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Auf dem Jangtse : Seid gnädig mit uns, Kaiser der Unterwelt!

Die größte Stadt nicht nur am Jangtse, sondern der ganzen Welt: Chongqing hat nach offizieller Zählweise zweiunddreißig Millionen Einwohner und muss für diese aberwitzige Größe gewisse Abstriche bei der Lebens- und Luftqualität hinnehmen. Bild: Polaris /Studio X

Nicht nur die Götter, auch die Menschen können neue Welten erschaffen. In China haben sie es getan: Eine Kreuzfahrt auf dem Jangtse zehn Jahre nach Vollendung des Drei-Schluchten-Staudamms.

          Drei Prüfungen müssen die toten Seelen in der Geisterstadt Fengdu bestehen, und die Lebenden können schon einmal üben. Als Erstes muss man eine kurze, aber halbkreissteile Bogenbrücke überqueren. Schafft man es, ohne zu straucheln, ist die Seele rein. Wenn sie aber böse ist, kommt man außer Tritt, stürzt ins Wasser, das sich in brodelndes Blut verwandelt, und wird von bronzenen Schlangen und eisernen Hunden verschlungen. Wir schaffen diese Prüfung mit Ach und Krach und die zweite mit knappster Not: Dreiunddreißig Treppenstufen steigen wir mit einem einzigen Atemzug zum Tempel des Erleuchteten hinauf, so verlangen es die Götter, kommen oben glücklich japsend an und sind nun bereit für das dritte Examen - das Jüngste Gericht im Tempel des Teufels, dem schrecklichsten Ort der Geisterstadt. Seine Wände sind mit Szenen des taoistischen Höllensturzes bemalt, mit Monstern, die nackte Leiber verspeisen, Gehörnten, die arme Sünder aufspießen, abgeschlagenen Köpfen und Gliedmaßen, die überall herumliegen wie in einer Menschenmetzgerei. Dann müssen wir das Spalier der Fürsten der Finsternis passieren, furchterregenden Gestalten mit Reißzähnen, Morgensternen und Glupschaugen. Wir halten ihren Drohgebärden tapfer stand und stehen schließlich vor dem Kaiser der Unterwelt, der sein Gesicht im Halbdunkel verbirgt und hoffentlich zu gegebener Zeit ein wohlwollendes Urteil über uns fällen wird.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wir tun so, als sei uns das Paradies sicher, und statten schon einmal dem Jadekaiser in seinem Tempel nebenan einen unangemeldeten Besuch ab, dem Himmelsherrscher des taoistischen Pantheons, klopfen ihm in ketzerischer Kumpelhaftigkeit auf die Schulter - und erstarren. Denn Gott ist aus Plastik, hohl wie eine Schießbudenfigur, billig wie eine Kirmesdekoration, das höchste Wesen der heiligen Geisterstadt eine Geisterbahnattrappe!

          Gotham City am Ufer des Drachenflusses

          Wer den Pragmatismus der Chinesen nicht versteht, wird China nie begreifen. Das feuchte Klima in Fengdu bekomme Holzfiguren nicht, sagt man uns achselzuckend, deswegen habe man Kunststoff genommen, als man den Tempel der zwei Jahrtausende alten Stadt vor acht Jahren neu errichtet habe. Er sei baufällig und eine Restaurierung zu aufwendig gewesen, also habe man ihn kurzerhand abgerissen. Und dass man dem Jadekaiser praktischerweise Opferobst aus Pappmaché vor den Thron legt, wird von den Gläubigen ebenso selbstverständlich hingenommen wie die Verwandlung Fengdus in eine doppelte Geisterstadt. Denn seit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudammes liegt das, was einmal das Fengdu der Lebenden war, achtzig Meter tief unter Wasser - ein Atlantis des chinesischen Fortschrittsfurors, dessen Reißbrettschwesterstadt am anderen Ufer des Jangtse so gespenstisch wie Gotham City aus dem Morgennebel ragt. Sie ist die neue Heimat von hunderttausend Menschen, kaum zehn Jahre alt und doch schon so geisterhaft, als sei sie vor ewigen Zeiten vom Kaiser der Unterwelt verdammt worden.

