seinen Körper an die Höhe gewöhnt hat, schrieb Alexander von Humboldt schon vor mehr als zweihundert Jahren auf. Bei seinem Versuch im Jahr 1802 in Ecuador den 6310 Meter hohen Chimborazo zu besteigen, leidet der Naturforscher unter Übelkeit, Magenschmerzen, blutendem Zahnfleisch und blutenden Lippen, blutunterlaufenen Augen und ständigem Schwindel. Seine Notizen sind die erste genaue Schilderung der Symptome der Höhenkrankheit. Mit seinen Begleitern Aimé Bonpland und Carlos Montúfar war Humboldt an dem Vulkan bis in eine Höhe von 5600 Metern aufgestiegen.
Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Ohrensausen
Erst viel später hat man herausgefunden, weshalb der Körper so reagiert. Mit steigender Höhe fällt der Luftdruck und damit der Sauerstoffpartialdruck in der Umgebungsluft. Damit wiederum nehmen der arterielle Sauerstoffdruck und die Sauerstoffsättigung ab. Die Leistungsfähigkeit sinkt - bei zweieinhalbtausend Metern bereits um zehn Prozent, und es treten erste Beschwerden und körperliche Veränderungen auf. In viertausend Meter Höhe sinkt die Leistungsfähigkeit um ein Viertel und in achttausend Metern sogar um fünfundsechzig Prozent.
Statistisch gesehen, hat jeder Zweite Probleme in Höhen oberhalb von viertausend Metern. Höhenkopfschmerzen können mehrere Tage anhalten. Lassen sie nach und man begibt sich bald darauf ein Stück höher, setzen sie prompt wieder ein. Hinzu kommen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Ohrensausen, Schlafschwierigkeiten. All diese Symptome sind Anzeichen der akuten Bergkrankheit. Lebensbedrohlich wird sie, wenn daraus ein Hirn- oder Lungenödem folgt.
Prosecco in den Hirnwindungen
Schnell hin, schnell rauf: Das funktioniert an hohen Bergen wie dem Stok Kangri eben nicht. Schon am Flughafen, gleich nach der Landung in Leh, merkt man, in welche Höhe man gebracht wurde. Die Landebahn liegt auf dreieinhalbtausend Metern. Nur wenige andere Flughäfen sind derart exponiert; La Paz noch und Lhasa. Beim Warten auf das Gepäck durchströmt den Körper ein Gefühl, als blubberte Prosecco durch die Hirnwindungen. Zu wenig Sauerstoff verursacht ähnliche Kopfschmerzen wie zu viel Alkohol. Und es schwächt. Ein paar Stufen im Hotel bringen einen schon außer Atem. Während man sonst gar nicht merkt, dass man atmet, spürt man hier in Leh jeden Atemzug. Augenblicklich beginnt man darauf zu achten, dass man nicht zu schnell geht und außer Atem kommt.
“Zeit lassen. Langsam gehen. Viel trinken“, lautet der gute Ratschlag für die Höhe. Touristen, die erst vor wenigen Stunden in Leh angekommen sind, erkennt man denn tatsächlich sofort an ihren langsamen Bewegungen. Treffen kann es jeden: Die Familie aus Südindien, die den Sommerurlaub im kühlen Norden verbringt und, gezeichnet von der Höhe, ganz langsam zu der buddhistischen Stupa am Ortsrand von Leh hinaufstapft. Den Amerikaner, der sich im Kloster Thiksey an eine Mauer gelehnt auf den Boden setzt, um Erleichterung von seinen Qualen zu finden. Oder den Schweizer, sehnig und durchtrainiert, der sich die Besteigung des Stok Krangri vorgenommen hat, noch aber von Kopfschmerzen und dem schlimmen Gefühl, womöglich bald zu ersticken, traktiert wird.
Geduld ist das Geheimnis des Erfolges
Fast von jedem Punkt in Leh aus, ist die Spitze des Stok Kangri zu erkennen. Agenturen, die es in der Stadt zuhauf gibt und die Raftingtouren auf Indus und Zanskar genauso im Angebot haben wie Mountainbike-Touren, werben mit handgeschriebenen Tafeln auch für Trekkings bis zum Gipfel. Aber für die, die mit Kopfschmerzen durch den Ort wanken, ist der Berg plötzlich ganz weit weg.
