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Skifahren in Tschechien : Jenseits von Österreich

Wo geht’s zur Piste? Das ist im Skigebiet von Benecko nicht immer ganz klar. Bild: ddp Images

Vierzig Jahre Kommunismus haben den Tourismus ausgebremst, doch die Küche tröstet über vieles hinweg. Skifahren in Tschechien ist eine Alternative zu den Alpen – aber eine abenteuerliche.

          Die undurchdringliche Weite Osteuropas beginnt irgendwo im Dreiländereck hinter Zittau. Sie beginnt, wenn man anfängt zu überlegen, ob das eine gute Idee war, einmal nicht in den Alpen Winterurlaub zu machen, sondern im tschechischen Riesengebirge, wenn man die ersten Ortschaften mit vokalarmen Namen passiert, wenn man auf Nebenstraßen abbiegt, an denen sämtliche EU-Mittel vorbeigeflossen sind, und sich schließlich einen langen Anstieg hinauf in den Wald und ins Gebirge kämpft, um durch tief eingeschnittene Täler unter weißverkrusteten Fichten und über schneegefüllte Schlaglöcher bis nach Benecko zu rumpeln.

          Andreas Lesti

          Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Skifahren in Tschechien, das ist etwas Exotisches, auf das man sich einlassen muss. Im Krkonoše, wie die Tschechen ihr Gebirge nennen, ist die Sprache für deutsche Touristen noch unverständlicher als in Österreich. Die tschechische Krone erinnert an die D-Mark-Schilling-Umrechnungszeiten, Gulasch und Knödel auf den Hütten, die hier Bauden heißen, können es mit alpiner Kulinarik aufnehmen, kosten aber nur ein Viertel davon. Und wie sind die Skigebiete im Vergleich zu den Alpen? Nun ja, sagen wir es vielleicht mit den Worten von Dominik Brožek, einem jungen Mann von der Bergwacht des Skigebietes Benecko: „In den Alpen hatten sie nicht vierzig Jahre Kommunismus.“

          Hundert Jahre Skitourismus

          Aber vielleicht sollte man zunächst den unvoreingenommenen ersten Eindruck wirken lassen, den der Skiort Neuankömmlingen präsentiert. Es ist bereits dunkel, als wir den Wald und die Schlaglöcher hinter uns gelassen haben und Benecko umso strahlender vor uns auftaucht. Die Straße führt direkt auf die hell erleuchtete Hauptpiste zu, wo sie jeden Abend die Scheinwerfer fürs „Nachtskifahren“ einschalten. Der Vierer-Sessellift der österreichischen Firma Doppelmayr befördert die Wintersportler hinauf zum höchsten Punkt auf etwas über eintausend Meter Höhe, und neben der breiten Piste werfen die eingeschneiten Fichten lange Flutlichtschatten. Die Straße führt in Serpentinen ganz nahe an der Piste nach oben in den Ort, und es fühlt sich an, als führe man mitten durchs Skigebiet, als wären die Pisten und Lifte unentwirrbar mit den Straßen und Häusern verknotet. Oben befindet sich das Familienareal. Auch dort ist noch Betrieb. Kinder rutschen in Autoreifenschläuchen eine Bahn hinunter, und ihre Eltern trinken in einer kleinen Bude neben einem blau erleuchteten Tannenbaum Glühwein. Es beginnt zu schneien.

          Wo die Orte vokalärmer werden: Im Riesengebirge ist vor allem für Langläufer gut gesorgt.

          Benecko, ein Ort mit 1200 Einwohnern, ist einer der ältesten tschechischen Skiorte. Schon im Winter 1892/93 war hier ein gewisser Jan Buchar auf Skiern unterwegs. Früher wurde in den Alpen auch nicht Ski gefahren, und tatsächlich verlief die Skihistorie im Riesengebirge ähnlich wie in den Alpen. Als der Norweger Fridtjof Nansen 1888 Grönland auf Skiern durchquerte, wurde ganz Europa auf dieses Fortbewegungsgerät aufmerksam. Es dauerte nicht lange, da verbreitete es sich auch in den Alpen – und im Riesengebirge. Johann Nepomuk Graf von Harrach brachte 1890 ein paar norwegische Skier mit ins Krkonoše und ließ einige Kopien anfertigen. Eines davon gab er Jan Buchar, einem Lehrer mit ausgeprägtem Sinn fürs Abenteuer. Der zog dann damit durch die Berge rund um Benecko und ging als erster Skifahrer Tschechiens in die Geschichte ein. Noch heute ist Buchar Ehrenbürger von Jilemnice, dem Talort von Benecko, wo er auch einen Skiclub gründete.