          Dickschiff auf Flusskreuzfahrt: die Century Paragon.
          Dickschiff auf Flusskreuzfahrt: die Century Paragon. : Bild: Archiv

          Der Drei-Schluchten-Staudamm ist ein Monstrum und ein Meisterwerk, ist Segen und Fluch, Triumph und Desaster, Hybris und Heldentat, immer beides, nie nur eines. Er ist das größte Wasserwerk der Welt, das den Jangtse auf einer Länge von mehr als sechshundert Kilometern staut, jedes Jahr so viel Strom erzeugt, wie ganz Belgien verbraucht, und offiziell achtzehn Milliarden Euro gekostet hat, wahrscheinlich aber mindestens doppelt so viel. Er hat Dutzende von Städten und Hunderte von Dörfern geflutet, 1,4 Millionen Menschen die Heimat geraubt und Jahrtausende von Geschichte vernichtet. Er hat aber auch den launischen Strom gezähmt, der früher immer wieder über die Ufer trat und Zehntausende in den Tod riss. Er hat den Traum von Sun Yat-sen, dem Gründer des modernen China, und vom Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung wahr werden lassen und könnte bald zum Albtraum werden, weil unter den gestauten Wassermassen die Ufer kollabieren, der Fluss verschlammt, die Algen wuchern, das Klima verrückt spielt. Das räumt inzwischen sogar die Regierung ein, die ganz offiziell nicht nur von „negativen Einflüssen“ auf die Umwelt, sondern auch von „finanziellen Unregelmäßigkeiten“ bei den Entschädigungszahlungen für die Zwangsumgesiedelten spricht. Den Damm hält sie allerdings immer noch für das großartigste und nicht das kontroverseste Mammutprojekt der jüngeren chinesischen Geschichte.

          Drosselgasse à la chinoise

          Bis nach Chongqing staut sich das Wasser von Chinas Himmelsfluss, bis in diese Riesenstadt, aus der sechzig Prozent aller chinesischen Motorräder und vierzig Prozent aller Laptops weltweit stammen und in der die meisten Jangtse-Kreuzfahrten beginnen oder enden. Doch Chongqing ist noch längst kein zweites Schanghai, keine glamouröse Weltstadt mit stolzstrotzender Skyline, sondern eine urbane Urmasse aus Tausenden gesichtsloser Wohnwolkenkratzer und einem Spinnennetz von Stadtautobahnen, die ihre endgültige Form erst noch finden muss. Zwischen sieben und wahnwitzigen dreiunddreißig Millionen Menschen wohnen hier, je nach administrativer Zählweise. Von Apokalypse aber ist keine Spur, auch wenn ständig Tankfahrzeuge die Luft befeuchten müssen, um den Feinstaub zu binden. Man gibt sich alle Mühe, die Stadt und es sich selbst hübsch zu machen, lässt die Standstreifen der Schnellstraßen von Straßenkehrern blank fegen und die Blumenrabatten zwischen den Fahrbahnen von Gärtnern maniküren. Und im Eling Park hoch über Chongqing führen zwischen Pagoden, Lotusteichen und Bambushainen fröhliche Alte das Kommando, die mit ihren Enkeln Fangen oder mit ihren Altersgenossen Majong spielen und uns Fremden so enthusiastisch zuwinken, als gehörten wir zur Familie.

          Chongqing war schon vor dreitausend Jahren die Hauptstadt eines Königreiches, doch von seiner Geschichte ist fast nichts geblieben. All das, was die Japaner nicht während des Zweiten Weltkrieges zerbombten, wurde unter der steinernen Fortschrittssturmflut des post-maoistischen, kommunistisch-kapitalistischen China begraben. Eine einzige krumme Gasse hat überlebt, die man uns so stolz wie vermessen als „Altstadt“ präsentiert. Die Häuser wirken eher heruntergekommen als in irgendeiner Weise historisch, der Putz blättert ab, das Holz verwittert, das abgewetzte Pflaster scheint unter den Schritten der Besucher zu stöhnen. Das Ambiente allerdings erinnert ganz altstadtaffin an eine Chongqing-Drosselgasse für ausgehungerte Souvenirjäger.