Höhenbergsteigen verlangt Ausdauer - nicht nur körperlich. Man muss geduldig sein, dem Körper Zeit geben, damit er sich an die Höhe gewöhnt und damit die Chancen steigen, den Gipfel bei guter körperlicher Verfassung zu erreichen. Um die Zeit zu überbrücken, steht deshalb bei den meisten Besuchern zunächst Kultur auf dem Programm: buddhistische Klöster, der Königspalast, ein Wehrturm und die Stupa in Leh. Fünfundvierzig Kilometer das Tal des Indus hinauf liegt außerdem das Kloster Hemis. Es ist mit fünfhundert Mönchen das größte und reichste Kloster Ladakhs. Und es hat vermutlich auch die steilsten Treppen. Wie soll das nur am Berg werden, denkt man unwillkürlich, wenn man schon in den Niederungen nach Luft japst. Kaum anders ist es in den Ruinen des Königspalastes von Shey, von wo aus sich das Indus-Tal mit den sumpfigen Grasebenen gut überblicken lässt. Und auch zum Kloster von Tiksey, das stark an den Potala in Lhasa erinnert und wohl eines der eindrücklichsten Zeugnisse des tibetischen Einflusses in Ladakh ist, geht es wieder bergauf.
Im Land der hohen Pässe
Dann beginnt das Trekking. Immerhin: Pferde werden in den kommenden Tagen das schwere Gepäck samt den Zelten tragen. Sie sind kaum größer als Ponys. Wie auch ausgewachsene Kühe in der Höhe Ladakhs kaum größer sind als bei uns die Kälbchen. Es sind ja selbst die Menschen hier kleiner als der durchschnittliche Europäer. Aber Kraft haben sie, die Pferdchen, vierzig Kilo trägt jedes von ihnen. Auch über die hohen Pässe, von denen es viele gibt - nichts anderes heißt Ladakh übersetzt: „Land der hohen Pässe“.
Zwei Tage dauert es, um vom ersten Lager am Zanskar-Ufer aus, aufgeschlagen unter Aprikosenbäumen, den fast fünftausend Meter hohen Kang-La-Pass zu erreichen. Blau-rot-gelb-grüne Gebetsfahnen flattern aufgeregt im Wind. Drei Tage später wird es über einen weiteren Pass in fast fünftausend Meter Höhe gehen.
Gute Freunde, schlimme Feinde
“Ist ein Tal nur über einen Pass zu erreichen, kommen bloß gute Freunde oder schlimme Feinde“, sagt ein Sprichwort in Ladakh. Touristen hingegen kommen eher nicht. So findet der Besucher in Ladakh abseits der ausgetretenen Touristenpfade immer noch einsame Routen. Begegnet man überhaupt jemandem, sind es meist einheimische Pferdekarawanen, deren Treiber die Fremden mit einem freundlichen „Julee, herzlich willkommen“ begrüßen.
Die Trekkingtage folgen einem festen Rhythmus. Um sieben Uhr bringen die Jungen aus der Küche Tee ans Zelt und eine Schüssel mit heißem Wasser für die Morgentoilette. Während der Koch die Fladen und Omelettes für das Frühstück backt, packen die Bergsteiger ihre Taschen, und die Pferdetreiber helfen dabei, die Zelte zu verstauen. Das schwere Gepäck wird von den Pferden übernommen. Den Bergsteigern reicht ein Tagesrucksack für Trinkflasche und Regenschutz. Vor dem Aufbruch gibt es im Messezelt das Frühstück. Dann geht es los.
Picknick auf dem Dach der Welt
Der einheimische Führer geht ein langsames Tempo. Fast könnte man ungeduldig werden. Immer wieder lugt der Stok Kangri hinter einem Bergkamm hervor. Mal geht in einem Monsunausläufer ein schweres Gewitter über dem Berg nieder, mal erstrahlt er vor tiefblauem Himmel im Sonnenlicht. Nur langsam rückt er näher. Die Vernunft sagt, dass es besser ist, es den Dzo-Herden, einer Kreuzung aus Yak und indischer Hauskuh, gleichzutun. Von ihnen könne man viel für die Akklimatisierung lernen, sagt der einheimische Führer. Langsam und gemächlich streifen die mächtigen Tiere durch die Landschaft und suchen an den kaum bewachsenen Hängen nach Fressbarem.
Zur Eile gibt es keinen Grund. Nur wenige hundert Höhenmeter sieht das Programm für jeden Tag vor. Und spätestens nach drei Stunden wird die Wanderung von einem Mittagessen unterbrochen: Picknick im Schatten eines Busches, von denen es in der kargen ladakhischen Hochgebirgswüste freilich nur wenige gibt, auf einer Hochfläche mit einem beeindruckenden Blick über die Ausläufer des Himalaja. Meist ziehen zur Mittagszeit die schwerbepackten Pferde im schnellen Tempo vorbei. Sie kommen ganz offensichtlich mit der Höhe gut zurecht.
