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Superlative im Schnee 7 Rettungslos in Namlos

 ·  Viel zu viel Schnee und die ständige Angst vor der Arschlawine: Ein kleines, unbeugsames Dorf zwischen Lechtal und Zugspitze kämpft gegen sein Verschwinden.

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Namlos, das passt. Seit wir angekommen sind, verschwinden die Berge in einem milchig trüben Nichts, einem wattigen Weiß, aus dem es unaufhörlich rieselt, mal still und perlig, mal in dichten Flocken wirbelnd. Aber immer gleicht der Blick aus dem Fenster der Pension dem auf einen Fernseher mit Bildstörung. Die einzigen Farbflecken im großen Weiß bilden die rostroten Holzschindeln der Zwiebelhaube auf dem Kirchturm und das blassgelbe Kirchenschiff darunter.

Dreiundneunzig Einwohner hat das österreichische Dorf zwischen Lechtal und Zugspitze, ohne den drei Kilometer entfernten Ortsteil Kelmen sogar nur fünfzig. Doch der Ortsname habe nichts mit der Winzigkeit und schon gar nicht mit einer möglichen Gesichtslosigkeit des Dorfes zu tun, wie alle Namloser, die wir treffen, uns standhaft versichern. Vielmehr stamme die Bezeichnung von einem altdeutschen Wort für stark und tapfer ab. Das mussten die Namloser früher auch sein, denn bei Wetterverhältnissen wie diesen war man schnell von der Außenwelt abgeschnitten, vor allem, wenn Lawinen niedergingen. Auch in diesem Winter enden fast alle Wege schon nach wenigen Metern, entweder an einer Schranke mit Lawinenwarnung oder an einer unpassierbaren Schneebarriere. Nur die Straße in den fünfzehn Kilometer entfernten Skiort Berwang ist befahrbar, jedenfalls noch. Denn gegenüber dem Dorf liegt ein Berg, dessen Name alles bietet, was der Ortsname an Deutlichkeit vermissen lässt: Namlos liegt nämlich am Arsch, am Berg Arsch, und die Lawine, vor der sich die Namloser am meisten fürchten, ist die Arschlawine. Wenn sie abgeht, wird die letzte offene Straße verschüttet. Und wenn es ganz schlimm kommt, könnte es sogar Teile des Dorfs treffen.

Der Schnee verschluckt den Ahnungslosen

Erich Fuchs, Pensionswirt und zugleich Jäger, Heubauer und oberster Schneepflüger von Namlos, schlägt eine Schneeschuhwanderung vor, querfeldein bis zu einer Wildfütterungsstelle. Und so stapfen wir am Vormittag neben der Dorfkirche bergan ins gleißende Schneewolkenweiß. Schon nach drei Schritten lernen wir etwas über die Tücken dieser vermeintlich gefahrlosen Fortbewegungsart: Bis zur Hüfte brechen wir in die Schneedecke ein und verhaken uns im Laufgerät. Offenbar sind wir über die zugeschneiten Zweige einer Fichte gelaufen, unter denen sich ein Hohlraum gebildet hat. „Als Ortsfremder weiß man nie, was sich unter der glatten Schneedecke so alles verbirgt“, sagt Erich, während er uns aus dem Loch zieht. „Ein nicht ganz zugefrorener Bach oder Tümpel, und schwupps ist man weg.“

Wir laufen jetzt brav in Erichs Spur, was zudem die Fortbewegung für uns ungemein erleichtert. Wir hatten schon davon gehört, wie muskelkaterprovozierend das Schneeschuhlaufen für Ungeübte ist, aber das gilt nur für den, der vorausgeht und mit jedem Schritt bis zu den Waden einsinkt. Natürlich besteht gerade darin auch der Spaß beim Schneeschuhlaufen, und so scheren wir eben doch nach einigen Metern wieder aus, um selbst durchs Weiß zu pflügen. Ab und zu bleiben wir schnaufend stehen, verharren lauschend und blicken auf die schwarzweißen, fichtengefiederten Hänge um uns herum. Nur momentweise tauchen sie aus Schneegestöber und Wolken auf, dann verschwinden sie wieder. Das tut der Wirkung der Landschaft seltsamerweise keinen Abbruch: Die Weite, die man ahnt, ist eindrucksvoller als die, die man sehen könnte.

Das Privileg der Einsamkeit

Was wir sehen können - der zeitlos wirkende Wechsel von Wiesen und Wald -, ist in Wirklichkeit einer unmerklichen Veränderung unterworfen. Die höher gelegenen Flächen, bis vor wenigen Jahren noch als Kuhweiden oder Heuwiesen genutzt, fallen allmählich an die Natur zurück. Es ist ein doppeltes Verschwinden, in verschiedenen Geschwindigkeiten: Unter uns versinkt Namlos im Schnee, hier oben rückt der Wald vor.

