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Ski in allen Varianten Die weiße Hölle überlebt man nur mit Gottes Hilfe

Vom Steilhang direkt zur Kirche: In der Ramsau am Dachsteingebirge kann man spektakulär in allen Varianten Ski fahren. Und danach dem Herrgott danken, dass alles gutgegangen ist.

© Volker Mehnert Von harmlos bis höllisch: In der Ramsau werden alle Skifahrer glücklich, und das auch noch in unberührtem Schnee.

Es ist kalt hier oben am rauhen, felsigen Dachsteingebirge, nicht selten auch windig und feucht. Im Winter türmt sich zuverlässig der Schnee. Da braucht der Mensch ein Gewand, das ihn wärmt. Deshalb haben sie hier seit Jahrhunderten ihre Hochgebirgsschafe geschoren, die Wolle gesponnen und gewebt und daraus den Steirischen Loden hergestellt. Loden? Ist das nicht dieses verstaubte, altbackene Textil mit dem Mief der k. u. k. Monarchie, mit der Erinnerung an Kaiser Franz Joseph und Erzherzog Johann, die derbe Kleidung der bäuerlichen Bevölkerung, mausgrau oder jägergrün, höchstens noch aktuell als Trachten-Accessoire beim Münchner Oktoberfest oder als Ausgehuniform bei alpenländischen Folkloretreffen? „Alles Quatsch“, sagen die Leute vom Lodenwalker in der Ramsau, dem ältesten urkundlich erwähnten und noch erhaltenen Gewerbebetrieb Österreichs. Eine Chronik des Klosters Admont spricht schon 1434 vom Ennstaler Tuch und dem „Loden, der in der Gegend in vorzüglicher Güte erzeugt wird“. Die Manufaktur ist inzwischen zwar eine Art Exot im eigenen Land geworden, führt jedoch ihre regional verwurzelte Tradition selbstbewusst fort und veredelt sie vorsichtig mit den Geboten aktueller Mode.

Die Herstellungsmethode ist seit Jahrhunderten kaum verändert und erfordert bis zu sechzehn aufwendige Arbeitsgänge, von denen heute kaum noch jemand die Namen kennt, darunter das Wolfen und Walken, Zwirnen und Spulen, Rauhen und Stampfen, Schären und Blatteln. Das Walken ist dabei der entscheidende Vorgang: Das rohe Gewebe wird mit warmem Wasser durch Druck und Reibung so bearbeitet, dass es zusammenschrumpft und die einzelnen Wollfädchen miteinander verfilzen. Es zieht sich dabei um mehr als die Hälfte zusammen und erreicht die doppelte Dicke, um als wind- und wasserdichter und dennoch atmungsaktiver Loden zu enden. Das natürliche Wollfett Lanolin sorgt zusätzlich für Imprägnierung.

Waschlnass in Colaflaschen

Einheimische Skilehrer, Pistenarbeiter und manche Gäste wissen diese Qualitäten zu schätzen. Die meisten Besucher aber, die zur Winterzeit in die Ramsau kommen und auf schmalen Langlaufbrettern über den Schnee flitzen, kleiden sich mit Vorliebe in die hautengen und knallbunten Hochglanzrennanzüge, in denen sie aussehen wie Spiderman auf Winterurlaub. Das ficht die Lodenwalker freilich nicht an, sie halten mit ihrem regionalen Produkt und ihrer Philosophie dagegen. Neuerdings kümmern sie sich nicht nur um ihre klassischen Schnitte, die sich an alpiner Tracht orientieren, sondern auch um lässige Mode und flotte Skibekleidung, die sich gegen die modernen Kunststoffmaterialien und die internationalen Designermarken behaupten will - und offenbar auch kann. Denn die Manufaktur am Fuße des Dachsteingebirges vermarktet ihre gesamte Produktion ohne Zwischenhandel am Ort selbst.

Man strotzt vor Selbstbewusstsein und polemisiert auf Österreichisch gegen die üblichen Modemarken, die in der Ferne billig produzieren und daheim teuer verkaufen: „Mit Fleecejacken hast du bloß deine alten, recycelten Colaflaschen eingekauft, in denen du beim Schwitzen waschlnass wirst und dann anfängst zu frieren“, poltern sie hier. Der Loden dagegen sei die einzige Faser, die auch noch wärmt, wenn sie feucht wird. „G’sund tragen“, nennt man das im Steirerland. Ob es stimmt, lässt sich gleich nebenan ausprobieren, denn der Lodenwalker befindet sich genau am passenden Ort, um die Sport- und Wintertauglichkeit seiner Erzeugnisse zu beweisen. Das Loipennetz der Ramsau führt direkt an der Manufaktur und am Verkaufsladen vorbei.

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