Wir sitzen auf einem sechzig Meter hohen Baum aus Stahl, dem höchsten von vierzehn, und trinken Cocktails. Es ist warm, denn in Singapur ist es immer warm, auch nachts. Die Stahlbäume glühen grün und blau und violett, und nebenan glüht die Skyline, allerdings ganz normal bürolichtfarben, im viertgrößten Finanzzentrum der Welt wird noch gearbeitet. Die Bar glüht rot, und wir glühen auch rot, tagsüber war es ziemlich sonnig.
“Moment“, sagen wir, „das geht jetzt gerade etwas schnell: Wie lange steht diese Skyline hier? Sechs Jahre? Das heißt, um die Jahrtausendwende war hier was genau?“
“Das Land war schon da“, sagt Michael. „Das hat man in den sechziger Jahren aufgeschüttet, dann hatte es Zeit, sich gründlich zu setzen. Was passiert, wenn es sich nicht setzen kann, das sieht man ja gerade in Dubai. Alle Häuser haben Risse.“
Das, ahnen wir, kann hier nicht passieren, denn was die Singapurer anpacken, das setzen sie um, und zwar gründlich.
Klingende Stinkfrucht und Schiff auf Stelzen
Land gibt es nicht allzu viel in diesem Stadtstaat, also muss man welches schaffen. Touristenattraktionen gibt es auch nicht gerade in rauen Mengen, und auch sie werden geschaffen, kein Problem, Geld ist ja da. Hier eine Skyline, dort ein spektakuläres Hotel, drei Hochhausstelzen mit Schiff obendrauf, Mall darunter und Museum daneben. Dann das größte Riesenrad der Welt, von dem aus man über das neue Hafenviertel schauen kann, über die Bars und Cafés, die auch zu später Stunde noch gut besucht sind, denn anscheinend hat niemand die Absicht, auch nur einen Bürgersteig hochzuklappen.
Und jetzt gibt es auch noch einen neuen botanischen Garten, der schon der dritte in dieser an botanischen Gärten nicht armen Stadt ist. Aber er ist nicht irgendein botanischer Garten, sondern sozusagen das letzte Wort in Sachen botanischer Garten, die Mutter aller botanischen Gärten, und zwar weltweit. Wir ziehen die Köpfe ein, denn wir stammen aus einem Land, das nicht einmal einen Bahnhof unfallfrei umbauen kann, geschweige denn einen Flughafen planen. Oder ein Konzerthaus. Konzerthäuser bauen die Singapurer so nebenbei mal hin, und zwar in Form einer Stinkfrucht.
Blühende Kübelpflanzen an der Schnellstraße
Der sechzig Meter hohe Stahlbaum, auf dem sich Michaels Bar namens „Supertree“ befindet, steht nun in dieser neuesten Touristenattraktion namens Gardens by the Bay. 810 Millionen Dollar hat das Projekt gekostet, die Fläche entspricht 177 Fußballfeldern, und es öffnete Mitte des vorigen Jahres seine Tore für Besucher. Im Kern handelt es sich um zwei Gewächshäuser, die aussehen wie Kellerasseln in unterschiedlichen Stadien des Sichzusammenkugelns, und die stehen in einem riesigen Park, den jeder kostenlos betreten darf. Der Park ist unfassbar gepflegt und eigentlich die logische Fortsetzung der Stadt Singapur, die durchzogen ist von Rabatten und Hecken und Rasenflächen, die in uns den Verdacht aufkommen lassen, dass täglich mit Nagelscheren bewaffnete Heerscharen auf ihnen herumkriechen, um millimetergenaues Höhenwachstum zu garantieren.
Dass man in Singapur ein wenig mehr Wert auf Bepflanzung legt als anderswo, sieht man schon, wenn man über die Schnellstraße vom Flughafen Changi in die Stadt hineinfährt. Rechts und links der Fahrbahn wachsen penibel gestutzte Bougainvilleenhecken, und auf dem Mittelstreifen steht Kübelpflanze an Kübelpflanze, ordentlich im Gartenbonsaistil beschnitten mit sich windendem Stamm und Laubpuscheln, Hunderte Meter in Dreier- und Viererreihen. Im Falle einer Notlandung kann diese Straße als Landebahn genutzt werden, wenn man die Kübel vorher evakuiert. Und ich zweifle nicht daran, dass das in dieser perfekt organisierten Stadt innerhalb von Minuten möglich ist.
Mad Ridleys Kautschukkeimlinge
Den ersten botanischen Garten Singapurs legte schon Thomas Stamford Bingley Raffles an, seines Zeichens Agent der Ostindischen Handelskompanie, Amateur-Naturforscher und Stadtgründer. Es gab den Garten nur bis 1829, aber er wurde rekonstruiert, und man findet ihn heute am gleichen Ort wie damals im Fort-Canning-Park: ein kleiner Kräutergarten am ehemals heiligen Herrscherhügel, auf dem später die britische Kaserne Fort Canning stand. Raffles trug in diesem „Botanical and Experimental Garden“ Pflanzen der Umgebung zusammen, vor allem Gewürze und Früchte, und testete ihre Plantagentauglichkeit. Es war ein reiner Sammelgarten für Nutzpflanzen mit rechteckigen, begrenzten Beeten, ähnlich einem Küchengarten.
