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Strandbemerkungen : Sylts Schwester ist ein wildes Kind

Nicht jeder kommt mit dem Blokart - manche nehmen den Bus. Bild: Elke Sturmhoebel

Die dänische Nordseeinsel Fanø hat viele schöne Seiten. Die schönste ist ihre Unkompliziertheit. Austern zum Beispiel kauft man hier nicht, sondern sammelt sie im Watt, um sie sofort zu essen.

          Nur zwölf Minuten dauert die Überfahrt nach Fanø - weniger also als die Fahrt über die Dämme zu den Nachbarinseln Rømø und Sylt. Und doch beschert einem das Ankommen per Schiff gleich viel mehr Inselgefühl. Es ist, als ob ein Schalter umgelegt würde, sobald die Metallklappe der Fähre auf den Kai heruntergelassen wird. Lauter Erwartungen spuken im Kopf herum, Bilder von dänischer Abgeschiedenheit, von einsamem Dünenglück. Doch dann steht man erst einmal mit den Füßen im Matsch: Unter schnell treibenden Wolken liegt es vor uns, das von der Ebbe blankgezogene Watt, und mit ihm der Blick auf das Kraftwerk von Esbjerg. Sind wir etwa auf die Insel gekommen, um uns die Hässlichkeiten des Festlands anzusehen? Nein, es gibt in diesem Watt noch etwas anderes. Wir sind auf der Spur der Pazifischen Auster. Die wohnt nämlich jetzt hier.

          Die dänische Insel Fanø
          Die dänische Insel Fanø : Bild: F.A.Z.
          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Für die gediegene Austernsafari braucht man nicht mehr als Gummistiefel und einen Eimer. Ein Anzug mit Einstecktuch ist dagegen eher hinderlich. Und man sollte in Bewegung bleiben, das Watt hat schon manchen Stiefel verschluckt, sagt Jesper Voss lachend, während er uns die Ausrüstung aus seinem roten Kleinlaster herüberwirft. Der findige Däne hatte lange einen Bürojob in Luxemburg, bis er sich zurück in die Natur sehnte. Seitdem besorgt er die meisten Tourismusangelegenheiten der Insel in Personalunion.

          Blinder Passagier aus Übersee

          Nach einer halben Stunde waten geht es plötzlich los: Überall im Schlick liegen dicke, graue Klumpen. Eine Auster hochzuheben fühlt sich in etwa so an, als habe man ein Trümmerteil in der Hand - unförmig und überraschend schwer. So, wie man sie in der Natur findet, sind Austern nicht sehr hübsch. Es kleben Seepocken, kleinere Muscheln und viel Schmott daran, zudem muss man sich vor den scharfen Kanten hüten, an denen man sich schnell blutige Finger holt.

          Es ist eine zweischneidige Sache mit der Pazifischen Auster im Wattenmeer. Gekommen ist sie 1996 als blinder Passagier großer Schiffe. Jetzt ist sie dabei, den Laden zu übernehmen. Crassostrea gigas ist der Boss unter den Muscheln, und ihr Expansionsstreben macht Miesmuscheln und Herzmuscheln zu Globalisierungsverlierern: Deren Bestände gehen zurück, während die der Auster explodieren. Das könnte problematisch für die übrige Tierwelt werden. Denn viele der Millionen Zugvögel, die das Watt bei Zwischenlandungen als Speisekammer nutzen, können nur die Schalen der kleineren Muscheln knacken. Die Auster ist für sie viel zu hart. Andererseits filtert die Auster deutlich mehr Wasser als kleinere Muscheln und verbessert so dessen Qualität. Und dann gibt es ja noch den Menschen, der von der Auster profitiert, weil er sie gern verspeist - in Frankreich etwa werden jedes Jahr 125000 Tonnen Austern gezüchtet, in China sogar 3,7 Millionen Tonnen.

          Innen blank und weiß

          Knapp fünfzig Kilometer südlich von Fanø, auf Sylt, kauft man Austern in Gourmetläden. Hier liegen sie einfach so herum, und man kann gegen eine geringe Schutzgebühr so viele einsammeln, wie man tragen kann. Das lässt man sich nicht zweimal sagen. Immer wieder scheppert es in den Eimern, und schnell sind sie übervoll. Jesper warnt, dass man sie auch allein zurückschleppen muss. Gegen den Wind, im Schlick und mit schwerer Beute ist das schon ein kleines Abenteuer. Dann endlich winkt wieder das Grün des Dünengrases, das sich vom Grau des Watts so schön abhebt. Noch ein Stückchen, die Arme werden immer länger, das Grün kämpft gegen das Grau, dann ist endlich die klassische dänische Hecke aus Juckpulver-Beeren ganz nah, die hier meistens den Strand abschirmt, und es ist geschafft.

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