Nichts ist dem Körper unmöglich
Auch wenn das Studium der Höhenkrankheit bis zurück zu Alexander von Humboldt führt, hat niemand bis heute vollständig verstanden, was genau passieren muss, damit sich der Körper großen Höhen anpasst. Und so gibt es vielerlei gutgemeinte Ratschläge. Einer lautet: „Climb high, sleep low“ - also: zum Schlafen ein wenig Hinuntersteigen. Ob das tatsächlich die Höhenanpassung verbessert, wurde wissenschaftlich nicht untersucht und wird von einigen Höhenmedizinern sogar bezweifelt. Manchen Gipfelaspiranten beruhigt es aber, nach der Tagesetappe noch ein paar Höhenmeter zurückzulegen, um wirklich alles getan zu haben, was dem Körper in der Höhe dienlich sein könnte. Andere machen es sich dagegen lieber im Zelt gemütlich und entspannen.
Jedenfalls stellt sich der menschliche Körper auf den Sauerstoffentzug ein, wenn man ihm genug Zeit dafür gibt. Als Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff besteigen wollten, waren Physiologen fest davon überzeugt, es sei unmöglich, ohne Sauerstoff aus Flaschen höher als achteinhalbtausend Meter zu klettern. Selbst wenn die Muskeln mitspielten, schade es mit Sicherheit dem Gehirn. Messner und Habeler haben bewiesen, dass es doch möglich ist.
Mit Stirnlampen durch die Dunkelheit der Nacht
Es muss ja nicht der Mount Everest sein. Eine Spur dessen, was den Körper am höchsten Berg der Erde erwartet, lässt auch ein Sechstausender durchaus erahnen. Die Etappe zum Gipfel startet mitten in der Nacht. Regentropfen klatschen gegen die Zeltplane. Der Regen soll aber bis zum Morgen nachlassen. Es gibt ein kleines Frühstück. Mit Stirnlampen auf dem Kopf marschieren wir durch die Dunkelheit. An einem steilen Hang zieht sich der Weg hinauf, dann durch ein langes Tal, das der Gletscher geschliffen hat.
Im Kopf entwickelt sich ein dumpfes Gefühl. Die Gedanken kreisen um die Frage, ob das Ziel nicht doch zu hoch gewählt war. Ein Gletscher wird überquert. Die Steigeisen können im Rucksack bleiben. Auf der anderen Seite wartet eine steile Flanke. Irgendwo dort oben muss der Gipfel sein, hinter Wolken verborgen. Das Ziel ist nicht zu sehen. Das Atmen fällt schwer. Langsam und mit Bedacht folgt ein Schritt dem nächsten. Dabei zeigt der Höhenmesser gerade einmal 5700 Meter an. Jetzt gilt es durchzuhalten. Auf dem Grat, an dem die Blockkletterei beginnt, kreuzt sich der Weg mit dem der ersten Gipfelbezwinger dieses Tages. Sie sind zwei Stunden früher gestartet und überglücklich und zufrieden über ihren Erfolg.
Die Stunde des Triumphes
Sieben Stunden nach dem Aufbruch erleben wir dieses Gefühl dann selbst. Die Wolken geben ein Fenster frei hinunter in das Tal des Indus und hinüber nach Leh. Ein paar Gebetsfahnen wehen im Wind. Es sieht aus, als wollten sie sagen: „Glückwunsch, 6153 Meter.“ Geschafft!
Pauschalarrangement: Trekkings in Ladakh mit umfassender Akklimatisierung und Besteigung des Stok Kangri hat Top Mountain Tours im Angebot. Die siebzehntägige Reise kostet 2990 Euro. Information im Internet unter: www.top-mountain-tours.de.
Literatur: Franz Berghold, Wolfgang Schaffert: „Handbuch der Trekking- und Expeditionsmedizin. Praxis der Höhenanpassung - Therapie der Höhenkrankheit“, München 2009, 15 Euro. Thomas Hochholzer, Martin Burtscher: „Trekking & Expeditionsbergsteigen. Ein medizinischer Ratgeber“, Köngen 2011, 29,80 Euro. Jutta Mattausch: „Ladakh & Zanskar. Handbuch für individuelles Trekking“, Verlag Reise Know-how, 23,90 Euro.