Ja, wir haben die Teller immer besonders üppig gefüllt, wenn es Hummer, Austern und Riesengarnelen gab. Wir haben beim Cocktail am Pool oft nachschenken lassen, obwohl es eigentlich viel zu heiß für Champagner war. Wir haben auch zu häufig in der Sonne gelegen, wenn wir das Vorderdeck ganz für uns allein hatten und man sich dort wie ein Milliardär auf seiner Privatyacht fühlte. Auch den kostenlosen Vierundzwanzig-Stunden-Kabinenservice haben wir täglich in Anspruch genommen. Kurz und gut, wir gestehen ohne Umschweife: Wir sind der Versuchung des Luxus erlegen und haben uns sauwohl dabei gefühlt. Dass das Wetter obendrein jeden Tag traumhaft war, ist vermutlich das Einzige, wofür die "L'Austral" und ihre Besatzung nicht gesorgt haben. Aber wer weiß.
Das französische Kreuzfahrtschiff ist ein Exot. Es gehört dem exklusiven Club sogenannter Super- oder Megayachten an, von denen gerade mal ein Dutzend auf den Weltmeeren unterwegs ist. Ein eleganter Oceanliner mit klassisch schlanker Linienführung für maximal 260 wohlhabende Gäste, der mit den schwimmenden Kleinstädten für vier- bis sechstausend Passagiere etwa so viel gemeinsam hat wie ein Bentley mit einem Reisebus. Das klingt hochnäsig und ist es auch, zumindest aus der Sicht derer, die sich eine solche Art zu reisen nicht leisten können oder wollen. Eine Tatsache ist sie dennoch. Auch in Zeiten knapper Kassen gibt es offensichtlich eine Klientel für Schiffe wie die " L'Austral".
Wachstum trotz Untergang
Gerade mal ein Jahr ist die Yacht der Reederei Compagnie du Ponant alt, eine baugleiche Schwesteryacht gibt es auch. Zudem hat die Katastrophe der Costa Concordia gezeigt, dass es in dem umkämpften Massenmarkt mit immer größeren Schiffen und immer billigeren Angeboten Grenzen jenseits der Geschmacksfrage gibt, ab wann eine Kreuzfahrt kein Genuss mehr ist. Genau einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic passen heute dreimal so viele Passagiere in das größte schwimmende Hotel unserer Zeit. Wer aber seine Besatzung aus dreißig Nationen zusammenwürfelt, Niedrigstlöhne bezahlt und Personal reduziert, um wettbewerbsfähig zu bleiben, darf sich nicht wundern, wenn dies im Ernstfall überfordert ist. Um fast zwanzig Prozent wuchs im letzten Jahr die Branche, zwei Millionen Deutsche werden 2012 in See stechen.
Von all dem ist auf der 142 Meter langen "L'Austral" nichts zu spüren. So zeitgemäß der Komfort ist, so klassisch bleibt sie im Stil. WLAN, iPod, Flatscreen - natürlich haben die Kabinen mit breiter Glasfront zum Balkon auf den vier Passagierdecks alle technologischen Standards eines Fünf-Sterne-Logis. Es gibt einen gläsernen Wasserfall von Swarovski in der Lobby und ein gut gebuchtes Spa im Espace Beauté auf Deck fünf. Doch damit ist dem Zeitgeist so ziemlich Genüge getan. Wir vermissten weder die nicht vorhandenen Wassersportgeräte noch hyperaktive Animateure und Dauerbeschallung mit Bordmusik. Auch die fehlende Ladenzeile ging uns nicht ab, von einem Spielkasino ganz zu schweigen. Wer ab sechshundert Euro pro Tag aufwärts für eine Doppelkabine hinlegt, der shoppt eh woanders. Die einzige Boutique auf Deck drei war jedenfalls immer leer.
Nixen in Pin-up-Posen
An Eleganz wird dagegen nicht gespart. Beim schnörkellosen Mobiliar setzt die "L'Austral" bevorzugt auf Leder, selbst die Einbauschränke der Kabinen sind damit gepolstert. Die Farbpalette variiert Grau in allen Tönen mit blutroten Akzenten hier und da. Die Formensprache orientiert sich am Art déco. Lebensgroße Poster mit wasserskifahrenden oder am Strand tollenden Nixen in Pin-up-Posen der fünfziger Jahre spielen mit dem Hedonismus Hollywoods.
