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Veröffentlicht: 24.07.2016, 12:58 Uhr

Tourismus in Krisenzeiten Das Menschenrecht des Reisens

Zum Glück ist der Tourist ein kluges Wesen. Er behält in Zeiten des Terrors einen kühlen Kopf und wägt ab, auch wenn die Welt immer unübersichtlicher wird.

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© dpa Von wegen, zu Hause ist es doch am schönsten. So viel wie heute wurde noch nie gereist.

Nie wieder Nizza? Nie wieder Würzburg oder München? Künftig nur noch Urlaub im eigenen Luftschutzbunker oder bestenfalls in versprengten Weilern ganz hinten im Schwarzwald? Es fällt schwer im Angesicht der monströsen Lebensverachtung, die an der Côte d’Azur vierundachtzig feiernde Menschen in den Tod gerissen hat und jedem überall entgegenschlagen kann, die Fassung zu bewahren. Es fällt leicht, im Schmerz der Trauer, in der Wut der Verzweiflung Zuflucht in Weltabgewandtheit zu suchen. Und es wäre das Schlechteste, was wir tun könnten. Denn der Verzicht auf das Reisen ist der Verrat am Leben – eine Niedertracht, die wir den mörderischen Terroristen überlassen sollten.

Jakob Strobel y Serra Folgen:

Zum Glück ist der Mensch als Tourist ein kluges Wesen. Das hat er in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen. Er behält in Zeiten des globalen Terrors kühlen Kopf, bleibt im Tollhaus des Hasses bei Vernunft und beantwortet die Frage, ob man in unserer scheinbar apokalyptischen Welt überhaupt noch reisen könne, auf die überzeugendste Art und Weise: Er tut es einfach. Fast 1,2 Milliarden Menschen sind im vorigen Jahr auf Reisen gewesen, mehr als je zuvor, und alles spricht dafür, dass der Rekord in diesem Jahr abermals gebrochen wird. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich die Zahl der Touristen verdoppelt – ein Boom, von dem so gut wie alle Weltregionen profitieren und der so gut wie jede Form moralisierender Tourismuskritik an bedenkenlosen Schnäppchenjägern, die vermeintlich verbrannte Erde hinterlassen, zum Verstummen gebracht hat.

Sie denken nach, statt zu pauschalisieren

Das Reisen wird längst als ein universales Menschenrecht betrachtet, das man sich von keinem Terroristen nehmen lässt. Die Gewalt beeinflusst die Reiseströme wie in einem osmotischen System, aber sie bringt sie nicht zum Versiegen. Denn die Touristen reagieren weder panisch noch hysterisch auf das Morden, sondern so angemessen, wie man es sich von ihnen als Wahlbürger manchmal wünschte – und so besonnen, wie es die Zahlen verlangen: 2015 ist noch nicht einmal einer von zehn Millionen Reisenden Opfer eines Terroranschlags geworden. Und in diesem Jahr wird es trotz des Grauens von Nizza nicht viel anders sein.

Die meisten Touristen schätzen die Lage richtig ein, meiden tendenziell gefährliche Regionen und suchen sich sichere Ziele; derzeit überrennen sie Spanien, den größten Profiteur der aktuellen Verwerfungen auf der touristischen Weltkarte, und sorgen dafür, dass Mallorca wegen Überfüllung kurz vor der Schließung steht. Sie denken nach, statt populistisch zu pauschalisieren, und fahren weiter in muslimische Staaten wie Dubai, Oman, Malaysia oder Indonesien, weil dort die Bedrohung minimal ist. Sogar zwischen den Ländern Nordafrikas wird fein unterschieden: Der Fremdenverkehr in Ägypten und Tunesien liegt am Boden, während sich das ungleich ruhigere Marokko kaum Sorgen machen muss.

Virtueller Tourismus kann Reisen nicht ersetzen

Wir leben in einer Welt, die immer asymmetrischer wird. Das gilt auch für das Reisen. Einerseits verändern Terrorismus und Fanatismus, Bürgerkriege und Flüchtlingsströme ganze Gesellschaften und sogar Staatengebilde wie die Europäische Union. Andererseits hat der Terror auf den globalen Tourismus einen marginalen Einfluss. Mit der Türkei (schon lange vor Putschversuch und Ausnahmezustand), Ägypten und Tunesien leiden nur drei der wichtigsten Reiseziele dramatisch unter der Gewalt. Fast alle anderen Länder, in denen der „Islamische Staat“ oder die Taliban, Boko Haram oder die Shabaab-Miliz wüten, sind niemals bedeutende Tourismusregionen gewesen. Und die Anschläge von Nizza und Paris werden dem französischen Fremdenverkehr nicht das Genick brechen, selbst wenn vorsichtige Länder wie die Vereinigten Staaten Reisewarnungen aussprechen.

In den Hochzeiten der Tourismuskritik und der Moralisierung des Reisens gegen Ende des vergangenen Jahrtausends sang man allerorten das Mantra vom Fremdenverkehr als Friedensstifter, Völkerverständiger, Extremistenbesänftiger. Das war eine große Illusion, die nicht nur an der Grausamkeit des Terrors zerschellt ist, sondern sich in Zeiten der Globalisierung in ihr Gegenteil verkehrt hat: Je größer die Welt auch durch das Reisen wird, umso rabiater suchen die Menschen zu Hause die Ordnung des Vertrauten, Unveränderlichen, Übersichtlichen – um dann wieder mit schizophrenem Fernweh in die Fremde aufzubrechen und sie großartig zu finden.

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Denn nichts kann die Erfahrung des Reisens ersetzen, schon gar nicht der virtuelle Tourismus, die zweite große Illusion der vergangenen Jahre. Triumphalistisch wurde sein Siegeszug in einer sich immer weiter digitalisierenden Welt beschworen, kläglich ist er gescheitert. Der Tourist weiß, dass keine Künstlichkeit die Wirklichkeit jemals ersetzen kann. Er weiß auch, dass die existentielle Bedrohung jedes Einzelnen durch den scheinbar allgegenwärtigen Terror trotz aller Anschläge ein Trugbild ist. Und er weiß, dass der Verzicht auf das Reisen eine kleinmütige Kapitulation wäre, weil er vor der großen, weiten, schönen Welt keine Angst haben muss und darf. So ist ausgerechnet der Tourismus zu einem Hort der Vernunft in einer Gegenwart geworden, die aus den Fugen zu geraten droht. Nizza wird nicht verwaisen. Das ist unser einziger Trost in diesen Tagen.

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