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Serie „Heimat“ (Folge 5) : Von weiten Herzen und einem weiten Horizont

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Dieses Geräusch, wenn der Sturm vorbeigezogen ist, aber immer noch im Meer hängt, und das es sonst nirgends gibt: Auch das kann Heimat sein. Bild: dpa

Geburtsort Sylt? Fehlanzeige! Der Kreißsaal wurde geschlossen, und unter den Reetdächern der Bauernhäuser sitzen Zugezogene, oder es halten deren Schwiegermütter die Stellung fürs Finanzamt.

          Wenn Sylter Frauen gebären wollen, müssen sie dazu aufs Festland fahren. Rechtzeitig! So rechtzeitig, dass sie nicht auf dem Autozug niederkommen, im Regionalexpress oder im Hubschrauber, der sie in die Diakonissenanstalt nach Flensburg bringen soll. Das Krankenhaus auf Sylt jedenfalls hat die Geburtenstation dichtgemacht. Damit war kein Geld mehr zu verdienen. Die freien Hebammen können die Versicherungsbeiträge für diesen alten Beruf auch nicht mehr stemmen, und der einzige Gynäkologe der Insel hat kein Interesse daran, vierundzwanzig Stunden am Tag über 365 Nächte im Jahr darauf zu lauern, ob ein kleiner blonder Friese (Däne, Türke oder Syrer) auf die Welt schlupft.

          Nicht nur die Sylt-Friesische Sprache Sölring – über Jahrhunderte Indikator für Verheimatung – verschwindet hier spürbar, auch den beiläufig dahingeplauderten Satz „...ich bin auf Sylt geboren“ wird irgendwann keiner mehr sagen. Doch sind wir dann Bastarde vom Festland, definiert sich Herkunft, das „Sein“ und das „Werden“ über den Ort der Geburt?

          Manch landadelige Trachtenjacke meint, sie sei Sylter

          Früher, so die Mär, kamen die Sylter Kinder immer bei Flut auf die Welt. Obwohl von der Wissenschaft widerlegt, hält sich dieser Glaube immer noch in den Kreisen, in denen Lebenspartner ausgependelt, Krankheiten mit Zuckerkugeln geheilt und mittels Familienaufstellungen verkrachte Kindheiten reanimiert werden. Manch ein Pfeffersack aus Hamburg, Karnevalsprinzen aus Köln oder landadelige Trachtenjacken aus München meinen, nur weil sie eine Reetdachhütte in Kampen besitzen und den Wirt des „Manne Pahl“ duzen, seien sie Sylter. Lächerlich! Sie treiben die Preise hoch, nehmen uns die Parkplätze und auch die Gräber auf den Friedhöfen weg, und auf dem Autozug lassen sie während der Überfahrt das Licht an, therapieren ihre Nachtangst quasi mit Flutlicht, versauen uns bei der abendlichen Fahrt über den Damm unsere kitschigen Emil-Nolde-Sonnenuntergänge, das Meeresleuchten und Polarlichter. Und bei der Ankunft in Westerland ist die Batterie ihres Autos leer, und wir echten Sylter müssen zwanzig Minuten warten, bis der Sylt-Shuttle-Entladungsmeister den Akkumulator überbrückt und den Eisenhaufen frisch gestartet hat.

          Kreise auf Sylt, die uneingeschränkt über Geld verfügen, lebten mal eine Mode aus, die als „dekadent“ zu bezeichnen nicht präzise wäre: Es war die geplante, vorsätzlich inszenierte amerikanische Staatsangehörigkeit für die eigenen Kinder. Das geht so: Im April wird das Kleine angesetzt, so dass die Gattin noch die sommerlichen Immobilien-Deals abwickeln kann. Gegen Halloween landet man dann in den Staaten. Der Bauch wird unter der Sonne des Staates Florida in der eigenen Villa rund, und im Januar kommt der kleine Friese dann als Yankee zur Welt. Zum identitätsbildenden Sylter Nationalfest Biikebrennen und Piddersdai Ende Februar sind Mutter und Kind dann wieder auf der heimischen Insel und können die Hymne der Sylter Friesen „Üüs Sölring Lön“ kraftvoll und textsicher mitsingen. Zumindest die Mutter.

          Warum das alles? Nun, wenn die Kinder später einmal nach Amerika wollen, brauchen sie nicht an der unwürdigen Greencard-Lotterie teilzunehmen. Sie fliegen einfach rüber, wann sie wollen, klatschen dem Immigrations Officer ihren Stars & Stripes-Passport auf den Tisch und rufen lässig: „Hello Amerika, I am back!“

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