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Mittwoch, 08. Februar 2012
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Spanien Ohne Stierkampf keine Stiere

27.02.2008 ·  Toros werden nun auch geklont - und von Politikern verteidigt: Der Stierkampf als Ausdruck des „kulturellen Erbes“ hat Eingang in den spanischen Wahlkampf gefunden. Im Juni soll das Thema im Europäischen Parlament vertieft werden.

Von Leo Wieland, Madrid
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Alcalde, zu Deutsch Bürgermeister, ist 16 Jahre alt und schon ein bisschen müde. Mal schreitet er majestätisch durch sein Reich in Guadalix de la Sierra nördlich von Madrid, mal ruht er zwischen silbernen Steineichen. Er hätte eigentlich den Ruhestand verdient, hat er doch seit mehr als einer Dekade jedes Jahr bis zu 40 Nachkommen gezeugt. Alcalde, fast 500 Kilogramm schwer, ist lange der vielleicht wertvollste Zuchtbulle Spaniens gewesen. Aus seinem Samen kamen die besten Kampfstiere. Einer der besten Toreros, El Juli, hat allein zwei ausgestopfte Köpfe von Alcaldes Söhnen in seiner Trophäengalerie.

Um die Erfolgsserie fortzusetzen, soll, wie „El País“ berichtete, Alcalde nun geklont werden. Sein Besitzer Victoriano del Río will sich den Versuch 30.000 Euro kosten lassen. Der Züchter hat dem amerikanischen Unternehmen Viagen, das schon mehrere hundert Tierarten geklont hat, den Auftrag gegeben. Im März sollen Alcalde Gewebeproben entnommen werden. Mit Hilfe seines genetischen Materials soll dann die extrahierte Eizelle einer Kuh befruchtet und nach begonnener Zellteilung implantiert werden. Falls das im Sommer gelänge, wäre schon im nächsten Frühling mit dem ersten künstlichen Sohn Alcaldes zu rechnen.

Alcalde könnte erst der Anfang sein

Trotz lautstarker Bedenken in der Welt der Tauromachie, trotz noch unklarer spanischer Rechtslage und trotz der Warnung von Biologen, dass das Klonen die Rasse der Kampfstiere nicht verbessern werde, dürfte das Beispiel bald Schule machen. Andere spanische Züchter haben schon Interesse signalisiert und wollen eventuell auch Pferde für den Reiterstierkampf klonen lassen. Fast zwölf Jahre nach der erfolgreichen Premiere mit dem Schaf Dolly wurde inzwischen in den Vereinigten Staaten auch schon ein Rodeostier geklont.

In einer Zeit, da der Stierkampf auch auf der Iberischen Halbinsel von Tierschützern immer stärker angefochten wird - Barcelona hat sich zur Anti-Corrida-Stadt erklärt und verbietet Minderjährigen den Zutritt in die Arena -, ist die Operation Alcalde eine Zäsur für das Gewerbe. Die Pflege des Stierkampfs als Ausdruck des „kulturellen Erbes“ hat inzwischen auch Eingang in den spanischen Wahlkampf gefunden. Ein Konservativer und eine Sozialistin diskutierten auf dem „Zweiten Stierkampfkongress des 21. Jahrhunderts“ über die Zukunft eines Spektakels, das andernorts als archaischer Blutsport kritisiert wird. Fast dem Klischee gemäß, wonach die Rechten Zigarren rauchen, Whisky trinken und sich die Zeit in der Arena vertreiben, plädierte der ehemalige Staatssekretär für Sport und Stierkampfangelegenheiten, Juan Antonio Gómez Angulo von der Volkspartei, engagiert für die Fiesta als „Teil unserer Identität“ und „Wirtschaftsfaktor erster Ordnung“. Die sozialistische Senatorin Ruth Porta sah das alles etwas kühler und bemerkte, dass die Stierfiesta „allmählich langweilt, weil die Emotion fehlt“.

„Der Stier ist kein Haustier“

Den „Tod am Nachmittag“ kann man auch anders sehen. Die Zeitung „ABC“ zitierte den französischen Philosophen Francis Wolff von der Pariser Sorbonne mit den Worten: „Der Stier ist kein Haustier. Er ist wild. Sein Leben muss frei sein und sein Tod würdevoll. Er darf nicht in einem Schlachthof enden, sondern im Kampf in der Arena. Die Ethik der Corrida nährt sich aus der Tapferkeit.“

Im Juni soll das Thema nun im Europäischen Parlament vertieft werden. Dort will der angesehene spanische Züchter Eduardo Miura, unterstützt von einigen der besten Matadore des Landes, den Abgeordneten die wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Vorzüge des Stierkampfs nahebringen. Dessen Antipoden hatten im vorigen Jahr mit abschreckenden Hinweisen die EU-Vertreter schon auf das Gegenteil einzustimmen versucht.

Die ökonomische Dimension des Geschäfts

Die Initiative geht diesmal von dem Abgeordneten der spanischen Volkspartei in der Kammer, Luis de Grandes, aus. Er möchte das Recht jedes Parlamentariers, einmal eine EU-Ausstellung zu organisieren, dazu nutzen, um Verständnis für ein Schauspiel zu fördern, das er schlicht für „Kunst“ hält. Als Kronzeugen sollen Maler wie Picasso und Miró, Schriftsteller wie Hemingway und Vargas Llosa, Philosophen wie Ortega y Gasset und Schauspieler wie Orson Welles angeführt werden.

Die ökonomische Dimension des Geschäfts, das Spanien mit Hilfe des Tourismus fast drei Milliarden Euro jedes Jahr einbringt, soll ebenso illustriert werden wie der Beitrag zum Naturschutz. Eine halbe Million Hektar „nachhaltigen“ Waldbestandes dient als Habitat für die Zucht von Kampfstieren. Komplementär werden Arten wie Kaiseradler oder Iberischer Luchs erhalten. Ohne Toros, so das Argument, verlören auch diese bedrohten Gefährten ihre Zufluchtsstätten. Der Hauptpunkt bleibt jedoch: Ohne den Stierkampf gäbe es bald auch keine Kampfstiere mehr - weder natürlich wilde noch geklonte.

Quelle: F.A.Z., 28.02.2008, Nr. 50 / Seite 8
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