          Wie in den Alpen begann Skitourismus auch im Riesengebirge erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Sechziger Jahren haben Einheimische in Benecko die ersten Lifte gebaut und den Ort nach und nach ausgebaut. Heute gibt es rund fünfzig Gasthäuser, Pensionen und Hotels, einen Skiverleih, eine Skischule und einen Zauberteppich für kleine Kinder. In den Neunziger Jahren kamen die ersten Schneekanonen auf, 2006 wurde der Sessellift gebaut, und seitdem fahren jedes Jahr zwischen Dezember und April rund hunderttausend Menschen in Benecko Ski oder Snowboard. Es sind überwiegend Familien mit Kindern, die auf den flachen Pisten gut zurechtkommen. Damit hebt sich Benecko bewusst von Spindlermühle ab, dem größten und bekanntesten Skiort in Tschechien. Der liegt nur eine halbe Fahrstunde entfernt, eine mondäne Mischung aus Kitzbühel und Karlsbad, mit osteuropäischem Glamour, überfüllten Gassen, kaum Parkplätzen und 17 Liften.

          Gehen Sie doch einfach durch den Wald

          Da geht es in Benecko gemütlicher zu. Aber auch etwas unkonventioneller. Wenn man vom Familienareal hinüber zum Sessellift will, alles Teil des auf dem Pistenplan verbundenen Skigebiets, dann steht man erst mal vor einem Problem. Am ersten Tellerlift sagt die Frau im Kassenhäuschen auf Deutsch, dass wir hier keinen Tagesskipass, sondern nur eine Punktekarte für diesen Lift kaufen können. Wir kämen aber über diesen Weg im Wald, sie deutet über die Schulter, schnell zur nächsten Piste.

          Jilemnice im Januar. An Schnee mangelt es in Böhmen nicht.

          Also steigen wir rund hundert Meter durch den Wald, kommen zum nächsten Tellerlift, wo ein junger Mann ebenfalls auf Deutsch wieder sagt, dass wir eine Punktekarte benötigen. Er lasse uns aber einmal hochfahren, und oben kämen wir hinüber zur Hauptpiste. Wir fahren also einmal hoch, dann wieder ein Stück hinunter und wundern uns über den Bach, der am Rande der Piste fließt: eine kaum sichtbare, rund fünfzig Zentimeter tiefe Senke, nicht gekennzeichnet oder abgesichert, die, bei hohem Tempo und schlechter Sicht, in der Lage ist, einem die Beine zu brechen. In den Alpen würden Sicherheitsbeauftragte bei so einem Anblick Herzrasen bekommen.

          Und während wir noch überlegen, wie das alles möglich sein kann, queren wir zur Liftspur, um auf einem kaum fahrbaren Pfad durch den Wald endlich hinüber zum Sessellift zu gelangen. Auch in den Alpen muss man immer wieder mal eine Liftspur kreuzen. Dann konzentriert man sich auf die Menschen im Lift und die Lücken dazwischen, die man zur Durchfahrt nutzt. In Tschechien muss man jedoch auch auf die herabhängenden Tellerliftbügel achten, die von oben nach unten fahren. Die schweben genau in Kopfhöhe – ein durchgezogener rechter Haken für alle Skifahrer, die nur nach unten schauen. Bäng! Willkommen in Benecko. Das ist der Moment, in dem man angekommen ist.

          Eine verzauberte Mittelgebirgswinterlandschaft

          Man hat jedenfalls schon einiges erlebt, ehe der Skitag richtig beginnt und man an der Talstation des Sesselliftes die passende Skikarte kauft. Aber es hat sich gelohnt. Vom höchsten Punkt des Skigebiets geht der Blick über eine verzauberte weiße Mittelgebirgswinterlandschaft. Vor uns liegt die gut präparierte rote Piste. Die Mischung aus Kunst- und Naturschnee ist griffig, und auf der breiten Abfahrt ist genug Platz. Als durchschnittlicher Skifahrer fühlt man sich zudem sehr schnell sehr souverän, da sich das Niveau hier sympathischerweise in Grenzen hält. Alles läuft sehr gemächlich ab, irgendwo liegt immer irgendwer und versucht, die soeben beim Sturz verlorenen Skier wieder anzuschnallen. Manche sehen aus, als hätte sie Jan Buchar noch persönlich benutzt. Ein zwei Meter langer und leuchtgelber „Völkel P9 Riesenslalom“, ein weißgrüner „Fischer SC4 Super Pro“ und andere Nostalgiemodelle, die man schon fast vergessen hat, weil sie aus dem Bild der Alpen vor zwanzig Jahren verschwunden sind.

