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Stockholm, musikalisch : Super Trouper Södermalm

Gerade mal ein Jahr alt, aber längst ein Publikumsmagnet: Das ABBA-Museum in Stockholm Bild: dpa

In der schwedischen Hauptstadt Stockholm haben viele musikalische Erfolgsgeschichten begonnen. Das liegt nicht nur an ABBA. Dass der Schwedenpop kein Auslaufmodell ist, kann man am besten im Stadtteil Södermalm sehen - und hören.

          Das ziemlich seltsame Synthesizer-Solo in der Mitte von Tina Turners „What’s Love Got to Do With It“ ist eine Herausforderung für jeden, der es mitträllern will, doch der schwedische Busfahrer meistert es mit erstaunlicher Virtuosität, während er ins Zentrum von Stockholm steuert. Dann folgt im Radio Roy Orbisons „You Got It“ - auch in den höchsten Höhen -, alles kein Problem für ihn: „Bay-beee!“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Soll das nun etwa schon ein Beweis dafür sein, dass der Schwede an sich zur Popmusik veranlagt und begabt ist? Wenn man die Liste der zuletzt international erfolgreichen Popstars so durchgeht, ist es schon erstaunlich, wie viele Schweden darunter sind - ob nun Lykke Li und Loreen, die Shout Out Louds, die Cardigans oder die inzwischen fast wieder vergessene Army of Lovers, die Anfang der neunziger Jahre die Zuschauer des noch jungen europäischen Musikfernsehens das Fürchten lehrte.

          Ob es allerdings je wieder eine so erfolgreiche schwedische Band geben wird wie ABBA? Auf der Insel Djurgården, eingeklemmt zwischen den Stockholmer Stadtteilen Östermalm und Södermalm, hat sie seit Mai 2013 sogar ein eigenes Museum. Ihr Erfolgsgeheimnis war indessen wohl nicht der Sound der City, sondern der einer kleinen Hütte auf einer der Tausenden Schäreninseln, der sogenannten „Viggsö Writing Hut“.

          Björn wachte von Bennys Klavierspiel auf

          Einen typischen Morgen in dieser Künstlerdatsche soll man sich so vorstellen: „Björn wachte von Bennys Klavierspiel auf. Dann brachte er ihm Kaffee und setzte sich mit seiner Gitarre dazu.“ Kaum zu glauben, aber so sollen Evergreens wie „Dancing Queen“, „Super Trouper“ und „Waterloo“ entstanden sein. Die kann man dann im interaktiven Teil des Museums auch selbst nachsingen, als digital im Seventies-Stil bekleidetes Hologramm. Wer mutig ist, postet das Ergebnis auf Facebook.

          Schwedenidylle selbst noch in der Wahlkabine: Szene aus Stockholm
          Schwedenidylle selbst noch in der Wahlkabine: Szene aus Stockholm : Bild: dpa

          Mit der Stadtfähre gelangt man von Djurgården über die Insel Gamla Stan auf dem Salzwasser nach Södermalm, in jenen Stadtbezirk also, der mit seinen unzähligen Spezialgeschäften noch für jeden Maniac etwas bereithält, gerade für Musiker. Ein Loch-in-der-Wand-Laden führt nur Effektgeräte für E-Gitarren. Direkt daneben ist eine Reparaturwerkstatt für Oldtimer, in der gerade ein Chrom-Kühlergrill poliert wird. Man findet hier, aller Digitalisierung zum Trotz, erstaunlich viele Plattenläden, oft mit einem Café. Einer der ältesten ist „Pet Sounds Records“, 1979 eröffnet und benannt nach dem legendären Album der Beach Boys.

          Geführt wird er von Stefan Jacobson und Juhani Ekstrand, die allerdings in Haar- und Barttracht eher an Papa Schlumpf erinnern als an die Surferjungs. Die digitale Revolution ist freilich nicht spurlos an ihrem Geschäft vorübergegangen. Im Gegensatz zu vielen Verkäufern traditioneller Tonträger, die darüber lamentieren, haben sie sich allerdings entschlossen, mit dem vermeintlichen Feind gemeinsame Sache zu machen. Also bieten sie auf ihrer Homepage eigene Spotify-Playlists mit Empfehlungen neuer Musik. Sie hoffen natürlich darauf, dass dieses Streaming dann doch den einen oder anderen Kunden in den realen Laden lockt.

