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Tourismusbranche Ruhe im Weltraum

08.03.2008 ·  Die Reiseindustrie zeigt sich erneut als dynamischer Musterknabe der Wirtschaft: TUI oder Thomas Cook werden unsichtbar, die neuen Matadore präsentieren sich dafür umso spektakulärer: IT-Firmen, Kreuzfahrtanbieter und Billigflieger.

Von Brigitte Scherer
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Das tut gut. So viele Aussteller, so viele Länder wie noch nie bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin, der Welt größter Reisemesse, und die Deutschen wieder Weltmeister im Reisen wie in Wirtschaftswunderzeiten. Und wieder präsentiert sich die Reiseindustrie als dynamischer Musterknabe der Wirtschaft, wieder gilt sie trotz aller latenter Gefahren, ob Naturkatastrophen oder Terrorismus, als Hoffnungsträger schlechthin.

Als Jahrhundert des Tourismus steht die Zeit zwischen Belle Époque und dem Jahr zweitausend in den Annalen der Geschichte. Mobilität wandelte sich in dieser Zeit von einem Privileg für wenige zum globalen Lebensstil. Der Reisende bucht im Internet, er gibt für ein Flugticket weniger aus als für eine Fahrt mit dem Taxi, er fliegt mit einer indischen Fluggesellschaft nach New York und mit einer aus Abu Dhabi nach Johannesburg. Und: Er denkt über Klimaschutz nach. Und wem hört er zu, wenn er sich darüber auf der ITB informieren will? Dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank, der beim ITB-Kongress eine Studie über „Klimawandel und Tourismus“ vorstellt. Und wo wendet er sich hin, wenn er der neuen Spezies einflussreicher Meinungsbildner aus dem Web begegnen will? Er geht auf der Messe zum Welt-Gipfeltreffen der Blogger.

Die neuen Matadore

Wen interessiert es da, dass TUI und Thomas Cook, die alten Paten des Pauschalreiseglücks, ihre Rolle als größte Reisekonzerne Europas auf der Messe nur noch unsichtbar für das Publikum wahrnehmen, mit einem Heer von Einkäufern, doch ohne Stand? Die Lücken füllen die neuen Matadore nur umso spektakulärer. IT-Firmen. Kreuzfahrtanbieter. Exotische Inseln. Billigflieger. Low-Budget-Hotelketten, eine ganze Halle voll, die nach dem klassenlosen Billigflug das klassenlose Billighotel etablieren. Und statt wie bis vor zwei Jahren die TUI brilliert jetzt die Fluggesellschaft Emirates aus Dubai mit einem aufsehenerregenden Messestand, in Form einer dreistöckigen Weltkugel: Symbol für den Anspruch, zur größten Fluggesellschaft der Welt aufzusteigen. Ihr Heimatflughafen Dubai wird dafür gleichfalls zur Nummer eins des Planeten erweitert.

Das hätten sich die Tourismuskritiker der siebziger Jahre, die von der Bühne der Reisemesse in Berlin die „Bereisten“ am liebsten ins Museum geschickt hätten, wohl kaum träumen lassen. Jetzt schlagen die „Bereisten“ als Wirtschaftsmächte und als Konkurrenten zurück. Wir sind nicht mehr der Nabel der Welt und haben die Deutungshoheit darüber verloren, ob der Tourismus Segen oder Fluch sei. Gleichzeitig werden wir selbst zu „Bereisten“. Was die neuen Deutschland-Touristen bei uns suchen, müssen wir als Anbieter touristischer Leistungen erst lernen - wie einst sie. Etwa das Reisemotto „Shopping statt Sightseeing“, dem jene Besuchergruppen aus China huldigen, die als Ziel nicht die Region ansehen, sondern das Markenerlebnis in einer Outlet-City wie Metzingen.

Zeit, Raum und Ruhe

In früheren Jahren war die Reisewelt der ITB strikt geteilt. Hier die Macher, die Manager in Schlips und Kragen; dort - nur wenige Schritte auseinander im Kongresszentrum und doch Lichtjahre voneinander entfernt - die Kritiker in störrischen Protestpullovern beim Ringen um einen sanften Tourismus, der sich kategorisch gegen jegliches Wachstum stemmte. Jetzt, bei der ITB 2008, bieten TUI und Neckermann als Ausgleich für die Klimabelastung einer Flugreise jedermann an, zur Buchung Geld für Umweltprojekte zu spenden. Was dabei herauskommen wird, ist offen. Fest steht nur dies: Es ist das Schicksal aller Revolutionäre, dass sie Quartier machen für jene, die sie bekämpften. Denn die Klima-Debatte wird nach Einschätzung des Deutschen Reiseverbandes die Lust auf Flugreisen nicht dämpfen.

In den westlichen Ländern macht die Hälfte der Bevölkerung über fünfzehn Jahre regelmäßig Urlaub. Mehr als siebzig Prozent der Deutschen wollen in diesem Jahr eine Ferienreise unternehmen. Urlaub zählt zum allgemeinen Lebensstil, seine Inhalte indes beginnen sich zu ändern. Einst galt die exotische Ferne als Symbol von Luxus, heute sind es Zeit, Raum, Ruhe. Je schneller und künstlicher der Alltag wird, desto mehr sehne man sich nach den ursprünglichen Dingen des Lebens. So ist es neuerdings bei allen Foren zu hören, in denen über die Zukunft des Reisens und eine neue Definition von Luxus debattiert wird.

„Es gibt nichts Schöneres, als aufzubrechen“

Zeitgeist, zumindest in der Theorie und bei einer Elite, ist die Einsicht in die Notwendigkeit zum Verlangsamen unseres Lebens - und sei es in der Ruhe des Weltraums. Gerade stellte in New York das britische Raumfahrtunternehmen Virgin Galactic sein SpaceShipTwo vor. Ende 2009 sollen Touristen mit dem Raumschiff in den Orbit fliegen können, in Deutschland von sofort an buchbar bei einem Reiseveranstalter in München.

Warum aber reisen wir? Die scheinbar grundlose Ortsveränderungslust ist eine Frage, die das Menschengeschlecht umtreibt, seit es millionenfach zu seinem Vergnügen reist. „Es gibt nichts Schöneres, als aufzubrechen“, hat Peter Handke einmal gesagt. Fahren wir am Ende nicht auch weg, um wieder zurückzukommen?

Quelle: F.A.Z., 07.03.2008, Nr. 57 / Seite 1
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Jahrgang 1943, freie Autorin im „Reiseblatt“.

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