          Kuchenklopfen mit Galeerensträflingslied

          Andenkenläden und Imbissbuden, die beiden Glücksgaranten der chinesischen Touristenseele, füllen die Altstadtgasse lückenlos, wobei noch mehr gegessen als gekauft wird. Hasenköpfe und Entenhälse türmen sich auf den Theken, infernalisch scharfe Chilischoten hängen als Girlanden darüber und werden von Kindern genascht wie Bonbons. Tintenfischfrittierer, Ananasreisdämpfer und Zuckerrohrpresser gehen stoisch ihrer Arbeit nach, während zwei Männer mit mächtigen Hämmern in den Pranken und einem Galeerensträflingslied auf den Lippen abwechselnd auf einen Klumpen Walnusskuchen eindreschen, bis er hauchdünn geworden ist. Die Gasse endet am Fluss, an dem unter Stampfen und Kreischen gerade die Gründungspfeiler für eine neue Uferpromenade mit Luxuswohnungen in den Boden gerammt werden und Kulis mit Handkarren oder Tragerohren aus Bambus Nachschub für die Imbissbuden anliefern - eine verstörende Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem, wie man sie in China immer wieder findet und die in Wahrheit etwas ganz anderes ist: das atemlose Überholen der Vergangenheit von der Zukunft, das nicht innerhalb von Generationen, sondern von Monaten geschieht.

          Das China des Turbokapitalismus ist nur das eine Gesicht des Landes. Das andere sieht man in den ländlichen Gebieten entlang der Jangtse-Ufer.
          Das China des Turbokapitalismus ist nur das eine Gesicht des Landes. Das andere sieht man in den ländlichen Gebieten entlang der Jangtse-Ufer. : Bild: AP

          Die kostspielige Sentimentalität der Authentizität wollen sich die Chinesen dabei nicht leisten. Und so stehen wir Alteuropäer einigermaßen verwirrt vor Hong Ya, einem bizarren Gebäude am Flussufer voller Imbissbuden und Souvenirläden, elf Etagen hoch, zwölf Jahre alt, behängt mit roten Lampions, verziert mit geschnitzten Fensterläden, geschmückt mit filigranen Pagodendächern. Das alles ist so radikal und so unverhohlen falsch auf alt getrimmt, dass wir unseren Augen nicht trauen und fassungslos über die Fassaden streichen. Die Holzschnitzereien sind aus feuerfestem Kunststoff, die Monumentallöwen aus billigem Plastik, die grimmigen Tempelwächter müssen aus derselben Fabrik wie der Jadekaiser von Fengdu stammen, und aus welchem Material der drachentötende Kaiser Yu vor seinem Wasserfall ist, wollen wir lieber nicht wissen. Ganz unten in dieser Pagodenplaymobilburg gibt es eine Tiefgarage, ganz oben ein albernes Piratenschiff in Falschholz und Originalgröße voller Fiberglas-Filibuster in Hollywoodkostümen, die für ein Restaurant namens „Captain Hook“ Werbung machen. Das ist Nostalgie mit Selbstbetrug, Heimatstolz mit Augenwischerei, Traditionsbewusstsein in Kitschkulissen. Das ist der herrlich schmerzfreie Pragmatismus der Chinesen.

          Hochbetrieb auf dem drittlängsten aller Flüsse

          Als wir unser Schiff am Pier sehen, die „Century Paragon“, noch die putzigen Flusskreuzfahrtkähne auf Rhein und Main im Kopf, bekommen wir gleich die nächste Lektion in chinesischem Pragmatismus: Es ist ein Riesending im Weltmeerformat, sieben Decks hoch, hundertvierzig Meter lang, groß genug, um den Massentourismus von Chinas neuer Mittelschicht zu bewältigen, in deren Strom die westlichen Besucher bequem mitschwimmen können. Auf dem Schiff gibt es zwei Karaoke-Kabuffs und ein paar schwere Plüschpolstermöbel, wie man sie aus den Foyers kommunistischer Kulturpaläste kennt, ansonsten aber kaum den üblichen, quietschbunten China-Goldglitzerlitter im Löwen-Drachen-Phönix-Dekor. Stattdessen dominiert die Ästhetik des globalisierten Luxus mit klaren Linien und dezenten Farben, ganz so, wie es das internationale Publikum wünscht. Es besteht zu jeweils einem Drittel aus Inlandschinesen, Auslandschinesen und westlichen Kreuzfahrern und wird vom ausschließlich chinesischen, des Englischen indes fließend mächtigen Personal umsorgt. Die kaum hörbaren, sich lästiger Vibrationen vornehm enthaltenden Motoren sind allerdings deutsche Qualitätsprodukte. Und spätestens in dem Moment, in dem man während der Kreuzfahrt einen Blick in eines der einfacheren Schiffe mit ihren doppelt belegten Stockbettenkabinen und dem penetranten Dieselgestank wirft, weiß man, was man an der „Century Paragon“ hat.

