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Veröffentlicht: 10.11.2014, 10:09 Uhr

Thüringer Wald Im Fluss Gold und Forellen, ansonsten eher arm

Seit dem Fall der Mauer liegt das Schwarzatal im Herzen Deutschlands. Dennoch fühlt man sich dort wie am Ende der Welt - was keineswegs gegen Böhlen als Urlaubsort spricht.

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© Picture-Alliance Das Dorf Böhlen im Herbst - einst Urlaubsort für Bessergestellte, seit dem Fall der Mauer ein vergessenes Idyll.

Mit Günni stehe ich am Männerhaus. Wir haben uns unter das Vordach verzogen, weil es regnet. Die Wiese wird nass, der Grillplatz wird nass, der Seerosenteich ist schon nass. Das Männerhaus liegt am Rande des Dorfes Böhlen, auf einem Wiesenbuckel, kurz bevor der Wald beginnt, der ein kleiner Teil des großen Thüringer Waldes ist. Günni ist nach der Pensionierung aus der Pfalz nach Böhlen gezogen, und ich wüsste gerne, warum. Hör mal! Sagt er. Hörste das? Die Ruhe? Wir stehen am Männerhaus und hören der Ruhe zu, die derzeit vor allem aus Regen besteht. Dann höre ich wieder Günni zu, denn er redet sehr gerne. Anscheinend auch mit dahergelaufenen Fremden, aber wer ist in kleinen Dörfern schon fremd? Es grüßt ja jeder jeden, und wer nicht grüßt, der guckt zumindest neugierig. Es passiert hier ja nicht viel.

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Obwohl rund um Böhlen genug Platz ist, hocken die Häuser eng beieinander, vielleicht wollen sie sich vor dem Wind schützen, der hier gern über die Höhen pfeift. Böhlen liegt auf der Höhe, genau auf dem Hügelkamm, 619 Meter über dem Meer. Ein Schieferhäuschen oder Holzschindelhäuschen steht neben dem nächsten, ein Handtuchgärtchen neben dem nächsten, eingefasst mit rohen, vor Witterung silbrig glänzenden Holzlatten. Ab und zu steht da eine Holzscheune oder liegt da ein Stück Wiese mit Hühnern drauf. Zwischendrin stehen Jugendstilvillen und suchen Käufer. Insofern ist es kein Wunder, dass einige der Herren des Dorfes sich gerne einmal für ein paar Stunden aus der Kleinteiligkeit verabschieden und sich in die Blockhütte am Wald zurückziehen. Oder in die Gaststätte „Zur schönen Aussicht“, die von allen nur „die Revue“ genannt wird, was sich von „Bellevue“ ableite, so zumindest will es die Dorfetymologie. Die schöne Aussicht der Revue besteht allerdings vor allem in der einzigen Ampel des Ortes, die man als Städter nicht so recht ernst nehmen will, weil sich der Verkehr doch sehr in Grenzen hält.

Heute wollen selbst die Wanderer Wellness

Da hat man von der Pension „Zur Lärche“ aus einen deutlich schöneren Blick, ins Flusstal hinunter oder in den Wald hinein. Die ziemlich aus der Zeit gefallene Pension, die vage nach Fünfziger-Jahre-Heimatfilm aussieht, liegt gleich neben dem Männerhaus auf der anderen Seite des Pfades, der einmal rund um den Kirchberg durch den Wald verläuft. Die Lärche, weiß Günni, der anscheinend alles weiß, habe erst im letzten Jahr den Besitzer gewechselt, fünfzehntausend Euro habe der dafür bezahlt. Häuser gibt es hier ab zehntausend. Ich lache, denn das ist ungefähr meine Jahresmiete in Frankfurt. Früher, da haben die hohen Herren Ingenieure von Zeiss Jena in der Lärche Urlaub machen dürfen, erzählt Günni. Das galt was, damals. Heute wollen selbst die Wanderer Wellness, da zählt so etwas wie diese Ruhe nichts mehr und diese Landschaft auch nicht. Vermutlich hat er damit recht.

Ganz grob liegt Böhlen im unteren Schwarzatal. Im Norden liegt Ilmenau, im Süden verläuft der Rennsteig. Einst, nämlich schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, war das Schwarzatal ein in Reiseführern gerühmter Ort des deutschen Tourismus, beliebt für seine reizende Landschaft, die steilen, fichtenbewaldeten Hügel und die engen Flusstäler mit den silbergrünen, fluffigen Schwarzerlen. Es ist die Art von Landschaft, bei der man das Gefühl hat, nichts sei auch nur einen Meter gerade, alles buckelt sich und windet sich, die Flüsse nach rechts und links, die Wiesen auf und ab und die Straßen alles auf einmal.

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