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Komm, wir teilen uns eine Welle!

© James Connolly

Komm, wir teilen uns eine Welle!

Von JULIA BÄHR

10.12.2016 · Wer die irische Westküste bereist, sollte unbedingt Wassersport treiben. Denn nass wird man ohnehin dauernd.

Sogar Hunde können Wellen reiten. Um genau zu sein, sind Hunde dafür prädestiniert: niedriger Schwerpunkt, vier Beine, Leidenschaft für Wasser. Auf mich trifft keine einzige dieser praktischen Eigenschaften zu. Die Leidenschaft für Wasser hege ich nämlich nur oberhalb von zwanzig Grad Lufttemperatur. Jetzt aber zeigt das Thermometer in Strandhill fünfzehn Grad, es regnet, und ich winde mich in einen nicht ganz trockenen Neoprenanzug. Wer schon mal versucht hat, mit nassen Fingern Gummihandschuhe anzuziehen, hat einen Eindruck. Neoprenanzüge brauchen Hunde übrigens auch nicht, die haben schließlich ein Fell, und das macht keine quietschenden und schmatzenden Geräusche auf der Haut. Damit ist Fell definitiv das überlegene Material.

Den Marsch zum Strand durch plattgeregnete Wiesen legen wir kleinlaut zurück, der Belgier, die Kanadierin und ich. Zum Glück erklärt Tom Hickey sehr überzeugend, dass er in den vierzehn Jahren, seit er diese Surfschule gegründet habe, noch nie jemanden nicht aufs Brett gebracht habe. Tom hat einiges von einem pensionierten Leutnant. Wenn ich ein Hund wäre, stünde ich schon durch den Klang seiner Stimme auf dem Brett und gäbe Pfötchen. Aber Tom ist auch Surfer und Ire und daher doppelt entspannt. Die erste Einweisung am Strand überlässt er seinem Mitarbeiter Aaron: hinlegen, aufspringen. Hinlegen, aufspringen. Hinlegen, aufspringen. Dabei sollten die Füße an der richtigen Stelle stehen, damit das Brett nicht sofort kippt, und relativ zügig gehen muss das Ganze auch noch. Es ist höllisch anstrengend.

© James Connolly

Allerdings bin ich davon nur milde überrascht. Wenn einem drei Tage vor einer Sportreise plötzlich der mangelnde Grad der eigenen Fitness bewusst wird, weiß man schon: Da lässt sich nicht mehr viel retten. Man kann sich allenfalls dafür entscheiden, sich zu schonen, was in meinem Fall mit Pizza und Sofa einherging und zumindest zur mentalen Stärke enorm beitrug. Eventuell auch zum niedrigen Schwerpunkt, aber wenn der Schwerpunkt Vollkontakt zum Surfbrett hat, ist er deutlich zu niedrig.

Als wir endlich ins Wasser dürfen, ist uns zumindest warm – und so viel kälter als die Luft und der Regen ist der Atlantik erfreulicherweise auch nicht. Der Strand fällt unter Wasser nur ganz sanft ab, so dass wir nicht paddeln müssen, sondern unsere leuchtend gelben Bretter neben uns durchs blaugraue Wasser ziehen, bevor wir auf sie klettern. Tom und Aaron warten mit uns eine gute Welle ab, geben uns Schwung und brüllen uns nach einer Sekunde hinterher: „Get up!“

© James Connolly

Diese Aufforderung ist dringend nötig. Denn zu keinem Zeitpunkt fühlt sich Surfen an, als wäre das jetzt der richtige Moment zum Aufstehen. Beim ersten Mal bleibe ich einfach liegen, beim zweiten Mal komme ich immerhin auf die Knie, beim dritten Mal stehe ich tatsächlich auf und schaffe es so bis zum Strand. Tom und Aaron sind begeistert. Was für eine steile Lernkurve! Allerdings stellt sich das bald als Anfängerglück heraus. Ich teile mir die nächste Welle mit der Kanadierin, was sicher sehr lässig aussähe, wenn ich sie nicht nach wenigen Metern versehentlich vom Brett sensen würde.

