Home
http://www.faz.net/-gxh-u6gy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sorrent Nietzsches und Wagners letzte Begegnung

 ·  Richard Wagner und Friedrich Nietzsche trafen sich 1876 im italienischen Sorrent. Das idyllische Küstenstädtchen sollte der Schauplatz ihrer letzte Begegnung werden. Eine Reise dorthin erzählt von dem Ende einer Freundschaft.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (2)

Die Bühne, auf der sich die letzte Begegnung Nietzsches und Wagners abspielte, bilden zwei Hotels in Sorrent. Das Grandhotel Vittoria direkt an der Steilküste, in dem Richard und Cosima Wagner vom 5. Oktober bis zum 7. November 1876 residierten; und die Villa Rubinacci, in der Nietzsche und seine Begleiter vom 26. Oktober bis Anfang Mai 1877 logierten. „Wagners wohnen fünf Minuten von uns“, meldete der Philosoph seiner Übersetzerin Marie Baumgartner Ende Oktober.

Der dreiunddreißig Jahre Jüngere hatte zuerst den Kontakt zu Wagner gesucht. Seit 1869 war er, der seinen Vater früh verloren hatte, ein häufiger Gast in Wagners Haus in Tribschen (bei Luzern) und später in Bayreuth gewesen, ein Freund, der Weihnachten und den Jahreswechsel in der Wagner-Familie verbrachte, in die er als eine Art Sohn aufgenommen worden war. Nietzsche hatte sich als beflissener Exeget der Wagnerschen Musikdramen ausgewiesen. Die Proben für die ersten Festspiele im Sommer 1876 verließ er allerdings fluchtartig. Im Herbst hielten sich Nietzsche und Wagner noch einmal am selben Ort auf; sie sahen sich danach nie wieder.

Im Angesicht des Vesuvs

Die Gegend um Sorrent entsprach auf eine fast klischeehafte Weise dem Sehnsuchtsziel vieler deutscher Italienreisenden. Die Hinterlassenschaften der Antike im nahen Pompeji, Olivenhaine und Zitronengärten ließen zusammen mit einer bäuerlich-archaischen Lebensweise der Bevölkerung an Arkadien denken - aber immer mit dem potentiell zerstörerischen Vesuv im Hintergrund. Wie ein mehrfach eingeknickter Schlapphut schwebt er über dem dunstigen Gemisch aus Luft und Meer. Aber er erwecke nur den Anschein, hört man überall, dass er schlafe; doch wehe, man wecke ihn vorzeitig auf.

Für die nächsten vier bis fünf Jahre rechnen nicht wenige am Golf von Neapel mit einem Ausbruch des Vulkans. Der letzte habe ausgerechnet 1944 stattgefunden, nach der Landung der Alliierten. Bis jetzt habe man nur unzureichende Evakuierungspläne für die zwei Millionen Menschen ausgearbeitet, die unmöglich alle gleichzeitig auf dem engen Küstensaum fliehen könnten. Wohin auch? Der Verkehr in Neapel breche schon bei einem einzigen heftigen Regenguss zusammen.

„Freund Nietzsche“

Die Familie Wagner ruhte sich im beschaulichen Sorrent vom Trubel der Festspiele, aber auch vom Besichtigungs- und Einkaufsprogramm aus, das sie in Venedig und Neapel absolviert hatte und in Rom wiederaufnehmen würde. Cosima unterrichtete ihre Kinder. Spaziergänge, Seebäder, Ausflüge in die Umgebung oder mit dem Boot aufs Meer hinaus bis nach Capri vermerkte sie in ihrem Tagebuch. Am Abend des 13. Oktober wurde Tarantella in der Halle des Vittoria getanzt. Zum Schluss stimmten die Sorrentiner Tänzer die „Wacht am Rhein“ an. Ein Kellner hatte das Lied von einem Besuch in Berlin mitgebracht und wegen der zahlreichen Gäste aus dem wilhelminischen Deutschland einstudieren lassen - ein sinnvoller Aufwand, wie ein Blick in die Gästeliste des Hotels zeigt.

Wagners Gedanken kreisten um die Festspiele, um Finanzierungslücken und um die Zukunft des Unternehmens. Außerdem kurierte der Dreiundsechzigjährige einen Infekt aus. Unter dem 26. Oktober verzeichnete seine Frau einen Stimmungsumschwung: „Abends sind wir wohl etwas müde, doch herrlich gestimmt.“ „Freund Nietzsche“ war in Sorrent eingetroffen, er würde am nächsten Tag zum Besuch erscheinen.

