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Szene in Serbien Die Nacht, das Leben

 ·  Ist Belgrad das neue Berlin? Wie immer, wenn das Geld fehlt, blüht die freie Party- und Kunstszene auf. Im Untergrund gibt es schwimmende Bars, tanzende Ruinen und Cafés ohne Rauchverbot.

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© laif Party in Belgrad: Niemand weiß genau, was hier wann passiert, aber weil niemals nichts passiert, kehren Nacht für Nacht die Feierwütigen wieder.

Eine junge Frau lehnt sich im Burggraben lasziv gegen einen der dekorativ plazierten Panzer, dann legt jemand auf sie an - mit dem Smartphone. Es ist unbestreitbar: Der Missbrauch von Heeresgerät hat Methode in Belgrad. Andersherum gesagt: Die Romantik hat gesiegt. Schüchternes Herumstottern, verstohlenes Gefummel, Trillionen Küsse, Abend für Abend zelebrieren junge Belgrader im Park der oberhalb der Save-Donau-Mündung gelegenen Zitadelle ihre Verliebtheit. Dort, wo heute inmitten von Duftschwaden frenetisch beliebten Popcorns Herzen koinzidieren, kollidierten einst Ost und West, und zwar so heftig, dass man den Pulverdampf noch zu riechen meint, wäre all das Popcorn nicht.

Ein blutgetränkter Berg ist es. Schon Kelten und Römer stachen an dieser Stelle aufeinander ein. Dann kamen, siegten und starben Goten, Hunnen, Byzantiner, Serben, Ungarn, Osmanen und Österreicher. Beide Weltkriege krachten schließlich mit voller Wut auf Belgrad nieder, Entente versus Mittelmächte, deutsche Wehrmacht versus Rote Armee und Titos Partisanen. Ein Kampffeld im Herzen der Stadt, nicht anderes besagt der Name der gesamten Anlage: Kalemegdan. Und auch das Bild, das sich zuletzt ins ikonische Gedächtnis Europas eingeschrieben hat, schließt an diese Tradition an: das vor dreizehn Jahren von einem Dutzend Nato-Tomahawk-Raketen in Brand geschossene Hochhaus in Neu-Belgrad, in dem die Sozialistische Partei von Milosevic ihre Büros hatte.

Nur Donaukreuzfahrer und Kunstreisende

Es scheint noch nicht jedem ganz klar zu sein, dass das heutige Belgrad sehr viel mehr mit den Küssen der Jugend zu tun hat als mit Bomben, Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zuletzt geriet Serbien hierzulande in die Schlagzeilen im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Kriegsverbrecher Ratko Mladic und nach der Wahl des ehemals nationalistischen Präsidenten Tomislav Nikolic. Auch wenn es ziemlich üblich ist, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten die Regierung zugunsten von Radikalen abgestraft wird, Werbung für den Urlaubsort Belgrad sind solche Meldungen sicher nicht. Dabei ist die Stadt mit ihren unendlich vielen Straßencafés, den traumhaften Flussufern und den vielen etablierten Festivals das ideale Ziel für eine Städtereise. Donaukreuzfahrer und Kunstreisende auf dem Weg zu den mittelalterlichen Klöstern machen hier schon lange Station, aber sonst wächst der Tourismus nur leicht und auf bescheidener Grundlage.

Es besagt einiges, dass kein einziger deutschsprachiger Reiseführer für Belgrad erhältlich ist. Auch das Angebot an Serbien-Reiseführern ist überschaubar. Der Marktführer aus dem Trescher Verlag ist informativ, konzentriert sich jedoch auf altehrwürdige Kunstschätze. Das alternative, aufregende, junge Belgrad mit der freien Club- und Kunstszene kommt darin nicht vor, genau das also, weshalb Belgrad unter Partyhasen seit einiger Zeit als das neue Berlin gilt, das neue alte Berlin genaugenommen, in dem alles provisorisch und handgemacht ist, voller Enthusiasmus und Kreativität.

