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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ski in allen Varianten Die weiße Hölle überlebt man nur mit Gottes Hilfe

 ·  Vom Steilhang direkt zur Kirche: In der Ramsau am Dachsteingebirge kann man spektakulär in allen Varianten Ski fahren. Und danach dem Herrgott danken, dass alles gutgegangen ist.

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© Volker Mehnert Von harmlos bis höllisch: In der Ramsau werden alle Skifahrer glücklich, und das auch noch in unberührtem Schnee.

Es ist kalt hier oben am rauhen, felsigen Dachsteingebirge, nicht selten auch windig und feucht. Im Winter türmt sich zuverlässig der Schnee. Da braucht der Mensch ein Gewand, das ihn wärmt. Deshalb haben sie hier seit Jahrhunderten ihre Hochgebirgsschafe geschoren, die Wolle gesponnen und gewebt und daraus den Steirischen Loden hergestellt. Loden? Ist das nicht dieses verstaubte, altbackene Textil mit dem Mief der k. u. k. Monarchie, mit der Erinnerung an Kaiser Franz Joseph und Erzherzog Johann, die derbe Kleidung der bäuerlichen Bevölkerung, mausgrau oder jägergrün, höchstens noch aktuell als Trachten-Accessoire beim Münchner Oktoberfest oder als Ausgehuniform bei alpenländischen Folkloretreffen? „Alles Quatsch“, sagen die Leute vom Lodenwalker in der Ramsau, dem ältesten urkundlich erwähnten und noch erhaltenen Gewerbebetrieb Österreichs. Eine Chronik des Klosters Admont spricht schon 1434 vom Ennstaler Tuch und dem „Loden, der in der Gegend in vorzüglicher Güte erzeugt wird“. Die Manufaktur ist inzwischen zwar eine Art Exot im eigenen Land geworden, führt jedoch ihre regional verwurzelte Tradition selbstbewusst fort und veredelt sie vorsichtig mit den Geboten aktueller Mode.

Die Herstellungsmethode ist seit Jahrhunderten kaum verändert und erfordert bis zu sechzehn aufwendige Arbeitsgänge, von denen heute kaum noch jemand die Namen kennt, darunter das Wolfen und Walken, Zwirnen und Spulen, Rauhen und Stampfen, Schären und Blatteln. Das Walken ist dabei der entscheidende Vorgang: Das rohe Gewebe wird mit warmem Wasser durch Druck und Reibung so bearbeitet, dass es zusammenschrumpft und die einzelnen Wollfädchen miteinander verfilzen. Es zieht sich dabei um mehr als die Hälfte zusammen und erreicht die doppelte Dicke, um als wind- und wasserdichter und dennoch atmungsaktiver Loden zu enden. Das natürliche Wollfett Lanolin sorgt zusätzlich für Imprägnierung.

Waschlnass in Colaflaschen

Einheimische Skilehrer, Pistenarbeiter und manche Gäste wissen diese Qualitäten zu schätzen. Die meisten Besucher aber, die zur Winterzeit in die Ramsau kommen und auf schmalen Langlaufbrettern über den Schnee flitzen, kleiden sich mit Vorliebe in die hautengen und knallbunten Hochglanzrennanzüge, in denen sie aussehen wie Spiderman auf Winterurlaub. Das ficht die Lodenwalker freilich nicht an, sie halten mit ihrem regionalen Produkt und ihrer Philosophie dagegen. Neuerdings kümmern sie sich nicht nur um ihre klassischen Schnitte, die sich an alpiner Tracht orientieren, sondern auch um lässige Mode und flotte Skibekleidung, die sich gegen die modernen Kunststoffmaterialien und die internationalen Designermarken behaupten will - und offenbar auch kann. Denn die Manufaktur am Fuße des Dachsteingebirges vermarktet ihre gesamte Produktion ohne Zwischenhandel am Ort selbst.