Schirmpinien mit Plastikelefant

Eine Dame in den Siebzigern, Malwida von Meysenbug, die mit Wagners ebenfalls befreundet war, hatte den unter Migräneattacken leidenden Nietzsche eingeladen, den Winter mit ihr in Italien zu verbringen. Von seinen Lehrverpflichtungen an der Universität Basel war der junge Professor der Altphilologie mit der fragilen Gesundheit für ein Jahr freigestellt worden. Mit dabei auf dieser Winterreise waren Nietzsches Freund, der Arzt Paul Rée, und sein Schüler Albert Brenner. In der Villa Rubinacci wurden Zimmer für Reisende vermietet, die eine „Grand Tour“, eine mehrmonatige Bildungsreise, unternahmen; bevorzugt aufgesucht wurde sie von Deutschen, „Pension Allemande“ nannte sie sich deshalb auch.

Aus der Villa Rubinacci ist das Dreisternehotel Eden geworden. Im Foyer riecht es nach Putzmittel. Stuck und Steinböden wurden herausgeschlagen, neue Marmorplatten verlegt. Der Speisesaal ist ein lichtarmer Raum im Parterre mit einer flach eingezogenen Decke und Polsterstühlen wie in jedem Durchschnittshotel. Genau hier befanden sich die hohen, geräumigen Zimmer, die Nietzsche und seine Begleiter bewohnt hatten. Malwida hatte eine Wohnung im ersten Stock gemietet. Die heutige breite, asphaltierte Zufahrt zum Hotel, Pool und Kinderspielinsel mit Plastikelefant haben den Garten bis auf ein paar Schirmpinien und Blumenkübel zurückgedrängt. Dieser Garten sei einmal ein „wahrer Wald von Oliven- und Orangenbäumen“ gewesen (so Malwida in einem Brief an ihre Tochter), „der einen grünen Vordergrund vor dem Gemälde bildet“. Das Gemälde bestand aus Neapel vor seinem Hausberg, dem Vesuv, und den Inseln Ischia und Procida.

Sitz der Nationalen Faschistischen Partei

Im römischen Gelb kommt die ehemalige Villa Rubinacci immer noch erhaben daher. Die schöne Aussicht ist heute nur von den oberen Stockwerken aus zu haben - Häuser auf der anderen Straßenseite verstellen die Sicht. Von Nietzsches Zimmer im Erdgeschoss sah man auch damals nur in den immergrünen Agrumengarten. Aber Nietzsche wollte sowieso nichts „sehen oder hören“ in Italien. Er hatte „völlige Ruhe, milde Luft, Spaziergänge, dunkele Zimmer“ erwartet (so in seinem Brief an Wagner nach Venedig am 27. September 1876) - und bekommen. Der Tagesablauf war regelmäßig: Frühstück um acht, um ein Uhr Mittagessen, um sieben aß man zu Abend, danach Lektüre. Tagsüber diktierte Nietzsche, wegen seines Augenleidens, seinen Begleitern. Er arbeitete an „Menschliches - Allzumenschliches“; einige der Aphorismen sind auf Wagner gemünzt.

Beim jetzigen Besuch finden wir niemanden im Hotel, der von Nietzsches Aufenthalt etwas gehört hätte. Von der früheren Einrichtung der Villa sei nichts übriggeblieben, hören wir. Das Haus sei 1960 in ein Hotel umgewandelt worden, nachdem es von den zwanziger bis zu den vierziger Jahren Sitz der Nationalen Faschistischen Partei gewesen sei. In den letzten Jahren seien alle Räume noch einmal modernisiert worden. Ob man etwas trinken wolle? Eine der Damen werde einen Kaffee bringen.