          Auch wenn der Jangtse 6380 Kilometer lang und damit der drittlängste Fluss der Erde ist, wird es zwischen Chongqing und dem Drei-Schluchten-Damm manchmal etwas eng. Denn inzwischen sind dreißig monströse Kreuzfahrtschiffe auf dieser Strecke unterwegs, die wie alle meine Entchen hintereinander den Strom befahren, ausnahmslos an denselben Attraktionen halten und mitunter zu dritt oder viert nebeneinander festmachen müssen, weil die Ankerplätze nicht ausreichen. Auf dem Wasser aber ist man ungestört und gleitet in aller Seelenruhe auf dem Jangtse dahin, der dank des Damms jetzt ein gebändigter Fluss ist, grün wie Absinth, nicht mehr weiß vor lauter schäumenden Strudeln und verhängnisvollen Stromschnellen. Es ist eine meditative Fahrt, vorbei an jungfräulichen Ufern, die einen dichten, grünen Pelz aus Kiefern, Zedern, Ahornbäumen und Phönixschwanzbambus tragen, selten unterbrochen von terrassierten Feldern, auf denen Sesam oder Süßkartoffeln, Chilischoten oder Teebüsche wachsen. Kein altes Dorf, kaum ein patinöses Haus, fast nie sieht man einen Menschen, nur ab und zu eine Retortensiedlung oder eine Brücke im Rohbau. Und kaum sind diese Insignien der Zivilisation vorbeigeglitten, fühlen wir uns wieder wie in einer Landschaft aus einer fernen Urzeit, die erst noch vom Menschen entdeckt, erobert, besiedelt werden muss, eine schöne Illusion mit einem schaurigen Grund.

          Die mörderische Arbeit der todesmutigen Treidler

          Der Staudamm hat alles verändert. Er hat den Wasserspiegel um siebzig, achtzig, manchmal auch mehr als hundert Meter steigen lassen und damit aus dem wilden Jangtse einen ruhigen, trägen, vielleicht auch fatalistischen Strom gemacht. Er hat Schluchten zu Buchten, Täler zu Seen, Bergspitzen zu Flussinseln werden lassen, so wie bei der Shibozhai-Pagode aus der Ming-Zeit, einem obligatorischen Stopp für alle Kreuzfahrtschiffe. Sie wurde zwölf Etagen hoch an die Flanke einer Felsspitze gebaut und wird jetzt zweimal pro Tag von einem Menschenwurm aus Kreuzfahrern heimgesucht, der sich vom Pier durch eine Straße voller Souvenirstände und Imbissläden - was sonst - zur Pagode quält und das Reißbrettstädtchen, das man achtzig Meter über dem untergegangenen Dorf auf die Hügelspitzen gesetzt hat, als adretten Ort mit folkloristischen Fassaden erlebt. Doch jenseits dieser Touristenameisenstraße herrschen Ödnis und Leere. Schon in der zweiten Reihe hält man Putz und Folklore nicht mehr für nötig, die meisten Ladenlokale sind verrammelt, und in den wenigen geöffneten ist nichts vom blühenden Leben zu sehen, das wir sonst von chinesischen Städten gewohnt sind. Hier wartet ein trauriger Stapel Brennholz auf Käufer, dort ein einsamer Friseur auf Kundschaft und wünscht sich wahrscheinlich die Zeit zurück, als sein Dorf noch nicht tief unten auf dem Grund des Jangtse lag.

          Das größte Wasserkraftwerk der Welt: Der Drei-Schluchten-Damm produziert jedes Jahr so viel Strom, wie ganz Belgien in zwölf Monaten verbraucht.
          Das größte Wasserkraftwerk der Welt: Der Drei-Schluchten-Damm produziert jedes Jahr so viel Strom, wie ganz Belgien in zwölf Monaten verbraucht. : Bild: AFP

