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Skifahren im Nahen Osten Die libanesische Hautevolee fährt ab

21.12.2011 ·  Nahe Beirut gibt es ein mondänes Skigebiet. Für alpenerprobte Wintersportler sind die Abfahrten keine Herausforderung, für die Libanesen aber ein Mordsspaß.

Von Helmut Luther
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Draußen vor dem Hotelfenster ist alles makellos. Die wogenden Hügel, übergossen von den Strahlen der Wintersonne - ein grandioser, flatternder Glitzerteppich. Dazu eine majestätische, beinahe unheimliche Stille, die jeden Laut verschluckt. Für Mitteleuropäer, die normalerweise zum Skiurlaub in die Alpen fahren, ist dieser Anblick reizvoll, doch nichts vollkommen Ungewöhnliches. Und doch ist hier etwas anders.

Wir wollen deshalb keine Zeit verlieren, schlingen hastig unser Frühstück herunter, schnallen unsere Skier an und gleiten auch schon die wenigen Meter zum ersten Skilift hinüber. Oben an der Bergstation steht Achmad. Er trägt einen Anorak, dicke Handschuhe und eine Skibrille, die beinahe das gesamtes Gesicht bedeckt. Achmad ist Liftwart, ein drahtiger Kerl mit dunklen Augen und olivbrauner Haut. Achmad ist hier zu Hause. Er wohnt im Dorf Faraija, wenige Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt. Einen Achmad, der am Lift arbeitet, kannten wir bisher nicht. Bisher waren wir zum Skifahren aber auch nur in den Alpen, und da war am Lift immer ein Hans oder auch ein Karl mit braungebranntem Gesicht, der im Sommer seine steilen Bergwiesen mäht und im Winter den Job am Sessellift übernimmt.

Blick vom Lift aufs Mittelmeer

Auch die Kulisse rundherum ist völlig neu für uns. Blickt man vom Liftwärterhäuschen nach Süden, dann breitet sich zu Füßen die Syrische Wüste aus. Im Norden von Achmads Stützpunkt wiederum zeigt sich ein völlig anderes Bild. Am Horizont ist ein azurblaues, flatterndes Band zu erkennen: das Mittelmeer. Wir kennen dieses Meer von Badeurlauben, schneebedeckte Berge kennen wir vom Skiurlaub. Aber beides zusammen? Auf einen Blick? Das passt nicht zu unserem Erfahrungsschatz. Doch er ist herrlich. Willkommen in Libanon, zum Skifahren in Mzaar Faraija!

Das mondänste Skigebiet des Landes befindet sich etwa eine Autostunde von Beirut entfernt. Auf einer Höhe von etwa zweitausendfünfhundert Metern warten hier vierzig Lifte und achtzig Pistenkilometern auf Skifahrer. Es ist nichts hochalpines, gewiss, und auf beheizte Sessellifte mit Windschutzhauben muss ebenfalls verzichtet werden. Die Besucher aus der Beiruter Oberschicht, die hier in Nobelhotels logieren oder sich ein Chalet im Alpenstil für tausend Dollar pro Nacht leisten, kommen im Porsche Cayenne angerauscht. Auch reiche Golfaraber zählen zu den Stammgästen - sie schätzen die liberalen Sitten in Libanon und wollen Skivergnügen im vertrauten Ambiente.

Struppige Hunde, rauchende Männer

Mzaar Faraija ist eine Retortensiedlung. Abends, wenn alle Tagesausflügler verschwunden sind und die Hotelgäste sich in ihre Quartiere zurückgezogen haben, wirkt es wie eine Geistersiedlung. Viel lebendiger ist dagegen Faraija. Das Dorf, in dem Achmad und die übrigen Angestellten des Skiresorts jeden Morgen in ihre Pick-Ups steigen, um zur Arbeit zu fahren, ist uralt. Die Häuser kleben wie Bienenwaben übereinander. Die älteren wurden aus Lehm, die neueren aus unverputzten Zementziegeln gebaut. Es gibt einen winzigen Laden, einen Fleischer, in dem von Fliegen umsummte Tierkadaver am Haken baumeln. Außerdem gibt es ein Café, in dem alte Männer schweigend vor Wasserpfeifen sitzen. Durch die Gassen streunen struppige Hunde, Frauen mit Kopftüchern huschen von Hauseingang zu Hauseingang. Auf den steilen Hängen rund um das Dorf wachsen auf Trockenstein-Terrassen Mandel- und Apfelbäume. Die Köpfe stur über das spärliche Gras gebeugt, mäandert eine Schafherde bergan. Erst kurz vor dem Ende der Holperpiste, die hinauf zum Skigebiet führt, tauchen die stählernen Skelette der Lifte auf. Und Schnee, im Überfluss.