Säulenfragmente aus der Villa von Kaiser Augustus

Den Zugang zum „Grand Hôtel Excelsior Vittoria“ verwehren Wärter jedem Passanten, der meint, auf der Hotelterrasse mit ihrem spektakulären Vesuvblick einen Kaffee trinken zu können. Die gusseisernen Stühle imitieren Astwerk und sind wie die Laternen aus dem neunzehnten Jahrhundert überkommen. Ein filigraner Aufzug, den Wagners schon benutzt haben könnten, ermöglicht den bequemen Zugang zum Hafen, wo Ausflugsschiffe nach Capri und Neapel ankern. Auch der Park ist den Hotelgästen vorbehalten. Orangen- und Zitronenbäume sind in einem eigenen Garten angelegt, wie er für die Gegend am Golf von Neapel typisch ist. Für Farbe und Duft zuständig sind außerdem Mimosen, Rosen und Bougainvilleen. Glyzinien beschatten Steinbänke, deren Sitzflächen mit Sternenmosaiken verziert sind. Säulenfragmente aus der Sommervilla des Kaisers Augustus, die an dieser exponierten Stelle Sorrents angelegt war, reihen sich im Park.

Der Pool soll sich über der kaiserlichen Thermenanlage befinden, die bereits in den zwanziger Jahren von einem Tennisplatz überbaut wurde. Diese Art-déco-Anlage aus der Zeit des großen Gatsby sei dann leider für den Pool abgetragen worden, bedauert die junge Frau, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Hotels zuständig ist. Nicht nur Wagner habe im Hotel gewohnt, sondern auch Caruso, der immer wieder für einige Monate seine Suite bezogen habe. Joseph Goebbels sei ebenfalls Gast im Vittoria gewesen, eine „traurige Berühmtheit“, sagt sie. Und gegen Ende des Krieges sei das Hotel ein Camp der amerikanischen Armee gewesen.

Limoncello in Plastikbechern

In einer Liste der prominentesten Hotelgäste finden sich etliche Könige und Prinzen aus dem Europa der Vorweltkriegszeit. Unter der deutschen Prominenz ragen zum Beispiel Wagners Mäzen, der Bayernkönig Ludwig II., sowie Otto von Bismarck heraus. Auch der Historiker Theodor Mommsen, der Komponist Richard Strauss und der preußische General Helmuth Graf von Moltke hielten sich im Hotel auf.

Eine fünfzig Meter tiefe Schlucht trennt das Hotel Vittoria von der Altstadt, deren zwei Hauptschlagadern noch aus griechisch-römischer Zeit stammen. Abends nach acht werden die Autos aus diesen Straßen verbannt, der Corso gehört den Flaneuren. Limoncello-Hersteller bieten ihren Likör in Plastikbechern zum Probieren an. Sandalen kann man sich nach Maß anfertigen lassen. Eine Frau offeriert einen Stoffbeutel mit der Bemerkung, dass ihr Vater den in Neapel genäht habe. Die Frau ist ungefähr sechzig. Man stellt sich den alten Mann in einem „basso“ vor, einer Souterrainwohnung in Neapels Altstadt, wo das Kleingewerbe unter der Aufsicht der Camorra blüht, und kauft den grüngrundigen Beutel.

Mit Füllhörnern und Liebesgöttern übersät

Noch immer befindet sich das Hotel Vittoria im Besitz derselben Florentiner Familie, die es im neunzehnten Jahrhundert erbauen ließ. Das Fünfsternehotel gehört zu den „Leading Small Hotels of the World“. Im ältesten, 1834 errichteten Gebäude hatten die Wagners gewohnt, im dritten Stock. Im Treppenhaus steht die Namensgeberin des Hotels, Victoria, die ihren Körper siegessicher reckt. Ein anmutiger Loggienbau wurde 1882 errichtet; 1905 kam ein Schweizer Chalet namens „Favorita“ als mittleres Gebäude hinzu. Aufs sorgfältigste wurden alle Saloni und Saletti, Speisesaal, Musik- und Lesezimmer, wurden die Suiten restauriert und die Originalmöbel darin belassen.

Ein harmonisches Nebeneinander aller Stilrichtungen des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts kann man in den Gesellschaftsräumen besichtigen. Der neobarocke Speisesaal besitzt manieristisch ausgemalte kleine Kuppeln und schwelgt in Marmor und vergoldetem Stuck. Der Wintergarten ist ganz Belle Epoque. Ein Holzgatter überspannt die Wände und vermittelt die Illusion, rankenden Pflanzen Halt zu geben. Selbst die Heizkörper sind mit Füllhörnern und Liebesgöttern übersät. Die schlichten Sisalsessel knüpfen an die beginnende Moderne an. Das Lesezimmer im Liberty-Stil verströmt das Aroma eines englischen Herrenclubs, an der Decke tummeln sich freizügige Figuren aus dem antiken Sagenschatz.