Umweltschutz und elektronische Musik

So ist es ein folgerichtiger und doch mutiger Schachzug der nationalen Tourismusorganisation Serbiens, das Label „Underground“ zum neuen Markenzeichen zu erheben. Es trifft sich gut, dass seit vier Monaten endlich auch der reale Untergrund besichtigt werden kann. Das Katakombensystem unter der Stadt machte spätestens Emir Kusturicas Film „Underground“ berühmt. Zwanzig Jahre lang merkt darin ein abgetauchtes Partisanengrüppchen nicht, dass der Krieg zu Ende ist. Allerdings beschleicht einen das Gefühl, dass die Agentur „go2serbia“ nicht gerade das interessanteste „eine Prozent Unterwelt“, so die Eigenwerbung, im Angebot hat: Ein Weinkeller gehört dazu, ein Gefechtsbunker sowie das habsburgische Pulvermagazin der Festung, in dem etwas unmotiviert Fundstücke aus dem römischen Singidunum herumstehen. Denn leider musste der hier einmal brummende Nachtclub - der Boden ist voller Kaugummis - dem toten Minimuseum weichen. Das Interesse an den Führungen aber ist groß. So bleibt zu hoffen, dass weitere Anbieter schnell die restlichen neunundneunzig Prozent Untergrund erschließen, denn es gibt da unten Tunnel, Brunnen und ganze Flüsse zu entdecken.

An dieser Stelle muss die Risikobereitschaft der Tourismusorganisation gewürdigt werden, auf ihre jungen Mitarbeiter gehört zu haben. Es ist nämlich für eine offizielle Behörde in einem so stolzen Land wie Serbien keineswegs selbstverständlich, klassizistische Kulturtempel und herausgeputzte Jugendstil-Juwelen wie das Hotel Moskva einmal links liegenzulassen und stattdessen muffige Keller zu präsentieren oder die Besucher zur Umweltschutzorganisation Supernatural zu schicken, die eine illegale Müllkippe beseitigt und auf der zurückgewonnenen Huja-Halbinsel ein Festival mit elektronischer Musik und Umweltdiskussionen organisiert. Auch in Staro Sajmiste machen wir halt, dem ehemaligen Messegelände, das den Nationalsozialisten als „Judenlager Semlin“ diente. Mehr als zehntausend Menschen wurden hier grausam ermordet, woran keine einzige Tafel erinnert. Heute wohnen in den Baracken arme Familien, wohl vornehmlich Roma.

Fleisch essen, Rakija trinken, rauchen

An Skadarlija führte kein Weg vorbei. Das muss er auch nicht: Das alte Bohèmeviertel ist zwar eine prominente Ausgehmeile, aber gemütlich und keineswegs allein bei Touristen beliebt. Gegessen wird in den Restaurants ausschließlich Fleisch, als Vor-, Haupt- und Nachspeise. Serben würden Fleisch auch trinken, aber weil das nicht möglich ist, muss der Rakija her. Dass überall geraucht werden darf, ja muss - so sind die Schilder mit der nicht durchgestrichenen Zigarette wohl zu lesen -, versteht sich fast von selbst. In den Restaurants lauern zudem „traditionelle Bands“, und pünktlich mit der Vorspeise geht das große Fideln, Klampfen und Trompeten los - leider nicht nur flotter Balkan-Zigeuner-Sound, sondern auch zielgruppenorientierte Akustik. Sollte man als Deutscher enttarnt werden, bedeutet das „Rosamunde“ rauf und runter.

Das ist freilich immer noch besser als alles, was sonst im „Overground“ beliebt ist: goldkettenkitschiger, chauvinistischer Turbo-Folk, Affen-Techno und Achtzigertrash. Billy Idol jodelt aus jedem Radiosender. Marilyn Manson, Ozzy Osbourne, Faith No More, Sisters Of Mercy und The Prodigy kommen live nach Belgrad, die Headliner beim riesigen „Exit“ Festival im benachbarten Novi Sad heißen Duran Duran, New Order und Guns N’ Roses. Musikalisch ist Serbien Zombieland.

Der Charme des Brutalismus

Aber wir sind ja dem „Underground“ auf der Spur, auch soundtechnisch. Und tatsächlich werden wir noch mitreißende House-DJs finden. Ästhetisch interessiert uns der Charme des Zerfallenden und des Brutalismus: endlos die unrenovierten Straßenzüge, beeindruckend die sozialistischen Betonorgien. Und auch gesellschaftspsychologisch thematisiert diese Reise, was unter der Oberfläche liegt: Kränkungen durch den Westen einerseits, soziale Verwerfungen andererseits. Besonders Roma und Schwule werden immer wieder Opfer gewaltsamer Angriffe. Sogar die serbisch-orthodoxe Kirche hat vor zwei Jahren zur tätlichen Verhinderung der ersten Schwulenparade aufgerufen und sich damit weltweit diskreditiert. Die meiste Zeit des Jahres aber hockt der Patriarch in seinem elefantösen Patriarchenpalast und zählt Spenden, die allesamt in den ewig unfertigen, im Innern an einen Flugzeughangar erinnernden Tempel des heiligen Sava fließen. Öffentliche Schwulenpartys sind allerdings möglich, nicht nur geheim über Facebook organisierte. So torkeln wir spät in der Nacht im europäischen Kulturzentrum „Grad“ in eine gute Queer-Party, und es ist, pardon, bumsvoll und völlig friedlich. Nicht einmal ein Sicherheitsdienst patrouilliert.

