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Schloss Ludwigslust : Kein Mensch hat Thomas Mann gesehen

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Das „Versailles des Nordens“ Schloß Ludwigslust: Seit der Renovierung ein Besuchermagnet. Bild: dpa

Hoch lebe das Papiermaché! Ein Besuch im Barockschloss Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern.

          So, aber erst einmal machen wir es Ihnen ein bisschen gemütlich“, sagt die Kellnerin im Restaurant des Hotels de Weimar im mecklenburgischen Ludwigslust und tut dann mit entwaffnender Selbstverständlichkeit etwas wirklich Verblüffendes. Sie greift in das Dekolleté ihres Dirndls, holt eine Streichholzschachtel aus den Tiefen der weiß gerüschten Bluse hervor, schüttelt die Schachtel prüfend, lächelt und zündet die Kerze auf dem Tisch an, wobei sie das aufflackernde Licht noch einen Augenblick mit der Innenfläche ihrer Hand vor einem möglichen Luftzug schützt. „Und dann bringe ich Ihnen gleich die Karte.“ Am Tisch bleibt entzückte Sprachlosigkeit zurück.

          Es war nicht der erste Moment der Verzauberung auf dieser Reise nach Mecklenburg-Vorpommern. Wer in Ludwigslust ankommt, am Alexandrinenplatz rechts in die Schlossstraße einbiegt und dann an den in holländischer Adrettheit aufgereihten Backsteinhäusern vorbeifährt – auch das Hotel de Weimar liegt hier –, den erwartet am Ende dieser als Sichtachse angelegten Straße das Schloss: das Versailles des Nordens! Doch da ist erst einmal – nichts. Dann macht die Straße einen leichten Schwung, geht über eine Brücke hinweg, und plötzlich steht dort zur Rechten, wie für ebendiesen Moment dorthingezaubert, die Residenz der mecklenburgischen Großherzöge. Voilà, ein Schloss! Samt kopfsteingepflastertem Platz, Prinzenpalais, Rondell, Kanal, Alter Wache, Brücken und einer klassizistischen Hofkirche in direkter Blickachse zur Schlossfassade.

          Welch ein Coup spätbarocker Stadtplanung! Als wäre man direkt in eine andere Welt hineingefahren. In ein märchenhaftes Bühnenbild altdeutscher Romantik. Oder in die Kulissen einer Neuverfilmung von Thomas Manns Roman „Königliche Hoheit“. Das fiktive Residenzstädtchen des 1909 erschienenen Romans ähnelt auf fast schon unheimliche Weise dem realen Ludwigslust. Thomas Mann hier in Mecklenburg-Vorpommern? Lübeck ist nicht weit. Eine erste Antwort auf die Frage findet sich wieder im Hotel de Weimar.

          Doktor Hempelmann lässt sich entschuldigen

          Das Abendessen ist köstlich. Die Frage ob Thomas Mann je hier war, um nach den Buddenbrooks für seinen zweiten Roman zu recherchieren, schwebt als Thema über dem Dessert. „Darüber rätseln wir hier seit Jahren“, sagt die charmante Kellnerin. „Sie müssen unbedingt mit Doktor Hempelmann sprechen. Der leitet unseren Literaturkreis in der Volkshochschule. Wunderbares Buch. Soll ich das Essen auf Ihr Zimmer setzen?“

          Herrn Doktor Hempelmann treffen wir gleich am folgenden Tag im Goldenen Saal des Ludwigsluster Schlosses. Er trägt hohe Lederstiefel, ein etwas phantastisch anmutendes Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts und auf dem Kopf eine weiße Perücke. „Thomas Mann in Ludwigslust? Nein, dafür gibt es keine Hinweise. Bedauerlicherweise. Ich habe mich ausführlich mit der Frage beschäftigt. Aber jetzt habe ich gleich meine nächste Führung. Sie müssen mich entschuldigen.“ Doktor Hempelmann, Vorsitzender des Fördervereins Schloss Ludwigslust e.V. und umringt von einer Schar erwartungsvoll zu ihm aufschauender Gäste, verschwindet im Gewimmel des von Besuchern übervollen Goldenen Saales.

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