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Radeln in China Rund um den Westlichen Frieden

Eine Radtour auf der Stadtmauer von Xi’an gewährt nicht nur Einblicke in die alte Kaiserstadt, sondern auch in das Freizeitverhalten der Chinesen.

© Elke Sturmhoebel Fast allein auf der Mauer: Chinesen radeln nicht zum Vergnügen.

Würfel klacken, Gekicher dringt nach oben. Unten sitzen vier um einen Tisch hinter ihren Mauern aus Spielsteinen und vertreiben sich die Zeit mit Mah-jongg. Daneben sind welche im Schachspiel versunken, spielen Karten oder Domino. Hundert Meter weiter fliegen Pingpong-Bälle über das Netz. Und kurz darauf schmettert eine junge Frau mit glockenheller Stimme ein Liedchen ins Mikrofon. Das Publikum klatscht begeistert. Chinesen lieben Karaoke. Man kommt sich vor wie ein Voyeur. Jedes Mal, wenn man absteigt und sich zwischen den Zinnen über die Stadtmauer beugt, gibt es etwas zu gucken. Das Freizeitverhalten der Bewohner von Xi’an aus der Vogelperspektive zu beobachten - allein dafür lohnt es sich, die knapp vierzehn Kilometer lange Stadtmauer mit dem Fahrrad zu umrunden.

Mit den veranschlagten hundert Minuten ist es nicht getan. Da wird man bei der Fahrradrückgabe wohl noch ein paar Yuan drauflegen müssen. Die Zeit vergeht im Flug, wenn man unentwegt das Rad abstellt und hinunter auf den Grüngürtel schaut. Der Streifen zwischen Stadtgraben und Stadtmauer mag ein Ersatz für die Gasse sein, in der man die Nachbarn traf, um zu schwatzen. Früher brauchten sie nur vor die Tür zu treten und waren mitten im Geschehen. Heute leben die meisten Bewohner in Hochhäusern. Chinesen sind nicht gern allein. Daher treffen sich die Leute aus den umliegenden Wohntürmen in der Grünanlage. Die ersten begegnen sich schon im Morgengrauen zum Tai-chi.

Die quadratische Welt der alten Kaiser

Xi’an bedeutet „Westlicher Frieden“. Die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Shaanxi wird auf einer China-Reise nur selten ausgelassen, kann sie doch mit einer der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten aufwarten. An die größte erhaltene Stadtmauer im Reich der Mitte denkt man dabei eher nicht. Die Acht-Millionen-Einwohner-Stadt wäre heute noch nahezu unbekannt, wenn nicht 1974 die Terrakotta-Armee, die achttausend Mann starke Leibgarde des ersten Kaisers von China, Qin Shihuangdi, entdeckt worden wäre. Die Fotos der tönernen Soldaten gingen um die Welt. In mühevoller Kleinarbeit mussten die Scherben der Figuren zusammengepuzzelt werden, denn nach dem Fall der Dynastie hatten Bauern die Grabkammern des ungeliebten Herrschers niedergebrannt und verwüstet. Erst zweitausend Soldaten wurden ans Tageslicht geholt. Mit der Zeit sind die ursprünglich bunt bemalten Krieger grau geworden. Die anderen werden daher so lange im Erdreich bleiben, bis die Technik zur Konservierung der Farben ausgereift ist.

Die alte Kaiserstadt Xi’an diente zwölf Dynastien im Verlauf von 1120 Jahren als Hauptstadt. So ließ die Tang-Dynastie im achten Jahrhundert die Stadt gemäß ihrer Vorstellung einer quadratischen Welt in Schachbrettform anlegen. Zu der Zeit hieß die Stadt noch Chang’an - „Immerwährender Frieden“ - und zählte mit einer Million Einwohnern zu den größten Metropolen der Welt. Die Hälfte davon lebte innerhalb der Mauer. Im Vierzehnten Jahrhundert, in der Ming-Dynastie, platzte die Stadt aus allen Nähten. Die Stadtmauer wurde erweitert und umfasst seitdem eine Fläche von 11,5 Quadratkilometern.

22806106 © Elke Sturmhoebel Vergrößern Das Dröhnen und Knattern des Verkehrs ist sehr weit weg, um die Mauer herum führt ein Grüngürtel.

Meditative Musik auf dem Mauerweg

Es grenzt an ein Wunder, dass der Festungsbau die Zeitläufte überstanden hat und dabei so gut in Schuss ist. 1983 wurde die Stadtmauer ein drittes Mal restauriert, Tor- und Wachtürme instand gesetzt und Kriegsschäden beseitigt. Die Luftschutzbunker, die während der Bombenangriffe der japanischen Luftwaffe in das Mauerwerk getrieben und danach als Kornspeicher genutzt wurden, hat man verfüllt. Den letzten Schliff erhielt die Stadtmauer, als ihr ein Grüngürtel angelegt wurde.

Am Südtor leihen wir uns die Räder, drehen ein paar Proberunden und dann geht’s los. Rote Wimpel und Lampions begleiten den Mauerweg in zwölf Meter Höhe. Die meditative chinesische Musik beschallt zum Glück nur den Raum um die Torhäuser herum. Dort geht es recht betriebsam zu. Doch je weiter wir uns von den Aufgängen entfernen, desto ruhiger und leerer wird es. Unten braust der Verkehr über die Ringstraße, aber das Hupen der Busse und das Knattern der Zweitakter dringt nur gedämpft nach oben.

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