Warum nur? Warum diese Quälerei? Ein langsames, rhythmisches Keuchen schneidet die Mittagsstille, die sich über die Landschaft gelegt hat. Der schwere Atem geht im Takt der Pedale. Meter für Meter arbeitet sich das Rad am Steilhang empor, im Lauf gehalten durch nichts als Willenskraft und Muskelspannung. Unter den schmalen Reifen knirscht der Schotter der Strada biancha, einer der weit gerühmten weißen, zypressengesäumten Straßen der Toskana. Doch solche Anmut erreicht das Auge kaum noch. Alles ist konzentriert und reduziert auf den mörderischen Anstieg. Das Herz klopft am Hals. Man glaubt, jeden Stein einzeln zu hören, wie er vom Profil zermahlen wird. Nein, man wünscht es sich, als könnte dadurch diese körperzehrende Anstrengung irgendwie belohnt werden. Jetzt nur keinen Aussetzer, kein Verschalten, keinen plötzlichen Sprung der Kette ins nächste Ritzel. Dann müsste man aus dem Sattel, einem brettharten Ledersitz, der nur erträglich wird durch das Hosenpolster und der dennoch jedem aufgenötigten Halt vorgezogen wird. Also weiter, noch eine Kehre und noch eine. Es will nicht aufhören. Da fährt es unwillkürlich aus einem heraus, laut und vernehmlich für alle, die schon oben sind: „Was kommt denn jetzt noch?“
„Am Ende kommt immer der Himmel.“ So schallt es zurück vom Kamm, heiter, erleichtert, durchmischt von der Schadenfreude dessen, der selbst gelitten hat. Wir haben es ja so geplant, wir, die „Frecce di Francoforte“, die „Pfeile“ aus der Großstadt, die sich sonst zur gepflegten Sonntagsausfahrt treffen mit ihren schmucken Rennrädern. Das alles gilt hier nicht. Statt pfeilschnell zu sein, erzwingen die Hügel des Chianti das Tempo einer ausgemusterten Dampfmaschine. Statt auf technisch hochgerüsteten Velos sitzen wir nun auf Zweirädern, die nicht jünger sein dürfen als ein Vierteljahrhundert, Retro-Bikes noch mit Körbchen für die Rennschuhe und einer Schaltung am Rahmen. So fordern es die Regeln der Eroica, des Rennens, für das wir gemeldet sind. Mein Fahrrad ist so alt wie ich, ein Mittfünfziger. Atala, der Hersteller, ist auch der Name des Teams, das den ersten Giro d’Italia gewonnen hatte, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich hatte es als ein gutes Vorzeichen genommen.
Am Anfang war die Rotweinlaune
An jedem ersten Oktoberwochenende verwandelt sich das beschauliche Dorf Gaiole in Chianti in einen wuseligen, bunten Markt für Oldtimer-Räder, für Zubehör, Ersatzteile und edles Traditionsdesign. Mehrere Tausend Radsportler aus allen Weltteilen treffen sich hier im milden toskanischen Frühherbst und besetzen den kleinen Ort, tauschen sich aus über die besten Flaschenhalter, das schönste Felgenmaterial, natürlich aus feingemasertem Holz, das arrogante Rahmendesign. Sie streifen an Ständen vorbei mit verrosteten, uralten Drahteseln, die irgendwo aus einem Fluss gefischt wurden, und nun, kaum zurechtgemacht, als dekoratives Objekt herhalten müssen, um den Verkauf von Klassiker-Schaltungen anzukurbeln. Der Mann auf dem nachgebauten Hochrad, der die Piazza mit unsicherem Tritt auf und ab fährt, wird da kaum registriert, und wenn wahrgenommen, dann als unfreiwillig komische Verneigung vor der Tradition. Die nämlich gibt es noch gar nicht so lang.
Zum sechzehnten Mal erst wird das Rennen gestartet. Was als kleine Protestaktion begann, in einer Rotweinlaune ausgedacht - es sollte der Unmut kundgetan werden über mächtige Baubürokraten, die mit europäischen Geldern immer mehr der überkommenen weißen Schotterwege im Chianti asphaltieren ließen -, was also mit einer diskreten politischen Geste anhob, so erzählt es der Mythos der Eroica, hat sich binnen kurzem zu einem Großereignis entwickelt, das ein Dorf wie Gaiole fast schon überfordert. Knapp fünfeinhalbtausend Teilnehmer sind in diesem Jahr registriert, aus Japan und Australien, den Vereinigten Staaten sowieso und aus ganz Europa: eine französische Gruppe, nicht zu verkennen an den blauweiß quergestreiften Trikots und der Schiebermütze, Schweizer Bergbauern, die selbstverständlich im wärmenden Wollshirt unterwegs sind, trotz schweißtreibender Anstiege, oder das belgische Pärchen, das auf das Querrohr seines Tandems eine Rotweinflasche geschnallt hat. Ob sie alle die lange Strecke bewältigen werden?