Ein zweiter botanischer Garten, diesmal in Form eines Parks, entstand 1859 nahe dem Stadtzentrum. Dieser Garten war nun auch als Promeniermeile für die Bevölkerung gedacht, aber das wissenschaftliche Interesse an der Kultivierung von Nutzpflanzen bestand nach wie vor. Besonders erfolgreich entwickelten sich ein paar Kautschukkeimlinge, die man aus den Gärten von Kew bei London bezogen hatte. Der damalige Gartendirektor Henry Nicholas Ridley, auch bekannt unter dem Ehrentitel „Mad Ridley“, überzeugte die Bauern Malaysias derart nachhaltig vom Kautschukanbau, dass das nördliche Nachbarland bald zum größten Kautschukexporteur der Welt wurde. Ein zweiter Schwerpunkt war die Kultivierung von Orchideen, die Sammlung von über tausend Spezies und zweihundert Hybriden ist wohl bis heute weltweit einzigartig. Und auch diese ließen sich wirtschaftlich durchaus nutzen: Singapur produziert einen großen Anteil der weltweit verkauften Topforchideen.
In Schandweste zwischen anderthalb Millionen Bäumen aufräumen
Man sagt den Engländern ja eine Leidenschaft für Gärten nach, aber die Singapurer übertreffen ihre ehemaligen Kolonialherren bei weitem. Nach der Unabhängigkeit 1963 ging es mit der Begrünung erst richtig los. Also genau vor fünfzig Jahren: „50 Years of greening Singapore“ verkünden Banner entlang der Straßen mit einigem Bürgerstolz. Der Premierminister der neugegründeten Republik, Lee Kuan Yew, initiierte damals erst einmal ein Baumprogramm und ließ anderthalb Millionen Bäume pflanzen. Die haben inzwischen eine beachtliche Größe erreicht und tragen viel dazu bei, dass die Stadt trotz ihrer Hochhäuser an keiner Ecke trostlos aussieht. „Green and clean“ sollte Singapur sein, grün und sauber, eine Stadt wie ein gut gepflegter Park.
Die Gartenleidenschaft Lee Kuan Yews hatte allerdings nicht nur die Bewohner und ihr Wohlbefinden im Blick, sondern auch ausländische Investoren. Hier, so sollte die konsequente Verwirklichung seiner Vision einer Gartenstadt demonstrieren, werden Ideen schnell und effizient umgesetzt. Und im konsequenten Verordnen und Durchführen staatlicher Ideen und Richtlinien ist Singapur Weltspitze. Man denke etwa an das berüchtigte Kaugummiverbot, das sich nur umgehen lässt, wenn man mittels ärztlichen Attests nachweisen kann, gerade auf Nikotinentzug zu sein. Oder an die Strafen für Übeltäter, die für das Vergehen des Müll-auf-die-Straße-Werfens dazu verdonnert werden, in einer Schandweste Grünanlagen zu säubern. Eine freiheitliche Gesellschaft sieht anders aus. Aber wenn man durch diese freundliche, aufgeräumte Stadt läuft, durch die Parks, die Gärten, die Straßen mit den kleinen Cafés und Boutiquen, die auch nachts niemals bedrohlich wirken, so lässt man alle Bedenken gern hinter sich. Die Belohnung für all diese Restriktionen ist eine lebenswerte Umgebung, nahezu frei von Kriminalität und geprägt von einem erstaunlichen Gestaltungswillen.
Bilderbuchtropen mit Nachttierhaustonband
Doch die Entwicklung Singapurs sollte nach dem Wunsch des Premierministers nicht nur schnell, sie sollte auch nachhaltig sein. Die Ziele, die bei der Unabhängigkeit des jungen Staates formuliert wurden, sind über die Jahre hinweg zwar leicht angepasst, aber nie aus den Augen verloren worden. Momentan arbeitet man unter anderem daran, achtzig Prozent der Dachflächen zu begrünen. So soll den durch die Bodenversiegelung hervorgerufenen Überschwemmungen entgegengewirkt werden. Und niemand bezweifelt, dass auch das dem kleinen, inzwischen sehr wohlhabenden Stadtstaat gelingen wird. Das Klima ist für solche Vorhaben auch denkbar günstig. Es herrscht das ganze Jahr über Gewächshauswetter, und was hier wächst, ist fett und grün und hat nicht selten Luftwurzeln und riesige, glänzende Blätter. Und sehr große bunte Blüten, auf denen sehr große bunte Schmetterlinge landen. Dazu sägen Grillen ziemlich laut, und die Vögel flöten genau so wie auf dem Tonband, das sie bei uns im Nachttierhaus des Zoos immer abspielen. Richtige Bilderbuchtropen also, die einen niemals enttäuschen.