„Wagner's Nähe ist nicht für Kranke“

Die Damen könnten derweil in die barocke Kirche der „Madonna del Carmine“ eingetaucht sein, die an der Piazza Tasso auf Kerzenspenderinnen wartet. Cosima Wagner gefiel das „hässliche Gebimmel“ der Kirche im Vergleich zu „unseren deutschen Glocken“ weniger. Ob Nietzsche dabei war, als Malwida und Familie Wagner auf Eseln hinauf zum „Deserto“, dem aufgehobenen Benediktinerkloster von Santa Agata, geritten sind? Das Dorf liegt auf einem vierhundert Meter hohen Hügel im Hinterland von Sorrent. Die Eselspfade gibt es heute noch; sie sind kürzer als die kurvenreiche Straße und führen durch Agrumengärten. Während der zwölf Tage, in denen sich Nietzsches und Wagners Aufenthalt überschnitten, vermerkte Cosima nur zwei Besuche Nietzsches im Hotel Vittoria, ohne Kommentar. Ob er bei den fast täglichen Besuchen zwischen Malwida und Wagners dabei war oder nicht, muss offenbleiben. Unter dem 1. November ist eine Aufwartung Dr. Rées festgehalten, dem Cosima ein „kaltes pointiertes Wesen“ unterstellte - als „Israelit“. Am folgenden Abend (2. November ) kam es zum letzten Zusammentreffen Nietzsches und Wagners im Vittoria.

Man kann nun darüber spekulieren, ob die Anwesenheit des jüdischen Arztes und mithin Wagners Judenfeindschaft der Grund war, weshalb der Komponist den privaten Umgang mit dem jüngeren Freund in Sorrent abbrach. Nietzsche hat lediglich auf die räumliche Nähe des Älteren und deren Ambivalenz hingewiesen. Im Brief an die Schwester (Juni 1877) heißt es: „Wagner's Nähe ist nicht für Kranke, das zeigte sich auch in Sorrent.“ Wagners beschlossen ihre Abreise plötzlich (am 6. November); bereits am nächsten Tag reisten sie über Neapel nach Rom weiter. Ob das Wetter ausschlaggebend war oder die Nachbarschaft Nietzsches und Dr. Rées? Belassen wir es bei den äußeren Umständen: „Winter ist da, ... der Wind bläst kalt.“

Das Geheimnis bleibt

Der Grund für den Abbruch ihrer persönlichen Beziehungen bleibt das Geheimnis der beiden. Doch die Bühne ihrer letzten Begegnung kann besichtigt werden. Das Grandhotel Vittoria, das auch heute noch einer zahlungskräftigen Klientel vorbehalten ist, bildete in seiner pompösen Pracht das passende Domizil für Wagner, der einen luxuriösen Lebensstil pflegte. Preiswert und privat war dagegen die Unterkunft Nietzsches, der den Erfolg seiner Schriften nicht mehr bewusst erleben konnte.

In der Villa Rubinacci gingen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Faschisten ein und aus. Als Hotel Eden findet sie sich heute in den Katalogen der Pauschalreiseanbieter und ist für jedermann zugänglich. Doch ihre herbe Fassade hat sie über die Zeiten von Faschismus und Massentourismus hinaus bewahrt. Was liegt näher, als die auf Ungleichheit beruhende Freundschaft zwischen Nietzsche und Wagner, von der sich der Jüngere früher oder später emanzipieren musste, im Erscheinungsbild der beiden Hotels gespiegelt zu sehen, die nur fünf Minuten voneinander entfernt liegen?

Mit Nietzsche und Wagner

Literatur: Nietzsche und Wagner. Stationen einer epochalen Begegnung. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer und Jörg Salaquarda. Frankfurt und Leipzig 1994.

Informationen: Grand Hôtel Excelsior Vittoria, Piazza Tasso, 34 - 80067 Sorrento. Tel.: (0039) 081. 807.10.44. Im Internet: www.exvitt.it; Hotel Eden, Via Correale, 25 - 80067 Sorrento. Tel.: (0039) 081.878.19.09. Im Internet: www.hoteledensorrento.com und www.villa-rubinacci.com

Quelle: F.A.Z., 04.01.2007, Nr. 3 / Seite R5
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
Weitersagen