Eine Höllenroute für Fahrradmasochisten
Alles wartet auf das Rennen, das am Sonntag in aller Herrgottsfrühe gestartet wird. Wir haben uns für die Hundertfünfunddreißig-Kilometer-Distanz entschieden, 2800 Höhenmeter. Die meisten fahren die kleineren Runden über 38 oder 75 Kilometer. Nicht zu unterschlagen, dass es allerdings auch eine Höllenroute über 205 Kilometer gibt, die bis nach Montalcino führt und auf der die Austrainierten unterwegs sind und solche, die sich vor der Tortur noch dafür gehalten haben.
Doch Vorsicht, Spott ist hier fehl am Platz, bei aller südländischen Allegria. Die Sache hat es in sich, so oder so. Seit drei Tagen touren wir schon durchs Chianti, im Übungsmodus, Fahrten nach Florenz über San Donato oder nach Panzano zum vieldekorierten Dario Cecchini, dem Metzger, der in seiner Antica Macelleria die beste Bistecca fiorentina der Welt grillt und der für uns zwölf einen langen Tisch reserviert hat, an dem er das Loch im Bauch zu füllen gedenkt, das wir uns bei dem schier endlosen Anstieg aus dem Arno-Tal gefahren haben. Es ist ihm auf beglückende Weise gelungen.
Traumbilder von geplatzten Reifen
Sonntagmorgens um sechs geht es also endlich los. Die Nacht war kurz, der Magen voll mit Pasta, der Schlaf nervös. Flüchtige Traumbilder von geplatzten Reifen, feixenden Mitstreitern, endlosen Steigungen störten die Entspannung. Ich bin zum ersten Mal dabei. So manch anderer der Gruppe hat hingegen schon Eroica-Erfahrung. Nicht immer tragen seine Geschichten bei zur Gelassenheit: Pass auf den weichen Kies auf, da rutscht das Rad leicht weg! Nach der zweiten Rast beginnt das härteste Stück. Da verbrauchst du alle Reserven. Aber denk dran, dass das erst gut die Hälfte der Strecke ist! Fahr die Abfahrten vorsichtig! Ich habe alles dankbar gespeichert. Und beruhigend, dass sich der gute Geist von San Giovanni, Denio, der Fahrradmechaniker, noch einmal liebevoll und fachkundig um all die Wehwehchen gekümmert hat, mit denen wir zu ihm kamen. Für alle hatte er Zeit, und allen gab er das Gefühl, dass nach seiner Handauflegung an Rahmen und Nabe, Schaltung oder Kette nichts mehr passieren kann.
Doch am Ende ist Rennradfahren eine einsame Sache. Auch wenn es im Pulk, im Team, mit Gefährten und Freunden betrieben wird oder nur zum Spaß. Windschatten für den Hintermann, Attacken einer Mannschaft, Abschotten des Erstplatzierten, spätestens kurz vor dem Ziel löst sich die Disziplin der vielen auf in den Test auf die Willensstärke, den Energierest, die Schmerzbereitschaft des Einzelnen. So halten es die Profis, und nicht anders geht es zu bei jedermann.
Ein bisschen Leiden ist schön
Der Start ist fließend. Seit einer Stunde schon bewegen sich die Räder durch die trübgelbe Straßenbeleuchtung der Piazza hinaus ins Dunkel. Alle Aufregung ist vergessen in dem Moment, da es losgeht und der nachtkühle Fahrtwind die Ärmlinge fein durchzieht. Erst einmal in den Rhythmus kommen, habe ich mir vorgenommen. Im kleinen Gang rollen, auch wenn das Gelände eine großzügigere Übersetzung zuließe. Links und rechts ziehen italienische Waden locker an mir vorbei, so dass die rot blinkenden Rücklichter rasch kleiner und kleiner werden. Überhaupt die Italiener. So mancher ist schon in hastigem Tritt zwanzig Kilometer geradelt, allein um zum Start der Langstrecke zu kommen. Aufs heftigste parlierend, bewältigen sie den ersten Anstieg zum Castello di Brolio, die Hände gestikulierend vom Lenker genommen. Mir hingegen fehlte jetzt schon fast die Luft, so mild sie die Lungen füllt, um auch nur eine vernünftige Satzfolge herauszubringen, ohne zu stocken. So geht es zehn Kilometer ins Morgengrauen. Doch welch eine Belohnung. Oben angekommen, öffnen sich Landschaft und Himmel, und man schaut in eine endlose Folge aus Weinbergen, Feldern, Pinienhainen und Zypressenreihen über vereinzelt verstreute Güter und Häuser hinweg bis zum lichten Horizont, hinter dem sich der Sonnenaufgang ankündigt. Der Tritt wird leicht. Das schnöde Ziel, irgendwie anzukommen, ist plötzlich vergessen. So zu fahren ist reiner Genuss, nichts als Lebensfreude. Was heißt, die Sache würdig zu Ende bringen. Sie soll nicht aufhören. In diesem Moment spüre ich, dass ich es schaffe, gleich was noch kommen wird.