© F.A.Z. Surfstunde in Strandhill

Wellen teilen, das macht man so in Irland. Der mitreisende Amerikaner ist fassungslos, als wir das am Abend erzählen. In Kalifornien, wo er aufgewachsen sei, käme das niemals in Frage. Die Surfer dort seien, nun ja, also, für den Surferthriller „Gefährliche Brandung“ mit Keanu Reeves und Patrick Swayze habe der Drehbuchautor wahrscheinlich nicht allzu viel dazuerfinden müssen. Die Clique stellt sich dort als kriminelle Bande heraus, die Banken überfällt, aber das meint er nicht, sondern ihr aggressives Revierverhalten.

Nette Menschen und seichte Strände – Strandhill ist ein ziemlich guter Ort für Surfanfänger. So wie die gesamte irische Westküste sich in den letzten Jahren zu einer Art Erlebnispark für Freizeitsportler entwickelt hat. Irgendein Spaßsport passt überall hin: Wo es windig ist, wird gesurft, und wo die See ruhig ist, wird eben im Stehen gepaddelt. Wo die Küste steil ist, seilt man sich ab, springt und klettert und ist danach wahrscheinlich ähnlich grün und blau wie die irischen Wiesen und die irische See. Bei Westport geht man einem weiteren interessanten Wassersport nach, dem sogenannten Zorbing. Ein bis drei Menschen steigen in eine weich gepolsterte durchsichtige Kugel, hinzu kommen dreißig Liter Wasser, das, wie der Veranstalter betont, natürlich warm ist. Anschließend geht es den Berg hinunter, die Kugel rollt, die Menschen rutschen in ihrem Inneren mit. Rhönrad trifft Wasserrutsche. Wem das zu harmlos ist, der kann auf das Wasser verzichten und sich stattdessen an der Kugelwand festschnallen lassen, ehe er bergab geschubst wird. Eine härtere Prüfung für den Magen stellen nicht einmal die irischen Frühstückswürstchen dar.

Da seien die Sportarten gelobt, die man im Sitzen ausüben kann: Wir gehen reiten. Auf den ersten Blick kein Wassersport, zumal der Himmel just für diese Stunde aufreißt und die Regenjacken überflüssig macht. Allerdings kann man in Grange, nur eine Landzunge nördlich von Strandhill, ganz zauberhaft am Strand entlang durchs Wasser reiten und dabei zumindest nasse Füße bekommen, wenn man das Stockmaß des Pferdes falsch einschätzt. Mir kann das nicht passieren: Meine Stute hat selbst keine Lust auf nasse Hufe, sondern will lieber umkehren und zurück zum Stall, sobald sie des Wassers ansichtig wird. Man sagt mir, ich solle sie mit den Beinen fester umschließen. Nach einer Stunde bin ich schon wieder nass – schweißgebadet.

© F.A.Z., Julia Bähr

Nasse Füße bekomme ich aber auch noch, nämlich bei der Radtour auf der Halbinsel An Muirthead. Denn hier öffnen sich nach zwanzig Minuten alle Schleusen des Himmels. Selbstverständlich trage ich eine Regenhose. Selbstverständlich perlt das Wasser an ihr wunderbar ab. Selbstverständlich fließt es von dort direkt in meine Schuhe und durchnässt meine Socken komplett. Ein Neoprenanzug wäre wohl die bessere Wahl gewesen. Aber die mit Schafherden weißgetupften Wiesen, die putzigen Cottages, der Blick vom Aussichtspunkt Dún na mBó mit seinem beeindruckenden Blowhole, in dem das Meer rauscht – mit trockenen Socken könnten sie kaum schöner sein.