Die Nationalisten gibt es, keine Frage, aber sie scheinen im jungen, gebildeten Belgrad so etwas wie eine Mückenplage zu sein, vor allem lästig. Viele schütteln den Kopf über das Macho-Gehabe, doch die Reaktion ist nicht das Erstarken einer politischen Opposition, sondern offener Apolitismus. Selbst Umweltaktivisten bezeichnen sich im Gespräch als unpolitisch. Die regierende Kaste hat so viel falsch gemacht in diesem Land, dass viele einfach nicht mehr an gute Politik glauben. So ist die Aussage von Luka Knezevic-Strika, einem jungen Fotografen, vielleicht typisch: „Ich erwarte vom Staat nur noch, dass er mich in Ruhe lässt.“

Dem Land zeigen, wie es nach vorne geht

Es scheint, als sei das Subversivste, das man ineffizienten Behörden in Serbien entgegenhalten kann, selbstgemachter Erfolg. In dieser Hinsicht ist das 2008 gegründete „Mikser Festival“ geradezu vorbildlich: eine gewaltige, hauptsächlich durch Sponsoren finanzierte Bühne für die internationale Kreativindustrie. Mit Musik, Theater, Film, Kunst und viel Design bespielt das Festival einen ganzen Stadtteil von elf Hektar Größe. Die neuntägige Party im innenstadtnahen Industrieviertel Savamala erweckt unter anderem das überwältigend schöne Jugendstilgebäude Beogradska Zadruga zum Leben. Das 1905 nach Plänen von Andra Stevanovic und Nikola Nestorovic für eine Bank erbaute Eckhaus ist heute im Staatsbesitz - und verfällt.

Wir treffen die Mitgründerin und Programmdirektorin des Festivals, Maya Lalic. Nach der Ära Milosevic ist sie aus New York zurückgekehrt, um beim Aufbau des neuen Serbiens zu helfen. Man merkt ihr schnell die Urbanistin an: „Mikser“ sieht sie als Chance, einen Stadtteil aufzuwerten, Kunst als Wirtschaftsfaktor, Gentrifizierung als gewünschtes Ziel. Man wolle dem Land zeigen, wie es nach vorne gehe. Es mag an diesem properen Selbstbewusstsein liegen, dass das Festival nicht unumstritten ist. Beim Gruppeninterview mit Nachwuchskünstlern wird es einmütig als Werbeveranstaltung der Designindustrie abgetan.

Unternehmergeist ist nicht sehr weit verbreitet

Noch weniger traut man freilich dem Staat eine faire Kunstförderung zu. Die Künstler fühlen sich auf sich selbst gestellt, was nicht unbedingt schlecht ist. Ausstellungen werden in Eigenregie realisiert, innovative Vermarktungen wie signierte Ein-Euro-Drucke ausprobiert, Netzwerke gebildet, die balkanweit politische Grenzen überspringen. Eine Gruppe von Akademikern will nun auch die internationale Vernetzung stärken. Das Ziel der von Milica Trifunovic organisierten Serbinale ist es, im kommenden Herbst serbische Kunst in Berlin bekannt zu machen. Die promovierte Philosophin hat kein monolithisches Projekt im Sinn, sondern eine Kooperation mit zahlreichen Museen der Stadt, um die beiden Kulturen ästhetisch zu verzahnen.