Dass man in Mzaar Faraija Ski fahren kann, ist einem Mann namens Ranze Ghasui zu verdanken. Während seines Studiums in der Schweiz verliebte sich der Libanese in den Wintersport. Als er im Jahr 1913 in seine Heimat zurückkehrte, brachte er ein paar Skier mit. Der erste Skiclub wurde jedoch erst in den dreißiger Jahren von Franzosen gegründet - von 1920 bis 1941 war Libanon französisches Mandatsgebiet. Franzosen waren es schließlich auch, die den Sport in dem heute vier Millionen Einwohner zählendem Land populär machten. Im Sportgeschäft Val d’Isère treffen wir auf Tanios Khalil, der weißhaarige Rentner war einer der Skipioniere hier. Er erinnert sich noch gut daran, wie die ersten Wintersport-Enthusiasten auf Eseln nach Faraija ritten - Straßen gab es damals nicht. Im Dorf angekommen, spannte man sich Felle unter die Bretter, marschierte hinauf zum 2465 Meter hohen Dome du Mzaar und wedelte zurück. Mehr als eine Abfahrt am Tag sei aber selten drin gewesen. „Doch ich verdiente damals ein halbes libanesisches Pfund für jede Tour, auf der ich Fremden den Weg zum Gipfel zeigte“, sagt Khalil. Das sei gutes Geld gewesen. Die Straße, Liftanlagen und die Hotels wurden erst in den fünfziger und sechziger Jahren gebaut. Khalil, inzwischen weit über achtzig Jahre alt, schnallt nur noch selten die Skier an. Lieber sitzt er mit seinen Freunden im Café im Dorf, spielt Backgammon und raucht Shisha.

Ein Methusalem unter den Skiliften

Für alpenerprobte Pistenjünger bietet Mzaar Faraija keine Herausforderung. Die Pisten sind weder steil noch besonders lang - sie erinnern eher an breite, gemütliche Flaniermeilen. Umso interessanter ist das Drumherum. Es ist das exotische Treiben auf und neben den Pisten, das den Skiausflug auf den Kuppen des Libanongebirges für Mitteleuropäer zu einem Abenteuer macht. Vom Dome du Mzaar, wo ein Schild auf das „Panorama exzeptionelle“ aufmerksam macht, wechseln wir zum Dome de Wardé. Der Lift dort ist ein Oldtimer, ein Schlepplift. Genauer gesagt: ein Tellerlift, also der Methusalem unter den Skiliften. Das Modell kam uns sofort bekannt vor - wir kennen es aus Kindertagen, von Erstversuchen auf zwei rutschigen Brettern.

Spätestens jetzt sind wir vom Wintersport in Mzaar Faraija begeistert. Wir haben nun alles wieder genau vor Augen: die seltsamen Skibindungen mit Kabelstrammer auf den langen Holzlatten der sechziger Jahre. Die damals schicken schwarzen Keilhosen. Unsere wollene Strickmütze. Den dieselbetriebenen Tellerlift am Idiotenhügel. Wehmut macht sich in uns breit. Für uns war der Tellerlift damals die ultimative Herausforderung. Tagelang hatten wir am Pistenrand den Schnee platt treten müssen, um dann ein paar läppische Meter im Schneepflug abwärts zu gleiten. Anschließend hieß es: wieder hinaufstapfen. Die Mühsal des Marschierens stand in keinem Verhältnis zur kurzen Seligkeit der Abfahrt - neben uns ratterte der Tellerlift mit den Fortgeschrittenen, wir fühlten uns gedemütigt, schikaniert. Hier in Faraija muss sich jedoch niemand per pedes mit untergeschnallten Brettern die Hänge hinaufkämpfen.

Verzweifelter Kampf mit der Technik

Und dennoch spielen sich hier am Lift ähnliche Szenen wie damals ab: Ein etwa zwölfjähriger Junge ist gerade an der Reihe. Er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und grinst triumphierend in Richtung Kameraden, die weiter hinten in der Warteschlange stehen. Dann schnappt er mit der Rechten nach einem Teller, klemmt sich das Ding zwischen die Beine und wartet. Über eine Eisenstange samt Feder ist der Teller mit dem Führungsseil verbunden. Der Zwölfjährige schaut in die Luft, zwei Sekunden, drei Sekunden. Plötzlich geht ein Ruck durch das Seil, gleich darauf reißt es den Buben mit dem Oberkörper nach vorne, seine Knie knicken ein.

