Würfel klacken, Gekicher dringt nach oben. Unten sitzen vier um einen Tisch hinter ihren Mauern aus Spielsteinen und vertreiben sich die Zeit mit Mah-jongg. Daneben sind welche im Schachspiel versunken, spielen Karten oder Domino. Hundert Meter weiter fliegen Pingpong-Bälle über das Netz. Und kurz darauf schmettert eine junge Frau mit glockenheller Stimme ein Liedchen ins Mikrofon. Das Publikum klatscht begeistert. Chinesen lieben Karaoke. Man kommt sich vor wie ein Voyeur. Jedes Mal, wenn man absteigt und sich zwischen den Zinnen über die Stadtmauer beugt, gibt es etwas zu gucken. Das Freizeitverhalten der Bewohner von Xi’an aus der Vogelperspektive zu beobachten - allein dafür lohnt es sich, die knapp vierzehn Kilometer lange Stadtmauer mit dem Fahrrad zu umrunden.
Mit den veranschlagten hundert Minuten ist es nicht getan. Da wird man bei der Fahrradrückgabe wohl noch ein paar Yuan drauflegen müssen. Die Zeit vergeht im Flug, wenn man unentwegt das Rad abstellt und hinunter auf den Grüngürtel schaut. Der Streifen zwischen Stadtgraben und Stadtmauer mag ein Ersatz für die Gasse sein, in der man die Nachbarn traf, um zu schwatzen. Früher brauchten sie nur vor die Tür zu treten und waren mitten im Geschehen. Heute leben die meisten Bewohner in Hochhäusern. Chinesen sind nicht gern allein. Daher treffen sich die Leute aus den umliegenden Wohntürmen in der Grünanlage. Die ersten begegnen sich schon im Morgengrauen zum Tai-chi.
Die quadratische Welt der alten Kaiser
Xi’an bedeutet „Westlicher Frieden“. Die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Shaanxi wird auf einer China-Reise nur selten ausgelassen, kann sie doch mit einer der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten aufwarten. An die größte erhaltene Stadtmauer im Reich der Mitte denkt man dabei eher nicht. Die Acht-Millionen-Einwohner-Stadt wäre heute noch nahezu unbekannt, wenn nicht 1974 die Terrakotta-Armee, die achttausend Mann starke Leibgarde des ersten Kaisers von China, Qin Shihuangdi, entdeckt worden wäre. Die Fotos der tönernen Soldaten gingen um die Welt. In mühevoller Kleinarbeit mussten die Scherben der Figuren zusammengepuzzelt werden, denn nach dem Fall der Dynastie hatten Bauern die Grabkammern des ungeliebten Herrschers niedergebrannt und verwüstet. Erst zweitausend Soldaten wurden ans Tageslicht geholt. Mit der Zeit sind die ursprünglich bunt bemalten Krieger grau geworden. Die anderen werden daher so lange im Erdreich bleiben, bis die Technik zur Konservierung der Farben ausgereift ist.
Die alte Kaiserstadt Xi’an diente zwölf Dynastien im Verlauf von 1120 Jahren als Hauptstadt. So ließ die Tang-Dynastie im achten Jahrhundert die Stadt gemäß ihrer Vorstellung einer quadratischen Welt in Schachbrettform anlegen. Zu der Zeit hieß die Stadt noch Chang’an - „Immerwährender Frieden“ - und zählte mit einer Million Einwohnern zu den größten Metropolen der Welt. Die Hälfte davon lebte innerhalb der Mauer. Im Vierzehnten Jahrhundert, in der Ming-Dynastie, platzte die Stadt aus allen Nähten. Die Stadtmauer wurde erweitert und umfasst seitdem eine Fläche von 11,5 Quadratkilometern.
Meditative Musik auf dem Mauerweg
Es grenzt an ein Wunder, dass der Festungsbau die Zeitläufte überstanden hat und dabei so gut in Schuss ist. 1983 wurde die Stadtmauer ein drittes Mal restauriert, Tor- und Wachtürme instand gesetzt und Kriegsschäden beseitigt. Die Luftschutzbunker, die während der Bombenangriffe der japanischen Luftwaffe in das Mauerwerk getrieben und danach als Kornspeicher genutzt wurden, hat man verfüllt. Den letzten Schliff erhielt die Stadtmauer, als ihr ein Grüngürtel angelegt wurde.
Am Südtor leihen wir uns die Räder, drehen ein paar Proberunden und dann geht’s los. Rote Wimpel und Lampions begleiten den Mauerweg in zwölf Meter Höhe. Die meditative chinesische Musik beschallt zum Glück nur den Raum um die Torhäuser herum. Dort geht es recht betriebsam zu. Doch je weiter wir uns von den Aufgängen entfernen, desto ruhiger und leerer wird es. Unten braust der Verkehr über die Ringstraße, aber das Hupen der Busse und das Knattern der Zweitakter dringt nur gedämpft nach oben.
Herr Feng resigniert
Nach einer Weile lugen wir wieder über die Mauer. Jetzt hocken dort unten einige Leute um einen gedeckten Tisch und greifen mit Essstäbchen in die Schälchen. Ein paar hundert Meter weiter turnen ältere Menschen an Geräten, da werden Gewichte gestemmt, Arme gereckt, Beine gestreckt, kreisen Hüften. Das von der Stadt installierte Sport- und Freizeitmobiliar wird gut genutzt.