Man strotzt vor Selbstbewusstsein und polemisiert auf Österreichisch gegen die üblichen Modemarken, die in der Ferne billig produzieren und daheim teuer verkaufen: „Mit Fleecejacken hast du bloß deine alten, recycelten Colaflaschen eingekauft, in denen du beim Schwitzen waschlnass wirst und dann anfängst zu frieren“, poltern sie hier. Der Loden dagegen sei die einzige Faser, die auch noch wärmt, wenn sie feucht wird. „G’sund tragen“, nennt man das im Steirerland. Ob es stimmt, lässt sich gleich nebenan ausprobieren, denn der Lodenwalker befindet sich genau am passenden Ort, um die Sport- und Wintertauglichkeit seiner Erzeugnisse zu beweisen. Das Loipennetz der Ramsau führt direkt an der Manufaktur und am Verkaufsladen vorbei.

Drei-Etagen-Landschaft für alle Ansprüche

Die Ramsau ist ein landschaftlicher Schatz, wie es ihn im Alpenraum kein zweites Mal gibt. Das Hochplateau über dem Ennstal hängt wie ein gigantischer Balkon vor den Steilwänden des Dachsteingebirges. Auf seinen achtzehn Kilometern Länge und vier Kilometern Breite ist es nach Süden zur Sonne ausgerichtet und wegen seiner Höhe zwischen tausend und dreizehnhundert Metern relativ schneesicher. Dabei ist das Plateau alles andere als platt, sondern durchzogen von Anhöhen, Hügeln und kleinen Bergen wie dem Kulm und dem Rittisberg. Laub- und Nadelwälder unterbrechen das freie Gelände, während die malerischen Ahornreihen zwischen den Wiesen und Feldern die Landschaft gliedern und seit Jahrhunderten die Grenzen zwischen den Bauernhöfen markieren. Darüber kleben auf Höhen um achtzehnhundert Meter die Ramsauer Almwiesen am Berg. Ganz oben, auf zweieinhalbtausend Metern Höhe, erstreckt sich die Hochfläche Am Stein, Österreichs größtes Karstplateau, dessen Almen schon vor viertausend Jahren bewirtschaftet waren. Drei Gletscher überdecken Teile dieser Hochebene, aus der als Dach der Steiermark die Felsspitzen von Eselstein und Koppenkarstein, von Torstein, Mitterspitz und dem 2995 Meter hohen Dachstein herausragen.

Diese Drei-Etagen-Landschaft ist für den Wintersport prädestiniert, wobei für die Mehrzahl der Besucher das Langlaufen im Mittelpunkt steht - schon seit der „Ersten Österreichischen Dauerlaufmeisterschaft“ über dreißig Kilometer in den fünfziger Jahren und erst recht seit der Nordischen Skiweltmeisterschaft 1999, die in der Ramsau ausgetragen wurde und mit Skistadion, Sprungschanzen und Biathlon-Schießplatz ihre Spuren hinterlassen hat. Dreizehn ineinander verschlungene Loipenrunden addieren sich zu zweihundertzwanzig Loipenkilometern. Sie kurven kreuz und quer durch die Ramsau, so dass vom zweieinhalb Kilometer langen Anfängerterrain im Skistadion bis zum dreißig Kilometer langen Kurs rund um das Plateau für alle Ansprüche die richtige Strecke dabei ist. Dadurch liegen auch die meisten Hotels unmittelbar an einer Loipe mit Zugang zum Gesamtsystem, so dass der Slogan „Vom Bett aufs Brett“ nicht übertrieben ist. Gemütlich geht es zu auf der ebenen Sonnenloipe und den Strecken rund um Vorberg und Kulm, kräftige Steigungen und rasante Abfahrten sind zu überwinden im bergigen und bewaldeten Gelände am Rittisberg im Westen und am Sattelberg und Rössingkogel im Osten.

