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Singapur grün Die Exotik des gemeinen Stiefmütterchens

Seit seiner Unabhängigkeit vor fünfzig Jahren verfolgt Singapur ein ehrgeiziges Programm: Es will die grünste Stadt der Welt werden. Neuester Höhepunkt des Langzeitprojekts ist der wohl ambitionierteste Botanische Garten überhaupt.

© Andrea Diener Zwei spektakuläre Gewächshäuser erfinden den botanischen Garten neu - hier nebelt es im Cloud Forest.

Wir sitzen auf einem sechzig Meter hohen Baum aus Stahl, dem höchsten von vierzehn, und trinken Cocktails. Es ist warm, denn in Singapur ist es immer warm, auch nachts. Die Stahlbäume glühen grün und blau und violett, und nebenan glüht die Skyline, allerdings ganz normal bürolichtfarben, im viertgrößten Finanzzentrum der Welt wird noch gearbeitet. Die Bar glüht rot, und wir glühen auch rot, tagsüber war es ziemlich sonnig.

Andrea Diener Folgen:

“Moment“, sagen wir, „das geht jetzt gerade etwas schnell: Wie lange steht diese Skyline hier? Sechs Jahre? Das heißt, um die Jahrtausendwende war hier was genau?“

“Das Land war schon da“, sagt Michael. „Das hat man in den sechziger Jahren aufgeschüttet, dann hatte es Zeit, sich gründlich zu setzen. Was passiert, wenn es sich nicht setzen kann, das sieht man ja gerade in Dubai. Alle Häuser haben Risse.“

Das, ahnen wir, kann hier nicht passieren, denn was die Singapurer anpacken, das setzen sie um, und zwar gründlich.

Klingende Stinkfrucht und Schiff auf Stelzen

Land gibt es nicht allzu viel in diesem Stadtstaat, also muss man welches schaffen. Touristenattraktionen gibt es auch nicht gerade in rauen Mengen, und auch sie werden geschaffen, kein Problem, Geld ist ja da. Hier eine Skyline, dort ein spektakuläres Hotel, drei Hochhausstelzen mit Schiff obendrauf, Mall darunter und Museum daneben. Dann das größte Riesenrad der Welt, von dem aus man über das neue Hafenviertel schauen kann, über die Bars und Cafés, die auch zu später Stunde noch gut besucht sind, denn anscheinend hat niemand die Absicht, auch nur einen Bürgersteig hochzuklappen.

Und jetzt gibt es auch noch einen neuen botanischen Garten, der schon der dritte in dieser an botanischen Gärten nicht armen Stadt ist. Aber er ist nicht irgendein botanischer Garten, sondern sozusagen das letzte Wort in Sachen botanischer Garten, die Mutter aller botanischen Gärten, und zwar weltweit. Wir ziehen die Köpfe ein, denn wir stammen aus einem Land, das nicht einmal einen Bahnhof unfallfrei umbauen kann, geschweige denn einen Flughafen planen. Oder ein Konzerthaus. Konzerthäuser bauen die Singapurer so nebenbei mal hin, und zwar in Form einer Stinkfrucht.

23422872 © Andrea Diener Vergrößern Phosphoreszierende Stahlbäume mit Bar in der Krone gibt es vermutlich nur in Singapur.

Blühende Kübelpflanzen an der Schnellstraße

Der sechzig Meter hohe Stahlbaum, auf dem sich Michaels Bar namens „Supertree“ befindet, steht nun in dieser neuesten Touristenattraktion namens Gardens by the Bay. 810 Millionen Dollar hat das Projekt gekostet, die Fläche entspricht 177 Fußballfeldern, und es öffnete Mitte des vorigen Jahres seine Tore für Besucher. Im Kern handelt es sich um zwei Gewächshäuser, die aussehen wie Kellerasseln in unterschiedlichen Stadien des Sichzusammenkugelns, und die stehen in einem riesigen Park, den jeder kostenlos betreten darf. Der Park ist unfassbar gepflegt und eigentlich die logische Fortsetzung der Stadt Singapur, die durchzogen ist von Rabatten und Hecken und Rasenflächen, die in uns den Verdacht aufkommen lassen, dass täglich mit Nagelscheren bewaffnete Heerscharen auf ihnen herumkriechen, um millimetergenaues Höhenwachstum zu garantieren.

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