© F.A.Z., Julia Bähr

In die dritte Sportart im Sitzen weist uns Paddy ein. Die Halbinsel schirmt Belmullet etwas vom stürmischen Atlantik ab, weswegen es dort gute Buchten zum Kajakfahren gibt, in denen die Wellen die Boote nicht zum Kippen bringen. Unsere Kajaks sind breit und offen. Paddy erklärt uns als erstes, was zu tun ist, wenn wir kentern. Als zweites bringt er uns bei, uns gegenseitig mit dem Paddel nasszuspritzen, woraufhin der Amerikaner gleich demonstrieren kann, ob er bei der ersten Lektion gut zugehört hat. Die Kajaks schwanken beim Paddeln hin und her, außerdem regnet es mal wieder, aber das ist egal, wir werden ohnehin gleich noch viel nasser: An flachen Felsen der Bucht ziehen wir die Kajaks aus dem Wasser und legen die Schnorchelausrüstung an. Fische und Krabben könne man hier sehen, sagt Paddy.

© F.A.Z., Julia Bähr Irische Sportstunden

Das erste, was ich wahrnehme, ist allerdings Atemnot. Dann sehr viele Wasserpflanzen. Irgendwann dann doch ein paar Fische, die durch die Unterwasserwälder streifen. Und nach einer Viertelstunde, dass das Unwohlsein, nicht durch die Nase atmen zu können, nicht bei jedem Menschen von selbst verfliegt. Wer Meeresgetier beobachten will, muss an der irischen Westküste auch gar nicht so klein anfangen. Fast ein Drittel des Weltbestandes an Walen, Delphinen und Tümmlern wurden in irischen Gewässern erfasst. 1991 erklärte Irland seine Küsten zum Schutzgebiet für die Tiere. Auch der Riesenhai, der furchteinflößend aussieht, sich aber von Plankton ernährt, wird hier häufig gesichtet.

© Google Earth

Das Abnehmen der Schnorchelmaske ist der zweitbeste Moment des Tages. Zum besten kommt es viel später am Abend, der im Pub von Belmullet beginnt. Die irische Pubkultur funktioniert besser als jede Gemeindearbeit: Wenn einfach jeder volljährige Einwohner des Ortes abends in die Kneipe geht, vereinsamt niemand. Dicht gedrängt sitzen sie im McDonnells auf den Bänken an der Wand und begleiten vielstimmig den älteren Mann mit Weihnachtsmannbart, der „Whisky in the Jar“ zur Gitarre singt. An der Bar treffen wir Paddy wieder, klar, es ist Donnerstagabend, er wohnt in Belmullet, wo sollte er sonst sein. Wir wünschen uns „The Irish Rover“ vom Weihnachtsmann, aber irgendwann ist Schluss mit der Musik, schließlich ist bald Sperrstunde.

Paddy will noch Billard spielen, deshalb klopfen wir bald an die Tür eines anderen, völlig verlassen aussehenden Pubs, dessen Bedienung uns öffnet und sagt, sie habe ohnehin noch nicht schlafen gehen wollen. Die Sperrstunde wird hier dahingehend äußerst ernst genommen, dass die Tür hinter den Gästen abgeschlossen wird und alle ganz still sind, wenn die Polizei auf ihrem Kontrollrundgang klopft. Aber heute Abend klopft keiner. Am Billardtisch kommt es zur Begegnung Irland-Belgien gegen Amerika-Deutschland. Über das erste Spiel soll hier der Mantel des Schweigens gebreitet werden, der versehentlich eingelochte schwarze Kugeln gnädig verdeckt. Im zweiten Spiel läuft es plötzlich wieder ähnlich gut wie bei den ersten Surfversuchen, wir gewinnen monsterwellenhoch. Dieses, nun ja, sportliche Erfolgserlebnis, ganz ohne quietschendes Neopren oder nasse Füße – ich weiß es plötzlich sehr zu schätzen.



Ausflugstipp: Ein Tag in Clare Island

© F.A.Z., Wikipedia Piratin O'Malley
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.12.2016 14:13 Uhr