25.01.2012 · Oberhalb von Zermatt erschließt die am höchsten gelegene Seilbahn der Alpen ein famoses Pistennetz. Manchmal aber stoppen die extremen Wetterbedingungen den Drang der Skifahrer in die hochalpine Region.
Von Volker MehnertAmerikanische Verhältnisse herrschen in Zermatt. Der Walliser Skiort mit den Pisten im Bannkreis des Matterhorns bombardiert seine Gäste mit so vielen Superlativen, wie man sie sonst nur jenseits des Atlantiks serviert bekommt: dreimal in Folge vom ADAC als bestes alpines Skigebiet in Europa ausgezeichnet, größtes Ganzjahres-Skigebiet der Alpen, am höchsten gelegener Gletscherpalast der Welt, achtunddreißig Viertausender in der Schweiz, Italien und Frankreich, die von drei Aussichtspunkten oberhalb von dreitausend Meter Höhe zu sehen sind, darunter die höchste Panoramaplattform Europas; dazu der schönste Ausblick aufs Matterhorn, die höchste im Freien angelegte Zahnradbahn und der am höchsten gelegene Seminarraum Europas, das beste italienische Restaurant und das am höchsten gelegene Hotel der Schweiz, achtzehn Restaurants mit zusammen zweihundertsechsundvierzig Gault-Millau-Punkten und außerdem noch das am höchsten gelegene Berggasthaus Europas.
Dass Größen- und Höhenrekorde auch Nachteile haben können, erfährt Rinaldo Kuonen wieder einmal am eigenen Leib. Er steuert eine der Schneeraupen, die in der Nacht die Pisten am Kleinen Matterhorn präparieren, zu dessen Gipfel die höchste Luftseilbahn der Alpen hinaufschwebt - bis auf 3883 Meter Höhe. Das ist eigentlich Zermatts liebster Superlativ. Jetzt aber, um halb sechs Uhr morgens, sorgt er nicht gerade für Begeisterung. In Sturm und Schneegestöber und bei zehn Grad minus steht Rinaldo in der ausgestorbenen, finsteren Talstation am Ortsrand. Zusammen mit vier Kollegen schwebt er kurz darauf in einer Gondel durch die Dunkelheit zur Mittelstation Trockener Steg. Viel geredet wird nicht in der eiskalten Kabine, die einer der Männer per Knopfdruck in Bewegung setzt.
Den Wetterbericht haben die Fahrer der Pistenbullys schon zu Hause angeschaut, und er hat an diesem Morgen nicht unbedingt für gehobene Stimmung gesorgt. Deshalb wird als Erstes die Windgeschwindigkeit kontrolliert. "Wir wollen ja nicht im Blindflug gegen einen der Pfeiler prallen", heißt es lakonisch. Mit zweiunddreißig Stundenkilometern bleibt der Wind jetzt aber im erträglichen Rahmen, auch wenn die Gondel mit ihrem geringen Ballast merklich hin- und herschwankt. Erst bei sechzig Stundenkilometern wird es heikel, und das geschieht dann eher auf der zweiten Etappe der Pendelbahn, die vom Trockenen Steg hinauf zum Klein Matterhorn führt. In acht Minuten rauscht die Kabine dort normalerweise hinauf, bei starkem Wind jedoch muss sie langsamer fahren und kann bis zu zwanzig Minuten benötigen. Weht es noch stärker, wird der Betrieb ganz eingestellt. Es ist sogar schon passiert, dass die obere Sektion zwei Wochen lang geschlossen blieb.
Auch an diesem Morgen manövriert der Kabinenführer die schwankende Gondel mit höchster Vorsicht in den Betonschacht an der Mittelstation. Dort angekommen, stapfen die Männer durch Sturm, Kälte und dreißig Zentimeter Neuschnee zur Garage. Nach der technischen Kontrolle der Fahrzeuge folgt eine kurze Verteilung der Aufgaben. Dann geht es los, mit fünfhundert PS auf die Piste, die um diese frühe Uhrzeit noch keine ist, sondern eine von Schneefall, Frost und Verwehungen gestaltete weiße Wildnis. Die fünf Maschinen verteilen sich im Gelände, jeder kennt seine Aufgabe. Gespenstisch bohren sich die Scheinwerfer durch die nächtliche Einöde. Auf dem weichen Neuschnee scheint das tonnenschwere Pistenfahrzeug wie auf einer Wasserfläche zu schwimmen.
