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Slowenien : Der Oligarch und die dicke Wirtin

Der Mariborer Rathausplatz gehört zu den schöneren Ecken der Stadt. Bild: Andrea Diener

Slowenien ist schön. Es gibt dort Berge und Meer. Wer das Land kennenlernen möchte, sollte aber um Himmels willen einen Bogen um die Kulturhauptstadt Maribor machen.

          Was willst du denn in Maribor?" fragte mich mein guter Freund Alex. "Maribor ist das Offenbach Sloweniens."

          Ganz genau wusste ich auch nicht, was ich dort wollte, hatte aber keine Wahl. Die Wahl hatte bereits das Land Slowenien für mich getroffen, das Maribor zur Kulturhauptstadt Europas gewählt hatte und nun bemüht war, Journalisten der Weltpresse die Schönheiten oder zumindest Interessantheiten der Stadt an der Drau vorzuführen. Ach Offenbach, dachte ich, so schlimm wird es schon nicht werden.

          Resopal, Polyester und ahnungslose Funktionäre

          Zwei Wochen später saß ich am frühen Abend mit Alex in einem postsozialistischen Hotelbunker auf einem Sofa, dessen Muster ein farbenblinder Dreijähriger mit einem steinalten Computerprogramm zusammengeklickt haben musste. Und das war noch der Lichtblick zwischen dem Resopal, dem Polyester und den nikotingelben Kacheln im Bad. Ich klammerte mich an einer Bierdose fest, die er mir mit mitleidigem Blick gereicht hatte und klagte mein Leid: "Seit zwei Tagen prügeln mir Funktionäre Powerpoint-Vokabeln um die Ohren. Und wenn sie nicht weiterwissen, was eigentlich der Dauerzustand ist, bewerfen sie mich mit bunten Broschüren. Keiner weiß was, weil die Funktionäre ständig wechseln, und nie ist einer nur halbwegs lange genug im Amt, um so etwas wie einen Überblick über die Sache zu bekommen. Und diejenigen, die Ahnung haben, haben nichts zu sagen und sind deshalb frustriert."

          "Oha."

          "Dazu ein deutscher Kulturverein, der ausdauernd die eigene Marginalisierung beklagt und sich seine Räumlichkeiten vom ehemaligen Kärntner Landeshauptmann Haider bezahlen ließ, der damit wohl die Front im Ortstaferlstreit ein paar Kilometer nach Süden verlegen wollte. Weil er Zweisprachigkeit im eigenen Land nicht duldet, die Tschuschen aber gefälligst Herrenrassensprache zu reden haben."

          So wie der Boris-Kraigher-Platz, nach einem slowenischen Partisanen benannt, sieht Maribor aber leider überwiegend aus.
          So wie der Boris-Kraigher-Platz, nach einem slowenischen Partisanen benannt, sieht Maribor aber leider überwiegend aus. : Bild: Andrea Diener

          Grabbelkörbe, Betonkomplexe und Ausfallstraßen

          Ich redete mich in Rage. Was hatte dieses Maribor aus mir gemacht? Stammelnde Funktionäre, Hotelzimmer, in denen man sich allerhöchstens umbringen möchte und dann auch noch dieses Elend von einer Stadt: Zwei, drei einigermaßen ältliche Straßen im Zentrum, in denen sämtliche Ramschketten der Welt ihre Grabbelkörbe aufgestellt hatten, eine Stadtburg und ein paar alte Gebäude, ein ansehnliches Flussufer namens Lent, das man in ungefähr zehn Minuten besichtigt hat, der älteste Weinstock der Welt. Drumherum Wohnblöcke, langweilige Betonkomplexe, die nicht einmal als pittoresk brutalistisch durchgehen, und haufenweise Ausfallstraßen, auf denen man berechtigterweise aus dem Elend hinausrasen kann, gesäumt von so vielen Baumärkten, dass sich halb Slowenien damit renovieren könnte. Ein Gürtel aus Fertigarchitektur, Industriebrachen, Unlandschaft. Es gibt hier nichts, was man nur als halbwegs ansehnlich bezeichnen könnte. Mit sehr viel Mühe könnte man diese Stadt als interessant bezeichnen, aber diese Mühe wollte ich mir gerade auch nicht machen.

          "Du hast Offenbach bitter Unrecht getan", sagte ich zu Alex. "Und wenn ich morgen noch einem einzigen Funktionär oder marginalisiertem Deutschen zuhören muss, dann laufe ich schreiend aus dem Raum."

          "Dann komm doch mit uns", sagte er.

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