Um einen Spaziergang durch den Wald zu machen, muss man gar nicht weit aus der Stadt hinausfahren. Schon nach zwanzig oder dreißig Minuten steht man in einem Naturschutzgebiet mit vorbildlich markiertem Wegenetz, an dessen Eingang Schilder vor den Gefahren durch herabfallende Äste oder vor stürmischem Wetter warnen - vorsichtshalber hat man gleich die Telefonnummer der Wettervorhersage daruntergeschrieben. Die Warnung vor potentiellen Gefahren betreibt man hier mit einem ähnlichen Eifer wie die Sauberkeit und Begrünung.
Blütenkuppel und Wolkenwald
Wenn draußen in der Natur also schon Gewächshausklima herrscht, bei dem man den Pflanzen beim ungehemmten Wuchern zuschauen kann - welches Klima herrscht dann in den Gewächshäusern des neuen botanischen Gartens? Wir betreten die erste der beiden gläsernen Kellerasseln, und hier drinnen ist es tatsächlich fast ein wenig kühl. Im Flower Dome blühen Pflanzen aus klimatisch gemäßigten Gebieten, die es im Winter gerne kühler haben. Es gibt eine mediterrane Ecke mit Olivenbäumen, einen japanischen Garten mit blühenden Winterkirschen um hübsche Holzpavillons, in einer Ecke wachsen afrikanische Wüstenpflanzen wie Baobab-Bäume und lebende Steine und, schau an, am anderen Ende sogar Stiefmütterchen und Geranien, die auf die Singapurer so exotisch wirken müssen wie die allgegenwärtigen Ficusbäume auf uns.
Insgesamt finden sich in den Gardens by the Bay etwa achtzig Prozent aller weltweit verbreiteten Pflanzenspezies. Aber die Vielfalt ist nur ein Aspekt, der die Gewächshäuser besuchenswert macht. Das zweite nämlich, Cloud Forest genannt, ist ein landschaftsarchitektonisches und pädagogisches Wunderwerk. Ein großer Tuffsteinberg führt fünf Stockwerke hinauf in den Regenwald, von den Wurzeln bis zu den Baumkronen, und in die sehr unterschiedlichen Pflanzenwelten dieser Höhenschichten.
Mehr als Touristenbespaßung
All das wird wunderbar erklärt mit Tafeln und Filmen, und auch wer einfach nur über die stählernen Laufwege spaziert, durch Höhlen und unter Wasserfällen hindurch, und dabei Orchideen und Baumfarne bestaunt, ist ziemlich bald und unweigerlich überwältigt. Eine Ecke ist Kristallen und Gesteinen gewidmet, an einem Baum hängen halboffene Glaskugeln, in denen winzig kleine Orchideen wachsen, in den Beeten stehen indigene Schnitzkunstwerke, und alles ist von einem dermaßen satten Grün umwuchert, dass man, wenn man aus einer Stiefmütterchenregion kommt, nur neidisch werden kann angesichts der überbordenden Vegetation. Auf jeden Fall wird, wer diese Gewächshäuser gesehen hat, Pflanzen nie wieder langweilig finden.
Aber es geht hier nicht nur um Touristenbespaßung, sondern um die Erprobung grüner Technologie. Die Stahlbäume zum Beispiel beherbergen nicht nur die Bar, in der wir gerade sitzen, sie fangen auch Regenwasser auf. Die Biomasse, die der Park abwirft, sowie gut versteckte Photovoltaikanlagen produzieren genug Energie, um die beiden Gewächshäuser zu versorgen. Momentan kauft Singapur sein gesamtes Trinkwasser aus Malaysia zu, irgendwann soll der Stadtstaat sich selbst versorgen können, daran arbeitet man derzeit mit Hochdruck.
Neuland für die Finanzmarkt-Hochhäuser
Michael, der auf seiner Visitenkarte die bescheidene Funktionsbezeichnung „The Dude“ stehen hat, zeigt uns Fotos auf seinem iPhone. „So“, sagt er, „hat es hier vor fünfzig Jahren ausgesehen.“ Die jetzt so spektakulär moderne Marina Bay war eine beschauliche tropische Bucht mit ein paar Fischerhäuschen. Die Bäume waren aus Holz, nicht aus Stahl. Die höchste Erhebung waren die Wipfel der Palmen, keine neonerleuchteten Wolkenkratzer, in denen zu später Stunde noch die Zuckungen des europäischen Finanzmarktes verfolgt werden.
Aber man hatte bereits mit der Landgewinnung begonnen und den Grund trockengelegt, auf dem nun das Finanzzentrum steht, das Museum, der Garten, das große Marina Bay Sands Hotel mit dem spektakulären Pool auf dem Dach. Man hatte vorausgeplant. Was man hier anfasst, das wird was. Und es wird groß, einschüchternd groß. Es überragt die niedrigen Dächer von Chinatown, von Little India und vom arabischen Viertel. Diese sorgsam hergerichtete Vergangenheit, die der Stadt eine Geschichte gibt, darf zumindest in Teilen stehenbleiben. Für die Gebäude der Zukunft wurde Neuland erschlossen.