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Eine ganz besondere Bar in Rom : Für ein paar Stunden auf rosa Wolken

  • -Aktualisiert am

Kaffee und gute Worte: Diego Galdino weiß, was seine Kunden wünschen. Bild: Veronika Eckl

Ein Barbesitzer in Rom schreibt einen Roman über sein Leben und landet damit einen Bestsellererfolg. Und was macht er? Er bleibt Barista, als sei nichts passiert.

          Der Barista in Italien ist eine Stütze der Gesellschaft. Er hilft dem Land, schon am frühen Morgen in die Gänge zu kommen, indem er den zischenden Kaffemaschinen den Treibstoff für den Tag entlockt. Später steht er bereit für den Pausencappuccino, den Espresso nach dem Mittagessen, den caffè ristretto am frühen Abend. Die Kaffeezubereitung ist ein ernsthaftes Geschäft, ja eine Kunst. Anders als anderswo ist der Barista deshalb nicht auch noch Student oder Künstler oder sonst irgendetwas. Es ist sein Beruf, guten Kaffee zu machen, das füllt ihn aus.

          Jetzt allerdings hat Italien einen Barista, der zugleich Bestsellerautor ist. Diego Galdino, dreiundvierzig Jahre alt, betreibt eine Bar in Rom und macht neuerdings nicht nur für Stammgäste Cappuccino, sondern auch für Fans seines Buches. „Il primo caffè del mattino“ heißt der Roman - in der deutschen Übersetzung: „Der erste Kaffee am Morgen“. Die Story, die durchaus vorhersehbar ist, kreist um den jungen Barista Massimo, der nach dem Tod des Vaters die elterliche Bar in Trastevere fortführt. Dort rackert er sich ab für seine Stammgäste: für Antonio, den Klempner, Pino, den Friseur, Alfredo, den Bäcker, Gino, den Metzger, und Rita, die Blumenfrau. Für sich hat er keine Zeit, geschweige denn für die Liebe. Bis eines Tages eine schöne, geheimnisvolle Französin die Bar betritt, die nach Tee verlangt - von Massimo aber umgehend in die Kunst des Kaffeetrinkens eingewiesen wird und so weiter. Dass das Geschichtchen so viele Leser betört, liegt nicht zuletzt am Ambiente: Es geht um Italien, wie es sich alle vorstellen, um eine Bar an der Piazza von Trastevere, dem alten Handwerkerviertel mit seinen Gässchen, durch die Touristen mit sehnsüchtigen Blicken schlendern - der Autor beschwört eine heile Welt herauf, die bevölkert ist von Bäckern und Blumenfrauen, die in den alten Palazzi wohnen, als ob es dort nicht horrende Mieten gäbe.

          Das wahre Leben findet in der Bar statt

          Die tatsächliche Bar von Diego Galdone dagegen liegt im Viertel Aurelio, einige Kilometer hinter dem Vatikan, dort, wo die Metro-Linie A schon fast an ihr Ende gelangt ist. Hier zeigt sich Rom von seiner typischen Vorstadtseite: Zwischen den Wohnblöcken stehen einzelne Pinien, im indischen Laden kaufen die italienischen Hausfrauen Süßkartoffeln, bei Benetton ist Sommerschlussverkauf, und ein neues Geschäft bietet glutenfreie Nudeln und Kekse an. Mittendrin liegt die Bar Lino. „Der Verlag wollte unbedingt, dass der Roman in einem Viertel Roms spielt, das auch im Ausland alle kennen. Deshalb habe ich die Bar nach Trastevere verlegt, weg von hier“, sagt Diego Galdino mit einem breiten Lachen, der mit freundlichem Gesicht an seiner Kaffemaschine steht. Hinter dem Tresen: Seine Bücher und ein paar Verlagsplakate. Ansonsten sieht es in der Bar Lino aus wie in einer Bar auf dem Land: zwei Tischchen, angestaubte Spielautomaten, eine Eistruhe, Fotos von den Spielern des SS Lazio, ansonsten das übliche Angebot an frischen Hörnchen, Süßigkeiten und Kartoffelchips. Daneben Milch, Joghurt, Saft und Eier; ein Service aus der Zeit, als gleich hinter der Bar die grüne Wiese begann und es im Viertel noch keine Supermärkte gab.

          Leicht kann man in Rom elegantere Bars finden, in denen gut gekleidete Menschen ihren Cappuccino mit laktosefreier Milch bestellen. „Aber das Herz der Stadt schlägt nicht mehr im Zentrum. Das wahre Rom ist jetzt in der Peripherie“, sagt Galdino. Die wenigsten Römer können es sich noch leisten, in der Nähe des Colosseums oder des Trevi-Brunnens zu wohnen. Und Handwerker, gesteht der Autor, leben in Trastevere auch nicht mehr viele. Dafür aber hier, in den Straßen um seine Bar Lino: „Die Stammgäste aus dem Buch sind in Wirklichkeit meine Stammgäste; ich habe nicht einmal ihre Namen geändert.“ Auch sonst hat der Roman viel Autobiographisches: Wie sein Held musste Galdone das Gymnasium kurz vor dem Abitur verlassen, weil er in der Bar seines Vaters gebraucht wurde. Wie sein Held liebt er die Bücher von Nicholas Sparks und Rosamunde Pilcher. „So wie die beiden wollte auch ich schreiben. Über mein Rom. Über den Mikrokosmos Bar.“

          Schriftsteller und Sorgenonkel

          Galdino steht jeden Morgen um vier auf und schreibt bis halb sechs. Sein zweiter Roman ist in Italien jetzt erschienen. Dann jedoch sperrt er wie eh und je die Bar auf: „Ein Barista“, sagt er, „ist ein bisschen wie ein Priester, der muss für die Leute da sein. Sich ihre Sorgen anhören, mit ihnen plaudern.“ Und ein Schriftsteller? „Der ist auch für die Leute da. Ich schreibe Märchen für Erwachsene. Ich schenke den Menschen eine rosa Wolke, auf die sie sich für ein paar Stunden setzen können.“ Sein Ruhm habe in der Bar nicht viel verändert, sagt Galdino. Und nicht viele Leser finden den Weg zu ihm. „Es suchen mich ja alle in Trastevere.“

          Bar Lino, Via Cardinale Oreglia 34, Rom. Metro A, Haltestelle Cornelia.

          Quelle: F.A.Z.

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