          Der Sessellift in Benecko. Und noch viel besser: das Essen auf der Hütte unten

          Die Fortgeschrittenen bewegen sich auf der schwarzen Piste. Davon gibt es genau eine einzige in Benecko. Neben der roten Hauptpiste zieht sich ein weißes Band durch den Wald. Um dort hinaufzugelangen, muss man ein weiteres osteuropäisches Abenteuer bestehen: den Bügel-Schlepplift, der in den 1960er Jahren hier aufgebaut wurde und noch immer seinen Dienst verrichtet. Die Bügel sind aus Holz, die Stangen gußeisern und die Seile so abgewetzt, dass man gedanklich schon die Fallbewegung durchspielt, falls das Seil reißen oder der Bügel brechen sollte. Aber es geht alles gut, und die schwarze Piste mit dem finalen Schussstück zurück zum Lift ist ein großes Vergnügen.

          Das zweite Mal folgen wir oben dem Schild „Macher. 16.00 h“. Das ist, laut Pistenplan, noch ein weiterer Schlepplift auf der anderen Seite des Berges. Es ist gerade mal 14 Uhr, und der Mann im Lifthäuschen nickt uns zu, als wir an ihm vorbei im Wald verschwinden. Danach ist überhaupt nicht klar, wie es weitergeht. Wir schnallen ab, tragen die Skier über einen Feldweg nach rechts, weil wir dort die Piste vermuten. Dort ist zumindest eine Wiese, ohne Spuren, dafür mit fünf Zentimetern Neuschnee. Wir haben das Freeride-Gebiet von Benecko entdeckt! Leider ist es nur dreihundert Meter lang, dann endet die Wiese am Waldrand. Wir schnallen wieder ab und gehen durch die Fichten zu Fuß weiter zum „Macher“- Lift. Doch der steht still, kein Mensch weit und breit, kein Schild weist den Weg zurück, und so können wir nur unserem Gefühl folgen und durch den Wald zurückstapfen. Wir rechnen jeden Moment damit, Bären und Wölfen zu begegnen.

          Nach einer Viertelstunde sind wir zurück in der Zivilisation, in der Hütte, die sich im gleichen Gebäude befindet wie der alte Schlepplift. Dort gibt es phantastisches Gulasch, Knödel und Bier – zu einem Preis, den man nur als Entschuldigung für all die Strapazen verstehen kann.

          Der Weg ins Riesengebirge

          Anreise Mit dem Auto über Dresden und weiter auf der A4 Richtung Görlitz/Zittau. In Tschechien weiter über Liberec, Turnov, Košt’álov und Jilemnice bis Benecko. Ab Berlin fährt man knapp fünf Stunden.

          Skigebiete Das Skigebiet von Benecko verfügt über einen Sessel-, vier Schlepp- und acht Tellerlifte. Die Pisten werden künstlich beschneit und sind für Kinder und Anfänger gut geeignet. Es ist jedoch mühsam, von einer zur anderen Piste zu gelangen, da es so gut wie keine Verbindungen zwischen den Pisten gibt. Die Tageskarte kostet etwa 18 Euro (Kinder 14 Euro). Das benachbarte Skigebiet Herlíkovice-Bubákov hat eine Seilbahn und neun Lifte. Es gibt Pläne, die beiden Gebiete zu verbinden. Spindlermühle, das größte tschechische Skigebiet, ist etwa eine halbe Fahrstunde entfernt. Mehr unter www.benecko.info, www.herlikovice.cz und www.skiareal.cz

          Langlauf Benecko ist Teil des großen Riesengebiet-Langlaufnetzes. Die 71 Kilometer lange „Riesengebirgsmagistrale“ führt einmal von Westen nach Osten durch die Berge und kann von Benecko über Zubringer-Lopien erreicht werden.

          Unterkunft und Bauden Benecko hat eine große Auswahl an Hotels und Pensionen: www.benecko.info. Zu empfehlen ist die „Hančova Bouda“, ein gutbürgerliches Gasthaus mit vierzehn Zimmern: www.hancovabouda.cz.

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