          Nach Bieren im Wert von mehreren Langspielplatten

          Vinyl sei gerade bei Jüngeren wieder im Kommen, sagen die beiden, CDs eher für Leute ab vierzig. Ob Jacobson auch typisch schwedische Musik zu empfehlen habe? Er grinst und verschwindet für eine Weile. Dann taucht er mit einer Platte wieder auf, die schon etwas älter aussieht: „Das ist die erste Rockband, die auf Schwedisch gesungen hat!“, sagt er. Der Knabe auf dem Cover nennt sich Pugh, das Album trägt den kuriosen Titel „Jä, dä ä dä“ („Ja, das ist es“) - vielleicht ein Grund, warum sich dieser Schwede nicht international durchgesetzt hat.

          Das Geheimnis schwedischer Popmusik: Stefan Stefan Jacobson (rechts) und sein Kollege Juhani Ekstrand betreiben in Stockholm den Plattenladen „Pet Sounds Records“.
          Das Geheimnis schwedischer Popmusik: Stefan Stefan Jacobson (rechts) und sein Kollege Juhani Ekstrand betreiben in Stockholm den Plattenladen „Pet Sounds Records“. : Bild: J.Wiele

          Als „Pet Sounds“ für heute dichtmacht, steht die letzte Abendsonne über den Dächern. Wir nähern uns wieder dem Wasser, auf das es in Södermalm immer wieder herrliche Durchblicke gibt - manchmal liegen auch riesige Schiffe vor Anker mitten zwischen den Inseln der schwedischen Hauptstadt.

          Auf ein Feierabendbier lädt der „Debaser“: Das ist eine Freiluft-Bar an der großen Schleuse zwischen Salz- und Süßwasser, an der sehr viele Stockholmer täglich vorbeimüssen. Die Klänge, die hier aus den Lautsprechern kommen, haben mit Schweden aber nicht viel zu tun: Die weltweit gleiche Lounge-Musik versprüht mittlerweile auch hier ihr lähmendes Gift. Nach Bieren im Wert von mehreren Langspielplatten geht es todmüde ins Hotel.

          Ein bisschen wie im Waffenlabor von James Bond

          Wenn man beim Halbschlaf-Fernsehen noch zufällig bei „Swedish Idol“ reinschaltet, kann man doch wieder ins Zweifeln kommen an der Musikalität junger Schwedinnen und Schweden. Aber es ist eben das Konzept dieser Show, dass erst mal einige schräge Vögel und Schiefsinger vorgeschickt werden, damit sich das schließlich „entdeckte“ Supertalent umso mehr davon abhebt. Der fiese Chefkritiker, der im Original von Simon Cowell und in Deutschland von Dieter Bohlen gestellt wird, heißt hier Alexander Bard.

          Der Mitgründer der Army of Lovers sieht heute wie ein Waldschrat aus und jagt den Möchtegern-Rihannas und Justin-Bieber-Epigonen wohl so manchen Schrecken ein. Vielleicht soll er aber auch an Bragi erinnern, jenen Gott der Musik und Dichtkunst in der nordischen Mythologie, über den es heißt, dass sein Haar und sein langer Bart den Körper umflössen, um die Schwingungen der Musik nachzuahmen.

          Schöne neue Daddelwelt der Sounds: Synthesizer und andere Spielereien im Büro der Firma Teenage Engineering in Stockholm
          Schöne neue Daddelwelt der Sounds: Synthesizer und andere Spielereien im Büro der Firma Teenage Engineering in Stockholm : Bild: J.Wiele

          Am nächsten Tag lernen wir, dass Södermalm nicht nur ein Retro-Viertel ist, sondern auch ein Platz für Hipster ganz weit vorne. Die Werkstatt von „Teenage Engineering“ liegt etwas versteckt hinter einem unscheinbaren Garagentor. Zwischen aufgebockten Schreibtischen stehen zwei waschechte Ferraris in Blütenweiß herum. Im Ausgabeschacht eines großen 3-D-Druckers liegt das Plastikrelief eines verschwommenen Gesichts. Man fühlt sich ein bisschen wie im Waffenlabor von „Q“ aus den James-Bond-Filmen.

          Ein Alkohol-Museum gibt es auch

          Aber hier arbeiten keine Geheimagenten, sondern Berufsjugendliche an Produkten zwischen Avantgarde-Design und neuester Technik. Der Chef Jesper Kouthoofd, ein Mittvierziger mit schwarzem T-Shirt, schwarzer Jeans und schwarzen Sneakern, zeigt sein liebstes Baby: Es ist der Synthesizer OP-1, der ungefähr die Größe einer normalen Tastatur hat, aber auch alle möglichen Drehknöpfe und kleine Displays mit bunten Kurven. Mit dem Ding könne man sehr ernsthafte Elekromusik kreieren! Was er auch wummernd, fiepend und klackend vorführt.

