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Serie „Heimat“ (Folge 2) : Damals in der Schillerlinde

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Wuchtig reckt sich der Adolfsturm über Friedberg und die halbe Wetterau. Bild: dpa

Als Messestadt war Friedberg im Mittelalter wichtiger als Frankfurt. Und mit Elvis Presley machte der Ort Ende der fünfziger Jahre noch einmal Furore. Heute kann man froh sein, dass es noch ein anständiges Wirtshaus gibt.

          Wie oft ich die Worte „Friedberg in der Wetterau“ im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Sie sind zu meinem Mantra geworden. Offiziell heißt meine Heimatstadt etwas anders: „Friedberg (Hessen)“. Hessen ist der größere Begriff als Wetterau. Die Wetterau kennen die meisten gar nicht, oder wenn, dann nur als Name einer Autobahnraststätte an der A5. Wer in Deutschland aus dem Norden kommt und in den Süden will oder umgekehrt, fährt unweigerlich an der „Raststätte Wetterau“ vorbei, die es vor zwanzig Jahren beim allgemeinen deutschen Autobahnraststättentest der Stiftung Warentest mal auf den letzten Platz geschafft hat. Als ich noch jung war, war die Raststätte immer der letzte Ort in der Nacht, an dem wir noch Alkoholika bekamen. Wir benutzten natürlich immer illegalerweise die rückwärtige Lieferantenzufahrt. Das machten alle.

          Die Stadt Friedberg wird mitunter schlecht beleumundet. Sie ist zwar uralt (älteste Urkundenerwähnung 1219) und war im Mittelalter als Messestadt wichtiger als Frankfurt, aber selbst das benachbarte Bad Nauheim brauchte nach seiner Stadtwerdung (1854) nur wenige Jahrzehnte, um dem alten Riesen Friedberg den Rang abzulaufen. Man muss sich nur vorstellen, wer so alles in Bad Nauheim gastiert hat. Das war ein Stelldichein von Zar Nikolaus II. über Albert Einstein bis hin zu Hans Albers. In Friedberg dagegen hat in jüngerer Zeit höchstens einmal so jemand wie der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811 bis 1878) übernachtet, allerdings nur, weil er sich in der Stadt umbringen wollte, im Hotel Trapp auf der Kaiserstraße. Der Versuch misslang allerdings (Gutzkow gelang zeitlebens wenig, er starb später in Frankfurt-Sachsenhausen im Schlaf). Ein friedbergbezüglicher Selbstmord mit mehr Erfolg war der des Schriftstellers Hermann Burger (1942 bis 1989) aus der Schweiz. Burger sollte in der alten Bindernagelschen Buchhandlung (Kaiserstraße, unweit vom Hotel Trapp) lesen, hatte sich aber unmittelbar vor seiner Reise in die Wetterau umgebracht. So hat Burger Friedberg nie kennengelernt. Wir, das Publikum, erfuhren davon erst vor der Tür der Buchhandlung. Noch ein Schriftsteller war in Friedberg: Goethe, und zwar zur Lottezeit. Melancholisch schreibt er an Kestner (10. November 1772): „Gestern Abend war ich noch bey euch und ietzo sitz ich im leidigen Friedberg.“ Leidiges Friedberg, das sitzt natürlich tief.

          Die meisten alten Friedberger sind schon tot

          Als der damals schon weltberühmte Elvis Presley in Friedberg ausstieg, um seinen Wehrdienst abzuleisten (er zog es natürlich vor, in Bad Nauheim zu wohnen), war er vorsorglich betrunken. Man schaue sich die Filmaufnahmen von seiner Ankunft in Deutschland an. Er kommt ja schon in Bremerhaven kaum mehr die Rampe herunter.

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