          Den berühmten drei Schluchten aber hat der Damm ihre Schönheit nicht genommen. Davon können wir uns gleich bei der ersten überzeugen, die von der Festung des Weißen Kaisers bewacht wird wie von einem Zerberus und von lärmenden Kreuzfahrermassen heimgesucht wird wie von einer biblischen Plage. So schmal ist der große Strom Chinas hier, dass man ihn früher mit einer Eisenkette absperren konnte. Und so himmelhoch sind die grün überwucherten Steilwände dieser Schlucht, dass wir uns fühlen, als habe ein gütiger Zauberer das Gebirge vor uns einen Spaltbreit geöffnet, als glitten wir durch eine tausend Meter hohe, acht Kilometer lange Pforte in eine andere, verborgene Welt, als führen wir durch einen chinesischen Fjord. Früher war diese Passage eine lebensgefährliche Wildwasserfahrt, die kein Schiff mit eigener Kraft in Angriff zu nehmen wagte, sondern sich von todesmutigen Männern durch den Höllenschlund treideln ließ. Drei hüftschmale Pfade meißelten sich die Treidler in den Fels, die sie je nach Wasserstand nutzten. Den höchsten kann man knapp oberhalb des Wassers noch erkennen - und die unendliche Mühe erahnen, die der Jangtse den Menschen einst bereitete.

          Vierundzwanzig Töchter hat die Himmelsmutter

          Mit der Dramatik der ersten Schlucht, der kürzesten, engsten, steilsten, schönsten, kann die zweite nicht konkurrieren. Doch dafür wohnt darin eine Göttin, Shen Nu, eine der vierundzwanzig Töchter der Himmelsmutter. Sie stieg einst auf die Erde herab, um zwölf Drachen zu töten, die den Menschen am Jangtse das Leben zur Hölle machten. Das Monsterdutzend säumt jetzt als Bergzackenparade die Schlucht, während die Göttin auf dem höchsten aller Gipfel thront, ihre gütige Hand noch immer über die Menschen haltend. Natürlich stoppen auch hier sämtliche Kreuzfahrtschiffe, die ihre Passagiere auf eine Armada von fünfzig kleinen Booten mit Pagodendächern und Drachendekorationen umladen, um einen Zufluss des Jangtse eine Handvoll Kilometer weit hinaufzufahren - eine vierte Schlucht en miniature als freundliche Zugabe der Dammbauer, durch die früher nur ein Bächlein plätscherte.

          Es ist eine seltsame Prozession baugleicher Boote, die das Flüsschen mit seinen Hunderte Meter hohen Flanken entlangschippert, ein Ausflug in eine Wunderwelt aus Wasser und Klippen, Grün und Blau, Grandiosität und Stille, der phantastisch schön sein könnte, wäre er doch nur ein bisschen intimer. Der absurde Höhepunkt der Veranstaltung wartet in der Mitte der Minischlucht: Alle Boote machen mitten in der Wildnis an blauweißen Plastikpontons fest. Dann werden die Passagiere auf eine Bühne aus den gleichen blauweißen Plastikpontons gescheucht und mit lokalem Liedgut beglückt, das von Vertretern der hiesigen ethnischen Minderheit im himmelblauen Trachtenkostüm dargebracht wird.

          Der versteinerte Mao Tse-tung

          Man kann nicht behaupten, dass eine Jangtse-Kreuzfahrt eintönig wäre. Nach Weißerkaiserstadt und Göttinnenberg, nach jungfräulicher Natur und Freiluftkonzerten in wilden Schluchten folgt schließlich das megalomanische Menschenwerk: der Damm, 185 Meter hoch, 2310 Meter lang, ein Mahnmal der Größe oder auch des Größenwahns aus 28 Millionen Kubikmetern Beton und 218000 Tonnen Stahl. Wir erreichen ihn spät am Abend, weil tagsüber die riesenhaften Schleusen - fünf hintereinander auf anderthalb Kilometer Länge, jede mit einem Höhenausgleich von 22 Metern und Platz für sechs Schiffe - den Frachtern vorbehalten sind. So breit wie ein Ozean im Gebirge dehnt sich der Jangtse jetzt aus, der hier zum größten Stausee der Welt geworden ist. So hell wie eine ganze Stadt leuchten die Lichter des Damms, dessen Krone als monumentales Diadem in der Nacht funkelt. So geschäftig wie in einem Überseehafen geht es hier zu, Schiffe überall, Frachter mit Kohle und Schwefel, Fähren voller Lastwagen, Kähne mit nagelneuen Motorrädern aus Chongqing. Und so gespenstisch wie stählerne Wale verschlucken uns die Schleusen, deren Tore sich so langsam schließen, als würden sie uns nie wieder freigeben wollen.

