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Traditionen Über Gott und die Immobilien

 ·  Lagerfeuergespräche bei Glühwein und Punsch: Zum Biike-Brennen nach Sylt.

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© Freddy Langer Feuer auf dem Feld, Gelassenheit im Herzen: die Biike bei Morsum

Den Weg zur Biike wies uns das Licht. Ein orangefarbener Schein am Himmel, wie ein leuchtender Fetzen, der vom Sonnenuntergang zurückgeblieben war. Herausgerissen und irgendwie hängen geblieben im Schwarz der Nacht, hoch über dem Morsum-Kliff, wo er nun flatterte und flackerte. Es war der Widerschein eines Feuers, größer als ein Mehrfamilienhaus, aufgeschichtet aus Treibholz, Stroh und Pappkartons und einem ganzen Wald von vertrockneten Weihnachtsbäumen, die wie Zunder brannten und jetzt prasselten und knackten wie das Feuer in einem Kamin. Biike heißt auf Hochdeutsch Bake und bedeutet Feuerzeichen.

Seit tausend Jahren gibt es diese Feuer auf Sylt. Um Geister zu vertreiben vielleicht. Um den Winter zu vertreiben vermutlich. Um die Götter gnädig zu stimmen für das Gedeihen der Saat, so darf man annehmen. Keiner weiß es ganz genau, auch wenn der Sylter Volkskundler Christian Peter Hansen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herausgefunden haben wollte, dass die Menschen in vorchristlicher Zeit „Weedke tiare“ in die Flammen gerufen hätten, gerichtet an den höchsten aller Germanengötter: „Wodan zehre“. Ethnologen widersprechen dem heute. Unbestritten hingegen ist Hansens Verdienst, die im Verglimmen begriffene Tradition neu angefacht zu haben.

Zündstoff Luxuswohnungen

Wir kamen zu spät. Weit voraus brannte das Feuer längst lichterloh, und der Wind trug über das platte Land nur noch das Ende einer Rede zu uns, allerhand friesische Vokabeln, deren Sinn wir allerdings auch direkt unter den scheppernden Lautsprechern nicht verstanden hätten, so fremd ist diese Sprache. Nur ein Wort fiel heraus, wie ein Geschoss, Zündstoff buchstäblich: Luxuswohnungen.

Dem Zauber solch eines großen Feuers kann sich niemand entziehen. Kein Wunder, dass sich der Brauch erhalten hat, auch wenn die Anlässe wechselten. Jede Epoche, so scheint es, hatte ihren eigenen Grund für die Flammen. Mal waren sie als Abschiedsfeuer gedacht für die Seeleute, die am Ende des Winters, als das Eis aufbrach, zur Waljagd Richtung Grönland segelten. Mal als Freudenfeuer während der Jul- und Fastnachtsspiele, um das herum man ausgelassen tanzte. Das war nicht immer zum Wohlgefallen der Kirche, vor allem nicht, wenn das Feuerfest mitten in die Fastenzeit fiel - was spätestens dann immer wieder passierte, nachdem sich die Sylter ein für alle Mal auf den 21. Februar als festen Termin geeinigt hatten, den Tag vor dem „Piddersdai“, dem Petritag also, an dem von alters her beim Thing Gesetze gesprochen wurden und Entscheidungen gefällt. Bisweilen wird nicht zuletzt deshalb behauptet, die Biike sei auch eine Art „nationales“ Feuer gewesen, Zeichen einer Sammlungsbewegung gegen das Eindringen einer neuen Zeit. Das ist nicht allzu fern von dem Eindruck, den dieser Tage die Veranstaltung rund um den Feuerhaufen am Ortsrand von Morsum machte.

Heimatlose Millionäre

Bei Glühwein und Teepunsch zu je einem Euro hatten sich schnell ein paar Friesen am Stand der freiwilligen Feuerwehr gefunden, die zusammenfassten, was der Bürgervorsteher in harschem Ton auf Friesisch vorgetragen hatte: einen Aufruf, Verantwortung für die Heimat zu übernehmen, selbst über Sylt zu bestimmen, statt die Entscheidungen, wie er es formuliert hatte, dem „Spekulationskapital“ zu überlassen. Leicht gesagt, unterbrach sich die Gruppe selbst inmitten ihrer Übersetzung der kurzen politischen Ansprache. Was, bitte, fragten sie, soll man denn tun, wenn man ein Haus erbt, ein kleines Haus nur, das aber drei Millionen Euro wert ist, weil es in Deutschland genügend Menschen gibt, die meinen, um jeden Preis ein Feriendomizil auf Sylt zu brauchen. Dann zeigen Sie mir mal den, sagten sie, der seinen beiden Geschwistern je eine Million rüberschiebt, um in sein Elternhaus ziehen zu können. Und wenn es keine Geschwister gibt, fügten sie an, dann hätte trotzdem keiner das Geld, die Erbschaftssteuer zu bezahlen. „Heimatlose Millionäre“ nennt man auf der Insel jene Sylter, die mit sehr viel Geld aufs Festland gezogen sind.

Die Biike am Morsum-Kliff war nur ein Feuer von insgesamt elf an diesem Abend, und auch überall sonst zwischen Hörnum und List ging es um die „ungesunde Immobilienentwicklung“ und den Ausverkauf der Insel. „Das schlimmste Szenario wäre, wenn kein Mensch mehr auf Sylt dauerhaft wohnt“, zitierte die Lokalzeitung am nächsten Tag aus der Brandrede bei Westerland. „Dann kann es sein, dass Sylt nur noch eine leere Hülle ist, die man mit jedem Ort austauschen könnte, ohne Leben im Ort, ohne Gemeinschaft, aber sehr profitabel.“

Sternerestaurants statt Dorfgaststätten

Sylt leidet unter der Immobilienentwicklung. Immer mehr Häuser werden zu Zweitwohnsitzen, nur drei, vier Wochen im Jahr bewohnt. In Kampen brannte dieser Tage in etlichen Straßenzügen in keinem einzigen Haus Licht. Und der Feriengäste wegen sind auch die Mietpreise für Wohnungen ins Unermessliche gestiegen, zumindest für Familien. Drei Grundschulen wurden auf der Insel schon geschlossen, weil es in den Gemeinden keine Kinder mehr gibt. Und weil keine Dorfgaststätten mehr existieren, wohl aber ein halbes Dutzend Sternerestaurants, treffen sich die Bauern abends in Scheunen, mit Dart-Scheibe an der Wand und Stapeln von Bierkästen. Bis zu fünftausend Menschen kommen morgens mit der Bahn über den Damm nach Sylt, wo sie als Arbeiter, Handwerker, Angestellte, selbst als Ärzte und Lehrer beschäftigt sind, sich aber das Leben nicht leisten können. Mindestens einmal war im vorigen Jahr der Frühmorgenzug so voll, dass sich die Bahn geweigert hat loszufahren.

All das wurde am Rande des Feuers mit erstaunlicher Gelassenheit erzählt. Keine Spur von Wut - und niemand fand die ganzseitige Anzeige eines Maklers gewagt, der mit den lodernden Flammen der Biike für „exklusive Immobilien unter Reet in & um Keitum“ wirbt.

Noch ehe das Feuer verglimmt war, machten die Besucher der Biike sich auf in die Lokale der Umgebung. Dort gab es an diesem Abend Grünkohl mit Kochwurst, Kasseler und Schweinebacke. Auch das ist Tradition; seit 1906. Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.

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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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