Steile Felswände, weite Blicke

Das ist der übliche und eher konservative Teil des Skifahrens am Dachstein. Weiter oben wird es dann spannend. Extravagantes Höhentraining lässt sich unterhalb des Dachsteingipfels absolvieren. Dort wird auf dem Gletscher ein ansehnliches Loipensystem gespurt, das ganzjährig geöffnet ist. Hier bereiten sich im Herbst zahlreiche Nationalmannschaften in den nordischen Disziplinen auf die winterliche Wettkampfsaison vor. Wem nach einem kräftigen Zwischenspurt im welligen Gelände die Höhenluft noch nicht dünn genug ist, der kann sich endgültig den Atem rauben lassen vom waghalsig an den Fels gehängten „Dachstein Sky Walk“. Diese Aussichtsplattform schwebt auf zweitausendsiebenhundert Meter Höhe bedenklich frei über einer senkrecht abfallenden Felswand, erlaubt dafür aber Weitblicke bis zum Großglockner und Großvenediger und darüber hinaus bis nach Slowenien. Der Nervenkitzel wird noch dadurch gesteigert, dass man durch den gläsernen Boden dieser kühnen Konstruktion direkt in den Abgrund schaut.

Wer mit der Dachsteinbahn hier oben ankommt, muss nicht unbedingt Langlaufskier dabeihaben. Denn für alpine Skifahrer ist vor allem die Südflanke des Bergmassivs eine Herausforderung. Freerider können sich in den Steilhängen austoben, die zum Teil ein Gefälle von hundert Prozent besitzen. Sie sollten jedoch trittsicher, schwindelfrei und bergerfahren sein und dazu die für derart waghalsige Abfahrten notwendige Ausrüstung mitbringen. Das Gelände ist mit der Gondelbahn verführerisch leicht zu erreichen, aber während der Abfahrt extrem schwer zu beherrschen. Um das individuelle Können abzuschätzen, sollte man sich zunächst einem Skilehrer anvertrauen. In den Ramsauer Almen findet man auf mittleren Höhen einige extrem steile, aber relativ sichere Abfahrten, die nach Schwierigkeitsgraden gestaffelt sind.

Harmloses Ende vor der Dorfkirche

Hier kann man sein tatsächliches Steilwandkönnen erst einmal erproben und beurteilen lassen, bevor man sich in so gefährliche Hänge wie die legendäre Edelgrießabfahrt wagt. Sie beginnt mit einem ebenso kuriosen wie schwierigen Einstieg über einen Klettersteig, um nach acht Kilometern scheinbar ganz harmlos vor der Ramsauer Kirche zu enden. Da kann man dem lieben Gott gleich danken, dass er einen heil wieder hat herunterkommen lassen. Weitere Variante des Skifahrens am Dachstein sind das Skitourengehen im freien Gelände, das hier ausnahmsweise einmal nicht allein den Ski-Cracks vorbehalten ist. Die Wiesen und Waldstücke rund um die Brandalm unterhalb der Felswände bieten verschiedene Möglichkeiten für Anfänger, die nach dem Aufstieg durch freies Gelände über präparierte Skiwege abfahren oder sich versuchsweise auch durch kleine Tiefschneefelder wagen können.

Schon hier bekommt man eine Ahnung von der Einsamkeit des winterlichen Gebirges und verdient sich den Spaß der Abfahrt durch die Anstrengungen des Aufstiegs: zwei Stunden bergauf für fünfzehn Minuten bergab - so wie es vor ein paar Jahrzehnten noch fast überall in den Alpen gang und gäbe war. Dank der Dachsteinbahn gibt es sogar im hochalpinen Gelände Tourenvarianten für Einsteiger auf einfachen markierten Skirouten rund um Hunerkogel und Dachsteinwarte.

National-Skitour in steirischem Loden

Dass die Region als Dorado des Tourengehens gilt, verdankt sich jedoch in erster Linie der beliebten Dachsteinüberquerung, der österreichischen „National-Skitour“. Von der Gipfelregion am Hohen Dachstein führt sie über fünfundzwanzig Kilometer Länge und zweitausend Meter Höhenunterschied bis hinunter zum Hallstätter See. Weil die schwierigen Passagen präpariert sind, können auch fortgeschrittene Pistenfahrer die Strecke bewältigen, für erfahrene Freerider bieten sich parallel dazu Dutzende Varianten im Gelände an. Das Nonplusultra der Skitouren, aber nur mit einem ortskundigen Bergführer zu unternehmen, ist der Übergang von der Dachstein-Bergstation über das Hochplateau Am Stein bis nach Gröbming - sechsundzwanzig Kilometer durch eine magisch verschneite Hochebene und durch die Schluchten der sogenannten Notgasse hinunter ins Ennstal.

