Jeder Uruguayer lernt schon in der Grundschule: Meine Heimat liegt im Osten Südamerikas und hat die Form eines umgekehrten Herzens. Doch das ist längst nicht alles, was in dem kleinen Ländchen zwischen Argentinien und Brasilien Kopf steht.
Weihnachten beispielsweise. Auch den meisten Uruguayern ist es heilig - doch still feiern sie es nicht. Wenn die Mittagstemperatur im Dezember, sprich: im Sommer, die 40-Grad-Marke übersteigt, sind die Strände und Uferstraßen, die Ramblas, der Hauptstadt Montevideo bis spät nachts voller Menschen. Und weil man Geburtstage am besten gemeinsam in der „Parrillada“, dem Steakhaus feiert, gilt das auch für Christi Ankunftstag. Wie gewohnt essen die Menschen die übliche Riesenportion Rindfleisch während ein Tangosänger unendlich wehmütig sein Leid durch's Mikrofon klagt. Der feine Unterschied: Die Gaststätte erstrahlt in einem schillernden Rausch aus farbenfrohen Metallfolien und bunten Lichterketten - und wird es noch viele Wochen tun.
Wo die Zeit einen Tick langsamer vergeht
Nein, Eile ist keine typische Eigenschaft der Uruguayer, denen man nachsagt, ihr Lieblingswort laute „morgen“. Tatsächlich lässt sich in Montevideo etwas von der Relativität der Zeit ahnen - dort vergeht sie besonders langsam. So erntet man im „Deutschen Café“ auf die Frage nach einem Stück Schwarzwälder Kirsch höchstens ein erstauntes: „Perdón, Señora?“ Deutsch spricht hier keiner mehr. Das Foto des 1937 havarierten Luftschiffs Hindenburg aber hängt noch immer an der Wand. Es wird sicher auch noch morgen da sein.