Außer dem leichten Knistern, mit dem die Flocken auf unsere Jacken rieseln, gibt es ringsum kaum ein Geräusch. Einmal vernehmen wir aus der Entfernung das Schlagen der Kirchenglocke. „Wer die Abgeschiedenheit liebt, ist schon richtig in Namlos“, sagt Erich. Doch es wohnen zwei Seelen in seiner Brust. Der Gastwirt freut sich über jeden Touristen, den es hierher verschlägt, der Jäger flucht über Tourengeher, die Rehe und Hirsche verstören. An der Wildfütterungsstelle schaufelt Erich die Tröge frei und füllt sie mit duftendem, grünem Heu. Von den Tieren lässt sich keines blicken, doch Erich weist auf frische Spuren hin. „Hier ist gerade ein Reh in den Wald gesprengt, das haben wir wohl gestört.“ Hirsche, Hasen, Eichhörnchen - erstaunlich, wer so alles unterwegs ist in der vermeintlichen Bergeinsamkeit. Wir setzen unsere Riesenspuren hinzu. Der Rückweg hinunter nach Namlos ist ein großes Vergnügen, mit ausladenden Schritten laufen wir wie auf Wattekissen durch den unberührten Tiefschnee.

Eine Welt wie in einer geschüttelten Schneekugel

Draußen wirbelt es weiter wie in einer geschüttelten Schneekugel. Namlos ist nahezu abgeschnitten von der Außenwelt. Der besorgte Bürgermeister lässt sich von einem Hubschrauber des Bundesheeres über den Ort fliegen, um die Lawinengefahr einzuschätzen. Wenn die berüchtigte Arschlawine droht, muss er einen Teil der Dorfbewohner zwangsevakuieren, eine Aufgabe, die er nur äußerst ungern angeht. Mit dem Starrsinn seiner Mitbürger in derartigen Situationen hat er schon unliebsame Erfahrungen gemacht. Was soll er schließlich tun, wenn sich jemand partout weigert, seinen Anweisungen zu folgen?

Unsere Kreise werden immer kleiner und die Schneeschuhe zum unverzichtbaren Fortbewegungsmittel. Selbst mit ihnen ist nur ein kleiner Forstweg noch sicher begehbar. Er führt am Fußballplatz vorbei; von den Toren ragen nur noch die Querlatten aus dem Schnee. Weiter oben hat sich an einem Hang ein Schneebrett gelöst und ist ins Rutschen geraten. Darunter kommt dunkler Rasen zum Vorschein - irritierend in der ansonsten komplett weißen Fläche. Wir kehren lieber um.

Möge der Himmel seine Pforten schließen

Was gibt es jetzt noch zu tun in Namlos? Anstelle erhabener Bergeinsamkeit nimmt uns plötzlich die klaustrophobische Enge des Dorfs gefangen, die Ödnis eines ereignislosen, helllichten Nachmittags, an dem das einzige Wirtshaus geschlossen hat. Kein Geschäft, kein Kino, kein gar nichts, nur die Dorfbewohner, die auf den Dächern stehen und den Schnee hinunterschaufeln. Im Fernseher auf dem Zimmer ist auch nur Rieseln zu sehen. Doch es ist wie beim Meditieren. Der Entzug von Reizen bewirkt am Ende, dass man aufnahmefähig wird für das, was da ist. Also das Dorfleben: Kirche, Gasthof, Schule.

Am Abend besuchen wir zum ersten Mal seit langem eine Sonntagsmesse. Das Innere der Kirche ist freundlich, hell und eiskalt. In der letzten Reihe stehend, sind wir halb Zuschauer, halb Teilnehmer. Eine unbehagliche Position, in der wir anfangs das Gefühl nicht loswerden, die anderen bei etwas allzu Privatem zu beobachten. Der Pfarrer ist froh, dass er bis Namlos durchgekommen ist. „Möge der Himmel seine Pforten schließen“, betet er, und die zehn Besucher in dicken Anoraks und Wollmützen stimmen kräftig ihre Kirchenlieder an, Atemwolken vor den Mündern. Das sieht sehr tröstlich aus. Am Ende kommt die junge Messdienerin und wünscht uns, wie allen anderen, mit einem Händedruck: „Friede sei mit dir.“ Eine schlichte, rituelle Geste, die uns zunächst peinlich berührt, nach der wir uns dann aber nicht mehr ganz so außen vor fühlen. Und nach der Kirche hat auch das Gasthaus wieder auf.

Stammtischprivilegien in der Dorfkneipe

Die Messdienerin treffen wir am nächsten Morgen wieder. Im einzigen Klassenzimmer der Dorfschule steht sie mit ihren sechs Schulkameraden im Halbkreis um den Lehrer herum und müht sich mit Kopfrechenaufgaben. Mit sieben Schülern zwischen sieben und vierzehn Jahren ist die Namloser Schule eine der kleinsten in Österreich. Es gibt nur einen Lehrer für alle Fächer außer für Kunst, Kochen und Religion, der gleichzeitig alle Jahrgänge von der ersten bis zur siebten Klasse betreut. Es ist wirklich eine kleine Welt. Wenn wir am nächsten Tag die Dorfkapelle bei einer Probe besuchen würden, träfen wir dort die Messdienerin schon wieder, diesmal als Querflötistin. Fast die Hälfte aller Namloser Einwohner macht dort mit, der Wirt spielt die Tuba, der Bürgermeister Klarinette, Schneeschuhführer Erich rührt die Trommel.