Und noch einmal Aufbruchstimmung: Ralph van der Zijden, ein „First Mover“ par excellence, hat schon vieles gemacht: in Holland Häuser besetzt und Soziologie studiert, im Nachkriegs-Kosovo an der Stärkung akademischer Strukturen mitgearbeitet, in Serbien das Ansehen der Tribunal-Stadt Den Haag zu verbessern versucht. Lange schon in Belgrad verliebt und schließlich auch in eine seiner Töchter, zog er vor einem Jahr an die Donau und eröffnete quasi über Nacht zwei prosperierende Firmen: „I Bike Belgrade“ bietet wunderbare Stadtführungen per Rad an, die gezielt Orte aufsuchen, an denen das alte Jugoslawien noch zu greifen ist. Auch die Spuren der Nato-Bombardierung gehören zur Rundtour. Man habe ihn schräg angesehen, erzählt der Jungunternehmer: Radfahren? Und dann noch zum Hotel Jugoslavija oder zum ehemaligen Regierungssitz? Damit könne man niemals Geld verdienen, behaupteten viele Serben, obwohl sie sahen, wie die Gruppen täglich wuchsen. Unternehmergeist sei einfach noch nicht sehr verbreitet, sagt van der Zijden. Auch damit mag es zu tun haben, dass die Arbeitslosigkeit bei vierundzwanzig Prozent und das monatliche Durchschnittseinkommen bei 380 Euro liegt.

Trutzburg der freien Partyszene

In der „Night Life Academy“, der zweiten Geschäftsidee van der Zijdens, führen „Party-Professoren“ Touristen durch das Nachtleben. Für den Bachelor trinkt sich der Night-Life-Akademiker durch eine ganze Flotte von schwimmenden Bars und Diskotheken mit stimmungsvollen Decks. Bug schubbert an Heck am Neu-Belgrader Ufer der Save. Schreckliche Prollkästen sind darunter, aber auch Schmuckstücke wie das „2044“, in denen gute Elektromusik geboten wird. Der Eintritt ist so lachhaft wie der Getränkepreis: 1,50 Euro für einen halben Liter Bier. Es soll Langzeitstudenten geben, die nie über das Grundstudium hinauskamen.

Postgraduierte beginnen ihren Abend auf dem verlassenen Messegelände. Am Ufer schaukelt gut versteckt das ganz besonders gemütliche Bar-Restaurant-Boot „Brodic“. An heißen Abenden ist auf der Terrasse nur schwer ein Tisch zu ergattern. Von hier führt ein kurzer Fußmarsch zum derzeitigen Höhepunkt einer Belgrader Nacht, zu dem imposanten, heruntergekommenen Dreißiger-Jahre-Koloss, in dem lange der jugoslawische Verlag BIGZ logierte. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Räume als Ateliers und Proberäume vermietet, von denen wiederum viele sich in kleine Clubs verwandelten, so dass eine Trutzburg der freien Partyszene entstand, ein Tempel des heiligen Dionysos.

Willkommen im Interim. Kafkaesk verzweigen sich im Innern Gänge und Treppen in alle Richtungen. Öffnet man eine Tür, öffnet sich eine Welt. Es kann da ein Film gedreht werden, eine Performance stattfinden, eine Metalband proben oder eine Hundertschaft ausgelassen tanzen zum Sound eines DJ, der vielleicht völlig unbekannt, vielleicht aber auch ein Weltstar ist. Niemand weiß genau, was hier wann passiert, aber weil niemals nichts passiert, kehren Nacht für Nacht die Jünger wieder. Je höher man steigt, desto reiner wird der Exzess, Tanzraum neben Tanzraum, jeweils mit Bar und Blick über das nächtliche Belgrad, bis hinauf zur Dachterrasse, auf der sich der Jazzclub „Cekaonica“ etabliert hat. Dieses ungeheuerliche Gebäude ist das Wartezimmer eines ganzen Landes, das Kampffeld zwischen Gestern und Morgen, der Felsendom der Untergrundkirche des lauteren Clubbing, die von der alles übertönenden Wiederkunft des Urknalls kündet. Wer hier ist, will nirgendwo anders sein.

Belgrad von unten

Die Katakomben kann man bei Führungen der Agentur Go2Serbia kennenlernen. Sie finden immer Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag statt und kosten 12 Euro pro Person (www.go2serbia.com).

Vierstündige Fahrradführungen mit I Bike Belgrade starten noch bis zum 1. November täglich um 14 Uhr und kosten 15 Euro (www.iBikeBelgrade.com).

Private Führungen durch die Underground-Kunstszene bietet Isidora Krstic an. Detaillierte Informationen unter www.travel.mediamatic.net.

Allgemeine Auskünfte auf der Website der Tourismusorganisation von Belgrad (www.tob.rs/en/index.php).

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