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Schweiz : Stein oder Nichtsein

  • -Aktualisiert am

Drei, zwei, eins - runter kommen sie alle, beim Canyoning. Die Frage ist nur wie? Abseilen, klettern oder springen, wie hier im Tessin. Bild: Joerg Modrow/laif

Canyoning ist eine Extremsportart - die meisten, die es versuchen, sind aber Anfänger. Über den freien Fall in den Schluchten Österreichs und der Schweiz.

          Will leave you standing proud. Hard as a rock!“ Immer wieder schreit mir AC/DC-Sänger Brian Johnson entgegen, dass er hart ist wie ein Fels. Auch Eddy neben mir auf dem Fahrersitz sieht aus, als könnte ihn so schnell nichts umwerfen. Und vor mir strecken sich die schroffen Gipfel der Nordalpen in den Himmel. Meine steingewordene Nemesis. Irgendwo dort werde ich heute Felswände und Wasserfälle hinunterklettern, nur gesichert von ein paar Knoten und meinen eigenen unerfahrenen Händen.

          Canyoning heißt das, wofür Eddy einen VW Caddy mit Neopren-Anzügen, 100-Meter-Seilen und Bergsteigergurten vollgeladen hat. Denn für Canyoning braucht man die Ausrüstung gleich mehrerer Sportarten. Man steigt oben in eine Schlucht ein - und klettert, springt, rutscht, schwimmt und taucht bis zu ihrem Ende. Irgendwie ist diese Spielart der alpinen Extremsportarten also trotz des ganzen Equipments ein Sport für Faule: Denn es geht eigentlich immer bergab.

          Vielleicht ist mein Canyoning-Lehrer deshalb etwas fülliger um die Mitte herum. Eddy: rund ums Bäuchlein breiter Rücken, starke Arme, stramme Beine. Nur sein zerknautschtes Gesicht verrät seine 56 Lebensjahre. Er heißt eigentlich Eberhardt Hofmann und leitet die DCS, die Deutsche Canyoning-Schule. Drei Tage geht unser Anfängerkurs im Bregenzerwald, nach dem jeder so weit sein soll, ohne Führer in die Schlucht zu gehen. Theoretisch.

          „Canyoning ist höchst gefährlich - wenn man nicht weiß, was man tut“

          Am ersten Tag war Trockenübung, und ich musste feststellen: Alle anderen Teilnehmer können was, klettern, raften, abseilen, tauchen. Nur ich bin in allem blutiger Anfänger. Eddy macht mir Mut mit seinem treuen Seehundgesicht und der Geschichte von der Prinzessin von Bahrein. Die und ihre beleibten Kammerzofen hätten den DCS-Kurs schließlich auch geschafft. Bevor es an die Übungswand geht, hat die Gruppe den Vormittag über Knoten geübt: Sackstich, Achter, Halbmastwurf. Das sieht einfach aus; beim Nachmachen geht es einem trotzdem wie dem Fünfjährigen beim Schuhebinden. Nur: Wie gut man die Fingerübungen beherrscht, entscheidet im Canyon über Leben und Tod.

          Eddy will es mit seiner Schule anders machen als viele seiner Kollegen. Die klassische Canyoning-Tour ist ihm ein Graus. „Da werden die Leute einfach durchgeschleust“, sagt er. Andererseits unterschätzten auch die Teilnehmer oft, was sie im Canyon erwartet. Eddy wurde schon von Junggesellenabschieden im Bikini gebucht, noch halb betrunken vom Vorabend. Die hätten es dann auch nicht bis zum Ende geschafft. Nicht allein die Bewegungsabläufe sind das Schwierige beim Canyoning - auch die Ausdauer. Touren dauern meistens mehrere, in manchen Canyons bis zu zwölf Stunden. Und wenn man einmal drin ist, kann man so schnell nicht wieder raus. Dazu kommt das Wasser, das dem Körper Wärme und Energie raubt. „Canyoning ist höchst gefährlich - wenn man nicht weiß, was man tut“, erklärt Eddy. Wir lernen deshalb nicht nur die Knoten, sondern auch Notsignale, Flaschenzüge und was man dabeihaben sollte, um einen Knochenbruch zu versorgen.

          Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden

          Wie sich einen Tag später herausstellt, ist Wissen auch das beste Mittel gegen Angst. In drei Teams setzen wir die Knoten selbst, lassen den Ersten hinunter, der das Wasser auf Tiefe und hängengebliebene Baumstümpfe prüft. Danach seilt sich jeder selbst ab. Die Canyoning-Lehrer schauen uns bei jeder Bewegung zu, korrigieren, wo nötig.

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