Erst einmal quälen sich die Bullys bergauf, durchschnittlich mit fünfzehn Stundenkilometern, manchmal nur im Schritttempo. Die Abfahrten unterhalb der Mittelstation hat schon der Spätdienst am Vorabend präpariert, den Fahrern der Frühschicht steht jetzt die schwierigere Aufgabe bevor. Denn oben ist es steiler, stürmischer und unberechenbarer. "Manchmal sind wir gerade fertig gewesen mit der Arbeit, und dann hat der Wind zwei Stunden später alles wieder verweht", sagt Rinaldo. Rund um die Rekordhöhenbergstation am Gipfel des Klein Matterhorns stürmt es besonders heftig. Der höchste Schlepplift der Alpen, ein weiterer Rekord, den Zermatt für sich in Anspruch nimmt, ist deshalb im Winter außer Betrieb. Der betagte Lift, der bis zur 3899 Meter hohen Bergspitze Gobba di Rollin hinaufführt, dient nur dem Sommerskilauf im - Achtung, noch ein Superlativ! - höchsten Gletscherskigebiet Europas. Dort absolvieren Nationalmannschaften aus den wichtigsten Skinationen ihr alpines Sommertraining. Das entschädigt Zermatt dafür, dass der winterliche Weltcupzirkus im Dorf der Rekorde nicht Station macht.
Hier oben stehen keine Schneekanonen, denn Naturschnee ist meist reichlich vorhanden. Während anderswo die vorher produzierten Kunstschneehaufen auf die Piste geschoben werden, ist es am Klein Matterhorn umgekehrt. Die Bullys walzen den vom Himmel gefallenen Schnee platt, schieben überschüssige Mengen zur Seite und zerstören damit große Flächen von fabelhaft flauschigem Pulverschnee. Das mag Tiefschneefanatikern und Freeridern die Tränen in die Augen treiben, aber nur die präparierten Pisten ermöglichen auch Durchschnittskönnern das Erlebnis, in extremer Höhe sicher und kontrolliert Ski zu fahren. In dieser schneebeladenen Umgebung mag man kaum glauben, dass wegen des Klimawandels auf dem Gletscher in den Sommermonaten neuerdings doch eine Schneemaschine nötig ist, ein kurioses Gerät, das in Zermatt, wie sollte es anders sein, weltweit zum ersten Mal in einem Skigebiet zum Einsatz kam. Ursprünglich wurde diese Vacuum Ice Machine in den Goldminen Südafrikas benutzt, um die Stollen zu kühlen. Schnee ist bei dieser speziellen Art der Kühlung, die auch bei hohen Außentemperaturen funktioniert, ein Nebenprodukt, das an der sommerlichen Gletscherpiste für Extraportionen Kunstschnee sorgt.
Vorerst noch nicht herangewagt hat sich Zermatt hingegen an das verwegene Projekt einer hundertsiebzehn Meter hohen Glas- und Stahlpyramide auf der Spitze des Klein Matterhorn, die wie eine natürliche Felsnadel aus dem Berg herauswachsen sollte und sicherlich wieder den einen oder anderen Superlativ markiert hätte. Wegen der grandiosen Weitsicht und der extravaganten Architektur wäre das Gebäude sicher ein beliebtes Ziel für Besucher aus aller Welt geworden, vor allem für die stets eiligen Alpentouristen aus Asien. Doch vorläufig braucht die natürliche Felspyramide des großen Matterhorns die Konkurrenz durch ein vom Menschen geschaffenes Gegenstück nicht zu fürchten.
An diesem Morgen freilich wäre auch das auffälligste Glashaus nicht zu sehen. Weil das Schneegestöber so dicht ist, müssen sich die Bullypiloten genau wie manchmal die Skifahrer bei der Abfahrt an den Stangen der seitlichen Pistenbegrenzung orientieren. "Solange es dunkel ist, sehen wir wegen der Scheinwerfer noch ganz gut", sagt Rinaldo, "wenn nachher der Tag anbricht, wird das Licht diffuser und die Sicht richtig schlecht." Und genauso kommt es. Weil sich außerdem das Bild der Landschaft nach jedem Schneefall anders präsentiert, kann sich sogar ein erfahrener Bullypilot schon mal verfahren. Rinaldo passiert es heute auch einmal, doch schnell hat er die Orientierung zurückgewonnen. Die Spur, die sein Fahrzeug hinterlassen hat, ist unübersehbar und bringt ihn zurück ins Pistengelände.
Wird der Hang besonders steil, hakt sich die Pistenraupe mit ihrer Winde in einen Anker ein, seilt sich ins Tal ab und zieht sich anschließend wieder bergauf. Auf dem Weg abwärts erscheint die Piste durch die große Frontscheibe noch steiler und gefährlicher als auf Skiern; schließlich nutzt die Maschine ausschließlich die Falllinie und fährt keine beruhigenden CarvingSchwünge und Bögen. Schwarze Abfahrten sind also auch für den Bully und seinen Fahrer eine Herausforderung. Ob sie ihre Arbeit wirklich gut gemacht und auch auf den steilsten Abfahrten keine Ränder oder Schneehaufen hinterlassen haben, das können die Bullypiloten im Laufe des Tages an den Kommentaren von Gästen und Einheimischen ablesen. Rinaldo fährt außerdem mit den Skiern gern die von ihm präparierten Pisten ab. So erkennt er am besten, was er in der nächsten Nacht verbessern kann.
