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Schweiz : Kleine Ermutigung

La vie en rose: Seit dem fünfzehnten Jahrhundert lebten und arbeiteten hier in Ittingen, abgeschieden von der Welt, Kartäusermönche. Bild: Helmuth Scham

Aber auch ein Menetekel: In der Kartause Ittingen ist alles herrlich weit weg - die Schweiz, Europa und die Welt

          Es ist leicht, gute Laune zu haben, wenn die Sonne scheint. Aber nur wenige Stellen gibt es auf diesem Planeten, in die man sich auch bei Dauerregen sofort verliebt. Die Kartause Ittingen, nahe Winterthur: Ein Schritt durchs Tor, kurzer Rundblick in die stille, grüne Weite, die Vögel schweigen, irgendwo blökt ein unsichtbares Schaf, schon ist’s passiert.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Als ich ankam, regnete es Katzen und Hunde. Auf dem Weg von der Rezeption zum Zimmer, an der pitschnassen Schafherde vorbei, wobei mich ein netter junger Mann mit Schirm begleitete, wurden die Konzertschuhe, die ich aus Zeitersparnisgründen nicht im Koffer, sondern an den Füßen trug, so gründlich eingeweicht, dass sie für den Rest des Aufenthaltes und überhaupt, für alle Zeit, unbrauchbar waren. Mein erster Rat wäre also: Warum auch immer man nach Ittingen reist, der Musik oder der Kunst halber, um den Rosenschneidekurs zu belegen oder einfach nur, um endlich auszuschlafen - man sollte auf jeden Fall vernünftiges Schuhwerk tragen.

          Das Konzert fand dann später in der Klosterkirche der Kartause statt. Es hatte kurz aufgehört zu regnen, die Wolken hingen tief, sie berührten die Apfelbäume auf der Wiese, wo das Gras hoch stand und die arkadischen Schafe, sieben an der Zahl, mehr oder weniger friedlich grasten. Manche weniger, weil: So ein Schaf hat natürlich allezeit die Notwendigkeit der Fortpflanzung auf der Agenda. Direkt hinter den Tieren, an die Außenwand des Klosters, hatten Narrenhände in Kursiv und in Leuchtschrift die grammatisch nicht korrekten, aber berühmt gewordenen Worte geschrieben: „Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“ Sie stammen vom jungen Nietzsche, aus dessen „Geburt der Tragödie“ von 1872. Diese sogenannte „Rechtfertigungsthese“ taucht mehrfach auf in seinem wagnertrunkenen Schrifttum, in verschiedenen Varianten. Auch wird diese schräggestellte, pseudohandschriftliche Designerschrifttype fast zu viel anderswo verwendet, beispielsweise in Möbelkatalogen oder Heiratsanzeigen. Aber hier, in Ittingen, fällt alles Billige von ihr ab. Und dem Zitat wuchs, wozu meine friedfertigen Freunde, die Schafe, sicher ihr Teil beitrugen, in diesen Tagen eine neue Wahrheit zu. Wann immer wir übers Gelände gingen, zwinkerte es uns entgegen, als Ermutigung. Aber auch als ein Menetekel.

          Serviert wird nur, was die Saison gerade bietet

          Auch Lebenskunst ist eine Kunst, die man lernen kann, wie Brotbacken oder Klavierspielen, zu der man aber unbedingt auch etwas Genie oder wenigstens Talent mitbringen sollte. Orte wie Ittingen sind dazu da, uns daran zu erinnern. Billig ist hier gar nichts, aber alles ist wunderschön anzuschauen, wunderbar praktisch und funktional. Die ältesten Bauteile der Kartause Ittingen stammen aus dem frühen zwölften Jahrhundert. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert lebten und arbeiteten hier, abgeschieden von der Welt, einige Dutzend Kartäusermönche. Sie lebten nicht schlecht. Ihre Zellen sind Zwei- oder Drei-Zimmer-Apartments mit Gärtchen davor, einige kann man heute noch besichtigen. Mehrfach zerstört, niedergebrannt und wieder aufgebaut, wurde die Klosteranlage 1848 säkularisiert, dann ging sie in Privatbesitz über, heute gehört sie einer Stiftung, die seit 1983 eine behutsame, aber umfassende Restaurierung betrieb und die Anlage wieder, wie weiland die Mönche, zur Selbstversorgung bewirtschaftet: als Hof mit Nutz-, Kräuter- und Ziergärten, Ställen und Holzwirtschaft, Teichen, Weinberg, Gewächshäusern und Labyrinth, mit mehr als tausend alten Rosensorten, mit Bäckerei, Tischlerei, Käserei. Neu dazu kamen das Tagungshotel, die Künstlerateliers, der helle, hohe Konzertsaal im ehemaligen Heuschober, der bis heute immer noch sehr angenehm nach Heu zu riechen scheint, sowie das Restaurant „Mühle“, in dem sich unablässig, ohne Strom, angetrieben nur von einer Quelle, das große, alte Ittinger Mühlrad dreht.

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