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Zeit zu Fasten : Hinterm Horizont wird’s leichter

  • -Aktualisiert am

Wer eine Schrothkur macht, soll sich viel bewegen - in der Natur, die das Allgäu vorhält. Bild: Arezu Weitholz

Tina Turner hat es getan, Sigmar Gabriel auch: eine Schrothkur in Oberstaufen. Das nicht ganz unumstrittene Naturheilverfahren entgiftet den Körper – und nebenbei nimmt man ab. Leider ist es auch eine ganz schöne Qual.

          Ich bin eine nasse, heiße Wurst. Meine Arme kleben am Körper, die Beine stecken fest. Draußen ist es dunkel, ich schaue an die Decke, wie spät es wohl ist?

          Vor einer halben Ewigkeit wurde ich in ein nasses, kaltes Leintuch gewickelt, umhüllt von Decken, Wärmekissen und Handtüchern. In der Hand halte ich einen „Panic-Button“. Mein Wickel erzeugt ein „künstliches Heilfieber“, und es heißt, die Entgiftungstätigkeit der Leber sei in den frühen Morgenstunden am intensivsten, zudem scheide das Bindegewebe Schadstoffe aus.

          Wickel und Weißwein

          Der Schrothwickel ist eine der vier Säulen der Schrothkur, die vor etwa 190 Jahren vom schlesischen Fuhrmann Johann Schroth entwickelt wurde. Die anderen drei sind: Bewegung, eine basische Diät und der Wechsel zwischen Tagen, an denen es kaum etwas zu trinken gibt, und Tagen, an denen man viel trinken darf, sogar Weißwein.

          Ich starre ins Nichts. Wenn ich wenigstens schlafen könnte. Sind da Schritte? Es heißt, durch das Liegen und Nachdenken passiert was mit einem. Man kommt irgendwie runter. Ich will aber nicht runter. Ich will aufstehen. Dann, endlich, höre ich die Tür. Meine „Packerin“, so nennt der Schrothverband die professionellen Menschenwickler, heißt Regina. Sie befreit mich. „Heute waren es zwei Stunden“, sagt sie. Ich schaue dankbar auf die Uhr, es ist fünf Uhr morgens.

          Oberstaufen liegt im Allgäu auf 800 Metern Höhe, irgendwo zwischen dem Bodensee und Neuschwanstein. Inmitten einer „lieblichen Alpenlandschaft“ gibt es hier 300 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege, sagt die Werbebroschüre, mildes Reizklima, so viele Wellness-Orte wie sonst in Bayern und ganze 55 Schrothkur-Gastgeber, denn was für Neuschwanstein König Ludwig ist, ist für Oberstaufen Johann Schroth.

          Schrothpolizei kontrolliert Küchen

          Dessen Erbe verwaltet heute der hiesige Schrothverband. Er bildet die Packerinnen aus, verleiht die Schrothplakette, es gibt sogar eine „Schrothpolizei“, welche die Hotelküchen kontrolliert. Nur die Kurgäste werden nicht überwacht. Jeder „Schrothler“ muss zwar mehrfach beim Kurarzt antreten, aber es gibt keinen Seminarleiter, keinen Guru, nur Angebote – von den schicken Virtual-Reality-Brillen im Tourismusbüro über Vorträge im Ort wie „Schlank werden – schlank bleiben“.

          „Spürt’s ihr den Ischias?“ Wir drehen uns millimeterweit nach rechts. Heike Kirschnek ist die Gesundheitsmanagerin im Parkhotel, so heißt das hier. Warme Sonne scheint durch die wandhohen Fenster. Draußen, im Kurpark, schiebt eine alte Frau eine noch ältere spazieren, und wir legen jetzt die Hand ans Knie, die andere über den Körper. „Das ist jetzt gut für euch Schrothler, ihr habt ja eh nix im Bauch.“ Ich drehe mich und merke, wie sich da was löst. Gestern hatten wir Funktionstraining mit dem Flexibar, das ist ein Stab mit zwei gummihaften Enden. Laut Heike war das Gewackel „eine Mischung aus Feldenkrais, Alexander-Methode, progressiver Muskelentspannung“, aber es ist auch egal, wie es heißt. Uns bleibt ja nichts anderes übrig. Wir müssen uns bewegen, denn sonst verlieren wir durch die eiweißarme Kost die paar Muskeln, die wir besitzen.

          Rheuma und radikale Umkehr

          Warum wir uns das antun? Viele Schrothler kommen wegen ihres Rheumas, andere sind so übergewichtig, dass sie die Kur als eine Art „Zündkerze“ für eine radikale Ernährungsumstellung benutzen. Andere hören mit dem Rauchen auf. Denn wenn man an allen Angeboten teilnimmt, kommt man gar nicht erst auf die Idee, eine Zigarette zu vermissen.

          Ich gehe auf die Sonnenterrasse und schaue in den Kurpark. Das 1986 von Otto Lindner geplante und gebaute Parkhotel ist sein liebstes Haus. Die Baugenehmigung für einen Düsseldorfer kostete den damaligen Bürgermeister zwar das Amt, aber laut Gästen und Kollegen ist es heute gut im Ort integriert.

          In den Achtzigern kamen 60 Prozent der Gäste wegen der Kur. Nach der Gesundheitsreform, die 1993 begann, änderte sich das. Oberstaufen erging es wie vielen Kurorten. Die Kassen zahlten weniger dazu, seltener waren die Leute bereit, ihren Jahresurlaub für eine dreiwöchige Kur zu opfern. Heute sind nur noch 20 Prozent der Gäste Schrothler. Früher war es auch exzessiver – vor allem an Dienstagen und Donnerstagen, den klassischen Trinktagen, wenn die matten Schrothler Wein trinken durften. Die feuchtfröhlichen Abende bescherten dem Ort einen schlechten Ruf. Am Ortsschild übermalten Witzbolde das T und schrieben ein L vor das Allgäu.

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