Wenn sich der Steirische Loden nicht nur beim Langlauf und Freeriding, sondern auch auf diesen hochalpinen Touren als Skibekleidung bewährt, dann spätestens hat er seine Wintertaufe bestanden und kann sich der scheinbar übermächtigen Konkurrenz der modischen Kunstfasern zuversichtlich entgegenstellen. Vielleicht ziehen die umgearbeiteten Colaflaschen gegen den wolligen Naturstoff dann sogar tatsächlich den Kürzeren.

Spaß im Schnee auf drei Etagen

Langlauf: 220 Kilometer Sport- und Freizeitloipen für Skating und klassisch in sämtlichen Schwierigkeitsstufen stehen auf dem Hochplateau zur Verfügung. Im Loipenbeitrag ist die Fahrkarte für den Ramsauer Bus enthalten. Die 2,5 Kilometer lange Nachtloipe im Langlaufstadion ist täglich von 17 bis 21 Uhr beleuchtet. Eine besondere Attraktion ist die ganzjährig präparierte Dachstein-Gletscherloipe auf 2700 Metern Höhe. Ein spielerisch aufbereiteter Langlaufpark für Kinder mit Schanzen, Wippen und Stangenwald befindet sich im Langlaufstadion. Skischulen bieten Kurse für die Kleinsten an. - Snowboard: Der Dachstein Superpark auf dem Gletscher wird von Februar an und im Herbst aufgebaut, es ist eines der vielseitigsten Boarder-Terrains der Ostalpen. - Ski alpin: Das Skigebiet rund um den 1600 Meter hohen Rittisberg ist übersichtlich und familiär. Ein kostenloser Skibus verbindet die Ramsau in einer Viertelstunde mit der Vier-Berge-Skischaukel von Weltmeistschaftsort Schladming, die wiederum Mitglied ist im großen Salzburger Verbund Ski amadé. - Skitouren und Freeriding: Von Februar bis April bieten Skischulen geführte Touren mit erfahrenen Skilehrern durch schwieriges Gelände am Dachstein an. Kurse für Einsteiger finden im Ramsauer Almengebiet statt. Auch Freerider finden hier ein vielseitiges und extrem anspruchsvolles Terrain. - Winterwandern: Das siebzig Kilometer lange Wegenetz besteht aus breiten, gewalzten Wegen, schmalen, manchmal steilen Pfaden durch reizvolle Waldpassagen sowie aus markierten Schneeschuh-Trails durch Almgebiet, Wald und abseits gelegenes Gelände. Am Wegrand hat man nicht weniger als achtzig Einkehrmöglichkeiten. - Skispringen: Schnupperkurse und Skispringen für jedermann auf den Übungsschanzen veranstaltet die Skisprungschule Ramsau. - Rodeln: Dienstags, mittwochs und samstags ist die 3,5 Kilometer lange Rodelbahn am Rittisberg von 19 bis 23 fürs Nachtrodeln beleuchtet, die Sesselbahn ist dann in Betrieb. - Biathlon: Die Langlaufschulen bieten Gruppenkurse für Gäste an, entweder zum Einstieg mit Lasergewehren im Stadion oder für gute Langläufer am Originalschießstand mit Kleinkalibergewehren. - Eislaufen: Ein 600 Quadratmeter großer Eislaufplatz mit Flutlicht befindet sich in Ramsau-Vorberg. - Lodenwalker: Kostenlose Besichtigung der Manufaktur von Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 11 Uhr. Ramsau-Rössing, Telefon: 0043/3687/ 81930. - Information: Tourismusverband Ramsau, A-8972 Ramsau am Dachstein, Telefon: 0043/3687/81833, www.ramsau.com. - Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Ramsau.

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