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Literaten unterwegs : Augen zu und durch

  • -Aktualisiert am

Ernest Hemingway 1944 Im „Dorchester“ in London. Bild: mauritius images

Im Schlaf ist jeder ein Dichter, aber nicht jeder Schriftsteller findet Ruhe im Hotel.

          Schreiben, das erledigt sich auch für den phantasiebegabtesten Schriftsteller selten ganz wie im Schlaf. Nur der Dichter Saint-Pol-Roux hing angeblich, bevor er zu Bett ging, ein Schild an seine Tür, auf dem stand: Le poète travaille. Aha. Der Dichter arbeitet. Meinte er, was einem nicht im Traum einfallen würde, verdiente kaum, aufgeschrieben zu werden?

          Inspiriert von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ begann der Verleger Wieland Herzfelde, seine Träume zu notieren und machte ein Buch daraus, die von George Grosz illustrierten „Tragigrotesken der Nacht“. Um die Probe aufs Exempel zu machen, behauptete Herzfelde, genau einer der Träume im Band sei komplett frei erfunden und fragte Freud-Schüler, ob sie als professionelle Traumdeuter herausfinden könnten, um welchen es sich dabei handele. Die gaben zurück, das sei unmöglich, da auch die Phantasie den Gesetzen des Traumes folge. Also, schloss Herzfelde, sei im Grunde jeder, wenn er schlafe, ein Dichter.

          „Nachts tadelnswerte Störung durch lärmende Gäste“

          Aber nicht jeder ist, wenn er dichtet, ein Schläfer, der problemlos die Augen schließt, wenn es darauf ankommt. Vor allem auf Reisen, aber nicht nur unterwegs, haben Dichter ein gestörtes, wenigstens problematisches Verhältnis zum Schlaf. So notierte Thomas Mann im „Waldhotel National“ in Arosa in sein Tagebuch: „Nachts tadelnswerte Störung durch lärmende Gäste.“ Das kommt nicht nur daher, dass Schriftsteller kraft ihrer überreizten Empfindsamkeit für Schwierigkeiten beim Einschlafen prädestiniert sind. Es liegt auch in der Natur der Sache selbst.

          Das Hotel ist die temporäre Wohnform schlechthin: An keinem anderen Ort ist die Erfahrung der Fremde so elementar. Weil das Hotel sich eben nicht bewegt, wie all die anderen gastlichen Reisevehikel vom Zug über Schiff bis zum Flugzeug. Sondern wenigstens rein äußerlich so tut, als ob es unser Zuhause sei: Ruhender Mittelpunkt des Lebens - man soll sich im Zimmer wohlfühlen können, aber auch arbeiten, seine Mahlzeiten (Room Service!) genießen und sogar Gäste empfangen.

          Geräuschkulisse war markerschütternd

          Das Hotel, so lehren seine fiktionalen Darstellungen von Vicki Baum („Menschen im Hotel“) bis zu Wes Anderson („The Grand Budapest Hotel“), ist geprägt von einer Vielzahl an zufällig versammelten Schicksalen und den dazugehörigen Geschichten, die sich perfekt eignen, „gesellschaftliche Strukturen und Beziehungen nachzubilden, in einer Art Mikrokosmos ein verkleinertes, überschaubares Abbild, Spiegelbild oder Zerrbild des Gesellschafts- oder gar Weltgebäudes zu geben“, so der Literaturwissenschaftler Thomas Müller.

          Tennessee Williams im „Palace Hotel“ in Madrid.

          Was unter einem solchen Zerrbild zu verstehen sein könnte, lernte ich auf meiner ersten völlig allein unternommenen Reise kennen, die mich direkt nach dem Abitur auf den Spuren Georg Trakls nach Salzburg führte. Ich hatte mich in einer eher günstigen Pension hinter dem Mozartplatz einquartiert und bekam schon in der ersten Nacht zu spüren, warum es keine gute Idee ist, wenn das Kopfende des Bettes, lediglich von einer dünnen Wand getrennt, unmittelbar an die einzige Etagentoilette grenzt. Woher sollte ich auch wissen, dass ich mein Quartier mit blasen- (was noch geht) und leider auch willensschwachen Alkoholikern teilte, die als Dauergäste ausgerechnet auf meinem Flur hausierten. Die Geräuschkulisse der über allen Durst vollgetrunkenen Österreicher war so markerschütternd, dass ich schon in der ersten Nacht des auf zwei Wochen geplanten Aufenthalts voller Ekel wach lag.

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