Man hatte uns gewarnt. Kommt bloß nicht zu spät, sagten sie schon am Telefon, als wir unser Wochenende planten, auf der Piste sei dann der Teufel los. So recht hatten wir es nicht geglaubt, waren dann aber in aller Frühe aufgestanden und im morgendlichen Nebel durch eine romantische Schneelandschaft Richtung Winterberg gefahren. Wir begegneten niemandem auf der einsam durchs Hochsauerland kurvenden Straße. Waren wir die Einzigen mit dem kühnen Plan, hier im deutschen Mittelgebirge Ski fahren zu gehen? Prompt erwischten wir in Winterberg, allzu sorglos geworden, den falschen Parkplatz und mussten zu Fuß erst noch einen Berg überqueren, um schließlich gegen halb zehn bei unserem Skiverleih anzukommen - und unseren Augen nicht zu trauen. Im Innern des Flachdachbaus drängten sich mindestens zweihundert Menschen in bunten Skianzügen um einen schmalen Tresen, hinter dem junge Männer Skier, Skischuhe und Skistöcke im Akkord ausgaben. Zwei Stunden dauerte unser Weg durch die Menge zum ersehnten Carver-Material, an dessen Ende vier Erwachsene und drei Kinder ihre Nerven, Lust und gute Laune verloren hatten. Der Skikursus für die Kleinen war längst auf und davon. Wer war bloß auf die Idee gekommen, im Sauerland Ski fahren zu wollen?
Eigentlich war die Bahn schuld. Denn die hatte in ihrem Bordmagazin einen Bericht über den Skispaß von Winterberg gebracht. Und da wir, Eltern eines schulpflichtigen Kindes, ahnten, dass es in diesem Winter wohl nicht mehr klappen würde mit einem Skiurlaub in den Alpen, waren wir gleich Feuer und Flamme. Am nächsten freien Wochenende brachen wir auf und fuhren, seltsam genug, zum ersten Mal zum Skifahren in Richtung Norden.
Unser Schnee muss planbar werden
„Das größte Skivergnügen nördlich der Alpen.“ So wirbt das Sauerland für sich und baut dieses Image immer weiter aus, seit es vor zehn Jahren mit Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen einen Plan ausgetüftelt hat, um das dreizehntausend Einwohner zählende Städtchen vor dem schleichenden Ruin zu bewahren. Mit der Gesundheitsreform waren auch in Winterberg die Kurgäste ausgeblieben. Seither nennt man sich, zumindest zwischen Dezember und März, "Wintersport Arena Sauerland" - und pfeift auf die Ängste vor der Klimaveränderung.
Während in den Alpen schon manche Piste abgebaut, schon mancher Hang renaturiert und manches Dorf zurückgebaut wurde, hält man sich hier an das Motto: Unser Schnee muss planbar werden. In zehn Jahren hat man fünfundsiebzig Millionen Euro in den Ausbau der Skiregion investiert, hauptsächlich in die künstliche Herstellung von Schnee sowie in hochmoderne Sesselliftanlagen für sechs oder acht Skifahrer pro Bank. An neunzig Tagen soll hier in der Saison der Carverschwung möglich sein.
Kurzes Vergnügen von tausend Metern
Heute ist auf jeden Fall so ein Tag. Zwar beschneien in Winterberg hundertsechzig Schneekanonen siebenundzwanzig Pistenkilometer. Doch vergangene Nacht hat sich der Schnee ganz von allein auf den Bergen rund um den 841 Meter hohen Kahlen Asten, den zweithöchsten Berg des Rothaargebirges, eingestellt. Jetzt kommt auch die Sonne hervor, wofür sogar die Tüftler von Winterberg bislang keinen technischen Ersatz erfunden haben.
Die ersten Schwünge am Herrloh fühlen sich normal an. Die Pisten sind präpariert, und da sie meist leicht oder nur mittelschwer sind, kommen wir mit wenig Mühe relativ elegant den Berg herunter. Das Vergnügen ist allerdings kurz, denn die meisten Abfahrten sind schon nach tausend Metern zu Ende. Zweiundachtzig Pisten gibt es im Skiliftkarussell Winterberg rund um den 745 Meter hohen Poppenberg und den 809 Meter hohen Bremberg sowie am 732 Meter hohen Herrloh und der vierundvierzig Meter höheren Kappe. Von fast überall hat man die Skischanze St.Georg im Blick, die wie eine filigrane Riesenskulptur aus den fünfziger Jahren in den Himmel ragt. Und immer wieder sieht man junge Männer mit sehr langen Skiern, die in schwindelerregender Höhe auf die Schanze steigen, um ins Tal zu fliegen. Dann bleiben die Skifahrer auf den Pisten stehen und applaudieren. Das tun sie auch vor der Berghütte mit direktem Blick auf St.Georg.