Die Gattin des Schiffseigners hat Stillleben aus Sand, Muscheln und Algen gefertigt und in den Niedergängen der "L'Austral" aufgehängt. Die Tischkellner sind schon morgens livriert. Die Passagiere sind auch "casual" untadelig gekleidet. Und Kapitän Patrick Marchesseau sieht genauso gut aus, wie sein Name klingt. Die Damen liegen dem Charmeur zu Füßen. Alles ist très français - ein Idyll. Da fügt es sich trefflich, dass die Motoryacht entlang der nostalgischsten Küste reist, die Europa derzeit zu bieten hat. Von Venedig geht es die Adria hinab nach Kroatien und Montenegro. So sah die Côte d'Azur aus, als noch Playboys und Filmmogule auf den Uferpromenaden zwischen Cannes und Nizza flanierten: Dubrovniks mittelalterliche Altstadt steht unter dem Schutz der Unesco und vermag Besucher mit ihren hohen Festungswällen ebenso in den Bann zu ziehen wie einst Antibes. Split, die bedeutendste Hafenstadt der Dalmatinischen Küste, fängt uns ein mit ihrer breiten Palmenavenue voller Straßencafés direkt an der Mole, die charmanter ist, als es Cannes' Croisette jemals war. Kroatien entfaltet eine mediterrane Aura, die viele einem Land Ex-Jugoslawiens noch immer nicht zutrauen würden.
Klein ist besser
Nur ein relativ kleines Schiff wie die "L'Austral" macht das alles direkt erlebbar. Dort, wo es für Megaliner ihrer schieren Größe wegen "Wir müssen draußen bleiben" heißt, da gleitet die Yacht zwischen den Inseln hindurch und hinein in die Buchten der zerklüfteten Steilküste. Dann ankert sie in Sichtweite der Orte, und kleine Shuttle-Boote bringen uns in wenigen Augenblicken an Land. Fast schon ein bisschen peinlich ist das weiße Partyzelt, das die Crew dann am Pier aufbaut, damit die geschätzte Kundschaft beim Warten nicht ungeschützt in der Sonne brät. Derweil stehen sich gleich nebenan Kohorten von Ausflüglern größerer Kreuzfahrer die Beine in den Bauch.
Auf den Inseln Hvar und Korcula legen wir sogar am Pier der verschlafenen Städtchen an. Hier können wir direkt von Bord an Land gehen, wann immer es uns gefällt. Die "L'Austral" bleibt nämlich auch über Nacht an den schönsten Liegeplätzen, was große Schiffe schon deshalb nicht tun, um die hohen Hafengebühren zu vermeiden. Neben Korcula, einem romantischen Gedränge granitgrauer Häuser mit roten Ziegeldächern und einer von Aleppokiefern gesäumten Promenade, wirkt unser Luxusliner auf einmal ungewöhnlich groß. Hierher kommen nur noch Individualreisende, die sich mit der Fähre vom Festland übersetzen lassen müssen. Da die meisten von ihnen abends zurückkehren, teilen wir den verschwiegenen, uralten Ort dann nur noch mit den Einheimischen.
Französische Küche, englische Unterhaltung
Schiffe wie die "L'Austral" müssen ihren Gästen Außergewöhnliches bieten. Dazu gehören zweifellos die beiden Bordrestaurants Le Rodrigues und Le Coromandel. Während Ersteres uns mit täglich wechselnden Themen-Buffets innen und auf dem Pooldeck bewirtet, gibt es im Le Coromandel abends Mehrgänge-Menüs französischer Gourmet-Cuisine. Dazu treten gelegentlich Künstler der Ensembles auf, die jede Fahrt begleiten. Sie führen danach im Theatersaal eigene Showprogramme auf. Überdies reichen die Landausflüge von sehr Speziellem wie Rafting oder Radeln bis zu breitgefächerten Ganztagestrips. So lernen wir das in Westeuropa noch immer nahezu unbekannte Montenegro kennen, das kurioserweise zusammen mit Deutschland auf den Euro als Währung umstellte und davor schon die D-Mark eingeführt hatte.