          Mit dem Schreiben von Hits hat dieses Gerät allerdings nicht mehr viel zu tun, Kouthoofd sieht seine Vorteile eher gerade darin, dass es „keinen Druck erzeuge, einen richtigen Song zu komponieren“. Schöne neue Daddelwelt, in der es keine Songs mehr gibt, nur noch Sounds!

          Ist Schwedenpop mit seinen eingängigen Liedern am Ende doch ein Auslaufmodell? Nicht, wenn es nach einer neuen App namens „Stockholm Sounds“ geht, mit der man spielend die Stadt erlaufen kann. Sie führt den Wanderer zum Beispiel auch ins Museum des Alkohols, das „Spritmuseum“. Dort gibt es nämlich jedes Jahr eine Landesmeisterschaft für neue „Snapsvisa“, also Trinklieder. Zu den Highlights aus den vergangenen Jahren zählt „Köpa Byxor“ („Hosen kaufen“), geschrieben von einem Rentner aus Malmö. Es handelt davon, dass neue Hosen meist nicht gut passen - ein Schnaps dagegen immer. Das Spritmuseum wirbt mit dem Satz: „Selten schenkt ein Nachmittag im Zeichen des Alkohols so viele kluge Einsichten.“

          Sie singen mit der denkbar größten Inbrunst

          Etwas seriöser und mit mehr globaler Aufmerksamkeit als beim Trinkliedercontest geht es zu, wenn einmal im Jahr der schwedische König höchstpersönlich im ehrwürdigen Konzerthaus von Stockholm den „Polar Music Prize“ verleiht. Der erinnert an den Musikverlag und die Studios des Komponisten und ABBA-Managers Stikkan Anderson und wird jeweils an einen Popmusiker und einen klassischen Musiker vergeben. Deren Stücke werden dann vom Stockholmer Royal Philharmonic Orchestra und zahlreichen Gastmusikern neu arrangiert - wenn es Ende August wieder so weit ist, darf man sich diesmal mit den Preisträgern Chuck Berry und Peter Sellars auf eine gewohnt ungewöhnliche Klangmischung freuen.

          Der Preisstifter Stikkan Anderson hat das Geheimnis erfolgreicher Popmusik offensichtlich gekannt, so viele Hits wie er geschrieben hat. Aber ihn kann man leider nicht mehr danach fragen, er ist 1997 gestorben. Werden wir es also nie erfahren? Am letzten Tag unserer Reise gibt es noch eine Chance: Man ermöglicht uns einen Besuch des Unterrichts in der Adolf Frederiksskolan im Norden Stockholms, einem Gymnasium mit musischem Schwerpunkt. In den fünften Stock des Jugendstilbaus fällt helles Morgenlicht: Hier ist die Singstunde des Knabenchors, fünfte und sechste Klasse. Lehrer Pelle Olofsson sitzt am Klavier und motiviert die wohl vierzig Jungen zu immer höheren Einsingübungen. Dann proben sie ein Stück, das man nicht sofort erkennt: „Why, why can’t this moment last forever more?“

          Könnte jetzt vieles sein, ist nicht typisch schwedisch. Doch als die Milchgesichter dann den Refrain anstimmen, wird es schnell glockenklar: „Eu-phooo-rii-ia!“, tirilieren sie. Das Eurovisions-Gewinnerlied 2012 von Loreen, gesungen von Hänflingen, die das Wort „Song Contest“ wahrscheinlich gerade erst gelernt haben! Sie haben teils verwegene Frisuren, schauen aber alle sehr ernst drein und singen mit der denkbar größten Inbrunst.

          Der Weg nach Stockholm

          Anreise: Lufthansa und SAS fliegen täglich von Frankfurt, München oder Berlin nach Stockholm- Arlanda. Flüge ab 200 Euro

          Übernachtung: Im Scandic „Grand Central Hotel“ direkt im Zentrum. An den Zimmerwänden stehen Botschaften schwedischer Popgruppen, in der Bar gibt es regelmäßig Konzerte (DZ ab 170 Euro, www.scandichotels.se).

          Weitere Informationen rund um den „Polar Music Prize“, der dieses Jahr am 26. August verliehen wird, unter polarmusicprize.org. Infos zu Konzerten in Stockholm unter www.visitstockholm.com

          Die Reise wurde unterstützt von Visit Sweden (www.visitsweden.com).

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