Jeden Werktag setzt sich der Messner Günther ins Auto und fährt die lange, kurvenreiche und für Flachländer furchterregend enge Straße hinunter ins Tal. Im Sommer mag das noch ein schöner Ausflug sein, an den finsteren Wintermorgen aber bleibt da keine Romantik mehr übrig. Unten angekommen, führt sein Weg mit vielen weiteren Kurven durch eine enge Schlucht hinaus ins breite und lebhafte Eisacktal, in dem der dunkelhaarige Mittdreißiger in einer Gießerei in Brixen seinen Arbeitsplatz hat. Menschen, die es gewohnt sind, mit Bus oder U-Bahn den großstädtischen Verkehr zu absolvieren, dürften solche Alltagsfahrten erschreckend finden. Messner stört das kaum. Wenn er abends zu seinem einsamen Bauernhof, dem Drockerhof auf 1300 Meter Höhe, zurückkehrt, ist von langen Fahrten keine Rede. „Wenn ich hier oben in Villnöss bin, dann geht es mir richtig gut“, sagt er mit einem tiefen Lächeln im Gesicht.
Messner ist Nebenerwerbsbauer, von denen es im Villnösstal viele gibt. Die Landwirtschaft an den steilen Hängen wirft nicht viel ab, also sucht man sich einen Arbeitsplatz draußen im Eisacktal, in dem reichlich Gewerbe und Industrie angesiedelt ist. Vor einigen Jahren musste Messner eine Entscheidung treffen: Er konnte seinen landwirtschaftlichen Betrieb nur als Nebenerwerb weiterführen, doch mit den Kühen, die er vom Vater übernommen hatte, war das wegen des großen Arbeitsaufwandes nicht möglich. Und so tat Messner das, was mittlerweile im Tal ziemlich populär geworden ist: Er besann sich auf das Villnösser Brillenschaf, eine zwischenzeitlich vergessene Rasse, die gerade eine Renaissance erlebt. Fünfzig Mutterschafe zählt heute sein Bestand. Das Schaf, das seinen Namen von der dunklen Zeichnung um die Augen hat, wurde vor Jahren für die Wollverarbeitung wiederentdeckt, wird mittlerweile systematisch gezüchtet und ist seit drei Jahren auch Gegenstand einer weiteren Vermarktungsinitiative: Unter dem Namen „Furchetta“ bieten die Villnösser Kulinarisches vom Brillenschaf an und beliefern auch einige hochrangige Südtiroler Restaurants.
Wuchtige Felsen, kühler Beton
Villnöss gehört zu den Südtiroler Tälern, die vor allem wegen ihrer Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit geschätzt werden. Die Touristenmassen nehmen die fünfundzwanzig Kilometer lange Fahrt vom Eisacktal ostwärts bis zum Talschluss unterhalb der berühmten Geislerspitzen nicht auf sich. Diese wuchtige Felsformation sieht aus, als habe man die Drei Zinnen dreimal nebeneinandergestellt. Bekannt ist Villnöss auch wegen eines Namensvetters des Bergbauern. Der Bergsteiger Reinhold Messner ist hier aufgewachsen, hat an den Geislerspitzen etliche Erstbesteigungen absolviert und besitzt heute noch eine Almhütte direkt vor den Felswänden neben der Geisleralm. Der Familienname Messner - man ahnt es schon - ist in Villnöss nichts Ungewöhnliches, jeder Zehnte heißt so.
Eine andere Villnösser Berühmtheit ist die kleine Kirche St. Johann in Ranui hinter St. Magdalena kurz vor dem Talschluss. Das schmächtige, knapp dreihundert Jahre alte Gotteshaus mit den leuchtenden Geislerspitzen im Hintergrund gehört zu den populärsten Fotomotiven in ganz Südtirol und dürfte Tausende Kalender und Bildbände bereichert haben. Für den Tourismus mindestens genauso wichtig ist das neue Naturparkhaus Puez-Geisler, das Ende 2009 in St. Magdalena eröffnet wurde und dessen kühle Architektur mit den kahlen Betonfassaden nicht jedermanns Vorstellung von alpinem Baustil entsprechen mag. Auf zwei Etagen findet man hier Ausstellungen und Informationen zum Naturpark Puez-Geisler, der sich auf zehntausend Hektar Fläche bis nach Gröden und Alta Badia erstreckt und der mit der Aufnahme der Dolomiten in das Unesco-Weltnaturerbe im Jahr 2009 touristisch deutlich aufgewertet wurde.
Kleine Kramläden und eine eigene Energiegenossenschaft
Villnöss wirkt wie eine gelebte Südtiroler Beschaulichkeit, ein romantisches Tal mit aufsehenerregenden Bergen, aber ohne touristisches Spektakel. Hier gibt es Gasthäuser und Kramläden, kleine Bäckereien und Menschen, die auch den Fremden auf der Straße grüßen. Das als rückständig zu bezeichnen ist nicht nur ungerecht, sondern auch falsch. Denn Villnöss liegt mit seiner Beschaulichkeit vollkommen im Trend der neuen Liebe zum Landleben. Da passt es auch gut, dass das Tal Mitglied bei den Alpine Pearls ist, einem Zusammenschluss von siebenundzwanzig Urlaubszielen in den Alpen, die sich dem umweltbewussten Urlaub und der sogenannten sanften Mobilität verschrieben haben.