Es ist dieser Reiz einer bilderbuchartig überschaubaren Welt, der Besucher nach Namlos lockt und nicht wenige zu Stammgästen werden lässt, wie jenes Wiener Ehepaar, das gleich mehrmals im Jahr hierherkommt. „Daheim im Mietshaus kennen wir kaum unsere Nachbarn. Hier kennen wir alle, und alle kennen uns“, sagt das Paar, Manche Gäste sind mit Namlos seit ihrer Kindheit vertraut und fühlen sich schon so zugehörig, dass sie beginnen, sich in die Belange des Ortes einzumischen, dem Bürgermeister ungefragt Ratschläge geben oder neue Standorte für die Müllcontainer vorschlagen. Der Stammgast aus Wien, der sich in den Jahrzehnten seines Gastseins vom ungeliebten, weil überheizten Ofentisch an den Namloser Stammtisch im Gasthof Kreuz vorgearbeitet hat, weiß, dass man solche Ratschläge sehr vorsichtig vorbringen muss. Beachtet werden sie kaum je einmal, dafür sorgt allein schon der Namloser Starrsinn.

Zimmer mit Kalt- und Warmwasser

Für die, die das ganze Jahr über hier leben, ist Namlos zuweilen eine zu enge Welt. „Eigentlich weiß jeder hier über den anderen ein bisschen zu viel.“ Diesen Satz hören wir von verschiedenen Seiten in mehreren Varianten immer wieder. Umso mehr ist man darauf bedacht, sich in seine Angelegenheiten nicht hereinreden zu lassen. Eine gewisse Bockbeinigkeit gehört ohnehin zur Überlebensgrundausstattung hier oben. Und besteht der Reiz des Ortes nicht eben gerade darin, dass sich so wenig verändert hat? Dass das Gasthaus Kreuz noch immer „Zimmer mit Kalt- und Warmwasser“ anbietet, wie Pensionen vor sechzig Jahren?

Abends sitzen wir wieder im Gasthof und sind der einzige auswärtige Gast. Richy, der Wirt, raucht, aus dem Radio tönt Schlagermusik, „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, das passt. Nach zwei Tagen kennt man uns hier, vom Ofentisch sind wir eine Station weitergerückt. Dasselbe Bühnenbild, dieselben Personen: für einen Moment haben wir das Gefühl, in einem Dürrenmatt-Stück gefangen zu sein. Auftritt Bürgermeister Walter Zobel, gelbe Funktionsjacke, Fleecepulli, Brille, Bart. Er ist zugleich Forstwart, Mitglied der Lawinenkommission und der Bergrettung und war den ganzen Tag auf Achse. Am Ende hat er entschieden, die Straße offen zu lassen - vorerst keine Gefahr vom Arsch. Sorgen um Namlos macht er sich trotzdem. Mag die Lawinengefahr auch gebannt sein, der Schnee im Frühjahr wegtauen. Vom Verschwinden bleibt das Dorf gleichwohl bedroht. „Seit sieben Jahren versuchen wir, junge Familien mit Kindern anzuwerben. Ohne Erfolg“, seufzt er. Doch ohne Nachwuchs droht der Dorfschule schon im nächsten Jahr das Aus, und was dann aus der Musikkapelle, der freiwilligen Feuerwehr und den Sonntagsmessen werden soll, steht in den Sternen. „Ohne Schule würde der Ort nicht mehr richtig funktionieren. Eine Familie mit jungen Kindern wäre wie ein Lottotreffer für uns“, sagt Zobel. Sein eigener Sohn studiert in Innsbruck, die Tochter des Wirts zieht bald in den Nachbarort. Zobel kann es ihnen nicht verdenken. Er wäre als junger Mann selbst gerne weggegangen und hätte studiert, wenn sein Vater ihn nicht in die Pflicht genommen und zur Übernahme des Hofs genötigt hätte.

Hoffen auf Kinder und auswärtige Frauen

Sind die Tage des Namloser Idylls mit Zwergschule und Dorfkapelle also gezählt? Noch ist das Dorfleben, ist die soziale Struktur intakt. Doch was wird in zehn Jahren sein, wenn nicht nur Richy, der Wirt, im Rentenalter ist? Walter Zobel will lieber daran glauben, dass einige der Kinder zurückkommen, und daran, dass sich wiederholt, was bei ihm und dem Erich auch geklappt hat: Sie haben auswärtige Frauen geheiratet, die große Lust hatten, ins einsame Namlos zu ziehen, der Walter eine Bayerin, der Erich eine Holländerin. „Dass meine Frau freiwillig hierher zieht und es ihr hier so gut gefällt, damit habe ich damals überhaupt nicht gerechnet“, sagt er. Ein wenig ungläubig klingt es immer noch.


 

Information: Österreich Werbung, Telefon: 00800/ 40020000, E-Mail: urlaub@austria.info, Internet: www.austria.info/de.

Quelle: F.A.Z.
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