Die Fahrer der Pistenraupen haben nicht nur ihren Stolz, sondern auch eine ganz besondere Freude an der Arbeit. Das gilt vor allem in klaren Nächten, wenn Mond und Sterne über dem Matterhorn ein leuchtendes Firmament aufspannen und wenn dann irgendwann die Sonne aufgeht und zunächst ganz zart die Spitze des Berges erleuchtet, bevor sie ihn in ein gelb-oranges, rosa-violettes oder violett-blaues Farbbad taucht. Immerzu zeigt sich das Matterhorn in einem neuen Licht. Es verändert sich von Minute zu Minute, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahreszeit zu Jahreszeit. Das klassische Panorama des Berges aller Berge mit der felsig dunklen Nordwand und der verschneiten Ostwand ist eine erhabene Kulisse für einen Arbeitsplatz. Rinaldo besitzt deshalb wahrscheinlich eine der vielseitigsten und schönsten Fotosammlungen vom Matterhorn. Heute morgen jedoch fragt man sich, ob die felsige Pyramide hinter dem Schneegestöber überhaupt existiert und ob Zermatt, wie in einer weiteren Rekordmeldung behauptet, wirklich der Schweizer Ort mit der längsten Sonnenscheindauer ist.
Gegen neun Uhr, als die Eröffnung des Skigebiets bevorsteht, haben die Pistenraupen alle Abfahrten sorgfältig präpariert. Die Strecken präsentieren sich in bestem Zustand und sind bereit für die Skifahrer, die schon ungeduldig an der Talstation warten. Doch aus der Einsatzzentrale kommt die schlechte Nachricht: Der obere Teil des Skigebiets am Kleinen Matterhorn bleibt vorerst geschlossen, der Wind weht viel zu heftig. Die Arbeit der fünf Bullyfahrer war weitgehend umsonst. Die Gäste mögen sich ärgern, dass ein großer Teil der Pisten gesperrt ist, manche beschweren sich auch, aber schließlich haben sie Optionen auf den weiter unten gelegenen Abfahrten. Es besteht also kein Grund zur Klage, auch nicht darüber, dass Zermatt mit dem teuersten Skipass eine weitere alpenweite Rekordmarke hält. Wer die höchste Seilbahn der Alpen bucht, sollte damit rechnen, dass sie gelegentlich vor den Widrigkeiten der Natur kapitulieren muss. Sie schwebt schließlich nicht einfach auf einen Berg, sondern ins wilde und manchmal höchst gefährliche Hochgebirge.
Deshalb wurde sie schon von vornherein für extreme Wetterverhältnisse und die besonders hohen Windlasten ausgelegt. Fundamente, Anker, Stützpfeiler und Seile sind dicker und belastbarer als anderswo. Die Struktur der Bahn zum Gipfel des Kleinen Matterhorns hält Windgeschwindigkeiten von bis zu zweihundertfünfzig Stundenkilometern stand, hinzu kommt noch eine Sicherheitsmarge. Wegen der dünnen Luft stehen an der Gipfelstation Sauerstoffgeräte bereit, und die Mitarbeiter sind besonders geschult in Erster Hilfe für Notfälle in Höhenlagen. Bullyfahrer, Kabinenführer und Liftwarte selbst müssen sich freilich keine Sorgen machen; sie haben wegen ihres häufigen Aufenthalts hier oben eine andere Blutzusammensetzung, befinden sich sozusagen in einer Art ständigem Höhentraining.
Ein lebenslanges Höhentraining absolvierte auch Ulrich Inderbinen, der den wohl sympathischsten Superlativ von Zermatt für sich in Anspruch nehmen kann. Er war jahrelang der älteste Bergführer der Welt, geboren 1900, gestorben im Alter von einhundertvier Jahren. Auf seinem Konto standen dreihunderteinundsiebzig Matterhorn-Besteigungen, die letzte schaffte er im Alter von neunzig Jahren. Außerdem stand er vierundachtzigmal auf dem Gipfel des Montblanc. Nie hat er ein Telefon besessen, stattdessen wartete er immer am Kirchplatz auf bergsteigende Gäste. Die beklagten sich unterwegs manchmal über sein gemächliches Tempo, vor allem wenn sie zunächst von anderen Bergführern und deren Gruppen überholt wurden. Doch am Ende war Ulrich Inderbinen immer vorne mit dabei, und noch heute rühmen die Kollegen seinen "Uli-Schritt".
An diesen vorsichtigen Rhythmus sollten sich auch die Skifahrer halten, die am Vorabend aus dem Flachland angekommen sind und nun gleich am Morgen auf die Rekordhöhen am Kleinen Matterhorn hinaufwollen. Denn das führt nicht selten zu einem bösen Erwachen. Akklimatisierung auf den niedriger gelegenen Pisten ist ratsam, sonst kommt es zu Schwächeanfällen, Kopfschmerzen oder gar Ohnmacht. Zwischenfälle dieser Art sind für Kabinenführer und Gipfelwarte Routine - noch eine Schattenseite des Superlativs. Damit aber muss leben, wer die am höchsten gelegene Bergbahn der Alpen betreibt.