Nach zehn, fünfzehn Metern rutscht der Teller zwischen seinen Beinen durch, der Bub hält ihn noch einige Augenblicke mit den Händen umklammert, ziemlich verkrampft. Inzwischen haben sich die Skier quer zur Fahrspur verkantet - noch ein kurzer, verzweifelter Kampf, dann fällt der Junge auf die Liftspur. Der Nächste, der gerade nach einem Teller langte, plumpst vor Schreck auf einen Mann in der Warteschlange. Hinter diesem kippen einige andere wie Dominosteine um - nicht wenige hier in Mzaar Faraija können sich gerade so auf ihren Skiern halten. Ihre Ausrüstung hingegen ist über jeden Zweifel erhaben: Von der Brille bis zu den Skischuhen tragen sie nur neueste, sündhaft teure Modelle.

Keine Zeit für meditative Betrachtungen

Dann sind wir dran. Unser Stammhirn hat den Bewegungsablauf über Jahrzehnte gespeichert. Wir sind jetzt sehr dankbar für die Lektionen daheim am Idiotenhügel. Einfädeln, abwarten, mit den Knien federnd losruckeln: Geht alles automatisch. Es bleibt genügend Zeit, um nach links und rechts zu schielen, wo die libanesische Oberschicht Spalier steht und den schwächelnden Nachwuchs mit der Videokamera filmt. Das Anfeuern geschieht meist auf Französisch, in den höheren Kreisen orientiert man sich hier an der gallischen Lebensart. Wir haben leider nie Französisch gelernt. Wahrscheinlich fährt hier keiner mit so miesen Brettern wie wir. Unsere Skier zu Hause sind Durchschnittsware, also nicht mehr topaktuell. Aber in diesem Augenblick ist das völlig egal. Was zählt, ist unser gewachsenes Selbstvertrauen.

Oben an der Bergstation klinken wir uns routiniert vom Tellerlift aus, schweben dann elegant über die perfekt präparierten Hänge. Tief unter den grünen Hügeln leuchtet das Mittelmeer, vermutlich ist es schon badewannenwarm. Doch für meditative Betrachtungen ist das der falsche Augenblick. Auf der Piste heißt es aufzupassen. Denn nicht selten versperrt einem plötzlich ein bestens ausgerüsteter Orient-Bewohner, der über seine Verhältnisse unterwegs ist, als wuselnde Schneekugel den Weg. Jene, die sich dieses Vergnügen nicht leisten können, trifft man hingegen an der Talstation und am angrenzenden Parkplatz. Dort ist kein Französisch zu hören, dem Vergnügen tut das jedoch keinen Abbruch - im Gegenteil, es herrscht Partystimmung. Aus aufgeklappten Autotüren schallt arabische Popmusik. Junge Männer tanzen im Kreis, werden von ihren kopftuchtragenden Schwestern oder Freundinnen mit dem Handy fotografiert. Derweil schreiten Matronen in Kunstlederschuhen und wallenden Mänteln zur Schneeballschlacht. Nebenan picknicken Großfamilien in mitgebrachten Gartenstühlen, Wasserpfeifen blubbern. Die Atmosphäre ist friedlich, entspannt, eine improvisierte Gratislektion in Sachen Lebensfreude. Für uns Zaungäste ist es großes, zu Hause nie erlebtes Kino.

Und zurück bleibt ein Geisterdorf

Dann ist die Party schlagartig vorbei. Wie auf Kommando leeren sich Skipiste und Parkplatz. Eine Autokarawane rollt im Schritttempo talwärts, Mzaar Faraija verwandelt sich zurück in ein Geisterdorf. Bis morgen früh, wenn gegen neun Uhr alles wieder von vorne beginnt.

Ski und Shisha

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften fliegen nach Beirut. Deutsche benötigen ein Visum, das man bei der Einreise am Flughafen erhält. Das Skigebiet Mzaar Faraja liegt etwa fünfundvierzig Kilometer von Beirut entfernt. Am Besten nimmt man am Beiruter Busbahnhof Cola ein Taxi.

Reisezeit: Die Wintersaison in Libanon geht von Weihnachten bis Mitte April.

Unterkunft: Luxuriös ist das Mzaar Mountain Resort, Telefon: 00961/9340100, im Internet unter www.intercontinental.com. Günstiger nächtigen kann man in der Auberge Suisse Inn, Centre Nseir, Fax: 00961/9237011, E-Mail: info@skimzaar.com

Informationen: Allgemeine Auskünfte gibt es beim Fremdenverkehrsamt Libanon, Wiesenhüttenplatz 26, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/2426470.
 

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