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Toskana Kochende Leidenschaft

Nirgendwo kann man jetzt so gut essen wie in der Toskana. Wer im Winter in die südliche Gegend Italiens reist, erlebt nicht nur eine Toskana ohne Touristen, sondern kommt auch perfekt zur Erntezeit.

© ddp images / United Archives Vergrößern Halbnackter im Speckmantel: Caravaggios berühmter „Bacchus“ (um 1595) gibt sich in den Florentiner Uffizien den Köstlichkeiten des herbstlichen Italiens hin.

Man hört das Schwein vor Todesangst förmlich quieken. Der Schlächter hat es gepackt, und mit einem riesigen Messer geht es dem Tier an die Kehle. Und das mitten in der Stadt. Aber keine Angst - geschlachtet wird hier nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die blutige Szene findet unterm Portalbogen der romanischen Pieve von Arezzo statt - als fast achthundert Jahre alte Skulpturengruppe. Die Monatsarbeiten schildern den Jahreslauf der Toskaner, und das waren im Mittelalter vor allem Bauern. Im November kommen die jungen Olivensetzlinge in die Erde, im Dezember wird geschlachtet. Da ist der Künstler ganz korrekt, bis hin zum dunklen Bruststreifen der Sau. Heute ist die Rasse der Cinta senese, die vor ein paar Jahren beinahe ausgestorben war, bei Feinschmeckern in ganz Europa berühmt für den erdigen, doch feinen Geschmack.

Wer im Winter in die Toskana fährt, der sollte besser kein Vegetarier sein. Allerorten schwelgen die Toskaner jetzt im Reichtum ihrer Landschaft, kochen und speichern, braten und rösten die Köstlichkeiten der Heimat. Große Schilder an der Umgehungsstraße weisen auf die „Sagra delle pappardelle alla lepre“ hin. Wo gäbe es das in Deutschland? Gemeindefest zu Ehren von Bandnudeln mit Hasenragout. Nein, das klingt bei uns nicht und schmeckt sicher nicht und existiert darum auch nicht. Aber rund um Arezzo kommen zu solch einem Anlass Tausende und schlagen sich die Bäuche voll.

Keine Touristen-Schlangen im Winter

November, Dezember - das sind selbst für bekennende Angehörige der Toskanafraktion normalerweise keine Reisemonate ins Gelobte Land zwischen Florenz und Pisa, Lucca und Siena. Erst recht nicht nach Arezzo, wohin auch in der Hochsaison merkwürdigerweise weniger Touristen reisen. Hier sieht man jetzt so gut wie kein deutsches Nummernschild. Selbst die Gruppen von Bildungsreisenden bleiben aus, obwohl es an sonnigen Tagen achtzehn Grad hat und man seinen Espresso bequem im Freien schlürfen kann. Für den weltberühmten Freskenzyklus, den Piero della Francesca in die Apsis der örtlichen Franziskanerkirche gemalt hat und für den man im Sommer einen Zugang reservieren muss, gibt es jetzt Eintrittskarten nach Belieben. An der Kasse kriegt man sogar noch eine Freikarte für das örtliche Antikenkabinett draufgelegt. Man ist in Arezzo froh, wenn jetzt jemand zu Besuch kommt.

Dabei ist die Stadt mit ihrem suggestiven grüngrauen Sandstein, ihren wie gemeißelten Renaissancepalästen rund um den Domhügel, ihren nicht gar zu steilen Gassen, ihren sprudelnden Brunnen auf den Plätzen und verwunschenen romanischen Kirchen eine der schönsten in ganz Italien. Es reicht in dieser angenehmen Jahreszeit, einfach nur herumzulaufen, zu schauen, und es öffnet sich das Panorama einer toskanischen Stadt, die auch ohne Fremde funktioniert. Arezzo hat hunderttausend Einwohner, fast alle leben in den Neubauvierteln entlang der Umgehungsstraße, sie kaufen in Groß- und Elektromärkten ein, arbeiten in den Fabriken für Keramik und Schmuck und kommen höchstens für Behördengänge in die Altstadt. Dann parken sie auf dem Touristenstellplatz und fahren mit Rolltreppen den Domhügel hoch, an den Wänden riesige Zooms aus Pieros bunten Fresken, die hier auch als Weinetiketten und Werbeschilder dienen.

Karte / Toskana © F.A.Z. Vergrößern Toskana

Auf die Kunst, auf die Schönheit ihrer jeweiligen Città sind alle Toskaner stolz. Alle Arezzaner wissen, dass sie Mitbürger haben wie Francesco Petrarca, der dem Abendland die Liebeslyrik und den Antikenkult schenkte. Oder Giorgio Vasari, der als schreibender Maler die Kunstgeschichte begründete. Und hat nicht Roberto Benigni gerade Arezzo und seine Altbauten ausgesucht als Kulisse für den Film „La vita è bella“? Aber sonst leben die Leute den ganz gewöhnlichen Alltag moderner Mitteleuropäer. Die Chianti-Toskana der menschenleeren Hügel und der Bilderbuch-Ferienhäuser mit Swimmingpool, in welche sich so viele Zivilisationsmüde in der warmen Jahreszeit flüchten, ist die Ausnahme. Die Rolltreppen und die Stadtbibliothek im Mittelalterpalazzo, der kleine Stau auf dem Zubringer und die Baukräne sind die Regel, denn die geschäftige Toskana lebt längst nicht mehr nur vom Tourismus der Briten und der Deutschen, sondern von den Modefabriken der großen Marken im Arnotal, von Agrarindustrie, von Metallverarbeitung, Möbeln und Stromerzeugung.

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Veröffentlicht: 09.12.2012, 13:52 Uhr