Bei genauerer Betrachtung löst sich die angebliche Rückständigkeit ohnehin in nichts auf. Daran trägt zu großen Teilen Johann Pramsohler Schuld, seit fünfunddreißig Jahren Obmann der schon 1921 gegründeten Energiegenossenschaft Villnöss. Heute betreibt sie drei Wasserkraftwerke, dazu zwei Fernheizwerke und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Fernheizwerks in St. Peter. Die Genossenschaft hat 330 Mitglieder und 800 Abnehmerhaushalte im Tal, was bei 2500 Einwohnern kein schlechter Anteil ist. Für die Einheimischen gebe es auch gute Gründe, sich der Genossenschaft anzuschließen, sagt Pramsohler. „Der normale Strompreis liegt bei achtzehn Cent pro Kilowattstunde. Unsere Mitglieder zahlen etwa vier bis sechs Cent. Außerdem rangieren die Kosten für unsere Fernwärme um ein Fünftel unter denen für eine Ölheizung.“
Der Weg in eine glückliche alpine Zukunft
Vor sechs Jahren wurde damit begonnen, sämtliche Schutzhütten mit Strom- und Glasfaserleitungen zu erschließen und dazu noch Abwasserleitungen zu installieren. Jede Hütte hat nun ihre eigene Telefonleitung und das abgelegene Villnöss eine bessere Vernetzung als Bozen oder Brixen. Diese Errungenschaften haben außer der Tatsache, dass man nun auch auf 2000 Metern Höhe problemlos im Internet surfen kann, auch einige erfreuliche Nebenwirkungen. So sind zahlreiche Dieselaggregate für die Stromgewinnung auf den Almen überflüssig geworden, was auch ein Beitrag zum Umweltschutz ist.
Vielleicht ist diese Kombination aus ursprünglicher Berglandschaft und fortschrittlicher Energiewirtschaft der richtige Weg in eine glückliche alpine Zukunft. Ob sie allerdings auch mehr Gäste bringt, bleibt abzuwarten. Denn bislang fehlt es dem Tal vor allem im Winter an Attraktionen. Die Pläne, eine Liftverbindung nach Gröden zu schaffen, wurden vor Jahren verworfen. Rodelbahnen, ein winziges Skigebiet und ein Kinderpark sind natürlich keine Konkurrenz für die großen Skizentren der Dolomiten. Also hofft man auf den sanften Tourismus, der im Sommer ja immer besser funktioniert.
Wallfahrt der tausend Ladiner
Eine touristische Aufrüstung im großen Stil wäre für Walther Dorfmann ein Graus. Der ehemalige Biologielehrer und Buchautor ist auch mit Anfang siebzig noch ein passionierter Bergführer und begleitet Gäste regelmäßig bei Touren zu Füßen der Geislerspitzen und zu den Hütten, die heute so fortschrittlich vernetzt sind. „Villnöss ist auf dem richtigen Weg“, sagt er und verweist darauf, dass das Tal von der italienischen Umweltorganisation Legambiente die höchste Bewertung erhalten hat. Er kennt unterwegs jeden Grashalm, erzählt von Alpenrosen und Akelei, zeigt auf die hochgiftigen Blätter von Eisenhut und Weißem Germer, verniedlichend Nieswurz genannt, die direkt am Wanderweg wachsen. Und für jeden Wanderer kennt er die passende Tour. Der Adolf-Munkel-Weg zum Beispiel, der am Parkplatz Zanser Alm am Talschluss beginnt und hinauf Richtung Tschantschenon, dann entlang der Felswände der Geislerspitzen bis zur Gschnagenhardtalm und zur nahen Geislerhütte führt, ist als mittelschwere Halbtagswanderung der ideale Einstieg. Viele Gäste übernachten auch gerne im Hochgebirge, etwa in den Hütten der Geisleralm und auf der Gampenalm.
Von der Gampenalm ist es nicht mehr weit hinauf zur Schlüterhütte auf 2306 Meter Höhe und zum Übergang nach Alta Badia und in den ladinischen Teil der Dolomiten. Dort startet alle drei Jahre im Sommer eine Wallfahrt, bei der tausend Ladiner über Villnöss zum Kloster Säben oberhalb von Klausen im Eisacktal pilgern. Vielleicht werden sie eines Tages nicht nur nach Villnöss herüberkommen, um ihre Seele zu reinigen, sondern auch, um einen Blick in die touristische Zukunft der Alpen zu werfen.
"ß"
René Artois (Rene_Artois)
- 03.08.2012, 20:54 Uhr
Der Weitblick des Brillenschafs
Renate Manns (remaze)
- 03.08.2012, 14:23 Uhr
Gut recherchiert, aber ...
Hans-Helmut Sparrer (HHSparrer)
- 02.08.2012, 17:36 Uhr
Da werden Erinnerungen wach
Renate Simon (-simon-)
- 02.08.2012, 15:15 Uhr
Ein sehr schönes Tal
Johann Kaiser (J.Kaiser)
- 02.08.2012, 09:32 Uhr