Doch einmal selbst auf der Stadtmauer zu radeln, sich nur zum Vergnügen vorwärtszubewegen, das käme für Chinesen kaum in Betracht, hatte Herr Feng erzählt, unser Stadtführer in Xi’an. Er hatte wenig Verständnis für unser Ansinnen und versuchte uns von der Radtour abzubringen. Das Pflaster sei uneben und die Gefahr eines Sturzes groß. Außerdem könnten wir uns nicht verständlich machen, falls etwas passieren sollte. Es nützte alles nichts. Resigniert setzte er uns nach dem Besuch der Terrakotta-Armee ab.
„Ni hao“ grüßen die Koreaner
An der Pflasterung war überhaupt nichts auszusetzen. Der Weg ist komfortable zwölf bis vierzehn Meter breit. Genug Platz für den Internationalen Marathon, der dort seit 1993 jedes Jahr veranstaltet wird. Erstaunlicherweise ist die Anzahl der Rad- und Tandemfahrer auf der Stadtmauer überschaubar. Nur wenige Europäer nutzen die Gelegenheit, eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Koreaner hingegen haben sichtlich Spaß am Radeln und begrüßen Entgegenkommende mit einem fröhlichen „Ni hao“.
Die Stadtmauer war ein Bollwerk der Verteidigung. Auf den etwa vier mal drei Kilometer langen Achsen patrouillierten einst Reitersoldaten. Von den prächtigen Torbastionen und Ecktürmen aus konnte das Treiben außerhalb der Stadt überwacht werden. Alle hundertzwanzig Meter - die Distanz eines Pfeilschusses - springt die Mauer vor mit einer Schildwache, die von Posten rund um die Uhr besetzt war. Feinde wurden schnell erspäht und effektiv daran gehindert, die Mauer zu stürmen. Davon zeugen 5894 Schießscharten entlang des äußeren Rings.
Die Toleranz der Tang-Dynastie
Das südliche Haupttor ist dem Glockenturm innerhalb der Stadtmauer am nächsten. Das morgendliche Schlagen der Turmglocke galt als Signal, die Stadttore zu öffnen und die Zugbrücken herunterzulassen. Die einzige Zugbrücke am Südtor ist eine Rekonstruktion. Der Trommelturm in der Nähe des Glockenturms zeigte nach Einbruch der Dunkelheit mit dumpfen Schlägen die Uhrzeit an.
Gleich dahinter öffnet sich das muslimische Viertel mit den niedrigen Lehmsteinhäusern in engen Gassen, den Garküchen, Gewürzständen, bunten Läden, fliegenden Händlern und Rikschafahrern. Durch den gedeckten Basar gelangt man zur Großen Moschee. Erstmals wurde sie im Jahr 742 während der Tang-Dynastie errichtet, die tolerant war gegenüber Fremden und den Handel förderte. Der jetzige Bau mit fünf Innenhöfen und Platz für tausend Gläubigen stammt aus dem vierzehnten Jahrhundert und gleicht eher einem chinesischen Tempel als einer Moschee.
Der Hahn kräht, der Käfigvogel zwitschert
Die etwa siebzigtausend Muslime in Xi’an gehören der Minderheit der Hui an. Ihre Ahnen waren arabische und persische Kaufleute, die im siebten Jahrhundert auf Karawanenwegen nach China kamen, um dort ihre Geschäfte zu machen. Viele von ihnen blieben und heirateten in ortsansässige Familien ein. Xi’an, etwa siebentausend Kilometer von der östlichen Mittelmeerküste entfernt, markiert das Ende der Seidenstraße. Auf ihr kamen Glas- und Edelmetalle nach China. Umgekehrt gelangten Seide, Porzellan und Gewürze in die Alte Welt.
Innerhalb der Stadtmauer kräht jetzt ein Hahn. Jemand gießt Pflanzen auf seinem Dachgarten. Über das Gelände des Lama-Klosters hastet ein Mönch. Die Mauer zur Innenseite ist niedrig. Absteigen muss man nur, wenn man nach außen schauen will. Ein letztes Mal, bevor die Runde gemacht ist und es zurück in den keuchenden Verkehr geht, blicken wir über die Mauer. Dort unten versammeln sich gerade Vogelhalter. Sie stellen die Käfige zusammen und schlagen die Deckchen zur Seite, damit sich die Piepmätze gegenseitig etwas vorzwitschern können. Nicht nur Menschen, auch Vögel müssen mal unter Artgenossen und an die frische Luft.
Die Fahrradmiete kostet 20 Yuan (etwa 2,45 Euro) für 100 Minuten, das Tandem kostet 40 Yuan. - Pauschalangebote: Marco Polo (www.marco-polo-reisen.com) hat individuelle Reisen im Programm, die auch nach Xi’an führen und Zeit lassen für eigene Unternehmungen. Pro Person im Doppelzimmer ab 1549 Euro für zwölf Tage samt Inlandsflügen, Ausflügen und Reiseführer. - Weitere Auskünfte im Internet unter www.china-tourism.de. - Diese Reise wurde von Marco Polo Reisen unterstützt.
Ein sehr schöner Artikel, allerdings mit einem Fehler
Peter Schmitt (PeterSchmitt)
- 19.01.2013, 21:08 Uhr