Und was da noch kommt! Vielleicht jeden Kilometer, besonders entlang der Abfahrten, steht eine Gruppe am Wegrand und flickt Reifen, die vom spitzen Schotter aufgeschlitzt sind. Auf der Strecke liegen ungezählte weggeworfene Schläuche oder abgerissene Nummernschilder. In allen Sprachen höre ich einsame Flüche, hineingemurmelt in die eigene Atemnot. Nie habe ich diesen Hunger gespürt, nie schmeckte ein Brot, das mit Olivenöl beträufelt war, so gut. An den Rastplätzen in Radi oder Asciano überbieten sich die Einheimischen in Gastfreundschaft. Blech für Blech legen sie nach, sobald die Scheiben mit Finocchiona oder Prosciutto dolce und die Crostate di Marmellata abgeräumt sind von Tausenden grabschenden Händen, die nicht flink genug gierige Mäuler stopfen können. Die nächsten zehn Minuten spürt man die kleine Last im Magen, doch länger hält das Völlegefühl nicht an. „Und? Wie geht’s dir?“, heißt es kurz bei der Rast abermals. Die Frage wird zum Ritual, sobald man die Freunde auf der Strecke trifft. Sie haben gewartet, ungeduldig, manchmal besorgt und treiben zur Eile, sobald der Letzte das Zwischenziel erreicht hat. „Auch ein bisschen Leiden ist schön“, ermuntert der Kleinste in der Gruppe den Premierenradler und tritt in die Pedale.
Ein Engel auf zwei Rädern
Als sich die Routen teilen, die 135 Kilometer nach links gehen, die noch einmal wesentlich längere Strecke in die andere Richtung, bin ich für einen Augenblick übermütig. Ob ich die anderen aus der Gruppe überrasche mit einer bescheidenen Extratour? Ich verwerfe den Gedanken, bevor ich ihn richtig gefasst habe. Der Weg, den ich vor mir sehe, wird schwer genug. Nun kommen die anspruchsvollen Abschnitte, die keinen Blick für die Landschafts- und Kulturschönheiten erlauben, ja den kleinen Ausflug ins Grüne auf einfachste Fragen reduzieren: Packe ich die nächsten Meter oder nicht?
Ich schaffe sie nicht. Zumindest nicht auf dem Rad. Es ist zu steil, der Hinterreifen bekommt keine Haftung trotz Profils und dreht durch. Auch die meisten anderen schieben keuchend und unter Verwünschungen ihr Gerät nach oben. An mir zieht mit dem anmutigsten Lächeln der Toskana ein Wesen mit zwei blonden Zöpfen vorbei, dem man am liebsten sofort folgen würde, wenn man es könnte. Das Lächeln ist keine Einladung, sondern entstammt dem Wissen, dass es nicht geht. Und dieses überlegene Wissen lässt es bittersüß erscheinen. „Ich habe die Frau getroffen, die mich vor zwei Jahren überholt hat“, sagt der Freund schwärmend, nachdem er wieder fürs Sprechen Luft hat. Er irrt sich. Er hat sie nicht getroffen; er hätte nicht einmal nach ihr greifen können, so schnell schwebte sie den Hügel hinauf, ein Engel auf zwei Rädern.
Der Rausch der letzten Meter
Ich bin ins Ziel gekommen. Sicher nicht so schnell wie mancher italienische Leichtfuß. Oder ebendiese zarte Gestalt. Aber ich habe mir bei jeder Rast den Stempel geholt, auf dem letzten steht „Arrivo“, Ankunft, damit ich mich erinnere, wenn ich es später nicht mehr glauben sollte. Die letzte Strecke ging noch einmal über das Castello di Brolio hinab ins Tal und dann hinauf nach Gaiole. Schon bei der Abfahrt habe ich mich gefragt, wie ich den Berg auf dem Hinweg im Dunkeln gemeistert haben soll. Vielleicht lag es ja daran, dass ich vor zehn Stunden nicht sehen konnte, wie steil sich der Weg nach oben schlängelt. Ein leiser Stolz steigt in mir hoch. In diesem Gefühl ergreife ich den Lenker, beuge mich, so tief es geht, damit nur ja kein unnötiger Luftwiderstand mich bremst, und rase ein letztes Mal hinab. Jetzt sind es nur noch sechs Kilometer bis zur Piazza und noch ein paar Minuten mehr bis zum Valle dell’Inferno, dem Höllental, in dem Luciano uns alle himmlisch verköstigen wird.
Trainingsziel für 2013
Nikolaus Neininger (astroklaus)
- 19.10.2012, 17:40 Uhr