Fest in holländischer Hand
Drinnen herrscht eine Atmosphäre wie im Hochgebirge. Heiße Getränke werden ausgeschenkt, die Körper dampfen, die Gesichter glühen und werden mit Bier statt Champagner gekühlt. Im lauten Stimmengewirr ist nicht alles verständlich, denn viele sprechen Holländisch. Nicht nur das Ruhrgebiet fällt wochenends in der weißen Erlebniswelt ein - Dortmund ist nur eine Stunde von Winterberg entfernt -, sondern auch viele Niederländer. Die Grenze liegt nur zwei Stunden weit weg. Vor allem jetzt, während der Krokusferien in Holland, sind achtzig Prozent der Winterausflügler orange eingefärbt. Nicht nur die Hinweisschilder auf den Pisten sind zweisprachig, auch das größte Hotel am Ort, das "De Brabander", ist in holländischer Hand. Als Deutscher wird man hier meist gar nicht erst genommen. Nur wer hartnäckig nachfragt, bekommt die Wahrheit gesagt: Natürlich könne man sich Haus einmieten, aber es sei eben ein holländisches Hotel mit holländischer Musik, holländischem Fernsehen und holländischem Essen von Frikandel bis zu Hackballetjes. Wem das gefalle, bitte sehr. Aber man solle sich hinterher nicht beklagen. Die Autos mit den gelben Nummernschildern stehen nicht nur auf dem Wohnwagenpark unten am Lift, sondern auch vor vielen Ferienhäusern, seit die Niederländer den hiesigen Immobilienmarkt für sich entdeckt haben.
Nach der Brotzeit in der Hütte können die Kinder sich jetzt auch dem Skikursus anschließen. Ludger nimmt die beiden Achtjährigen in seine Gruppe, die gleich ins große Skigebiet aufbricht. Hier meistern sie fast alle Abfahrten. Die Fünfjährige kommt zu Arndt. Als sie den schlaksigen jungen Mann in blauorangefarbenem Skianzug, den Farben der Skischule, erblickt, sind die Tränen schon verflogen. Zwei Tage fährt das Kind in seinem quietschgelben Leibchen, auf dem Name, Alter und Handynummer der Eltern notiert sind, Arndt hinterher, als sei es eine Ente und der Lehrer Konrad Lorenz. Dass die Unterrichtszeit des Skikursus von zweimal neunzig Minuten den Eltern nicht reicht, wenigstens einmal durchs ganze Skigebiet zu fahren, fällt kaum noch ins Gewicht.
Bella Figura macht kaum einer
Es geht in Winterberg sowieso nicht um sportliche Höchstleistungen, so viel ist bald klar. Dafür sorgen schon die vielen Anfänger auf den Pisten. Winterberg - das bedeutet Skispaß für jedermann, ein Spaß für die breite Masse. Elitäres Gehabe kennt man hier nicht. Und leisten kann es sich auch jeder bei fünfzehn Euro Ausleihgebühr für eine komplette Ausrüstung. Skifahren mag in den Alpen, in St.Moritz oder in Lech am Arlberg mondän sein, hier hingegen scheint es niemanden zu stören, dass gleich neben der Talstation der Sesselbahn Rauher Busch hinter dem Trailerpark ein Discounter steht und ein Autohaus.
Es tummeln sich zwar viele junge Leute auf den Pisten, aber die allermeisten rutschen unsicher die Hänge herab. Oft fallen sie hin, vor allem die Snowboarder liegen mehr im Schnee, als dass die fahren würden. Bella figura macht hier kaum einer. Nicht wenigen macht sogar das Schleppliftfahren Sorge, weshalb man selbst neben kürzeste Pisten Sessellifte gestellt hat. Nur hin und wieder flitzt ein Meister durch die Menge. Der kleine Winterberger Skizirkus hat durchaus Charme. Doch wer hier seinen ersten Schwung lernt und Spaß daran findet, der fährt das nächste Mal wahrscheinlich in die Alpen.
Das größte Problem aber sind die Massen, die am Wochenende auf die Pisten drängen. Da wünschte man sich, dass nicht alle fünfundfünfzig Lifte im Skikarussell fahren würden, um den Strom ein wenig zu drosseln. Doch das ist mit den Betreibern nicht zu machen. Sie bieten eine andere Lösung für den Ansturm. Sie machen die Nacht zum Tag: Zweiunddreißig Hänge in Winterberg sind bis zehn oder elf Uhr in der Nacht mit Flutlicht beleuchtet, so hat man die Skilaufzeit einfach um ein paar Stunden verlängert. Und das ist nun ein Vergnügen, das, aus der Not geboren, Skifahrern in den Alpen selten geboten wird. Dafür muss man eben nach Winterberg kommen.
Skispaß im Mittelgebirge - Die Wintersport-Arena Sauerland ist ein Zusammenschluss der Skigebiete in den Kreisen Hochsauerland, Siegerland-Wittgenstein, Olpe und der Gemeinde Willingen. Sie umfasst 150 Liftanlagen auf 280 Hektar Pistenfläche. 280 Schneekanonen beschneien eine Fläche von 140 Fußballfeldern. - Die Wintersport-Arena Card gilt für alle Skigebiete und kostet für drei Tage 60 Euro (Kinder 41 Euro), für vier Tage 72 Euro (50 Euro), für eine Woche 98 Euro (64 Euro). - Ausrüstungen verleiht die Firma Klante ab 15 Euro pro Tag (www.ski-klante.de), Skikurse bietet die Neue Skischule Winterberg an (www.ski-winterberg.de). - Weitere Informationen im Internet unter www.wintersport-arena.de.
Man sollte etwas wesentliches aber besser nicht verschweigen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
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