06.07.2002 · Vor 3.500 Jahren explodierte die Insel Santorin. Zurück blieb ein 250 Meter hoher Krater um einen gewaltigen Einbruchskessel, der auf Einheimische wie Touristen eine magische Anziehung ausübt.
Von Jule Reiner"Kalliste", die Schönste, wird die Insel auch genannt. "Thira" heißt sie nach dem Dorischen Kolonisten "Theras", der sieben neue Städte auf den Lavafelsen gründete. Und "Santa Irini", nach dem Kirchlein der Heiligen Irene, tauften sie die Venezianer, die sie vor 600 Jahren beherrschten. Touristisch hat sie sich zu einer Diva entwickelt. Dennoch macht sie die Besucher glücklich, die die vulkanische Schönheit auf sich wirken lassen.
Jeden Abend zum Sonnenuntergang sammelt sich das internationale Publikum im Städtchen Thira, das 300 Meter über dem Meer sensationell über den Abbruchrand des Kraters geschachtelt ist. Die Aussichtsterrassen der vielen Kaffees sind um diese Zeit belegt. Und auf der Landzunge gegenüber raucht noch immer die Erde. Denn der Vulkan tut nur so, als ob er unter Wasser schläft. Deshalb soll man sich vom Glanz des Nightlife und von dem Bassschlag in Thiras' Diskotheken nicht täuschen lassen. Sie verdecken nur den wahren, rauen Charakter der kykladischen Lebensform.
Die Entdeckung der Schönen
Die Gässchen sind so verschachtelt und schmal, die Fenster der Würfelhäuser so klein, um den Wind nicht durchzulassen. Das Weiß der Kalkwände stimmt die Augen auf das grelle ägäische Licht ein. Und die niedrige Bauweise aus Stein und Santorinerde ist der beste Schutz gegen Erdstöße und Beben. Das zusammen ergibt ein Bild perfekter Harmonie, das auf die Seele beruhigend wirkt.
Noch bis Ende der 70er Jahre hatte Santorin sein archaisches Geheimnis unter versteinerten Ascheschichten bewahrt. Die minoische Stadt Akrotiri, die dann ausgegraben wurde, lieferte den endgültigen Beweis, dass hier schon 4000 Jahre vor der Ankunft der Hellenen eine blühende Kultur existiert hatte. Und vermutlich aus dieser Zeit blieb der Name: Kalliste, die Schönste.
Einladung zum Denken
Von Thira bis zur nördlichen Sichelspitze nach Oia kann man hoch über dem Blau spazieren. Das Wort "Peripathetik" bietet sich an, nach dem Namen für die philosophische Schule des Aristoteles: "Perípatos", das Herumschlendern, um zu denken, das Denken im Gehen. Im Blick die weißen Kuben mit den blauen Fenstergesichtern von Oia, das verwegen im Steilhang klebt und berühmt ist für seine Höhlenwohnungen.
Dort wird man einkehren in eine der kleinen Nischen unter einer Weinlaubpergola, in der ein Schildchen baumelt mit dem Namen "Taverna". Die schlichteste Einladung zur Rast. Dann der Abstieg zur Hafenbucht über einen schwindelsteilen Serpentinenpfad. Unterwegs kommen dem Wanderer Eselskonvois mit buntem Zaumzeug entgegen, die mit ihrer ebenso farbenfrohen Last von Kreuzfahrttouristen bergan drängen.
„Sein lassen“ als Lebenselixier
Unten wartet ein Ausflugsboot zu den Kaimenen-Inseln. "Die Verbrannten" liegen mitten im Wasserglitzer der Caldera wie zwei schwarze Scherben. Und in Schwefeldämpfe gehüllt kraxelt man über den Vulkankegel der Großen Verbrannten, setzt mit dem Boot über zur Kleinen, an deren Küstensaum die einstige Urgewalt in warmen Quellen vom Meeresboden aufblubbert. Den Rest der Zeit könnte man am besten unter „Sein lassen“ einordnen: Weitere Unternehmungen einfach sein lassen, oder, im eigentlichsten Sinne, sich selbst da-sein lassen. Nichtbewegung als Elixier des Gleichklangs.
Entspannung in ihrer schönsten Form
Nachmittags, wenn die Wildheit der Sonne gebrochen ist, lässt man den Körper am Strand von Kamari oder Perissa im aufgeheizten, schwarzen Lavakies baden und sich dann rücklings auf dem Meer treiben. Thalassotherapie nach Santorin-Art. Abends ein leichtes Essen aus griechischen Mezedes, den kleinen Appetithappen, dazu reichlich roten Wein, den die fruchtbare Lavaerde samtweich macht.
Auch deshalb haben sich wohl die Menschen immer wieder mit dem eruptiven Eiland versöhnt. Wein als Quell der dionysischen Lebensfreude. Selbst bei großem Andrang unten im Hafen Kamari entdeckt man diese Lebensfreude in den Augen junger Einheimischer. Bei den älteren Insulanern scheint sie sich in einer elastischen Seele zur Ruhe gesetzt zu haben. Niemand hier wirkt hektisch, niemand gereizt. Der Vulkan scheint auch für diese Art von Schönheit gesorgt zu haben.