Kreuzfahrten mit Superyachten haben in den Vereinigten Staaten und Frankreich eine lange Tradition. Dennoch ist die Compagnie du Ponant aus Marseille die letzte heimische Reederei im Seereisengeschäft. Die Wirtschaftskrisen der letzten zehn Jahre haben die Branche auf wenige große Player reduziert, die vor allem auf immer größere Schiffe setzen. Kein Wunder, dass man bei Ponant daher verstärkt auf den deutschen Markt schaut, der als besonders zahlungskräftig gilt. Er betrug bis dato unter zehn Prozent der Gäste, während Franzosen drei Viertel aller Passagiere ausmachten. Das soll sich ändern. Dass gallische Arroganz und Sprachbarrieren Ausländer abschrecken könnten, dort an Bord zu gehen, ist Ponant bewusst. Daher sind auf der "L'Austral" Englisch und Französisch gleichberechtigte Bordsprachen. Die Crew ist ohnehin international, viele sprechen hervorragend Deutsch. Dabei gehen Nonchalance und Charme, die wir an unseren Nachbarn oft bewundern, nicht verloren. Im Gegenteil.
Mit dem Kapitän zur Seufzerbrücke
Eine Leichtigkeit des Seins umgibt uns. Nicht nur Kapitän und Offiziere stehen jederzeit für eine Plauderei zur Verfügung, auch die Brücke ist allen frei zugänglich. Mit Augenzwinkern vermerken die Stewards Marotten wie den doppelten Ristretto, den einer schon morgens zum Aufwachen braucht, berücksichtigen die Aversion gegen Tintenfischtentakel, rücken die Sonnenliege auf den präferierten Deckplatz, verzichten von vornherein auf Eiswürfel im Drink, sobald sie die Eigenheiten erkannt haben. Zuvorkommenheit ist eine Selbstverständlichkeit, steif geht es nie zu. Nicht zuletzt auch deshalb, weil überraschend viele jüngere Paare und sogar Familien mit von der Partie sind. Die "L'Austral" ist keine schwimmende Geriatrie.
Und ihr kommt zugute, dass die Umweltauflagen für Kreuzfahrtschiffe weiter anziehen, seit klar ist, welch verheerende Folgen Unfälle für Meeresbiotope haben. So ist absehbar, dass große Dampfer bald nicht mehr in besonders sensible Gewässer dürfen, wenn sie mit billigem Schweröl fahren. Länder wie Norwegen, aber auch die Internationale Seeschifffahrts-Organisation haben den Zugang zu Arktis und Antarktis für solche Schiffe verboten, auch wenn diese mehr als zweihundert Passagiere transportieren. Massentourismus soll zurückgedrängt werden. Wer solche abgelegenen Weltgegenden noch erleben will, wird in Zukunft immer mehr auf den kleinen Club der Superyachten angewiesen sein, die diese Marktlücke besetzen.
Als Konsequenz des "Costa Concordia"- Desasters will sogar die Ikone aller Kreuzfahrtromantiker schlechthin ihre Schotten für Großschiffe für immer dicht machen: Venedig. Vielleicht gehören wir daher zu den Letzten, die das Privileg genießen dürfen, die Lagunenstadt als Start und Ziel einer Adria-Reise zu erleben. In aller Frühe sind die Außendecks voll, als die "L'Austral" durch den Canale di San Marco nach Venedig zurückkehrt. Und es herrscht ehrfürchtige Stille, als Seufzerbrücke, Markusplatz und Campanile makellos wie in einem Werbefilm an uns vorüberziehen.
Information: 2012 befährt die "L'Austral" die Adria von Mitte Mai bis Ende August. 7 Tage/ 6 Nächte ab Venedig kosten in der Außenkabine bei Doppelbelegung pro Person ab 2036 Euro. Info und Buchung unter www.ponant.com.