          Dass sogar die pragmatischen Chinesen beim Drei-Schluchten-Damm pathetisch werden, lernen wir bei der Besichtigung am nächsten Tag. Er wird als Nationalheiligtum des technischen Triumphes, als Chinesische Mauer des einundzwanzigsten Jahrhunderts gefeiert und Jahr für Jahr von drei Millionen Chinesen gebührend gewürdigt. Sie werden in einem straff organisierten Ritual auf einen Aussichtshügel voller heroischer Reliefs und vaterländischer Siegesparolen, voller barbusiger Walküren und nackter Muskelmänner im schönsten sozialistischen Pathospomp gebracht, zu den Schleusen gekarrt und zur Dammkrone geführt, über jedes technische Detail und die epochale Leistung der chinesischen Nation aufgeklärt. Von Selbstzweifeln oder Selbstkritik, vom erbitterten Widerstand, auf den der Damm auch in China stößt, ist bei den fröhlichen chinesischen Besuchern nichts zu bemerken. Stattdessen machen sie unermüdlich Selfies vor der Kulisse des Damms und fotografieren mit ebenso großem Eifer den „Berg des Großen Vorsitzenden“, eine Felsformation hoch über der Staumauer, die verblüffend der Silhouette Mao Tse-tungs ähnelt. Das sei ein Zeichen des Himmels, sagt man uns, der den Chinesen mit diesem Berg bedeutet habe, dass Maos Traum vom Jahrhundertdamm nur hier und nirgendwo sonst verwirklicht werden konnte.

          Willkommen in der Wirklichkeit

          Wir fahren den Jangtse noch ein Stück flussabwärts Richtung Schanghai. Es ist keine spektakuläre Strecke mehr, eher das übliche Programm einer Flusskreuzfahrt. Am Ufer sehen wir Straßen, Häuser, Werften, Molen, Kaimauern, Kieswerke, Friedhöfe, kleine Strände, große Werbetafeln, terrassierte Felder bis hinunter ans Wasser. Wir sehen Gewachsenes, Gewordenes, Verwurzeltes, Verfallendes. Und plötzlich merken wir, dass wir jetzt in einer völlig anderen Welt sind, nein, dass wir zuvor in einer völlig anderen Welt waren, in einer Surrealität jenseits der alltäglichen Wirklichkeit, an einem Fluss, dessen tragische, tyrannische Jungfräulichkeit uns jetzt erst richtig bewusst wird. Wir lassen den Blick hundert Meter nach oben zu den Bergkämmen gleiten, stellen uns vor, wir wären ein U-Boot, stellen uns vor, was hier alles verschwunden wäre, wenn der Damm nicht hinter, sondern vor uns läge, stellen uns vor, an wie vielen versunkenen Geisterstädten, an wie vielen unbehausten Seelen wir in den vergangenen Tagen vorbeigefahren sind. Und erschaudern.

          Unterwegs auf dem Drachenfluss

          Anreise: Finnair (www.finnair.com) bietet die schnellste und bequemste Verbindung von Deutschland nach Chongqing. Die finnische Gesellschaft fliegt täglich von Frankfurt, München. Hamburg, Berlin und Düsseldorf über Helsinki in die chinesische Stadt. Die Flugzeit beträgt inklusive Umsteigzeiten etwa 15 Stunden, die Preise beginnen bei 645 Euro in der Economy Class und 3000 Euro in der Business Class. Für die Einreise ist ein Visum nötig, das in aller Regel der Veranstalter besorgt.

          Arrangements: Kreuzfahrten auf dem Jangtse bietet unter anderem China Tours aus Hamburg an, der führende Veranstalter für China-Reisen in Deutschland (Telefon: 040/8197380, www.chinatours.de). Die Touren werden meist mit Rundreisen oder anderen Reisebausteinen kombiniert, sie können aber auch individuell zusammengestellt werden. Eine fünfzehntägige Tour von Peking nach Schanghai einschließlich der beschriebenen Kreuzfahrt kostet von 2130 Euro an pro Person. Die dreitägige Fahrt von Chongqing zum Drei-Schluchten-Damm kostet als Reisebaustein ab 449 Euro.

          Informationen: Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt, Telefon: 069/ 520135, www.china-tourism.de.

           

          Quelle: F.A.Z.

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